Von Kutaissi bis Sadakhlo an der Grenze zu Armenien
Georgien
Georgien in sechs Akten
Vom elastischen Reisen, kaukasischer Wetter-Anarchie und der Kunst, das Fahrtenbuch zu verbrennen
Ich mache es jetzt mal kompliziert.
Gibt man einer Webseite den ambitionierten Namen „Georgien“, dann darf der geneigte Leser daheim ja wohl eines völlig zu Recht erwarten: Eine lückenlose, chronologisch einwandfreie Dokumentation der Reise von A bis Z. Und nicht einen Bericht, der völlig ungeniert einfach mal mitten im Landesinneren – genauer gesagt in Kutaissi – einsteigt.
Wer aber meine vorangegangenen Berichte vom Schwarzen Meer aufmerksam gelesen hat, wird scharfsinnig kombinieren, warum das so ist. Wer nicht, dem sei eine nachträgliche Lese-Session ans Herz gelegt – die Argonauten werden es ihm danken.
Ich beginne meine Erkundungen auf georgischem Asphalt also maximal elastisch und volatil. Anders ausgedrückt: Ich bin die Sache mit einer gehörigen Portion Unbedarftheit angegangen. Das unberechenbare Wetter im Hochgebirge hat meine an sich so herrlich einfache, am Küchentisch entworfene Rundreise nämlich schon an der Grenze in Schutt und Asche gelegt. Die Konsequenz? Ein wochenlanges, fröhliches Hin- und Hergefahre quer durch die Geografie, nur um dann doch noch all die Ziele, die ich mir zu Hause so naiv ausgesucht hatte, irgendwie vor die Linse zu bekommen.
Die zentrale Autobahn zwischen Kutaissi und Tiflis bin ich auf diese Art und Weise gleich dreimal abgefahren. Der hiesige Asphalt ist mir inzwischen fast so vertraut wie die A4 zwischen Aachen und Köln. Aber wer kennt ihn nicht, diesen einen verhängnisvollen Satz, der jeden autarken Reisenden unweigerlich reitet: „Wenn ich jetzt schon mal hier bin, dann…“ Ja, und genau dieses „Dann“ führt am Ende dazu, dass ich diese digitale Aufarbeitung meiner Reise auch direkt unter den Titel hätte stellen können: Wie man sich in Georgien innerhalb kürzester Zeit absolut professionell verzettelt.
Nun ist Georgien – Gott sei Dank – flächenmäßig kaum größer als Bayern. Es wäre aber ein fataler Fehler zu glauben, man könne das Land deshalb mal eben im Vorbeigehen abfrühstücken. Was sich hier auf engstem Raum an landschaftlicher Vielfalt und kulturellen Kontrasten versammelt, verlangt dem Reisenden einiges ab. Da wird die vermeintlich entspannte Landpartie ganz schnell mal zur handfesten fahrerischen und organisatorischen Herausforderung.
Um jetzt auf den kommenden Seiten bei meiner Reise von Ort zu Ort nicht im chronologischen Pflichtbewusstsein eines humorbefreiten deutschen Fahrtenbuchs zu versinken, habe ich versucht, diese Vielfalt erzählerisch etwas zu bändigen. Ich habe meine Tour im Cockpit von »Mr.Nero« kurzerhand in sechs regional unterschiedliche Etappen zusammengefasst. Das ist vielleicht nicht zu hundert Prozent lupenrein chronologisch, dafür erscheint es mir aber deutlich unterhaltsamer.
Bevor ich euch jetzt allerdings mit dem kompletten Fahrplan der kommenden Wochen zusülze, fange ich einfach mal an:
Alte Chroniken, sakraler Überfluß, Denkmal-Gigantismus und einfach nur ein bisschen Geschichte
Von georgischen Verkehrsregeln, süßem Suchtstoff und asketischen Steinen
Los geht es in Kutaissi, die Nase stur nach Osten gerichtet. Bevor ich mich allerdings der Historie widme, muss ich noch mal kurz über den georgischen Asphalt und die Spezies sprechen, die ihn bevölkert. Mein allererster Eindruck vor Batumi war, gelinde gesagt, von tiefem Misstrauen geprägt. Inzwischen muss ich Abbitte leisten: So schlimm ist es gar nicht. Die Straßen sind in der Regel ganz gut, die Autobahnabschnitte sogar sehr gut. Es macht durchaus Spaß, »Mr.Nero« hier laufen zu lassen. Wenn da nicht diese omnipräsenten, brutalen Bodenschwellen wären, die den Vorwärtsdrang regelmäßig jäh einbremsen. Aber nun gut, vermutlich ist das die einzige Möglichkeit, die chronisch geschwindigkeitsverliebte Fahrweise der Georgier halbwegs im Zaun zu halten.
Und dann sind da natürlich noch die Kühe. Das liebe Vieh führt sich hier auf, als gehöre ihm der Asphalt persönlich.Sie grasen tiefenentspannt rechts und links der Fahrbahnbegrenzung und flanieren wie selbstverständlich auch über Landstraßen und Autobahnen. Wer nun aber vermutet, Georgiens Metzger hätten wegen der permanenten tierischen Hindernisse ein chronisches Überangebot an Hackfleisch im Sortiment, sieht sich getäuscht. Die georgischen Autofahrer praktizieren hier eine so nachhaltige, fast schon indische Toleranz, dass man meint, die Kuh sei hier heilig. Es wird gebremst, ausgewichen und gewartet. Ein herrlich entschleunigendes Schauspiel.
Überhaupt, das Fahrverhalten: Wie so oft im Leben ist Anpassung die beste Überlebensstrategie. Wer hier versucht, stur nach der deutschen Straßenverkehrsordnung zu agieren, handelt nicht nur kontraproduktiv, sondern schlichtweg gefährlich. Dass sich ein Autofahrer tatsächlich an geschriebene Regeln hält – damit rechnet der georgische Kollege hinterm Steuer nun mal unter keinen Umständen. Also passe ich mich an: Ich wende über zwei durchgezogene Linien. Ist Standard! Ich hupe kurz und quetsche mich todesmutig in den fließenden Verkehr der Gegenspur. Funktioniert tadellos und wird von allen Beteiligten völlig tiefenentspannt mit ein bisschen Gehupe akzeptiert. Alles klar, verstanden! So, jetzt fahre ich offiziell georgisch.
Dergestalt flexibel aufgestellt, erreiche ich Surami. Der Ort ist eigentlich berühmt für seine Burg und die düstere Legende, dass dort einst ein junger Mann lebendig eingemauert werden musste, damit die Mauern den Belagerern standhielten (warum auch immer). Doch mein Fokus wird sofort von weltlicheren Dingen abgelenkt: Rauchzeichen am Straßenrand.
Zwei resolute georgische Muttis haben ihre traditionellen Öfen für das berühmte, süße Nazuki-Brot schon angeworfen. Es qualmt ordentlich, riecht aber absolut fantastisch. Also rechts ran, Motor aus, Kamera geschnappt. An einem runden Ofen draußen vor der Self-made-Bretterbude kleben die Teigfladen bereits an den heißen Tonwänden im Inneren. Mit geübten Griffen schabt die Meisterin die fertigen, knusprigen Brote von der Wand, und ehe ich mich versehe, drückt sie mir zwei dampfende, ofenfrische Exemplare in die Hand. Fotografieren darf ich das Spektakel auch noch.
Bevor der erste Bissen genommen wird, kommt allerdings die moderne Technik zum Einsatz. Sicher ist sicher: Die Google-Übersetzungsapp wird angeworfen, um ein kurzes Palaver über die Inhaltsstoffe zu führen. Nüsse oder ähnliche allergene Überraschungen? Fehlanzeige. Nur Zimt, Rosinen und gefühlt eine Wagenladung Zucker oder Honig.
Beim Anfahren bin ich noch skeptisch: Eigentlich viel zu süß für meinen Geschmack. Aber während »Mr.Nero« weiter nach Osten rollt, entwickelt das Zeug eine hinterhältige Eigendynamik. Immer mal wieder ein Stück abgerissen, gekaut, genossen. Das Zeug macht irgendwie süchtig. Scheint auch noch Nelkengewürz drin zu sein. Aber ehe ich das richtig registriert habe, ist das erste Brot komplett aufgekimmelt.
Der Zuckerschock von Surami trägt mich dann bis nach Uplisziche. Doch an dieser uralten Höhlenstadt ist die süße Idylle schlagartig vorbei: Hier im Nichts ist schlichtweg der Teufel los. Und das an einem ganz normalen Dienstag. Ganze Busladungen werden angekarrt, Hunderte von Einheimischen und auch ein paar Touristen mühen sich unermüdlich den staubigen Berg hinauf.
Sie alle wollen zu den Überresten einer dreitausend Jahre alten, in den Fels gehauenen Metropole, die lange vor Christus als heidnisches Zentrum für Sonnengötter und Opferrituale diente. Für mich und meine Knie heißt das Urteil beim Anblick der Steigungen und des unebenen, felsigen Untergrunds allerdings ganz eindeutig: Nix da mit Kraxeln. Ich rolle das geplante Abenteuer kurzerhand im Rückwärtsgang auf, schieße ein Alibi-Foto aus der Ferne – was fürs Auge – und mache umgehend kehrt.
Weiter geht es in Richtung Mzcheta.
Doch die Anfahrt gleicht eher einer polizeilich betreuten Schnitzeljagd. Überall stehen Straßensperren und die Polizei leitet den gesamten Verkehr rigoros in eine einzige Richtung. Mir bleibt im Cockpit von »Mr.Nero« gar nichts anderes übrig, als mich brav einzureihen und mit dem Strom treiben zu lassen. Das ansonsten ungebändigte georgische Verkehrschaos wird für einen Moment wie von Geisterhand durch die staatliche Ordnung gelenkt.
Die Schneckenparade endet schließlich auf einem riesigen Parkplatz in Sichtweite der monumentalen Basilika. Ein kurzes Gespräch mit dem Parkplatzwächter regelt das Bleiben für die Nacht: Gegen einen etwas größeren, aber absolut verschmerzbaren Obolus weist er mir sogar einen exklusiven Stellplatz im Schatten zu.
Bevor ich mich jedoch als georgischer Neuling unter die Kulturtouristen mische, ist erst einmal gründliche Recherche im Internet und im Reiseführer angesagt. Ich will ja schließlich nicht völlig unvorbereitet einem derartigen historischen Schwergewicht gegenübertreten. Und beim Blick auf das Display fällt es mir wie Schuppen von den Augen.
Was für ein Datum haben wir heute? Den 26. Mai.
Genau an diesem Tag im Jahr 1918 erklärte Georgien kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs seine Unabhängigkeit. Dass sie danach zwischendurch wieder für siebzig Jahre im sowjetischen Schrank der Geschichte verschwanden, bevor 1991 die moderne Republik geboren wurde, tut der Sache keinen Abbruch: Der 26. Mai ist und bleibt der heilige Nationalfeiertag. Und weil die Georgier eben eine tiefe, stolze kulturelle Identität besitzen, packen sie an diesem Tag Kind und Kegel ein und pilgern zu ihren nationalen Heiligtümern. Und ich stehe jetzt mit »Mr.Nero« mittendrin. Im Nachhinein weiß ich jetzt auch, warum in Uplisziche so viel los war.
Ich mache mich also auf den Weg zur Swetizchoweli-Kathedrale. Mzcheta ist nicht irgendeine Stadt, es ist die uralte, dreitausend Jahre alte Hauptstadt des Kaukasischen Iberischen Reiches. Um eventuellen geografischen Verwirrungen direkt vorzubeugen: Nein, ich bin mit »Mr.Nero« nicht falsch abgebogen und stehe auch nicht kurz vor Madrid. Die Antike nannte diese Region im Kaukasus schlicht genauso wie die Halbinsel im Südwesten Europas.
Weltlich gesehen blickt man hier in einen tiefen Abgrund der Zeit. Während man in Berlin, Paris oder London im ersten vorchristlichen Jahrtausend noch sehr rustikal durch den Wald turnte, war Mzcheta bereits eine befestigte, florierende Metropole und ein globales Handelszentrum.
Heute wird dieses geschichtsträchtige Pflaster allerdings von einer wunderbaren Feiertags-Leichtigkeit geflutet, obwohl ein ziemlich strammer Wind durch die alten Gassen fegt. Angesichts der Menschenmassen, die sich in den monumentalen Sakralbau wälzen, beschränke ich mich erst einmal darauf, das wuchtige Äußere der Kathedrale fotogen abzulichten. Stattdessen lasse ich mich direkt vor der mächtigen Umfassungsmauer in einem Café nieder, ordere das obligatorische Ensemble und schaue mir dieses Feiertagsschauspiel in aller Ruhe an.
Es hat etwas von einem großen, bunten Familienausflugstag. Die Stimmung ist durchweg positiv, Scharen von jungen Leuten sind unterwegs, sie singen, lachen und feiern einfach die Existenz ihres Landes. Eine herrlich angenehme, unaufgeregte Atmosphäre.
Zum Abschluss schlendere ich noch an den unvermeidlichen Souvenirständen und Basaren vorbei. Und hier zeigt sich wieder der angenehme Charakter des Landes: Kein aggressives Anquatschen, kein Aufdrängen, niemand zerrt dich in seinen Laden oder fasst dich ungefragt am Ärmel. Man lässt den Gast einfach in Ruhe schauen und flanieren.
Am nächsten Morgen sieht die Welt schon ganz anders aus. Die Feiertags-Pilger sind weg, und ich kann mich endlich ungestört in das historische Dickicht aus Religion und Geopolitik vorwagen. Wer im mitteleuropäischen Geschichtsunterricht sozialisiert wurde, blickt ja gerne mal etwas hochmütig von oben herab auf den vermeintlich „unterbewerteten Osten“. Mzcheta korrigiert diese westliche Kulturüberlegenheit im Handumdrehen.
Zuerst zieht es mich zum Samtavro-Kloster. Das ist die absolute Keimzelle des christlichen Georgiens. Hier kam im 4. Jahrhundert n. Chr. eine junge Frau namens Nino aus Kappadokien an.
Sie hauste asketisch unter einem schlichten Brombeerstrauch, bekehrte das damalige Königspaar und machte das Land zum zweitältesten christlichen Staat der Erde. Der Busch steht heute noch da – ein ziemlich zähes Gewächs. Wie nachhaltig Brombeeren sein können, weiß ich zwar aus meinem eigenen Garten, wo sie sich regelmäßig hemmungslos an der Grenze zum Nachbarbauern tummeln, aber 1.700 Jahre Weltgeschichte, da muss beim Überdauern schon die Legende helfen.
Direkt daneben, exakt dort, wo einst Ninos Hütte stand, bauten sie später eine kleine, feine Kapelle. Drinnen praktizieren ein paar Nonnen gerade ein intensives, tief versunkenes Beetritual, so dass ich eigentlich schon wieder den Rückzug antreten will. Aber von außen kann ich die Kapelle und das historische Grünzeug dann doch noch ausgiebigst und in aller Ruhe dokumentieren.
Weniger einfach ist es allerdings in der Hauptkirche: Drinnen findet gerade eine kleine Messe im Seitenschiff statt und ich halte mich diskret zurück. Ich schleiche mich, gefühlt unsichtbar, in das Mittelschiff, um das Objektiv in Richtung der dortigen Königsgräber von Mirian und Nana, dem von Nino bekehrten Königspaar, zu richten, aber eine zufällige Ordensschwester schüttelt so energisch den Kopf, dass ich das Projekt sofort wieder beerdige. Hier wird eben noch scharf geglaubt. Aber auch die schärfste Nonne kann nicht verhindern, dass ich noch schnell ein Foto vom Altarbereich mache. Weiteren Auseinandersetzungen gehe ich aber geschickt aus dem Weg, indem ich mich verziehe.
Der Weg bis zur Swetizchoweli-Kathedrale ist nicht weit. Die ist jetzt nochmal an der Reihe, weil ich die Innenraumbesichtigung gestern ja ausgelassen habe. Der riesige, monumentale Raum ist atemberaubend. Von außen traut man dem Gebäude derartige Ausmaße gar nicht zu. Inmitten des Kirchenschiffs ragt ein mächtiger, freskenverzierter Steinbaldachin auf. Er schützt das absolute emotionale Epizentrum der georgischen Christenheit. Der Legende nach brachte ein hiesiger Jude namens Elios das Gewand Christi nach der Kreuzigung aus Jerusalem mit nach Mzcheta. Als er es seiner tiefgläubigen Schwester Sidonia überreichte, fiel diese vor lauter Ergriffenheit prompt tot um – und zwar so verkrampft, dass man ihr das Tuch nicht mehr aus den Händen reißen konnte. Sie wurde kurzerhand mitsamt dem Gewand begraben.
Auf ihrem Grab wuchs danach eine gewaltige Zeder. Als König Mirian im 4. Jahrhundert nach seiner Bekehrung, die erste Kirche errichten wollte, ließ er den Baum fällen, um daraus tragende Säulen für den Bau zu machen. Doch der Hauptstamm weigerte sich standhaft, am Boden zu bleiben, und schwebte magisch in der Luft, bis die heilige Nino ihn mittels einer nächtlichen Gebetssession quasi gesund betete und zurück auf die Erde zwang.
Danach passierte – natürlich wieder der Legende nach – Folgendes: Aus dem Holz begann eine heilige, wohlriechende Flüssigkeit zu fließen – das sogenannte Myron (ein heiliges Salböl). Dieses Öl war laut den alten Chroniken nicht einfach nur parfümiertes Baumharz, sondern besaß angeblich massive Heilkräfte. Blinde, die den Stamm berührten und mit dem Öl benetzt wurden, konnten plötzlich wieder sehen, Lahme warfen die Krücken weg und chronisch Kranke verließen die Kirche kerngesund. Die Säule verströmte also buchstäblich neue Lebenskraft. Deswegen nannten die Georgier sie fortan die „lebensspendende Säule“ (auf Georgisch: Sweti = Säule, Zchoveli = lebensspendend). Und genau daher hat die gesamte Kathedrale bis heute ihren Namen. Die heutige monumentale Steinkathedrale aus dem 11. Jahrhundert wurde schlicht um diesen „lebensspendenden Stamm“ herumgemauert.
Das Öl floss übrigens jahrhundertelang munter weiter – bis im 14. Jahrhundert der berüchtigte mongolische Eroberer Tamerlan mit seinen Horden einmarschierte, die Kirche plünderte und den Stamm beschädigte. Seither ist die Säule trocken. Eigentlich schade. Für meine Knie wäre das Zeugs genau richtig gewesen....
Geht man vor an die Altarwand, muss man den Blick unwillkürlich nach unten richten. Man läuft hier zwangsläufig über die herrschende Elite vergangener Jahrhunderte, die hier alle begraben wurden. Direkt im Pflaster eingelassen liegen auch die Grabplatten von einem Vater und seinem Sohn – und an ihnen lässt sich das große, tragische Trauerspiel der georgischen Geopolitik bestens ablesen.
Da ist zum einen der Vater, Erekle II. (Irakli). Ein echter Superstar der Geschichte, der es tatsächlich schaffte, die chronisch zerstrittenen Teilkönigreiche Kartlien und Kachetien zu einem schlagkräftigen ostgeorgischen Reich zu vereinen. Ein zäher Soldatenkönig des 18. Jahrhunderts, der permanent im Sattel saß und von Friedrich dem Großen als „bester Stratege des Ostens“ bewundert wurde. Doch am Ende ging ihm nach fast 50 Regierungsjahren, in dener er gegen Perser und Osmanen gekämpft hatte, die Puste aus. In seiner Verzweiflung verkaufte er sich 1783 an die russischen Glaubensbrüder – im fälschlichen Glauben, der „Schutzvertrag“ von Georgijewsk würde sein Land retten. Als die Perser Tiflis kurz darauf dem Erdboden gleichmachten, dachten die Russen aber gar nicht daran, Truppen zu schicken. Sie ließen Erekle eiskalt im Stich und schauten einfach nur gelangweilt zu.
Direkt daneben liegt sein Sohn, Giorgi XII. Der war gesundheitlich schwer angeschlagen und klammerte sich aus reinem Eigenschutz vor seinen intriganten Brüdern erst recht an den Zarenhof. Das Ende vom Lied: Die Russen nahmen ihn nicht mal ansatzweise ernst. Kaum hatte Giorgi im Dezember 1800 die Augen für immer geschlossen, wartete der Zar das offizielle Erbe gar nicht erst ab, pfiff auf den Schutzvertrag und verleibte sich das georgische Königreich kurzerhand komplett als russische Provinz ein. Die georgische Krone war damit endgültig Geschichte.
Wenn man heute in der Kathedrale vor den schlichten Grabplatten im Boden steht, begreift man die Tragik dieser Geopolitik auf einen Blick: Da wollten zwei Monarchen ihre Kronen durch einen Pakt mit dem mächtigen Nachbarn retten, aber anstatt des erhofften Schutzes aus dem Norden verloren sie auch noch ihre eigene und die nationale Unabhängigkeit. Von all den anderen Ur-Vätern wie David dem Erbauer oder dem Tiflis-Gründer Wachtang Gorgassali, deren Grabplatten auch irgendwo in der Kathedrale liegen, fange ich hier gar nicht erst an – auf Letzteren stoße ich später in der Hauptstadt ohnehin noch. Diese beiden hier im Boden sind ohnehin nur zwei Beispiele aus einer langen Reihe prägender Persönlichkeiten. Aber sie sind für die Neuzeit die entscheidenden: Ihr Schicksal markiert nicht nur das bittere Ende der georgischen Krone, sondern erklärt bis heute die tiefen Risse in der emotionalen Gefühlswelt der Georgier, wenn die Rede auf Russland kommt. Hier wurde das Fundament für ein Misstrauen gegossen, das Jahrhunderte überdauert hat.
Dschwari: Das sakrale Luftschloss über den Strömen
Nächstes Ziel ist die Dschwari-Kirche auf dem gegenüberliegenden Hügel, die Mzcheta dominant überragt. Am nächsten Morgen geht es ganz früh hoch. Ich will dem großen Ansturm entgehen, doch Pustekuchen: Selbst um 9:00 Uhr steht schon der erste Touristenbus auf dem Plateau. Aus Murcia! Die Spanier suchen also auch das andere Iberien, denke ich mir noch erstaunt.
Ein klassischer Fehlschluss, wie sich kurz darauf herausstellt. Der Bus ist schlicht einer der vielen Gebrauchtwagen, die die Georgier massenhaft aus ganz Europa importiert haben. Die alten Firmenaufkleber bleiben dabei einfach unverändert drauf. Mit dem Gefährt eines spanischen Busunternehmens werden jetzt also Tiflis-Touristen den Berg hochgeschleppt. Überhaupt fühlt man sich als deutscher Autofahrer hier erstaunlich oft heimisch: Auf den Landstraßen fährt man permanent hinter Handwerker Fahrzeugen aus der Heimat her. „Opel Müller“, „Bäcker Schneider“ oder der „Zweiradhändler Nürnberger aus der Umgebung von Gera“ – alle sind sie in ihrem zweiten Frühling in Georgien unterwegs.
Von wegen Sonne – der Wetterbericht hat besseres Wetter vorausgesagt, aber na ja, es ist wenigstens trocken und die farblichen Unterschiede der beiden zusammenfließenden Flüsse Aragwi und Kura sind von hier oben hervorragend zu erkennen.
Historisch gesehen gehört auch dieser Ort zu den Keimzellen des königlichen Christentums in Georgien. Genau hier rammte die heilige Nino ein hölzernes Kreuz in den Boden, um den heidnischen Göttern den Garaus zu machen. König Mirian III. fand das gut, konvertierte prompt zusammen mit seiner Ehefrau – wie wir ja schon wissen – und machte das Christentum zur Staatsreligion. Im 6. Jahrhundert bauten sie dann die Kirche um das Kreuz herum. Wer hier allerdings barocken Prunk erwartet, wird enttäuscht. Das Erbe der Könige ist hier von einer rauen, fast schon trotzigen Askese. Nackter Stein, ehrwürdiges Schweigen und in der Mitte der massive Sockel des Ur-Kreuzes. Ein sakrales Loft mit einer Aussicht, die zwar auch ohne Goldglanz absolut königlich ist, sich aber gerade mitten in einer Generalüberholung befindet.
Die Chronik Georgiens: Der titanische Vorschlaghammer
Weiter geht es zum Mount Keeni zur „Chronik von Georgien“ – einem Mammutprojekt, das die Jahrhunderte der georgischen Geschichte in tonnenschweren, dunklen Reliefs übereinanderstapelt. Die feine Ironie dabei: Ausgerechnet ein sowjetischer Künstler, der für seine absolute Maßlosigkeit im Design bekannt ist, goss hier unter anderem jene Könige in Bronze, die von seinem eigenen Auftraggeber-Land so erfolgreich abgezockt wurden.
Die Sonne setzt sich so langsam durch, aber der Wind macht aus »Mr.Nero« eine astreine Schaukel. Egal, ich warte noch eine Weile, bis alles aufgeklart ist, und dann quäle ich mich da hoch.
Meine Unternehmung funktioniert erstaunlich gut. Ich besuche das Denkmal und bezwinge alle Stufen nach oben. Es hat in den Gelenken zwar gewaltig geknackst, aber ich, vom Zweitberuf her ja bekanntlich Schlingel, habe bei der Gelände-Erkundung gesehen, dass oben hinter dem Denkmal, also vom offiziellen Aussichtspunkt aus, eine kleine Straße um das Denkmal herumführt, die zum Ausgangspunkt hinunterführt. Die ist für den allgemeinen Pkw-Verkehr zwar gesperrt, aber zu Fuß kann ich sie wunderbar für den Rückweg nutzen – und so elegant jede einzelne Stufe auf dem Rückweg umschiffen! Meine Knie bedanken sich herzlich.
Oben angekommen, zieht es allerdings wie Hechtsuppe. Selbst ich werde mit meinem Kampfgewicht zwischen den Säulen fast weggepustet. Was für ein Monstrum! Dieses neuzeitliche Monumentalwerk besteht aus 16 gigantischen, über 30 Meter hohen Säulen und wurde 1985 von Zurab Tsereteli begonnen. Prunk sucht man auch hier vergebens, dafür kriegt man die Geschichte des Landes mit dem visuellen Vorschlaghammer serviert: Unten sind die Könige und Helden in der dunklen Bronze verewigt, oben die Geschichten aus dem Leben Christi. Es wirkt, als hätten Riesen mit titanischen Legosteinen im kaukasischen Vorgarten gespielt. Ein bizarres, monumentales Meisterwerk, das einen herrlich unbedeutend wirken lässt.
Zum Trost für die eigene Winzigkeit bietet der Hügel immerhin einen grandiosen Weitblick: Direkt unter mir liegt das sogenannte „Tiflis-Meer“. Ein riesiger Stausee, der sich ziemlich fotogen in der kargen Landschaft breitmacht – vorausgesetzt, man kann die Kamera bei diesem Wind überhaupt noch ruhig halten.
Telawi: Das königliche Understatement an der Platane
An Tiflis vorbei geht es über den Gombori-Pass schließlich nach Telawi. Der Pass ist heutzutage exzellent ausgebaut und fahrerisch überhaupt kein Problem. Am Ujarma Castle, einer alten Festungsruine am Wegesrand, lege ich einen kleinen Stopp ein und werde prompt von einem Minibusfahrer ins Gespräch verwickelt. Erst ist es nur das Auto, dann die Reise, dann das Alleinreisen – die Georgier sind einfach unheilbar freundlich und neugierig zugleich.
In Telawi angekommen, parke ich direkt am Palast von König Irakli II. (Batonis Tsikhe). Genau, das ist jener Erekle II., über dessen Grabplatte im Boden der Swetizchoweli-Kathedrale ich tags zuvor beinahe noch gestolpert wäre und dessen fataler Hang zu falschen Schutzmächten mir noch im Kopf herumgeht. Hier schließt sich der kaukasische Kreis.
Vom imperialen „Palast“ ist nach den zahllosen persischen Invasionen der Jahrhunderte allerdings nicht mehr viel übrig, trotzdem schieße ich ein paar Fotos von der Bastion und der massiven Wehrmauer. Wer bei einer Königsresidenz an Versailles denkt, wird hier vollends geerdet. Das Gebäude ist ein flacher, fast schon rührend schlichter Bau mit persisch angehauchten Rundbögen. Der unglückliche Vereiner des Reiches war eben ein waschechter Soldatenkönig des 18. Jahrhunderts, der pragmatisch dachte und kein feinsinniger Innendekorateur.
Nach dem Standbild des Königs treffe ich auf den wahren Herrscher von Telawi, der direkt vor der Burg steht: eine gigantische, 900 Jahre alte Platane. Dieser Baum hat mehr Könige, Kriege und vergebliche Staatsverträge kommen und gehen sehen, als jeder Aktenordner fassen kann. Sie steht immer noch wie eine Eins in der kachetischen Sonne und bietet einen spektakulären Ausblick auf das Alasani-Tal und die mächtige Kulisse des Kaukasus.
Zum Abschluss steige ich noch zum Nadikvari-Park hinauf, gönne mir im Angesicht der erstmals in der Ferne zu sehenden, schneebedeckten Gipfel des Kaukasus ein ausgiebiges Kaffee-Ensemble samt herrlicher Aussicht und latsche später gemütlich zurück zu »Mr.Nero«.
Warum habe ich in diesem Kapitel eigentlich so ausgiebig über religiöse und weltliche Geschichte fabuliert? Ich möchte schlicht und ergreifend deutlich machen, dass Geschichte eben nicht nur aus griechischen Säulen, römischen Legionen oder fränkischen Kaisern besteht. Wer auch nur ein ganz kleines bisschen über den mitteleuropäischen Tellerrand hinausschaut, muss unweigerlich feststellen, dass es auch hier im Osten schon eine gewaltige Kulturgeschichte gab. Eine Kulturgeschichte, die höchstwahrscheinlich weitaus älter und reifer ist als diejenige, die wir Westeuropäer so furchtbar gerne favorisieren.
Das große Geo-Rodeo oder: Wo die Steppe den Atem anhält
Der „Kleine Strabon“ und der Längengrad-Komplex
Von Telawi aus durchquere ich die Weinebenen in Richtung Osten. Der „Kleine Strabon“ in mir verlangt nach einem Triumph: Ich will endlich den östlichsten Punkt dieser Reise erreichen – und ganz nebenbei den östlichsten Punkt, den ich je im Leben am Steuer meines eigenen Fahrzeugs angesteuert habe. Andere Hilfsmittel, das Gefahren-Werden oder lächerliche Aero-Schummeleien zählen in meiner persönlichen Straßen-Statistik nicht.
Also geht es an Dedopliszqaro vorbei, am Kochebi-See entlang, mitten hinein in die Schiraki-Ebene. Das bewaldete Kachetien habe ich zu diesem Zeitpunkt längst hinter mir gelassen. Die Landschaft mutiert innerhalb weniger Kilometer in eine baumlose, endlos weite Steppenlandschaft. Willkommen in der absoluten Einöde Georgiens.
Die Schiraki-Ebene ist ein gigantisches Plateau, das trotz der kargen Bedingungen landwirtschaftlich genutzt wird. Und hier, mitten im Nirgendwo, packt mich diese ganz spezielle geografische Marotte, die man wohl nur als „chronische Koordinaten-Krankheit“ im Endstadium bezeichnen kann. Ein Zustand, für den mich meine verstorbene Frau früher immer nur mitleidig belächelt hat, wenn ich wie besessen den maximal südlichsten, nördlichsten oder westlichsten Punkt erzwingen wollte. Vielleicht gibt es mir einfach das erhebende Gefühl, den im wahrsten Sinne des Wortes erfahrenen Horizont bis an seine äußersten Grenzen ausgedehnt zu haben. Schöne Orte sind diese Endpunkte ja in der Regel nicht. Es sind einfach nur nackte Zahlen im GPS.
Irgendwo hier in der Einöde soll auch ein verlassener sowjetischer Militärflugplatz liegen. Bunker, Hangars, eine alte MiG – das alles reizt mich ungemein. Ich suche nach einem Zugang, halte Ausschau nach einer Piste, aber Google Maps und die Realität wollen heute nicht kooperieren. Es führen ausschließlich unbefestigte, schlammige Feldwege in die vermutete Richtung. Wenn die kaukasische Lehmerde hier einmal nass wird, verwandelt sich die Piste schnell mal in eine spiegelglatte Schmierseife. Meine Reifen lassen zwar den Einsatz im trockenen Gelände zu, sind aber keine reinrassigen Offroad-Schlammbeißer. Zudem fehlt dem 3,9-Tonner schlicht die nötige Bodenfreiheit, wenn er erst einmal tief in den ausgewaschenen Furchen festsitzt. Für »Mr.Nero« ist das allein ein unkalkulierbares Wagnis. Also breche ich die Suche zähneknirschend ab. Der Fokus bleibt stur auf den östlichsten Längengrad gerichtet.
Hinter Kvemo Kedi geht es dann für »Mr.Nero« endgültig nicht mehr weiter. Ich stehe rund sechs bis sieben Kilometer vor der aserbaidschanischen Grenze auf genau 46°18'56" Ost. Mein innerer Strabon bekommt angesichts dieser Daten beinahe eine leichte Schnappatmung: Bagdad liegt auf 44,4 Grad Ost. Riad in Saudi-Arabien folgt nur unwesentlich weiter östlich auf 46,5 Grad, und diese Linie zieht sich im Geiste weiter durch den Jemen, weit östlich vorbei an Sanaa, bis nach Somalia. Ich habe mich quasi eigenhändig an den gefühlten Rand des Nahen Ostens katapultiert.
Normalerweise wäre die Weiterfahrt nach Osten der perfekte, logische Übergang nach Aserbaidschan, hinein in die geschichtsträchtigen Seidenstraßen-Städte wie Scheki und Baku. Aber genau hier knallt die geopolitische Realität dazwischen: Die aserbaidschanische Landgrenze ist seit Jahren für den touristischen Autoverkehr komplett dicht. Schade eigentlich. Das Bild, wie ich in der Nähe von Baku neben »Mr.Nero« am Ufer des Kaspischen Meeres stehe – das hätte mir schon massiv gefallen. Für so ein Motiv hätte ich glatt meine Regel gebrochen und ein Selfie geschossen. So aber bleibe ich am östlichen Vorposten stehen und es bleibt nur ein Blick auf die aserbaidschanische Seite der Grenze (Rayon Qax). Nach fast 6.000 Kilometern auf dem Tacho ist das der Punkt, ab dem es ab jetzt wieder grob in Richtung Westen geht.
Zwischen den Momenten
Subtile Arroganz und das unbequeme Erbe der Unwissenheit
Ich bin jetzt am östlichsten Punkt meiner Reise. Und eine Sache lässt mir keine Ruhe.
Es gibt da nämlich den einen oder anderen Leser, der pflegt seine Vorurteile offensichtlich mit weitaus mehr Hingabe als ich meinen Lungo-Kult. Schon bevor ich überhaupt losgefahren bin, kamen diese ständigen, von Unverständnis geprägten Fragen: „Sag mal, was willst du denn überhaupt da hinten im Osten? Da gibt es doch nichts.“
Und dieses Muster zieht sich wie ein roter Faden durch meine gesamte Route. Da wird ein atmosphärischer Sonnenuntergang am Schwarzen Meer wegen etwas Dunst und Meeresnebel auf der Stelle zu einer wahrscheinlichen Umweltverschmutzung umgedeutet – nur damit das gewohnte Weltbild vom „schmutzigen Osten“ bloß keine Risse bekommt. Wenn ich aus Batumi berichte – dem kleinen Shanghai des Kaukasus –, und provokant frage, wo denn da wohl die Eselskarren seien, wird gekontert: „Warte mal ab, die stehen an der nächsten Ecke und sind gar nicht so weit weg.“ Man will sie eben unbedingt sehen, die Rückständigkeit.
Erzähle ich davon, dass die Georgier ein ausflugsgeiles, kulturinteressiertes Völkchen sind, das am Wochenende zuhauf die eigenen Naturdenkmäler und historischen Orte stürmt, kommt prompt die nächste Ferndiagnose von der heimischen Couch: „Kein Wunder, deren Wohnsituation ist bestimmt derart unterirdisch, dass sie froh sind, mal von zu Hause wegzukommen.“ Und als ich vorhin völlig belanglos schrieb, dass ich von nun an wieder westwärts unterwegs bin, bekam ich den digitalen Schulterklopfer, das sei jetzt wohl die beste Nachricht seit der komischen Idee mit meiner „Osttour“.
Ich habe in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht, woher diese tiefe, selbstgefällige Arroganz eigentlich kommt, die in solchen subtilen Andeutungen immer wieder zutage tritt und krampfhaft nur das Schlechte in dieser Reise sucht. Und ich habe da ein ziemlich fieses Gefühl, das man in unserer Generation kaum laut auszusprechen wagt.
Wir unterstellen uns heute natürlich alle gegenseitig, aufgeklärte Weltbürger zu sein. Aber kann es sein, dass in den hintersten, dunkelsten Ecken unseres Unterbewusstseins immer noch das verkrustete Echo einer Ideologie mitschwingt, von der wir dachten, wir hätten sie längst in der Geschichte vergraben? Der Generation vor uns wurde sauber eingetrichtert, dass östlich einer gezogenen Linie alles grau, geschichtslos, dreckig und irgendwie „kulturell defizitär“ ist. Der Kalte Krieg hat dieses binäre Weltbild danach jahrzehntelang zementiert: Hier der strahlende, fortschrittliche Westen – dort das finstere, rückständige Chaos.
Dieses Raster ist verdammt bequem. Es schützt nämlich hervorragend vor der eigenen Unwissenheit. Wer Georgien nur mit postsowjetischer Tristesse assoziiert, kann natürlich nicht damit umgehen, wenn ich mit »Mr.Nero« losziehe und hier eine hochkomplexe, stolze Kultur vorfinde. Herablassend zu sein, ist dann anscheinend der verzweifelte Versuch, das eigene, starre Weltbild zu verteidigen. Man will sich im Alter ja ungern eingestehen, dass der eigene Horizont und das Ostverständnis an der ehemaligen innerdeutschen Grenze aufhört.
Zu der Zeit, als man hier in Georgien bereits hochentwickelte Zivilisationen. filigrane Goldschmiedekunst und exklusive Weinherstellung bewundern konnte, haben unsere Vorfahren, die Germanen, noch mühsam nach dem Trinkhorn gefahndet, um ihren Met endlich nicht mehr direkt aus dem hölzernen Bottich saufen zu müssen. Wer oder was gibt uns eigentlich das Recht, so verdammt überheblich zu sein?
Meine Reisen jenseits der Komfortzone zeigen mir vor allem eines: Die vor Ort erlebte Realität ist das beste Heilmittel gegen jegliche erlernte oder kolportierte Vorurteile. Man muss allerdings den Mut aufbringen, die Augen aufzumachen und diese Medizin auch wirklich zu schlucken.
Das Basislager an der „Quelle der Königin“
Ich fahre zurück nach Dedopliszqaro, um mein Quartier zu beziehen. Giorgi – so nennen wir meinen Gastgeber an dieser Stelle einfach mal – erklärt mir später bei einem Kaffee stolz, was der sperrige Name des Ortes eigentlich bedeutet: „Quelle der Königin“, benannt nach der legendären Königin Tamar. Giorgi und seine hochschwangere Frau betreiben hier ein paar gemütliche Cottages im Grünen, bieten Verpflegung an und erlauben es drei bis vier Campern, sich in ihrem Garten häuslich einzurichten – sofern man nicht gerade mit einem ausgewachsenen Expeditions-Lkw das Grünzeugs ruiniert. Giorgi selbst ist auch noch als erfahrener Guide ständig im nahen Waschlowani-Nationalpark unterwegs, um Reisenden die geschützte Natur zu zeigen.
Wir vereinbaren für die kommenden Tage eine gemeinsame Tour durch den Park. Da ein zweiter Mitfahrer kurzfristig absagt, muss ich den vollen Preis für den Tag allein stemmen. Der Betrag ist selbst für westeuropäische Verhältnisse kein Pappenstiel – aber jeden Cent wert.
Beim abendlichen Plausch erzähle ich Giorgi von meinem verfehlten Versuch, den sowjetischen Flugplatz in der Steppe zu finden. Giorgi winkt lachend ab: „Kein Problem! Der Lost Place liegt im Grunde direkt auf dem Weg zum Waschlowani. Den machen wir morgen einfach schnell zuerst!“ Das ist eben der unschlagbare Vorteil, wenn man mit einem Local unterwegs ist.
Ein „Lost Place“ mit Startbahn-Garantie
Am nächsten Morgen sitze ich also im Allrad-Lexus von Giorgi. Und schon nach den ersten Kilometern abseits der Hauptstraße wird klar: Es war verdammt gut, dass ich »Mr.Nero« im Garten habe stehen lassen. Der Allradler von Giorgi muss auf den unbefestigten, schlammigen Wegen der Ebene gleich ordentlich schuften.
Die Airbase „Zemo Kedis Aerodrom“ erweist sich schließlich als historisches Schwergewicht: Mit einer über 2,5 Kilometer langen Startbahn war dies einst einer der größten und strategisch wichtigsten Militärflugplätze der Region. Von hier aus starteten während des sowjetisch-afghanischen Krieges in den 1980er Jahren nicht nur Jagdflieger, sondern auch schwere Bomber. Die unterirdischen Bunkeranlagen wurden damals sogar so massiv in den Steppenboden betoniert, dass sie einem Atomwaffenangriff hätten standhalten sollen.
Giorgi erzählt mir, dass die hier stationierten sowjetischen Truppen für die lokale Bevölkerung ein absoluter Albtraum waren. Nach zahllosen alkoholbedingten Übergriffen durften die Soldaten die Base irgendwann überhaupt nicht mehr verlassen – der Wodka wurde fortan einfach kistenweise direkt aus Russland eingeflogen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verfiel das Areal. Georgiens erster Präsident, Swiad Gamsachurdia, winkte dankend ab, die Basis für das eigene Militär zu nutzen – mit der herrlich pragmatischen Begründung, er stationiere seine Truppen doch nicht dort, wo eventuelle Gegner die Ortspläne schon an der Wand hängen hätten. Heute nutzen die örtlichen Bauern mit offizieller Genehmigung ein paar der riesigen Hangars, um darin ihren frisch geernteten Weizen zu trocknen. Beim Blick auf die alte MiG-21, die hier als stummer Zeuge verrottet, fällt mir ein kleines technisches Detail auf: Die Verkleidungsteile der Maschine sind nicht, wie sonst im Flugzeugbau üblich, genietet, sondern rustikal geschraubt. Wahrscheinlich, damit man sie im tiefsten Sibirien auch mit einem einfachen Schraubenschlüssel flicken konnte. Ein echter, rauer Lost Place.
Neun Stunden auf der haarscharfen Grenze
Nach diesem Ausflug in die sowjetische Militärhistorie tauchen wir endgültig in den Nationalpark ein. Neun Stunden jagen wir Giorgis Lexus durch das Gelände, und der Wagen wird dabei derart hart hergenommen, dass ich die jährliche Werkstattrechnung lieber gar nicht wissen möchte. Giorgi übernimmt im Vorfeld sämtliche Formalitäten im Nationalparkzentrum und bei der Grenzpolizei. Das ist auch bitter nötig, denn die Route verläuft streckenweise direkt auf der haarscharfen Grenzlinie zu Aserbaidschan.
Daraus ergeben sich zwei eiserne Regeln für jeden, der diese Tour macht:
Der originale Reisepass gehört zwingend in die Tasche. Die georgische Grenzpolizei versteht an den einsamen Checkpoints mitten in der Einöde keinen Spaß – wer sich hier nicht ausweisen kann, hat ein Problem. Eine solide Marschverpflegung inklusive ausreichend Getränken ist da draußen absolute Pflicht. Giorgis Frau hat uns vorab mit georgischen Köstlichkeiten ausgestattet, sodass das leibliche Wohl gesichert ist.
Die berühmten Schlammvulkane lassen wir bewusst links liegen. Giorgi meint trocken, die seien mittlerweile viel zu touristisch, hätten ihre Authentizität eingebüßt und würden bei einer Tagestour schlicht zu viel Zeit fressen, die uns dann für die wirklich spektakulären Ecken fehlt. Recht hat er. Man merkt in jeder Sekunde, dass dieser Mann nicht bloß für Geld den Fremdenführer mimt, sondern eine tiefe, ehrliche Verbundenheit zu dieser Landschaft besitzt. Früher hatte er einen klassischen Job in einer Bank in der Stadt, kehrte dem sterilen Büro aber bewusst den Rücken, um wieder in seiner Natur zu sein.
Dabei blickt er durchaus kritisch auf den modernen Massentourismus. Er erzählt amüsiert von Reisegruppen, die sich im klimatisierten Allradler durch den Park kutschieren lassen, die grandiose Kulisse keines Blickes würdigen und sich am Ende lautstark beschweren, weil sie keine Wölfe, Bären oder Adler zu Gesicht bekommen haben. „Das hier ist kein Outdoor-Zoo und keine afrikanische Safari“, hat er ihnen geantwortet. Die Natur gibt eben keine Garantie auf Knopfdruck.
Von Muscheln in Augenhöhe und flüchtenden Gazellen
Der Waschlowani-Nationalpark selbst präsentiert sich als eine atemberaubende, fast surreale Mischung aus kaukasischem Grand Canyon und afrikanischer Savanne. Giorgi erweist sich als wandelndes Lexikon für Geologie, Flora und Fauna. Er räumt auch direkt mit den klassischen Touristen-Mythen auf: Der legendäre kaukasische Leopard, mit dem im Nationalparkzentrum immer noch gern geworben wird, wurde seit über zehn Jahren nicht mehr gesichtet. Entweder ist das Tier längst tot oder es hat das Weite gesucht und ist über den Grenzfluss nach Aserbaidschan abgewandert. Vorher trieb er sich hier rum:
Besser läuft es dagegen für die Kropfgazellen. Die ursprünglich hier heimischen Tiere waren komplett ausgerottet. Durch ein ambitioniertes Wiederansiedlungsprogramm, bei dem Exemplare aus Aserbaidschan importiert wurden, hat sich mittlerweile wieder ein stabiler, gesunder Bestand von rund 750 bis 800 Tieren etabliert. Zwar kann ich ein paar der Tiere entdecken, aber die sind so scheu und suchen so schnell das Weite, dass ich mit meiner Smartphonekamera kaum Möglichkeiten habe, sie mit dem Tele ins Bild zu bekommen.
Während wir durch die tiefen Canyons fahren, witzelt Giorgi, dass jeden Moment Clint Eastwood im Sattel um die Ecke biegen müsste – die Kulisse steht einem klassischen Western in nichts nach. Ich entdecke Geier am Horizont, unzählige seltene Vogelarten, und Erdschildkröten. Davon, dass ich hier tagsüber auf Wölfe und Goldschakale treffe, bin ich natürlich nicht ausgegangen. Aber sie haben hier zweifellos ihren Lebensraum.
Giorgi erklärt mir die Entstehungsgeschichte dieser bizarren Formationen: Vor Jahrmillionen war der gesamte Waschlowani-Nationalpark der Grund eines flachen Meeres. Zum Beweis steuern wir eine steile Felswand an, an der ich auf Augenhöhe versteinerte Muscheln und maritime Sedimente eigenhändig aus dem Gestein kratzen kann.
Wir passieren weite Steppenflächen, in denen vereinzelte, rustikale Höfe für die Zucht von Schafen und Pferden aus dem Boden gestampft wurden. Strom? Fließend Wasser? Fehlanzeige. Zu diesem Zeitpunkt stehen die Höfe allesamt leer. Giorgi erklärt das alljährliche logistische Schauspiel: Im späten Frühjahr wird es in der Waschlowani-Steppe schlicht zu heiß für das Vieh. In einer gewaltigen, zweiwöchigen Trekkingtour treiben die Hirten tausende Tiere über Straßen und durch Dörfer hinauf auf die saftigen, kühleren Bergweiden des Nordkaukasus. Im Herbst rollt die Lawine im Rückwärtsgang wieder zurück.
Giorgi führt mich auch zu einer archäologischen Ausgrabungsstätte, die allerdings im Dornröschenschlaf liegt. Seit dem letzten Regierungswechsel vor zwei Jahren und der spürbaren außenpolitischen Neuausrichtung des Landes liegt das Projekt brach. Zuvor hatte die Europäische Union hier finanzielle Mittel bereitgestellt, um erste Fundamente freizulegen, die stark auf eine antike Erz- und Metallverarbeitung aus der Bronzezeit hindeuten.
Giorgi sprüht vor historischer Begeisterung und erzählt von den Theorien einer großen, untergegangenen Handelsstadt an der Seidenstraße, die im erweiterten Dreieck zwischen Ganja, Mingəçevir und Scheki gelegen haben muss. Er ist sich sicher, dass die alte Handelsroute genau hier unten im Tal am Fluss entlangführte, und hofft inständig, dass die europäischen Archäologen eines Tages zurückkehren, um die Geheimnisse hier am Rande der Steppe endgültig zu lüften.
Unzensierter Klartext über die kaukasische Seele
Während der stundenlangen Fahrt über Stock und Stein unterhalten wir uns längst nicht mehr nur über Geologie und die lokalen Giftschlangen – insbesondere die giftigen Levante-Ottern, vor denen Giorgi mich eindringlich warnt. Festes Auftreten beim Aussteigen ist oberste Pflicht; die Kriechtiere sind hier überall. Zwischen uns stimmt die Chemie von der ersten Minute an. Wir sprechen über Gott und die Welt, über unsere beruflichen Werdegänge, über Ehe, Familie und sogar über unsere eigenen Eltern, die sich im Zweiten Weltkrieg noch als Feinde gegenübergestanden hatten, weil der Größenwahn und das Machtstreben fanatischer Politiker es so diktiert hatten.
Diese neun Stunden entwickeln sich zu einem persönlichen, lebenden Schlüssel zur georgischen Gesellschaft. Es ist unzensierter Klartext über Politik, Geschichte und die kaukasische Seele. Giorgi erzählt offen von den wirtschaftlichen Realitäten des Landes. Seit der Unabhängigkeit 1991 haben die EU und insbesondere Deutschland immense Summen an Aufbauhilfe in die Region gesteckt. Auch Giorgi hat danch die Gelegenheit beim Schopf gepackt und seine Cottages mit Hilfe eines europäischen Förderkredits finanziert.
Er berichtet schmunzelnd von den bürokratischen Hürden: Die EU machte derart detaillierte Vorgaben bezüglich der Holzqualität und der zu verwendenden Baumaterialien, dass er fast anderthalb Jahre brauchte, um überhaupt alles zu beschaffen – die heimische Industrie war auf diese Standards anfangs überhaupt nicht eingestellt. Den Kredit zahlt er seither pünktlich jeden Monat zurück. Mit bald drei Kindern im Haus bedeutet das eine Menge Arbeit, um den Betrieb am Laufen zu halten und die Schulden planmäßig zu tilgen.
Umso absurder ist die neue politische Realität, die ihn vor Kurzem einholte: Er wurde von Vertretern der neuen, prorussisch orientierten Regierungsstellen vorgeladen. Man verlangte von ihm allen Ernstes zu wissen, was er denn als „Gegenleistung“ für den günstigen EU-Kredit erbringen müsse. Ob er Informationen über die internen Zustände in Georgien nach Brüssel weiterleite oder andere illegale Aktivitäten plane – ansonsten würde die EU ihm doch wohl kaum einfach so Geld leihen. Giorgi macht aus seinem Frust keinen Hehl. Er setzt seine ganze Hoffnung auf die kommenden Wahlen in zwei Jahren, damit sich das Land wieder in Richtung Westen öffnet und seine Kinder eine Perspektive auf beruflichen und gesellschaftlichen Erfolg im europäischen Geist haben. Ich wünsche es dieser fleißigen, gastfreundlichen Familie von ganzem Herzen.
Zum Abschluss der Tour fahren wir noch zu seinem Lieblingsplatz: eine steile Abbruchkante mit Blick auf den gesamten Nationalpark. Das Szenario mit dem riesigen Mingəçevir-Stausee in Aserbaidschan im Hintergrund ist überwältigend.
Ich bleibe noch einen weiteren Tag in Dedopliszqaro. Es ist eine Begegnung, die meinen persönlichen Wahlspruch wieder einmal eindrucksvoll bestätigt: Alle Menschen auf dieser Erde können problemlos miteinander Freunde sein – solange keine machthungrigen Politiker und fanatischen Ideologen dazwischenfunken.
Das Schlammloch am Elia-Kloster
Zum Abschied will ich mit »Mr.Nero« noch einen kleinen, vermeintlich entspannten Abstecher in die unmittelbare Umgebung machen. Das Ziel: das berühmte Elia-Kloster. Die Kapelle des Propheten Elias klebt wie ein Schwalbennest auf halber Höhe mitten in einer steilen, doppelgipfligen Kalksteinklippe im nackten Fels – ein absoluter Traum für jeden Fotografen.
Die Faktenlage ist eigentlich simpel: Es führt eine gut befahrbare, breite Schotterstraße von Dedopliszqaro direkt an den Fuß des Berges und von dort geschmeidig hinauf bis kurz unter die Anlage. Für einen allradgetriebenen Transit wie »Mr.Nero« ist das im Grunde ein entspannter Sonntagsausflug. Eigentlich. Wenn da nicht das digitale Navigationssystem im Cockpit gewesen wäre. Google Maps wittert eine vermeintliche Abkürzung und zwingt mich mit seinen Ansagen geradezu vehement auf einen schmalen Feldweg.
Anfänglich funktioniert das auch ganz passabel, bis die Piste plötzlich von einem handfesten, tiefen Schlammloch blockiert wird. Es gibt allerdings zwei schmale, erhöht liegende Trockenspuren. In einem klassischen Anflug von kaukasischer Selbstüberschätzung Marke „Das passt schon!“ fahre ich weiter. Ich zirkuliere auf den trockenen Graten – und rutsche dann doch langsam mit den Hinterreifen exakt in die schlammige Tiefe.
Festgefahren. Ausgerechnet im klebrigen Steppenmatsch.
Ich besitze von diesem Malheur ein lückenloses Video, da ich an »Mr.Nero« sowohl vorne als auch hinten feste Fahrkameras installiert habe. Dieses Videomaterial musste im Nachgang allerdings einer brachialen Zensur unterzogen werden. Hätte ich die Tonspur im Original belassen, hätten meine lautstarken emotionalen Eruptionen, die ich sprachlich zwar einwandfrei artikuliert, aber in beachtlicher Lautstärke in die Landschaft gegrölt habe, meinen Ruf als seriöser Storyteller auf Lebenszeit ruiniert.
»Mr.Nero« hatte hinten mit dem unter dem Boden montierten Abwassertank voll auf dem Matschrand aufgesetzt. Um überhaupt wieder Grip zu bekommen, musste ich das Heck entlasten: Also mutig zurücksetzen, die Vorderräder ebenfalls bewusst ins Schlammloch einsinken lassen, damit das Fahrzeug wieder so einigermaßen waagerecht steht, die Differenzialsperre rein und Gas.
Und was soll ich sagen? »Mr.Nero« hat bewiesen, was in ihm steckt. Mit roher Allradgewalt hat er seine 3,9 Tonnen Lebendgewicht eigenhändig aus dem Schlamm gezogen. Ich war verdammt stolz auf den noch Dickeren!
Kaputtgegangen ist glücklicherweise nichts, aber am Unterboden und an sämtlichen Achsteilen klebten gefühlt kiloweise zäher Matsch. Ein paar Meter weiter mündet der Feldweg – wie sollte es anders sein – wieder auf der regulären Schotterstraße. Auf dieser fahre ich die restlichen Höhenmeter hinauf, bis ich kurz vor der Kapelle stehe.
Doch das kaukasische Schicksal hat noch einen letzten Lacher parat: Under Construction heißt auch in Georgien schlicht und ergreifend Baustelle. Bauzäune, Absperrgitter, wild aufgestapeltes Baumaterial und kein Durchkommen zur Felsenkapelle. Das ganze Schlammloch-Drama für absolut gar nichts. Ich schieße ein paar schnelle Belegfoto, um zu beweisen, dass ich zumindest physisch oben war, und trete den Rückweg an. Diesmal wähle ich natürlich konsequent die Schotterstraße. Eigentlich hätte mich das Navigationssystem ja wieder auf den Feldweg jagen müssen. Hat es aber nicht. Vielleicht hat Google Maps ja aus meinen Flüchen im Cockpit gelernt.
Kachetien
Auf der Suche nach der Wiege des Weins (ohne ihn zu trinken)
Aus dem Osten Georgiens rollt »Mr.Nero« nun gemächlich zurück in Richtung Kachetien. Wohin man auch blickt: Reben über Reben, alle brav nach französischer Art in Spaliererziehung angebunden. Da ich nun mal ein kulturinteressierter Mensch bin, dachte ich naiverweise, man könnte hier einfach mal auf ein Weingut fahren, um etwas über das uralte Wein-Handwerk zu erfahren. Doch weit gefehlt. In der Wiege des Weinbaus läuft absolut gar nichts ohne Tasting oder Kaufing. Das macht es mir als einem – den gesundheitlichen Umständen geschuldeten – Antialkoholiker verdammt schwer. Die Güter hier haben alle den Charakter kleinerer Chateaus und verdienen anscheinend exzellent an ihrer „flüssigen“ Kundschaft, denn die dazugehörigen Gärten sind überwiegend schöne und teilweise auch exklusive Parkanlagen. Schöne Kulisse, aber für einen Soloreisenden auf Kaffeebasis eine recht zähe Angelegenheit.
Mitten in diesem Rebenmeer geht es irgendwann steil die Hügel hinauf – und schon stehe ich in Sighnaghi.
Die Tourismus-Strategen nennen es pathetisch die „Stadt der Liebe“. Warum? Nun, wahrscheinlich, weil man im hiesigen Standesamt rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag, ohne Voranmeldung heiraten kann. Ein Traum für Kurzentschlossene und ein Albtraum für alle, die am nächsten Morgen nüchtern aufwachen. Bekannt ist der Ort zudem für seine angeblich längste Stadtmauer der Welt (nach der chinesischen, versteht sich), von der man im echten Leben allerdings nur ein handtuchbreites Stück von 100 bis 200 Metern tatsächlich begehen kann.
Ich quetsche »Mr.Nero« durch die engen Altstadtstraßen, vorbei an den unvermeidlichen Souvenirständen, navigiere durch das historische Stadttor und stelle den 3,9-Tonner schließlich auf dem Platz neben der Dodashvili-Statue ab. Solomon Dodashvili war übrigens ein georgischer Philosoph und Aufklärer des 19. Jahrhunderts, der sich intensiv mit Logik beschäftigte – ein Thema, das in der georgischen Verkehrsführung, wie ich leider immer wieder feststellen muss, doch eher vernachlässigt wird.
Noch bevor ich mich im Cockpit überhaupt besichtigungsfähig gemacht habe, schleicht draußen schon ein Minibusfahrer um den Camper herum. Ich mache das Fenster runter und flöte mein freundlichstes „Gamarjoba“ heraus – eines von genau zwei Worten, die ich auf Georgisch unfallfrei beherrsche (das zweite ist „Madloba“ und bedeutet danke!).
Und siehe da: Postwendend schallt es auf Deutsch zurück.
Der gute Mann hat jahrelang für eine Spedition im Raum Düsseldorf gearbeitet. Ein halbes Jahr am Rhein, ein halbes Jahr in der kaukasischen Heimat. Dafür fühlt er sich jetzt zu alt und kutschiert stattdessen Touristen im Mercedes Sprinter durch die Berge. Er lobt Deutschland in den höchsten Tönen. Und weil ich gerade dabei bin das soeben gekaufte Puri-Brot noch zu verstauen, sprechen wir unter anderem auch übers Brot. Besonders vermisse er die deutsche Brotvielfalt. In Georgien gäbe es schließlich immer nur das gleiche, gummiartige Weizenbrot. Von so etwas wie echtem Schwarzbrot hätten sie hier noch nie etwas gehört.
Dem Mann kann geholfen werden.
Haltbares Schwarzbrot gehört schließlich seit den frühen 80er-Jahren zum eisernen Standardproviant in all meinen Wohnmobilen. Ich krame also ein sattes Pfund echtes Schwarzbrot aus meinen Vorräten und überreiche es ihm feierlich. Erst will er es aus purer Höflichkeit nicht annehmen, aber ich wende die bewährte türkische Haselnuss-Taktik an und bestehe unnachgiebig darauf. Er bedankt sich überschwänglich. Im Laufe des Tages sehen wir uns in dem kleinen Nest noch ein paar Mal, und jedes Mal winkt er mir zu und ich werde mit einem überschwänglichen Hupkonzert gegrüßt. Seine geladenen chinesischen Touristen halten das offenbar für einen landestypischen Brauch und winken alle begeistert mit aus den Fenstern.
Irgendwann zieht es mich zu einer Panoramastraße, die den spektakulärsten Blick auf den Ort, die Mauer und die schneebedeckten Kaukasus-Gipfel im Hintergrund bietet. Wie so oft verstecken sich die hohen Gipfel aber auch heute mal wieder unter den Wolken.
Egal, ich lasse mich in einem der kleinen Cafés nieder, die hier recht abenteuerlich in die Schräge des Hangs gebaut wurden, und bestelle mein Markenzeichen: das klassische Ensemble aus einem Kaffee und einem Wasser, dazu ein gefülltes Hörnchen. Die ältere Dame im Service spricht ein perfektes, fast aristokratisches Englisch. Hier ist man komplett auf den internationalen Tagestourismus aus Tiflis eingestellt. Ich mache ein paar exzellente Fotos und ziehe von dannen.
Nächster Stopp: Das unweit gelegene Kloster Bodbe.
Hier ruhen die Gebeine der heiligen Nino, jener Dame, die Georgien im 4. Jahrhundert das Christentum brachte – Mzcheta lässt grüßen. Heute ist Bodbe ein durchoptimiertes spirituelles Großprojekt. Alles neu, alles fein. Es gibt eine hocheffiziente Klostergärtnerei, ein riesiges Klosterrestaurant und einen absolut bus-tauglichen Großparkplatz. Die Parkanlagen rund um das Kloster sind so akkurat gestutzt, dass sich selbst ein englischer Schlossgärtner ehrfürchtig verneigen würde.
Dass hier heute alles so makellos funkelt, grenzt an ein Wunder, wenn man sich die handfeste Geschmacklosigkeit vor Augen führt, die sich die sowjetischen Machthaber hier im letzten Jahrhundert geleistet haben. Nach der Zwangs-Säkularisierung machten die Bolschewiken kurzen Prozess mit dem Heiligtum: Das Kloster wurde kurzerhand geplündert, die Nonnen vertrieben und die gesamte Anlage in ein profanes sowjetisches Krankenhaus umgewandelt. Schlimmer noch: Die wunderschöne, jahrhundertealte Klosterkirche wurde entweiht und diente den Ärzten und Patienten jahrzehntelang als Entbindungsklinik und Sanatorium. Wo heute andächtig Kerzen angezündet werden, herrschte einst der herbe Geruch von Desinfektionsmitteln und sowjetischer Mangelwirtschaft. Erst nach dem Zusammenbruch der UdSSR kehrten die Nonnen zurück, krempelten die Ärmel hoch und verwandelten das einstige Kreiskrankenhaus wieder in dieses spirituelle Schmuckkästchen – inklusive des perfekt getrimmten Rasens.
Als Nachtlager habe ich mir die Lost Ridge Horse Ranch ausgesucht, die etwas fummelig in der Nähe des Klosters zu finden ist.
Ein wunderschöner, absolut ruhiger Ort mit angeschlossenem Restaurant-Café und einem traumhaften Garten. Das Prinzip ist denkbar simpel: Geht man im Restaurant essen, ist der Stellplatz für den Camper umsonst. Ein hervorragender Deal. Das Personal spricht fließend Englisch und ist von einer fast rührenden Herzlichkeit.
Zur ländlichen Idylle gehört hier allerdings auch, dass so ein freilaufender Hottemax seine Nase auch mal direkt durch die Schiebetür in den Camper steckt. Pferd will schließlich auch wissen, was der Ausländer da so alles mit sich rumschleppt.
Das Abendessen wird draußen serviert, an einem Tisch mit grandioser Aussicht. Es gibt Shkmeruli (Hähnchen in einer mörderischen Knoblauch-Milch-Sauce) und frittierten, mit Käse überbackenen Brokkoli, dazu selbstgemachte und gut gewürzte Wedges. Vorzüglich!
Dass ich keinen Alkohol trinke, wirft hier niemanden aus der Bahn; man serviert mir einfach einen frisch gepressten, kühlen Orangensaft.
Die Krönung folgt beim Nachtisch, der aufs Haus geht: ein hausgemachter Zitronenkuchen, der mit unserem trockenen deutschen Rührkuchen glücklicherweise nichts gemein hat, dazu selbstgemachtes Eis. Da ich der Managerin vorab von meiner Nussallergie erzählt hatte, passiert etwas Großartiges: Sie kommt plötzlich an den Tisch geschossen, nimmt mir die Eisschale konsequent wieder weg und bringt kurz darauf eine neue Portion mit reinem Schokoladeneis. Sie entschuldigt sich vielmals – die Bedienung hätte gepennt und mir fälschlicherweise Pistazieneis hingestellt. Und das seien schließlich auch Nüsse. Toller Service, stilvolles Ambiente, ehrliches Handwerk!
Zwischen den Momenten
Die gastronomische Höchststrafe
Der Einzelgast
Es gibt Momente im Leben eines Soloreisenden, da verlangt der Magen nach etwas Besserem als einer hastig zubereiteten Mahlzeit in der Camper-Küche. Man sehnt sich nach Kultur, nach Tischdecke, nach Gastlichkeit.
Um eines gleich vorwegzunehmen: Ich rede hier nicht von der klassischen kulinarischen Neppfalle, wo an den touristischen Hotspots laminierte Speisekarten in acht Sprachen ungenießbares Essen zu Fantasiepreisen anpreisen. Wenn ich die Schiebetür von »Mr.Nero« hinter mir lasse, suche ich mir ganz bewusst eine Restauration mit etwas Stil, Charakter und authentischer Atmosphäre. Also mache ich mich kurz frisch, betrete ein solches Etablissement und spreche den verhängnisvollen Satz gelassen aus: „Guten Abend, ich bin allein. Haben Sie einen Tisch für mich?“
Wer diesen Satz in Deutschland ausspricht, löst beim Servicepersonal augenblicklich eine mittelschwere Existenzkrise aus. Man sieht es in ihren Augen flattern: Das nackte, betriebswirtschaftliche Entsetzen. Ein Einzelgast! Ein wandelnder Umsatzverlust! Eine Person blockiert einen Tisch, an dem man rein rechnerisch auch eine vierköpfige Familie hätte platzieren können, die sich bis zum Nachtisch durch die Karte frisst.
Die Konsequenz? Die Zuweisung des gastronomischen Schandflecks.
Ich werde zielsicher an jene Tische bugsiert, die eigentlich gar keine Tische sind, sondern architektonische Verlegenheitslösungen. Willkommen am Einzeltisch direkt neben der Garderobe, wo einem im Minutentakt die Mäntel der späten Gäste ins Gesicht klatschen. Oder der Logenplatz an der Schwingtür zur Küche, wo man olfaktorisch schon am Vorab-Dunst der Fritteuse teilhaben darf. Mein persönlicher Favorit bleibt jedoch der Tisch mit direktem, unverbauten Blick auf die Toilettentür.
Essen und Kommunikation gehören zusammen, sie sind ein soziales Gesamtkunstwerk. Wenn ich nun ohnehin schon allein am Tisch sitze – was an sich schon eine stillere Angelegenheit ist –, brauche ich nicht auch noch das Ambiente einer Bahnhofshalle, um die kulinarische Depression zu vollenden. In Deutschland gilt der Sologast allzu oft als Mängelwesen, das man schnell abfertigen muss, bevor es den Schnitt versaut.
Umso erstaunlicher ist das, was passiert, sobald man die Landesgrenzen hinter sich lässt.
Kaum bin ich auf Reisen, scheint sich das betriebswirtschaftliche Gesetz der Gastronomie auf magische Weise umzukehren. Egal ob in Frankreich, Spanien oder jetzt hier in der rauen Weite des Kaukasus, wie heute auf der Lost Ridge Horse Ranch: Als Einzelperson werde ich nicht wie ein Aussätziger behandelt, sondern wie ein geschätzter Gast. Ich bekomme wie selbstverständlich einen schönen Tisch, werde hervorragend bedient und mit derselben Höflichkeit und demselben Respekt umsorgt wie die Großfamilie und die Pärchen an den Nebentischen.
Warum ist das im Ausland anders? Und warum fühle ich mich dort als Reisender plötzlich rundum zufrieden beim Abendessen?
Vielleicht liegt es daran, dass Gastfreundschaft in vielen Kulturen noch als das verstanden wird, was das Wort eigentlich besagt: die Freundschaft zum Gast – unabhängig von dessen Multiplikationsfaktor auf der Rechnung. Im Ausland spürt man oft ein tiefes, fast instinktives Verständnis für den Reisenden. Man sieht den Gast, der allein kommt, und denkt sich nicht: „Ach Herrje, wieder so ein Typ der uns den Umsatz blockiert“, sondern: „Der Mann ist unterwegs, sorgen wir dafür, dass er sich bei uns zu Hause fühlt und schaffen wir eine Atmosphäre der menschlichen Verbundenheit.“
Es ist eine Frage der Ehre für die Küche und den Service. Dem Kellner in Tiflis oder in einem kleinen französischen Bistro ist es schlicht peinlich, jemanden an einen Verlegenheitstisch zu setzen. Es widerspricht einfach deren Berufsethos.
Die Ironie an der Geschichte: Durch diese unaufgeregte, herzliche Wertschätzung verliert das Alleinessen im Restaurant im Ausland komplett seine Schrecken. Es ist plötzlich keine stille Foodvernichtung mehr, sondern ein Privileg. Ich sitze an einem schönen Platz, beobachte das Treiben, genieße ein Getränk oder den Lungo und stelle fest: Ich bin zwar allein am Tisch, aber ich bin trotzdem mittendrin.
Zurück in der Heimat werde ich beim nächsten Restaurantbesuch vermutlich wieder den Wind der Küchenschwingtür im Nacken spüren. Aber bis dahin genieße ich einfach die georgische Gast-Freundschaft.
Das Diesel-Drama
Die Jagd nach den Partikeln
Am nächsten Morgen holt mich die moderne Automobiltechnik unbarmherzig ein. »Mr.Nero« verfügt über einen hochmodernen Dieselmotor, der nach den strengen Abgasnormen der EU konstruiert wurde. Das bedeutet im Klartext: Er braucht extrem schwefelarmen Dieselkraftstoff (unter 10 ppm Schwefel), damit das feine Zusammenspiel aus Filtern und AdBlue nicht kollabiert.
Außerhalb der EU ist das jedoch ein echtes Glücksspiel. Der Großteil der hiesigen Fahrzeuge hat noch ältere Motoren, und die schlucken klaglos Diesel, der so viel Schwefel enthält, dass man damit wahrscheinlich auch Zündhölzer produzieren könnte. Tanke ich dieses Zeug, steht »Mr.Nero« nach 60 bis 70 Kilometern mit verstopftem Dieselpartikelfilter unwiderruflich still. Ersatzteile im Kaukasus? Viel Vergnügen.
Man muss also akribisch bei den großen Markenherstellern tanken, in der Hoffnung, dass dort der „gute Stoff“ vertrieben wird. Meine zwei im Internet mühsam herausgesuchten Gulf-Tankstellen erweisen sich jedoch als absolute Luftnummern. Und so stehe ich plötzlich, völlig ungeplant, mitten in Telawi. Wollte ich hierhin? Nein. Musste ich hierhin? Ja – denn nur hier gab es den sauberen Saft für meinen Motor. Wenn man schon mal unfreiwillig da ist, wird eben umgeplant.
Die Zwillingsbrüder von Napareuli und die unbarmherzige Sonne
Mein nächstes Ziel ist das „Twins Old Cellar“ Weinmuseum im kleinen Ort Napareuli. Nach Studium des Reiseführers haben die Zwillingsbrüder Gia und Gela dort ein Museum rund um den traditionellen Kvevri-Ausbau errichtet. Das ist die Form des Wein machens, der in Georgien seit bereits 8000 Jahren betrieben wird und der sich mal mehr oder weniger deutlich von der europäischen Vinifikation unterscheidet. Man nehme riesige Tonamphoren und vergrabe sie im Boden. Schütte, einfach gesagt, die Weitrauben da rein, mache einen Deckel drauf und lasse die Natur mal machen. Im Museum haben sie diese Dinger aufgeschnitten und mit Glas versehen, sodass man die Gärung der Traubenschalen und Kerne visuell perfekt nachvollziehen kann. Reine Handwerksgeschichte ohne den typischen Verkostungszwang – dachte ich zumindest.
Ich rolle also als interessierter Soloreisender auf den Hof. Der Mensch am Empfang starrt mich an, als wäre ich gerade aus einer fliegenden Untertasse gestiegen. „Wie, allein? Keine Gruppe? Keine Weinprobe? Warum sind Sie überhaupt hier?“
Allein bei der Frage geht mir innerlich schon der Hut hoch. Ich dachte eigentlich, das hier sei ein musealer Betrieb. Man bittet mich, zu warten. Ich stehe also in der prallen kaukasischen Sonne und warte. Und warte. Und warte.
Inzwischen trifft eine Ladung junger Damen ein, die im neu angebauten Hotelbetrieb einchecken wollen. Mein Ansprechpartner vergisst mich augenblicklich und kümmert sich stattdessen lächerlich rührend um die junge, weibliche Teenie-Gruppe. Nach einer gefühlten Ewigkeit in der Hitze habe ich endgültig die Nase voll. Umdrehen, Motor an, Gang rein. »Mr.Nero« hat zum Glück vier Räder und reichlich Pferdestärken, um genau solchen Ignoranten den Auspuff zu zeigen. Mein Geld hat dieses private Museum schlicht nicht verdient.
Zu Gast beim Kvevri-Meister
Neuer Tag, neues Glück, dieselbe Absicht. Ich fahre nach Vardisubani zur Werkstatt von Zaza Kbilashvili, einem der letzten echten Meister der Kvevri-Herstellung. Der wird ja wohl nicht nur zeigen können, wie man die Tonamphoren macht, sondern auch wie man sie benutzt. Als ich ankomme, ist noch überhaupt nichts los, aber kurz darauf biegt eine Reisegruppe englischer Senioren um die Ecke, die einen englischsprachigen Guide im Schlepptau haben. Ich darf mich auf Nachfrage gerne anschließen.
Das Handwerk ist faszinierend: Eine Methodik, die seit Jahrtausenden nahezu unverändert geblieben ist. Die riesigen Tongefäße werden komplett in Handarbeit aufgebaut. Jeden Tag können nur ein paar Zentimeter Ton auf den Rand aufgetragen werden, da das Ganze sonst unter seinem eigenen Gewicht in sich zusammenbrechen würde. Die Herstellung inklusive des anschließenden Brennens im großen Ofen dauert fast ein ganzes Jahr. Die Prachtexemplare, die hier gerade in der Werkstatt halbfertig stehen, haben zum Schluss ein Fassungsvermögen von 3.000 Litern und gehen nach Spanien. Die Einheimischen nutzen meist die 1.500-Liter-Variante. Wenn sie penibel sauber gehalten werden, hält so ein Tongefäß locker 100 Jahre.
Der eigentliche Clou an der Methode ist das Einbuddeln in die Erde. Dadurch herrscht im Inneren der Amphore das ganze Jahr über eine völlig konstante, natürliche Kellertemperatur. Der Ton erlaubt zudem einen minimalen, perfekten Sauerstoffaustausch mit dem umgebenden Erdboden. Das stabilisiert die Gärung auf natürliche Weise, ganz ohne künstliche Kühlung oder chemische Zusätze. Zaza, der Meister, übergibt danach die weitere Führung an seine Mutter, die weitere Herstellungsdetails zum Brennofen preisgibt und zu Recht mit Stolz feststellt, dass ihre Familie bereits in fünfter Generation Kvevris in Handarbeit herstellt.
Kaum ist der informative Teil vorbei, bittet die geschäftstüchtige „Mutti“ des Betriebs die englische Reisegruppe auch schon zum obligatorischen Tasting. Damit hätte ich jetzt in einem Handwerksbetrieb nicht gerechnet. Ob ich will oder nicht, ich muss mit, obwohl ich deutlich mache, dass ich daran nicht teilnehme und erst recht keinen Alkohol trinken werde. Egal! Es gibt Rot- und Weißwein nach der traditionellen Kvevri-Methode. Ich mache mir ernsthafte Sorgen um die britischen Herrschaften, die allesamt mindestens in der achten Dekade ihres Lebens stehen. Als „Mutti“ dann auch noch den Chacha – den georgischen Tresterschnaps mit gefühlten 60 Prozent Sehkraftverlust – auffährt und die Senioren mit epischen georgischen Trinksprüchen einstimmt, befürchte ich den totalen Systemausfall der Reisegruppe. Aber die Weinseligkeit hat Methode: Schließlich will man nebenbei - siehe da - noch so viele Flaschen wie möglich aus dem eigenen kleinen Weingut verkaufen.
Ich nutze die Zeit, um die chemischen Geheimnisse dieser Weinbereitung zu ergründen. Im Gegensatz zu Europa, wo für Weißwein nur der gepresste Saft vergoren wird, werfen die Georgier bei der Kvevri-Methode die gesamte Maische – also Saft, Schalen, Stängel und Kerne – in die Amphore. Daher kommt auch die faszinierende, dunkle Bernstein- oder Amberfarbe des Weißweins. Bei den modernen, intelligenten Betrieben wird das heute genau gesteuert: Der Wein bleibt meist ein paar Monate auf der Maische, bis er im Frühjahr vorsichtig in ein anderes, sauberes Kvevri umgezogen wird. Lässt man das Zeug – besonders beim Rotwein – nämlich inklusive des ganzen Grünschnitts zu lange unkontrolliert gären, entsteht ein extrem gerbstoffhaltiger, tanninstarker Rachenputzer, der jegliche geschmackliche Tiefe und auch seine Farbe verliert. Wenn man Pech hat, wird er letztendlich so bitter, dass man ihn nur noch wegschütten kann. Wichtig ist in jedem Fall auch, dass nur makellose Trauben ohne Schimmel oder andere Ausfälle in den Kvevri kommen. Sonst kippt das Ganze schon kurz nach dem Ansatz und wird aufgrund der Rohfäule zur ungenießbaren Brühe, die nur noch entsorgt werden kann.
Inzwischen läuft das Geschäft mit der Weinseligkeit jedenfalls wie geschmiert. Auch wenn ich Müdigkeitserscheinungen in der Gruppe feststelle und der Guide mehrfach zum Aufbruch mahnt, gehen immer noch Kaufweine über den Tisch. Zum Schluss wendet sich die geschäftstüchtige „Mutti“ des Betriebs auch unbarmherzig an mich. Sie knöpft mir kurzerhand 50 Lari (knapp 18 Euro) ab – wohlgemerkt dafür, dass ich weder etwas gegessen noch getrunken habe, sondern lediglich ein paar Fotos geschossen habe. Respekt, Frau Mutter, das nenne ich kaukasisches Unternehmertum.
Die Baustellen-Tournee
Zum Abschluss des Kachetien-Ausflugs stehen noch zwei architektonische Highlights auf dem Zettel. Zuerst das Iqalto-Kloster. Hier befand sich im Mittelalter eine berühmte Akademie, an der die Mönche den Weinbau bereits als echte Wissenschaft betrieben haben. Auf dem Gelände liegen noch die malerischen Ruinen der alten Kelterei (Marani) mit unzähligen, im Boden eingelassenen Kvevris.
Soweit die Theorie. In der Praxis empfängt mich ein riesiger Bagger direkt im Eingangsbereich, und das Kloster ist komplett eingerüstet. Ich mache ein schnelles Belegfoto für das Archiv und ziehe weiter.
Nächste Station: Das monumentale Alaverdi-Kloster. Und – wer hätte es gedacht – auch hier grüßt mich ein mächtiges Baugerüst. Die Mönche betreiben seit dem 11. Jahrhundert ihren eigenen historischen Klosterkeller und haben die Kvevri-Tradition quasi im Alleingang gerettet, aber der Denkmalschutz macht mir heute einen Strich durch die Rechnung.
Dass heutzutage in Georgien nur noch etwa 10 Prozent der Weine im traditionellen Kvevri-Verfahren und die restlichen 90 Prozent im europäischen Standardverfahren hergestellt werden, ist übrigens ein direktes Erbe der Sowjetzeit. Die Planwirtschaft der UdSSR war voll und ganz auf gigantische Volumina und kompromisslose Effizienz getrimmt. Die langsame, handarbeitsintensive und unberechenbare Reifung am Tonboden widersprach dieser Ideologie zutiefst. Die Winzer wurden enteignet, und statt der alten Amphoren stampfte man industrielle Großkellereien mit Stahltanks, Betonbecken und riesigen Holzfässern aus dem Boden. Das machte den Prozess zwar berechenbar, löschte aber die lokalen Nuancen fast vollständig aus.
Die Tradition drohte komplett in Vergessenheit zu geraten. Es kam so weit, dass einige der antiken, im Boden vergrabenen Riesengefäße von den Kolchosen zweckentfremdet wurden, um darin profanen Dieselkraftstoff zu lagern. Dass die Kunst der Kvevri-Weinherstellung diese Epoche überhaupt überlebt hat, ist maßgeblich dem sturen Willen der Alaverdi-Mönche zu verdanken.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion setzte eine fulminante Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln ein. Heute ist der Kvevri-Wein das stolze Aushängeschild der georgischen Kultur und wurde 2013 von der UNESCO völlig zu Recht als immaterielles Weltkulturerbe ausgezeichnet. Der Anteil der Kvevri Weine nimmt, wenn auch langsam, immer mehr zu und auch europäische Winzer versuchen sich vermehrt an der Weinherstellung im Kvevri.
Aber wie heldenhaft die Mönche die Tradition auch über die Jahrhunderte gerettet haben mögen: Nach der dritten eingerüsteten Kirche in Folge habe ich jetzt endgültig keine Lust mehr auf Sakralbauten. Wenn man ganz ehrlich ist, sehen die Klöster und orthodoxen Kirchen irgendwann auch alle verteufelt ähnlich aus.
Ich werfe den Motor an. Südlich des Alasani-Flusses habe ich die Landschaft Kachetiens nun ausgiebig abgearbeitet. Jetzt führt mich der Weg wieder ein ganzes Stück nach Osten, direkt an die aserbaidschanische Grenze in den Lagodechi-Nationalpark. Von dort aus werde ich die nördliche Seite des Alasani-Tals in Augenschein nehmen.
Wehrhafte Klöster und mörderische Steigungen
Die kaukasische Berg-Anarchie
Ein Halleluja an der Grenze und zwei Kalaschnikows zum Empfang
Wer die absolute Entschleunigung sucht, muss manchmal dorthin fahren, wo die Zivilisation nur noch ein vages Gerücht ist. Auf dem Weg zum Lagodechi-Nationalpark – der so unverschämt nah an der aserbaidschanischen Grenze liegt, dass man den Kaffee von der anderen Seite fast riechen kann – wird die Kulturlandschaft im Sekundentakt immer rustikaler. In Lagodechi selbst spürt man an jeder Hauswand und jeder Geschäftsecke diesen ganz speziellen, irritierenden Grenznähe-Charme.
Ich navigiere »Mr.Nero« mutig in Richtung des Camps, wo die Nationalparkverwaltung ihr kleines Büro betreiben soll. Unterwegs mutieren die Feldwege zu tief ausgewaschenen Furchen, garniert mit reichlich Steinen und Felsbrocken. Gerade als ich mich ernsthaft frage, ob ich nicht auf dem direkten Weg in eine Sackgasse bin und wenden will, stehe ich vor einem Grenzwarnschild. Einem Schild, das von Einschüssen unterschiedlichster Kaliber so durchsiebt ist, dass man es jetzt auch als Nudelsieb hernehmen könnte. Halleluja! Willkommen im Abenteuer.
Und was mache ich? Ich ziehe es durch und fahre trotzdem weiter. Und siehe da, der Weg wird letztlich besser und hinter einer durch massive Holzpfosten markierten Einfahrt taucht das Miniatur-Verwaltungsgebäude auf. Auf einer Bank davor erwartet mich ein Empfangskomitee, das optisch eher zur sofortigen Flucht animiert als zum Verweilen.
Drei Figuren: Zwei georgische Grenzsoldaten, lässig bewaffnet mit einer AKS-74U – jener kompakten Kalaschnikow mit Metallklappschaft, die im Nahkampf keine Fragen offenlässt – und ein Mitarbeiter der Parkverwaltung. Ich werde sofort einer gründlichen Passkontrolle unterzogen. Ein ausländischer Soloreisender im tiefen Unterholz, zweihundert Meter vor der Grenze zu Aserbaidschan, ist für die Herren im Tarnanzug natürlich hochgradig suspekt. Wahrscheinlich rettet mich am Ende die Natur: Es zieht ein apokalyptisches Gewitter auf. Ein Unwetter von solcher Heftigkeit, dass ich im Camper freiwillig die Verdunkelung zuziehe, um das grelle Blitzgewitter auszublenden.
Ich bleibe zwei Tage an diesem Ort. Inzwischen hat auch der Chef der Nationalparkverwaltung zurückgerufen, und ein Mitarbeiter reicht mir das Telefon. Ich erzähle meine Geschichte – wie ich hierhergekommen bin und was ich so treibe –, woraufhin mir der Chef spontan kostenlosen Aufenthalt gewährt, solange ich möchte.
Ich arbeite derweil digitale Dinge auf, bringe meine Knie wieder auf Werkseinstellung und genieße die bizarre Ruhe in der absoluten Natur. Regelmäßig schauen Grenzer und Parkmitarbeiter vorbei, die von der Verwaltung pflichtbewusst über den deutschen Gast informiert wurden. Allein zweimal brachten sie mir dabei ein Eis am Stiel vorbei – wohl, damit ich keine langen Zähne bekomme, wenn sie vor »Mr.Nero« sitzen und Pause machen. Oder wie die Langzeit-Freizeitgestaltung während des Dienstes hier auch immer heißen mag!
Es ist ein wunderbar entspannter Austausch – der allerdings höchst telepathisch abläuft. Keiner der Herren spricht auch nur ein einziges Wort einer mir geläufigen Fremdsprache. Aber man versteht sich im Kaukasus eben auch wunderbar mit Gesten und notfalls auch mit kollektivem Schweigen.
Mörderische Pisten, australische Therapeuten und eine unterlassene Festung
Nach diesem Exkurs tuckere ich langsam zurück nach Westen. Erster Stopp: Der Ilia-See. Nun ja. Ein künstlich angelegter Stausee, dem jegliches Flair fehlt. Ein steriles Gewässer für das schnelle Urlaubsfoto. Aber dann reibt man sich die Augen und fragt sich: Wer hat denn da ein Pseudo-Schloss an den See gesetzt?
Am Ende des Sees steht ein Bauwerk, das mit aller Gewalt versucht, wie ein historisches Schloss zu wirken, dabei aber den Charme einer billigen Kulisse aus einem Freizeitpark versprüht. Ein Paradebeispiel für Kitsch im Kaukasus, das mir ein Schmunzeln entlockt.
Es handelt sich um das Kündzuli-Ensemble – ein Vorzeigeprojekt für die georgische Schickeria und die wohlhabende Elite aus Tiflis, gewürzt mit ein paar zahlungskräftigen russischen Resort-Gästen. Ein exklusiver Rückzugsort, an dem man unter sich bleibt und pompös Urlaub macht, während das normale georgische Landleben draußen vor den Toren stattfindet. Hubschrauberlandeplatz inklusive! Aber mal ehrlich: Wer Millionen für einen Hubschrauberlandeplatz übrig hat, hätte sich für seinen Kitsch wahrlich eine hübschere Kulisse aussuchen können, als diesen halbtrockenen Betonstausee. Ich werfe den Motor an – »Mr.Nero« und ich haben definitiv schon schönere Pfützen gesehen.
Also gleich weiter zur Nekresi-Kirche. Und die hat es in sich.
Nekresi ist nicht einfach nur ein Kloster, es ist ein architektonisches Highlight aus dem 4. Jahrhundert. Gegründet von Abibos, einem der dreizehn syrischen Väter. (Reiseführer: Die Dreizehn Syrischen Väter - auch assyrische Väter genannt - waren eine Gruppe von Wandermönchen aus Mesopotamien, die im 6. Jahrhundert nach Georgien kamen. Sie spielten eine entscheidende Rolle bei der Festigung und Verbreitung des Mönchtums und der Stärkung des Christentums im frühen mittelalterlichen Georgien).
Um die Touristen zu diesem historischen Adlernest hinaufzubringen, nutzt man hier alte, sichtlich lebensmüde kleine Mercedes-Busse. Die Anfahrt ist nicht bloß steil, sie ist mörderisch steil. Erster Gang und der Motor brüllt das Lied vom nahen Tod, und ich bin fest davon überzeugt, dass die Kiste auf halber Strecke verreckt und einfach rückwärts in den Abgrund rollt.
Oben angekommen, treffe ich bei der Besichtigung auf ein älteres australisches Ehepaar. Absolut faszinierende Leute, die im fortgeschrittenen Alter noch alles besichtigen, was die Weltkarte so hergibt. Ganz spontan laden sie mich nach Down Under ein; ich könne mir dort ja auch einen Camper mieten. Als ich bescheiden einwende, dass ich an einer ausgeprägten Flugangst leide, lächelt die Dame weise, drückt mir ihre Telefonnummer in die Hand, schmunzelt und sagt im besten Aussie-Englisch: "If you actually go ahead and book that flight, give me a buzz beforehand. We’ll have a good old yarn on the blower for an hour, and I bloody guarantee ya – your fear of flying will be dead and buried."
Die besten australischen Therapeuten trifft man eben nur auf kaukasischen Bergspitzen mit Kloster drauf.
Mit dieser überraschenden Dosis australischem Zweckoptimismus im Gepäck wende ich mich den alten Gemäuern zu. Und der steile Aufstieg hat sich wirklich gelohnt: Der Komplex ist ein faszinierendes Sammelsurium aus anderthalb Jahrtausenden Baugeschichte. Da steht die winzige, fast schon rührend unperfekte Ur-Basilika aus dem 4. Jahrhundert direkt neben der mächtigen Marienkirche, einem Bischofspalast und einem alten Weinkeller – denn man wusste eben auch im Mittelalter hoch oben auf dem Berg schon sehr genau, was gut ist.
Tritt man dann an die Kante der Klostermauer, verschlägt es einem vollends den Atem. Der Blick geht hunderte Meter tief hinab auf das schier endlose, grün leuchtende Alazani-Tal. Ein Panorama von dramatischer Schönheit.
Hexenverbrennungen gab es hier oben übrigens keine, dafür aber die wohl skurrilste Verteidigungsstrategie der georgischen Kirchengeschichte: Als muslimische Belagerer den Berg umzingelten und das Kloster aushungern wollten, griffen die Mönche zu einer theologisch eher unkonventionellen Allzweckwaffe. Sie schlachteten ihre Schweine und warfen die Kadaver den Belagerern den Hang entgegen. Die Angreifer – schockiert von so viel unreinem Fleisch auf dem Schlachtfeld – brachen die Belagerung angewidert ab und zogen von dannen.
Bis heute ist Nekresi deshalb der einzige Ort im christlichen Georgien, an dem man zu besonderen Anlässen Spanferkel opfert.
Pragmatismus schlägt Dogma – eine Grundtugend, die mir im Kaukasus ohnehin an jeder Ecke gefällt.
Anschließend geht es dann im ersten Gang und mit quietschenden Bremsen wieder bergab.
Beim Verlassen des Klosters kommt man unten, direkt am Fuß des Berges, am eleganten Weingut Nekresi Estate vorbei.
Man muss diese georgische Kultur-Tradition einfach bewundern: Was die Mönche oben auf dem Berg im Mittelalter noch als handfeste Seelsorge im Weinkeller deklarierten, wird hier unten heute nahtlos im modernen Edel-Gewand fortgeführt. Nur eben nicht mehr in düsteren Tonkrügen unter Kirchengewölben, sondern in durchgestylter Architektur, bei der man den gehobenen Gaumen schon von Weitem riecht.
Ein herrlicher Kontrast. Oben die jahrhundertealte und ehrwürdige Geschichte im rauen Fels – unten die polierte Gegenwart für den kultivierten Genuss. Gott und der Wein gehören im Kaukasus eben seit jeher unzertrennlich zusammen; man hat hier unten lediglich das Gemäuer und das Mobiliar ausgetauscht.
Nächster Halt: Gremi.
Die einstige Hauptstadt des Königreichs Kachetien. Im 16. Jahrhundert ein blühendes Handelszentrum an der Seidenstraße, bis der persische Schah Abbas I. im Jahr 1616 beschloss, die Stadt dem Erdboden gleichzumachen.
Übrig blieb im Grunde nur die malerische Erzengelkirche auf ihrem Felsen. Gremi erholte sich von diesem Schlag nie wieder, weshalb die kachetischen Könige ihre Hauptstadt Mitte des 17. Jahrhunderts ins benachbarte Telavi verlegten.
Ich mache ein paar Fotos von unten, spare mir den Aufstieg jedoch – mein Bedarf an mörderischen Höhenmetern ist für diesen Vormittag gedeckt.
Unten an der Sohle fließt beschaulich der kleine Fluss Insoba entlang. Hier hat man versucht, dem Uferbereich mit ein paar dekorativ im Boden versenkten Qvevris etwas weinkulturelles Leben einzuhauchen. Ein nett gemeinter Versuch, den verbliebenen Touristen unten am Parkplatz zu beweisen, dass hier einst reichlich Wein und Geld flossen. Ich belasse es bei einer kurzen Runde, nicke der Geschichte aus der Distanz höflich zu und ziehe weiter.
Der Sprung zur Georgischen Heerstraße
Cruisen im Alpen-Modus
Mit Gremi habe ich die Region Kachetien jetzt perfekt abgeschlossen. Um nun in Richtung Westen zur Georgischen Heerstraße zu gelangen, wähle ich die Route von Alaverdi über Achmeta vorbei am Sioni-Stausee in Richtung Tianeti. Ein landschaftlicher Traum, der mir zudem den stressigen und nervenaufreibenden Umweg über die staubigen Außenbezirke von Tiflis erspart.
Entgegen aller düsteren Prophezeiungen aus diversen Internetforen, die mir eine üble Schlagloch-Piste vorhersagten, präsentiert sich die Straße über die mittelhohen Pässe in einem fantastischen Zustand: Komplett neu asphaltiert, bester Grip, einsame Klasse. Ich fühle mich wie in den deutschen Alpen oder im Allgäuer Voralpenland. Reines Cruisen im Slow-Content-Modus.
Bei Schinwali biege ich schließlich direkt auf die Georgische Heerstraße ab. Das türkisblaue Wasser des Schinwali-Stausees ist ein dankbares Motiv: Ein türkisblauer Spiegel mitten in der Landschaft, der bei aufkommendem Gewitter ein fantastisches Licht abwirft. Ich halte mehrmals an, zücke die Kamera und fange das Spiel aus dunklen Wolken und leuchtendem Wasser ein.
Genau dort, wo der Aragwi-Fluss in den Stausee mündet – treffe ich schließlich auf das eigentliche Postkartenmotiv dieser Etappe: Die Festung Ananuri, die hier auf einem Felsvorsprung malerisch über dem Zusammenfluss und dem See thront.
Ananuri war im 17. Jahrhundert der herrschaftliche Sitz der Aragwi-Aristokraten – einer Adelsdynastie, die sich so herzhaft, gerissen und beispiellos durch die georgische Geschichte meuchelte, dass die Festungsmauern eigentlich auch heute noch ununterbrochen Blut schwitzen müssten. Ob Fehden unter Verwandten, niedergeknüppelte Bauernaufstände oder heimtückische Nachbarschaftsbesuche: Gewalt war hier kein Betriebsunfall, sondern die bevorzugte Form der Machtpolitik.
Jetzt, wo die ersten Gewitterwolken tief über den alten Wehrtürmen hängen, bekommt diese Kulisse genau die Düsterkeit, die ihre Geschichte verdient. Ein Perfect Match von Fotomotiv und dunklem Mittelalter.
Nach der Besichtigung rolle ich hinunter zum Seeufer. Dort stehen bereits vier andere Camper. Das untrügliche Zeichen: Ich bin nun offiziell auf der Hauptschlagader des Kaukasus angekommen. Ich parke »Mr.Nero« abends friedlich zwischen einheimischen Anglern und verbringe eine ruhige Nacht am Wasser, bevor am nächsten Tag die große fahrerische Geduldsprüfung ansteht.
Das farblose Wunder und die Demontage einer sowjetischen Propagandalüge
Die Georgische Heerstraße ist nicht irgendeine Passstraße – sie ist ein historisches Monument. Schon im Altertum von Strabon als mörderischer Bergpfad beschrieben, wurde sie im 19. Jahrhundert vom russischen Militär zur kriegstauglichen Chaussee ausgebaut, um den Kaukasus fest in das Zarenreich einzubinden.
Kurz hinter dem Ort Pasanauri wartet ein faszinierendes Naturphänomen, das werbewirksam direkt an der Straße angepriesen wird: Der Zusammenfluss des Weißen und des Schwarzen Aragwi. Die beiden Flüsse haben tatsächlich völlig unterschiedliche Färbungen und sollen – so das romantische Versprechen der Reiseführer – ein langes Stück sauber getrennt im selben Flussbett nebeneinanderher fließen. Nun, die Wirklichkeit ist wie immer etwas pragmatischer. Schon nach wenigen Metern vermischen sich die Ströme zu einem dezenten Einheitsgrau. Die Definition von „lang“ sollte im georgischen Tourismusverband wohl noch einmal grundlegend diskutiert werden.
Ab hier wird der Verkehr spürbar rauer. Schwer beladene Sattelschlepper aus Armenien, Kasachstan und Russland quetschen sich durch die engen Serpentinen – flankiert von einheimischen Minibussen, deren Fahrern jeglicher Begriff von der eigenen Sterblichkeit abhandengekommen zu sein scheint.
Zeit für eine Atempause.
Ich halte an einem Aussichtspunkt an, um ein paar Fotos vom Tal rund um Zemo Mleta zu machen. Die Aussicht von hier oben ist klasse, aber die wahre Entdeckung wartet gleich neben der Leitplanke: Ein Holzofen, auf dem ein rustikaler Samowar leise vor sich hin dampft.
Hier wird aber nicht nur kochend heißer Tee ausgeschenkt, sondern auch das kaukasische Allheilmittel gegen Unterzuckerung feilgeboten: Tschurtschchela. Das Zeug sieht auf den ersten Blick aus wie eine Ansammlung knorriger Würste, ist aber in Wahrheit die süße Allzweckwaffe der Region.
Die Herstellung folgt einer Prozedur, die irgendwo zwischen Kunsthandwerk und kulinarischem Langzeit-Projekt angesiedelt ist: Man fädelt Walnüsse auf eine Schnur, knotet das Ganze zusammen und tunkt die Nusskette locker acht- bis zehnmal in Pelamuschi – eine zähe, süßsaure Kuvertüre aus eingekochtem Traubensaft und Stärkemehl, wohlgemerkt ganz ohne Zuckerzusatz. Danach werden die Zöpfe monatelang in die Sonne gehängt, bis sich ein feiner Zuckerstaub nach außen arbeitet und das Ganze gummiartig aushärtet. Man kann auch andere Fruchtsäfte nehmen, wodurch sich dann die unterschiedlichsten Zopffarben ergeben.
Aber egal welcher Fruchtsaft: Das Ergebnis hat immer die Konsistenz eines kaukasischen Snickers und einen Kaloriengehalt, mit dem man vermutlich ohne Weiteres den gesamten Winter im Kaukasus überleben könnte. Ein Bissen, und man spürt augenblicklich, wie die Zähne leise protestieren, während der Blutzuckerspiegel eine Steilkurve hinlegt, die den Serpentinen hier draußen in nichts nachsteht.
Hinter dem Skiort Gudauri schraubt sich die Straße dann endgültig in alpine Höhen und lässt die Baumgrenze hinter sich. Gleichzeitig verabschiedet sich hier der normale Asphalt. Die Straße präsentiert sich in einem mörderisch schlechten Zustand: Tief ausgefahrene Spuren, komplett zerstörte Spitzkehren und an den Übergängen zu den Brücken klaffen Löcher, in denen man problemlos eine kaukasische Kleinfamilie bestatten könnte. Ich sehe mich im Geiste im Minutentakt einen meiner Reifen wechseln.
Als wäre der ruinöse Fahrbelag nicht schon Unterhaltung genug, verengt sich die Trasse immer wieder in desolate, rußgeschwärzte Steinschlaggalerien. Feuchtigkeit tropft von den Decken und die dunklen Betonröhren wirken, als hätte man sie seit dem Ableben Stalins nicht mehr gewartet.
Wenn sich mir auf der engen Fahrbahn in so einer finsteren Röhre ein wuchtiger, russischer Sattelschlepper entgegenwälzt, ziehe ich unwillkürlich den Bauch ein, halte das Lenkrad fest und hoffe einfach nur, dass der LKW-Fahrer im Gegenzug genauso viel Respekt vor den Ausmaßen seines Gefährts hat wie ich selbst.
Kurz vor dem höchsten Punkt – dem Kreuzpass – steht dann dieses monumentale, kreisrunde Beton-Denkmal aus den 1980er Jahren direkt am Abgrund: Das sogenannte „Denkmal der georgisch-russischen Freundschaft“. Die sowjetischen Mosaike im Inneren sind ein skurriles, farbenfrohes Stück sozialistischer Zeitgeschichte. Und auch wenn das eigentliche Highlight die Aussicht ist, hält sich mein Interesse in engen Grenzen.
Dieses Bauwerk hat nämlich einen extrem perfiden Hintergrund: Es wurde 1983 kurz vor dem Zerfall der Sowjetunion als gezielte Provokation gegenüber den aufstrebenden, nationalistischen Kräften in Georgien in den Fels betoniert. Es sollte die „ewige Freundschaft“ und gleichzeitig die ultimative Unterwerfung unter das Russische Reich zementieren. Nach all den blutigen Konflikten der jüngeren Vergangenheit, den russischen Einmärschen und der bis heute andauernden Besetzung abtrünniger georgischer Regionen wird dieses Betonmonster von den Einheimischen heute völlig zu Recht als Symbol für russischen Imperialismus angesehen. Freundschaft sieht jedenfalls anders aus.
Auf dem Kreuzpass
Wo die Toten die Geschichte diktieren
Dann erreiche ich den Kreuzpass selbst. Auf 2.400 Metern Höhe gibt es hier oben eigentlich nichts außer einem Schild, einem einsamen Kreuz und einem Friedhof für deutsche Kriegsgefangene. Er ist erstaunlich gut gepflegt. Ich stellte »Mr.Nero« ab und gehe hinauf.
Augenblicklich ergreift mich wieder diese ganz spezielle, bleierne Stimmung, die mich schon auf den deutschen Soldatenfriedhöfen in der Normandie oder der Bretagne überkommen hat. Diese absolute Fassungslosigkeit angesichts der Geburtsjahrgänge auf den Kreuzen. Hier, knapp 5000 Kilometer weit weg von der Heimat, liegen deutsche Kriegsgefangene. Junge Männer, die wohl bei der letzten großen, verzweifelten Schlacht bei Wladikawkas im Spätherbst 1942 in Gefangenschaft gerieten, danach beim mörderischen Ausbau dieser Passstraße schuften mussten und es nicht überlebt haben. Mein Vater hätte auch dabei sein können. Hier oder auch in der Normandie.
Gelbe Sinterterrassen und Krater im Asphalt
Die raue Abfahrt vom Kreuzpass
Hinter dem Kreuzpass geht es wieder steil bergab. Als Erstes erreicht man jene berühmten Terrassen, auf denen stark mineralhaltiges Wasser über den Hang läuft und im Laufe der Jahrtausende dicke, gelblich-orangefarbene Kalktuff-Terrassen (Travertin) gebildet hat. Wer hier allerdings in den Reiseführern von einer „Miniatur-Version von Pamukkale“ schwärmt, hat die echten, gewaltigen Sinterterrassen in der Türkei Anfang der 80er Jahre nie gesehen. Das hier ist die Pocket-Version für Kurzentschlossene, aber immerhin direkt an der Straße gelegen und nett zu fotografieren.
Die Heerstraße füllt sich zusehends, und die Gangart wird dynamischer. Statt mich von der allgemeinen Hektik und den ungeduldigen Hintermännern anstecken zu lassen, schalte ich auf sture stoische Ruhe. Mein Blick gilt primär der Straße vor mir, denn die reifenmordenden Krater im Asphalt verzeihen keine Unachtsamkeit. Hinter dem Pass öffnet sich schließlich das Tal, und der mächtige, eisgekrönte Kasbek kommt in Sicht – zumindest ansatzweise, denn der Riese hüllt sich majestätisch in dicke Wolken.
Der Kasbek, die Asien-Connection und der alte Leber-Zirkus
Wolkenlotto am Gergeti-Kloster
In Stepanzminda angekommen, lenke ich »Mr.Nero« sofort die steilen Serpentinen hinauf zum Gergeti-Kloster. Mit einem normalen Camper geht das gerade noch so, aber allzu breit sollte das Gefährt definitiv nicht sein. Nicht umsonst werden die normalen Touristen hier in kompakten, allradgetriebenen Isuzu- oder Mitsubishi Delica-Bussen hochgeschleppt. Diese wendigen Allrad-Zwerge gehören auf georgischen Bergstraßen einfach zum Standard-Panorama.
Oben auf 2.170 Metern Höhe öffnet sich eine riesige Senke, in der man einen derart großen, fast ebenen Parkplatz absolut nicht erwartet. Von hier sind es noch rund 500 Meter bis zur Dreifaltigkeitskirche. Es gibt zwar direkt am Kloster auch einen kleinen Parkplatz, aber der scheidet wegen seiner extremen Schräglage für eine gemütliche Übernachtung im Camper sofort aus. Zumal man vom großen, unteren Parkplatz ohnehin die beste fotografische Perspektive auf Gergeti und den Kasbek hat.
Ich habe mich schon oft gefragt, wie diese perfekten Prospekt-Fotos zustande kommen, auf denen das Kloster exakt vor der schneebedeckten Flanke des Kasbek steht. Um diese optische Fluchtlinie hinzubekommen, müsste man schlicht Flügel haben oder im Luftraum hinter der Kirche schweben – reine Drohnen-Fotografie also. Nun gut, die Frage stellt sich im Moment ohnehin nicht. Der Kasbek ist komplett wolkenverhüllt, und am Kloster treiben sich gefühlt Hunderte asiatische Reisegruppen herum.
Also ist Warten angesagt.
Und tatsächlich: Am späten Nachmittag öffnen sich zwei kurze Zeitfenster von wenigen Minuten, in denen der Wind die Wolken aufreisst und den Blick auf den Gipfel freigibt. Schnell werden die Fotos geschossen, damit man endlich den Ort im Kasten hat, an dem Prometheus so lange gefesselt am Felsen hing.
Prometheus, Amirani und das große Abkupfern
Wenn die Griechen im Kaukasus wildern gehen
Am Fuße des Kasbek kommt man schwerlich umhin, den klassischen griechischen Sagenkram wieder auszugraben, wie ihn die Älteren unter uns noch aus dem Schulunterricht kennen: Prometheus, der alte Vollgott-Titan, klaut den Göttern das Feuer, bringt es den Menschen, und der oberste Chef Zeus kettet ihn zur Strafe an einen Felsen – ausgerechnet genau hier an diesen Berg. Jeden Tag kommt ein Adler und pickt ihm die Leber heraus, die nachts praktischerweise wieder nachwächst. Am Ende gibt es aber das typisch westliche Happy End: Der Muskelprotz Herkules kommt vorbei, killt den Adler, befreit Prometheus, und die Sache ist erledigt. Ende gut, alles gut.
Aber auch die Georgier haben eine Sage mit einem angeketteten Typen am Kasbek. Der Mann heißt Amirani. Er ist zwar „nur“ ein Halbgott, also zur Hälfte menschlich, dafür ist seine Sage aber reichlich älter als die der Griechen. Auch Amirani wollte den Menschen helfen. Er brachte ihnen nicht nur das Feuer, sondern zeigte ihnen auch gleich, wie man daraus Metall und Eisen schmiedet. Aber Amirani war eben auch durch und durch Kaukasier: extrem stolz und mit einem ausgeprägten Selbstbewusstsein gesegnet. Im Überschwang forderte er den obersten Gott schließlich zum direkten Zweikampf heraus – was natürlich gründlich schiefging.
Das Urteil war kurz und schmerzlos: Amirani wurde tief in einer Eishöhle am Kasbek an den Felsen geschmiedet. Seither hat er nur einen einzigen Gefährten: seinen treuen Hund »Kursha«. »Kursha« leckt seit Jahrtausenden ununterbrochen an den dicken Eisenketten seines Herrn. Doch immer, wenn er die Fesseln nach einem langen Winter fast durchgeleckt hat, passiert das Unheil: Jedes Jahr, kurz vor unserem heutigen Ostern, schlagen die georgischen Dorfschmiede bis heute einmal kräftig mit ihren schweren Hämmern auf den Amboss. Der alte Glaube besagt, dass Gott selbst diesen Tribut fordert. Durch diesen kollektiven Schlag auf das Eisen schließen sich die Ketten am Berg im selben Moment wieder wie von Geisterhand. »Kurshas« monatelange Arbeit war umsonst, und das Spiel beginnt von vorn.
Die Parallelität beider Sagen ist so auffällig, dass sie seit dem 19. Jahrhundert als eines der Paradebeispiele der vergleichenden Mythologie gilt. Manche vermuten eine gemeinsame indoeuropäisch-kaukasische Wurzel, andere zumindest eine sehr alte, wechselseitige Beeinflussung im Zuge der griechischen Schwarzmeerkolonisation und einige sprechen auch ganz offen von einem Mythenklau durch die Griechen - man denke nur an das sagenhafte Reich Kolchis und die Argonauten.....
Deal vs. Dauerfrust
Warum die Griechen ein Happy End bekamen – und Georgien den Schmiedehammer
Zwei Helden stehlen den Göttern das Feuer, beide landen als Strafe am selben Kaukasus-Felsen, und beide bekommen denselben Adler zugeteilt, der täglich an ihrer nachwachsenden Leber nagt. Bis hierhin könnte man die Geschichten fast eins zu eins austauschen. Doch dann trennen sich die Wege dramatisch. Prometheus wird irgendwann befreit. Amirani nicht – bis heute nicht, sagt die Legende.
Warum dieser feine Unterschied?
Der erste Grund ist rein pragmatisch: Prometheus hat ein Ass im Ärmel. Er verfügt über ein brisantes Insiderwissen bezüglich der Zukunft von Zeus, das die Götter im Olymp unbedingt erfahren wollen. Am Ende einigt man sich auf einen ganz klassischen Deal: Wissen gegen Freiheit. Geschäft abgeschlossen. Amirani hingegen hat überhaupt keine Verhandlungsmasse. Er ist einfach nur ein stolzer Rebell ohne Insiderwissen und ohne einflussreiche Familie, die für ihn ein gutes Wort einlegen könnte. Also bleibt er im Eis. Punkt.
Dazu kommt der kulturelle Unterschied in der Überlieferung: Bei den Griechen wurde die Geschichte irgendwann aufgeschrieben – und ein Buch hat nun mal ein definiertes Ende. Jede schriftliche Version musste irgendwann zu einem Abschluss kommen. Am Ende ist die göttliche Ordnung wieder gefestigt, die Götter sind versöhnt und Prometheus kann in seinen wohlverdienten Ruhestand davonspazieren.
Bei den Georgiern hingegen wurde die Sage nie frühzeitig aufgeschrieben. Sie blieb eine mündliche Erzählung, verknüpft mit dem jährlichen Schlag auf den Amboss. Und hier zeigt sich der feine Unterschied im Mythen-Business: Ein Buch braucht irgendwann ein versöhnliches Happy End – eine jahrtausendealte, mündliche Kaukasus-Tradition hingegen lebt gerade davon, dass die Katastrophe pünktlich jedes Jahr aufs Neue inszeniert wird.
Da die Amirani-Sage nachweislich wesentlich älter ist als die der Griechen, war die Menschheit damals wohl schlicht noch nicht reif für ein Hollywood-Ende. Prometheus durfte gehen, weil er als modernerer Held einen Insider-Deal mit dem Olymp abschloss und die Griechen ein finales Kapitel brauchten. Der kaukasische Ur-Rebell Amirani hingegen hockt bis heute in seiner Eishöhle – als zeitloser Beweis dafür, dass sturer Stolz ohne Hintertür verdammt lange Strafen nach sich zieht.
Manchmal erscheint mir ein gutes Buch eben doch besser als ewige Tradition.
Ich bleibe die Nacht über auf dem Parkplatz stehen.
Das Wetter ist mäßig einladend und verschlechtert sich zusehends, aber ich erhoffe mir für den nächsten Morgen ein völlig asiatenfreies Gergeti-Kloster.
Und der Plan geht auf: Am nächsten Morgen fahre ich zum Parkplatz am Ende der Bergstraße – keine Menschenseele da, absolute Stille. Das Kloster ist zwar noch geschlossen, aber das tut der grandiosen, mystischen Stimmung überhaupt keinen Abbruch. Nebenbei gibt es auch noch einen grandiosen frühmorgendlichen Blick auf den 1000 Meter tiefer gelegenen Ort Stepanzminda im Terek-Tal.
Zwischen den Momenten
Der andere Reisende
Ich schaue auf die Uhr. Es ist 21.49 Uhr. Auf 2170 Metern Höhe, direkt am Fuß des über 5000 Meter hohen Kasbek, ist die Welt auf die Maße von »Mr.Nero« zusammengeschrumpft. Luftlinie sind es keine neun Kilometer bis zur russischen Grenze. Es ist kalt. Ich liege im Bett, eingemummelt in sämtliche Reservedecken, die das Inventar so hergibt.
An Schlaf ist nicht zu denken. Draußen prasselt der Regen auf das Dach, und der Wind nutzt das Fahrgestell wie eine Schaukel. Sonst ist da nichts. Die Tagesbesucher sind weg. Sogar die streunenden Hunde haben das Weite gesucht. Hier oben ist das Nirgendwo. Und genau dieses Nirgendwo stellt mir jetzt, im Halbdunkeln, die Frage aller Fragen:
Was mache ich hier eigentlich?
Die ehrliche Antwort lautet im Moment: Ich weiß es nicht. Es erscheint mir gerade als pure Unvernunft.
Der Versuch, einfach nicht mehr darüber nachzugrübeln, scheitert kolossal.
Ich bin allein hier oben. Nicht nur im, auch außerhalb des Campers. Da ist niemand. Schon zu Hause ist die Einsamkeit ein verdammt zäher Gast. Allein in einem großen Haus, ohne Gegenüber, ohne ein gesprochenes Wort – ich weiß ja, dass ich zum Alleinsein eigentlich völlig ungeeignet bin. Und was mache ich? Ich packe meine Sachen und breche zu einem Roadtrip an die Ränder Europas auf. Jetzt bin ich solo 4500 Kilometer von der eigenen Haustür entfernt und frage mich im Schein der kleinen Nachtleuchten, was man sich als Generation 70-plus eigentlich dabei gedacht hat. In diesem Moment fühlt sich das Alleinsein hier oben noch eine Spur einschneidender an als daheim.
Natürlich ist es ein erhabenes Gefühl, wenn im Vorfeld die Familie, die Freunde und selbst die Nachbarn applaudieren. Man gilt als der agile Kerl im Alter, der noch was aus seinem Leben macht. „Toll, der traut sich was, der lässt sich nicht hängen! Klasse!“ Das geht runter wie Öl. Aber die Realität auf über zweitausend Metern Höhe ist eben etwas komplizierter. Im Moment kann ich mit der Bewunderung aus der Heimat rein gar nichts anfangen. Sie vertreibt den Wind nicht, der am Blech rüttelt, und sie wärmt auch meine Seele nicht. Sie hilft mir gerade mal überhaupt nicht.
Ich bin ein bisschen durch. Nach etwas mehr als acht Wochen auf Achse schleicht sich der Gedanke an die Umkehr an. Warum nicht einfach umdrehen?
Mein Blick fällt im Halbdunkel auf die treue Kaffeemaschine. Sie steht da, unbeeindruckt vom Kaukasus, als stumme Zeugin meiner Marotten. Morgen früh wird sie mir klaglos den nächsten Lungo in die Tasse laufen lassen, genau wie zu Hause. Und dieser banale Gedanke an das vertraute Morgenritual ist wie ein sanfter Tritt auf die Bremse. Es bringt ja nichts, sich im eigenen Elend zu suhlen.
Wenn morgen früh die Sonne über dem Kasbek aufgeht, bricht ein neuer Tag an. Ich kenne mich ja. Wahrscheinlich werden die dunklen Gedanken mit dem ersten Dampf des Kaffees verfliegen, und das Rad wird sich weiterdrehen. Denn nüchtern betrachtet gilt eine simple Wahrheit: Wenn es zu Hause regnet, stürmt und ich allein in der Wohnung hocke, ist es im Grunde kein bisschen anders als hier im kaukasischen Nirgendwo. Wo man sich auf dieser Welt einsam fühlt, ist letztlich völlig egal. Die Geografie ändert nichts an der inneren Wetterlage. Es ist überall das Gleiche.
Nur die Aussicht ist morgen früh vielleicht eine andere.
Die blinde Dariali-Schlucht und die stoische Ignoranz des großen Nachbarn
Beim Herunterfahren nach Stepanzminda kommen mir dann bereits die ersten Delica-Busse mit den asiatischen Frühaufstehern entgegen. Irgendwo im Tal muss sich ein riesiges, unerschöpfliches Nest befinden.
Unten angekommen, nehme ich die Piste durch die monumentale Dariali-Schlucht direkt bis zur georgisch-russischen Grenze.
Rund 600 Meter vor dem georgischen Checkpoint liegt der Dariali-Klosterkomplex. Die Gebäude sehen so unverschämt modern aus, weil der Komplex erst ab 2005 als symbolisches, wehrhaftes Tor Georgiens gegen den russischen Norden neu errichtet wurde – ein architektonisches Statement aus hellem Stein inmitten der düsteren Felswände.
Eigentlich wollte ich nach der unruhigen Nacht oben am Berg im hervorragend bewerteten Café Monastery ein gepflegtes Frühstück zu mir nehmen. Offizielle Öffnungszeit: Ab 9:00 Uhr. Als ich um 10:30 Uhr davor stehe, hängt das Schild „Geöffnet“ zwar pflichtbewusst an der Tür, aber alles ist verriegelt und verrammelt. Kaukasische Flexibilität!
Also unverrichteter Dinge wieder zurück durch die Dariali-Schlucht. Die unbeleuchteten Tunnel haben es hier wirklich in sich: Sie sind roh in den natürlichen Stein gehauen, besitzen keinerlei Lichtquellen, dafür aber tückische Kurven im Inneren. Wenn man aus dem gleißenden Sonnenlicht in das bodenlose Schwarz einfährt, ist man trotz Fernlicht erst einmal sekundenlang absolut blind. Ein herrlich prickelndes Gefühl – besonders, wenn man eine selbsttönende Brille auf der Nase hat, deren chemische Anpassung an die Realität viel zu langsam abläuft.
Die Schlucht selbst ist landschaftlich atemberaubend; tief unten schlängelt sich der Terek-Fluss durch das Geröll. An einem Haltepunkt für ein paar Fotos treffe ich auf russische Urlauber. Georgien, die Türkei und Armenien sind nach den internationalen Sanktionen schließlich die wenigen verbliebenen Destinationen, in die der russische Mittelstand noch reisen kann. Ein russischer Tourist geht an mir vorbei, und ich sehe überdeutlich, wie sein Blick mein Nummernschild und das große „D“-Länderkennzeichen von »Mr.Nero« streift.
Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Ich grüße höflich, erst mit einem georgischen „Gamarjoba“, dann mit einem lockeren, internationalen „Hello“. Die Reaktion? Absolute Fehlanzeige. Stoisches, eisiges Ignorieren. Ein Verhalten, das man hier in Grenznähe leider öfter antrifft. Schade eigentlich. Wir sind schließlich beide nur Touristen in einem faszinierenden, fremden Land. Oder sollten meine russischen Freunde am Ende tatsächlich immer noch glauben, dass Georgien ihnen ohnehin ganz exklusiv gehört?
Wie dem auch sei: Zurück nach Stepanzminda. Beim örtlichen Bäcker hole ich mir mit direktem Blick auf den Kasbek ein frisches, dampfendes Puri-Brot und im Rustikal-Café einen, sagen wir mal, durchschnittlichen Americano im Pappbecher.
Danach entscheide ich mich für die Rückfahrt. Dieselbe Strecke zurück über den Pass – eine andere Verbindung gibt es durch diese Bergwelt schlicht nicht.
Die Mülltüten-Guerilla am Stausee
Am späten Nachmittag komme ich nach etlichen Staus – so gut wie alle verursacht durch überforderte oder schlicht mit Motorschaden oder Reifenschaden liegengebliebene Sattelschlepper – wieder in Ananuri an. Ich steuere zielgerichtet meinen alten Kiesplatz unten am Schinwali-Stausee an.
Dort stehen bereits zwei Wohnmobile und quer davor ein Wohnwagengespann direkt am Wasser. Es ist eine türkische Reisegesellschaft. Obwohl neben ihnen noch ausreichend Platz ist, gehe ich höflich hinüber und frage, ob es in Ordnung sei, wenn ich ihnen ein wenig auf die Pelle rücke. „Tabii ki! Natürlich, gar kein Problem!“
Allein durch diese kurze Geste der Höflichkeit ist das Eis sofort gebrochen. Was sich in den nächsten zwei Tagen entwickelt, ist nicht bloß ein wunderbarer kommunikativer Austausch, sondern der vermeintlich „arme, alte, weiße Mann“ aus Deutschland wird von den türkischen Familien auch noch rührend mit fantastischem Abendessen versorgt. Ich revanchiere mich mit meinen Süßigkeiten-Vorräten, die wir abends beim traditionellen Çay restlos vernichten. Einfach großartig.
Noch cooler war jedoch die Aktion der türkischen Mütter kurz nach meiner Ankunft. Bewaffnet mit großen Mülltüten und dicken Handschuhen schwärmten sie wie eine militärische Spezialeinheit aus und sammelten im weiten Umkreis den gesamten Müll auf, den die lokalen Angler hier achtlos hinterlassen hatten, um ihn in den großen Mülltonnen an der Straße zu entsorgen. Dabei schimpften sie in feinstem Türkisch über die Ignoranz der Müllsünder.
Recht haben sie! Wenn das mit der Völkerverständigung und dem Umweltschutz überall so unkompliziert funktionieren würde wie zwischen einem deutschen Soloreisenden und drei türkischen Camping-Familien am Ufer eines georgischen Stausees – wir hätten ein paar Probleme weniger auf dieser Welt.
Marco Polo hätte ein Selfie gemacht
Tiflis im Spagat zwischen alter Tradition und modernem Fassadenzauber
Der venezianische Weltreisende Marco Polo stattete Tiflis im Jahr 1272 einen Besuch ab und notierte anschließend ehrfürchtig in seinen Aufzeichnungen, dies sei eine „gar schöne und große Stadt“. Nun gut, der liebe Marco sah damals vor allem Lehmhütten, Wehrtürme, dampfende Schwefelbäder und kaukasische Kaufleute. Hätte man dem alten Venezianer damals gesteckt, wie sich seine „gar schöne Stadt“ gut 750 Jahre später präsentiert, er hätte vermutlich irritiert seine Feder fallen gelassen und vorsorglich ein Selfie vor der seinerzeitigen Kulisse gemacht.
Bevor ich mich jedoch in das großstädtische Getümmel stürze, stehen nach den staubigen Tagen im Kaukasus erst einmal ganz profane Bedürfnisse auf dem Programm. Von Ananuri kommend lasse ich Mzcheta rechts liegen und steuere im Norden von Tiflis zielgerichtet die Ratevani-Straße 3/5 an.
Der Grund für diesen gezielten Zwischenstopp hört auf den verheißungsvollen Namen „in laundry“ – eine unter Wohnmobilisten mit Ehrfurcht gepriesene Wäscherei. Hier gebe ich den gesammelten Textil-Fundus der letzten Wochen ab. Das Rundum-sorglos-Paket: Waschen, Trocknen, Falten. Wenn ich die Hauptstadt nach meinem Kulturmarathon wieder verlasse, sammle ich die frische Fracht einfach wieder ein. Ein Hauch von Luxus im Camper-Alltag!
Erleichtert um die Wäsche, die ansonsten wohl so langsam vor einer perfiden geruchlichen Kriegserklärung gestanden hätte, geht es am frühen Abend über die Hauptstraße schnurgerade hinein ins eigentliche Abenteuer: den Tifliser Feierabendverkehr.
Wer glaubt, dass sich die Rushhour hier langsam dem Ende zuneigt, wird schnell eines Besserem belehrt. Es folgt ein kilometerlanger, nervenaufreibender Slalom durch ein dichtes Knäuel aus permanent hupenden Einheimischen, drängelnden Taxis und waghalsig einscherenden Linienbussen. Spurmarkierungen haben hier eher dekorativen Charakter - falls da überhaupt welche sind - und Vorfahrt wird nach dem Prinzip der stärksten Nerven vergeben. Hier ist höchste Konzentration am Lenkrad gefragt, um »Mr.Nero« knitterfrei durch dieses zivilisierte Chaos zu manövrieren.
Schließlich schlage ich mich durch bis zum Etappenziel: Dem Parkplatz an der Public Service Hall, direkt unten am Ufer der Kura. Hier stehen schon ein paar andere Wohnmobile. Der Parkplatz ist sicherlich kein Highlight, aber er erfüllt mitten im Zentrum von Tiflis seinen Zweck. Im Übrigen wird das Gelände Tag und Nacht überwacht.
Der Tag, an dem Tiflis versuchte, mich zu beeindrucken
Am nächsten Morgen empfängt mich Tiflis mit strahlendem Wetter und bester Sonnenlaune. Die Kulisse steht und das Licht stimmt – ich bin bereit, mir anzusehen, was aus Marco Polos schöner Stadt geworden ist.
Ich trotte also am frühen Morgen los, immer an der Kura entlang. Auf dem grauen Fluss ziehen schon die kleinen Personenfähren träge ihre Bahnen. Über die einfachen Holzschiffe breite ich lieber den Mantel des Schweigens – was hier tuckernd Fahrgäste von A nach B schaukelt, erinnert phasenweise an umgebaute Pontons mit Sonnensegel. Aber was soll’s, es schwimmt ja.
Ich biege ab in die Altstadt. Erste Station: Der berühmte Uhrenturm am Gabriadze-Theater. Das Gebilde sieht aus, als hätte ein betrunkener Architekt Bauklötze in Schieflage gestapelt und dann zur Absicherung einen eisernen Stützbalken dagegen gelehnt. Reinstes Puppentheater – was wörtlich zu nehmen ist, denn der Turm wurde erst 2010 vom Figurentheater-Regisseur Reso Gabriadze zusammengezimmert. Ein skurriles Kunstwerk voller bunter Fliesen, bei dem zu jeder vollen Stunde ein kleiner Engel aus der Luke tritt und mit einem Hämmerchen die Glocke schlägt. Daneben das dazugehörige Café Gabriadze. Ein stilvolles Ensemble – das leider stoisch erst um 12.00 Uhr mittags seine Pforten öffnet. Georgische Wohlfühl-Arbeitszeiten eben. Schade, Frühaufsteher müssen draußen bleiben.
Gleich um die Ecke steht die Antschischati-Kirche. Sie ist das älteste erhaltene Gotteshaus der Stadt, errichtet im 6. Jahrhundert. Von außen ein schlichter, fast unscheinbarer Sandsteinbau, der die Jahrhunderte, Persereinfälle und Sowjetarchitektur erstaunlich stoisch überlebt hat. Ihr Name geht auf eine berühmte Christus-Ikone zurück, die man einst aus dem Kloster Antschi in Südgeorgien hierher rettete.
Während drinnen noch die Kerzen für die Heiligen flackern, drängeln sich draußen auf dem Pflaster bereits die ersten Touristen-Karawanen. Erstaunlich, damit hatte ich nicht gerechnet. Überhaupt muss ich im Laufe des Tages noch feststellen, wie beliebt die georgische Hauptstadt bei ausländischen Besuchern ist. Es wimmelt jedenfalls an jeder Ecke von Touristen, und Deutsch gehört sicherlich zu den häufigsten Sprachen, die man so aufschnappt. Ich reihe mich also unfreiwillig in die Reihen der Kulturbeflissenen ein, die sich durch die morgendlichen Altstadtgassen schieben, und versuche, die Statisten auf meinen Fotos so gut es geht auszublenden.
Weiter geht die Wanderung zur Friedensbrücke. Das Ding überspannt die Kura wie eine gigantische, geschwungene Glas-Stahl-Kreatur. 2010 unter dem damaligen West-Aficionado Mikheil Saakaschwili eingeweiht (ich erinnere an den Beitrag zu Batumi), sollte das gläserne Bauwerk den kühnen Brückenschlag Georgiens von der düsteren Vergangenheit in die glorreiche europäische Zukunft symbolisieren.
Die Einheimischen bewiesen bei der Taufe ihren gewohnt trockenen Humor und tauften das Dach spöttisch „Always Ultra“ – wegen der frappierenden Ähnlichkeit mit einer Damenhygieneeinlage.
Designer-Architektur trifft Volksmund!
Fotografieren lässt sich das futuristische Glas-Lametta aus allen Blickwinkeln allerdings hervorragend.
Auf der anderen Flussseite komme ich in den schön angelegten Rike-Park. Schatten? Fehlanzeige. Die Sonne brennt gnadenlos auf den geteerten Seilbahn-Vorplatz. Zeit für die Fahrt hinauf zur Festung Narikala. Anstehen ist angesagt. Trotz zügig umlaufender Gondeln dauert es in der prallen Hitze seine Zeit, bis ich mein Ticket für Hin- und Rückfahrt in den Händen halte.
Oben angekommen die ernüchternde Erkenntnis, die sich schon von unten abzeichnete: Die historische Burg Narikala ist komplett eingerüstet. Bauzäune, Gerüststangen, Baustellen-Flair – nicht mal für ein anständiges Erinnerungsfoto taugt das Ensemble derzeit. Das gesamte Gelände ist vorübergehend geschlossen.
Dafür blüht drüben auf dem Hügel der moderne Tourismus-Bling-Bling in Reinkultur: Dudelnde Akkordeonspieler, Plastik-Animationen, Ramschbuden mit Souvenirs, die die Welt nicht braucht – und Erfrischungsstände, die bei diesem Wetter natürlich das Geschäft ihres Lebens machen. Der kurze Fußmarsch über den Kamm hinüber zur Kartlis Deda, der „Mutter Georgiens“, verkommt bei dieser Affenhitze auf diesem eigentlich mickrigen Hügelchen zur schweißtreibenden Gipfeletappe.
Die 20 Meter hohe Aluminium-Lady steht seit 1958 über der Stadt. Errichtet wurde das Monument zum 1500-jährigen Stadtjubiläum von Tiflis. Ursprünglich war die Dame sogar nur als temporäre Holzkonstruktion für die Feierlichkeiten gedacht – ein provisorische Pappkameradin für die Party. Doch weil die Georgier ihre Mutter auf Anhieb liebten (und die Sowjets den erzieherischen Effekt einer 20-Meter-Aufpasserin hoch über den Dächern schätzten), goss man sie kurz darauf dauerhaft in Aluminium.
Die Botschaft hinter dem Bauwerk ist dabei denkbar einfach und auf das Wesentliche eingedampft: Die Schale Wein für die Willkommenen, das Schwert für den Rest.
Derartige Propagandasymbole waren in der Sowjetunion der Nachkriegszeit absolut zeittypisch. Die antike Siegesgöttin Nike wurde kurzerhand sozialistisch umgedeutet: Aus ihr wurde die unerschütterliche, gigantische „Mutter Heimat“ (Rodina-Mat). Dass diese Damen alle einen recht stämmigen Körperbau, ernste Gesichter und meist furchterregende Waffen tragen, war reines Kalkül: Sie sollten Schutz, Entschlossenheit und absolute Unbeugsamkeit ausstrahlen.
Es war quasi das Franchise-System der Sowjetunion: Jede Teilrepublik, die etwas auf sich hielt, bekam ihre eigene Mutti auf die höchste Erhebung gepflanzt. Die Ur-Mutti in Wolgograd (ehemals Stalingrad) misst unfassbare 85 Meter, die armenische Variante in Jerewan bringt es mit Sockel auf 51 Meter, und die Sieges-Mutti in Minsk ist die älteste Vertreterin ihrer Art.
Selbst in Kiew thront ein Ungetüm über dem Dnipro-Ufer, das es inklusive Sockel und Schild auf sagenhafte 102 Meter bringt – ein stählernes Giganten-Denkmal, das in der einen Hand ein Schwert und in der anderen einen Schild mit dem Sowjetstern hielt. Nach heftigen Debatten wurde das Schwert inzwischen leicht gekürzt und der Sowjetstern 2023 symbolträchtig durch den ukrainischen Dreizack (Trysub) ersetzt.
Die damalige Botschaft an die Bürger war überall dieselbe: „Mutter sieht alles, Mutter schützt dich – aber wehe, du spurst nicht.“ Dass die Georgier ihrer Version immerhin eine Schale Wein in die Hand gedrückt haben, war wohl schon das Höchstmaß an regionaler Insubordination, das Moskau damals zähneknirschend durchgehen ließ.
Die Aussicht von hier oben ist fantastisch. Links sieht man der Platz der Republik mit der goldenen Statue des Heiligen Georg auf seiner Granitsäule. Auf der gegenüberliegenden Seite der Kura glänzt auf einem Hügel das Dach der riesigen Sameba-Kathedrale goldgelb in der Sonne und ganz zentral breiten sich mitten im Häusermeer die elf pilzförmigen Dächer der Public Service Hall aus, die wie eine Mutation gigantischer Steinpilze am Flussufer wuchern. Genau in deren schattiger Nachbarschaft hält »Mr.Nero« derweil sein verdientes Mittagsschläfchen.
Und wer den Blick ein Stück nach hinten schwenkt, schaut direkt hinüber auf den glasüberdachten Palast-Komplex von Bidsina Iwanischwili – jenem ominösen Milliardär und Strippenzieher der Partei „Georgischer Traum“, der sich seinen gläsernen Olympsitz hoch über der Stadt inklusive Hubschrauberlandeplatz errichtet hat.
Nach den Panorama-Fotos geht es mit der Gondel wieder hinab. Ich schlendere durch den Rike-Park in Richtung Maidan-Platz. Aus einer ausrangierten, alten Straßenbahn, die man humorvoll zur Kneipe umfunktioniert hat, dröhnt wummernde Popmusik. Die georgische Jugend sitzt mit Kaltgetränken davor und feiert das Leben.
Ich überquere die Metekhi-Brücke in Richtung Maidan-Platz. Neben mir schweben die Gondeln der Seilbahn träge über die braune Kura und im Hintergrund erahnt man am Berg die mit Bauschutznetzen gut getarnte Narikala-Festung. Direkt daneben die Sankt-Nikolaus-Kirche.
Gleich am Kopf der Brücke thront auf einem gewaltigen Felssporn über dem Fluß die Metekhi-Kirche nebst hochherrschaftlichem Reiterstandbild. Der Herr auf dem Bronze-Gaul ist kein Geringerer als König Wachtang I. Gorgassali – der Stadtgründer von Tiflis im 5. Jahrhundert. Die Legende behauptet ernsthaft, sein Jagdfalke sei samt Beutefasan bei der Jagd in eine heiß sprudelnde Thermalquelle gestürzt und dort gar gekocht worden. Begeistert von dieser eher unfreiwilligen Geflügelbrühe aus dem Natur Hot-Pot habe Wachtang beschlossen: Hier bauen wir!
Dass man wegen eines gebrühten Vogels in einer mäßig appetitlichen, dampfenden Pfütze gleich eine Metropole gründet (Tbilisi leitet sich schlicht vom georgischen Wort für warm ab), sagt vermutlich mehr über die damalige Kaukasus-Gastronomie aus als über die Weitsicht des Monarchen.
Der wahre Grund für das royale Bauprojekt dürfte ohnehin beträchtlich trockenerer gewesen sein: Wer hier am Engpass der Kura fest auf dem Felsen sitzt, kontrolliert die lukrativen Handelsrouten zwischen Persien und dem Schwarzen Meer – und kassiert ordentlich Wegzoll. Doch ein perfekt gelegener Felsen mit einem Maut-Kassenhäuschen oben drauf macht sich in den Geschichtsbüchern eben nur halb so romantisch wie ein gut gebrühter Fasan.
Mein persönlicher Fasan ist heute ein Teller Khinkali im georgischen Spezialitäten-Restaurant Machakhela. Ich ergattere einen Tisch auf der Terrasse mit feinstem Blick auf das Maidan-Treiben. Wenn ich schon mal im Land bin, muss ich schließlich auch die nationalen Teigtaschen probieren. Ich ordere die Variante mit Käsefüllung.
Das Essen verkommt umgehend zur kulinarischen Lektion. Zum Verständnis: Khinkali sind verhältnismäßig große, gedämpfte Teigsäckchen, oben mit einem dicken Teigknoten zusammengepresst. Man nimmt sie mit den Fingern am Knoten, beißt vorsichtig ein Loch in die Seite, schlürft die heiße Brühe im Inneren heraus und vertilgt dann den Rest. Den harten Teigknoten lässt man einfach auf dem Teller liegen – daran zählte der Kellner früher die Zeche.
Mein Fazit: Eine Enttäuschung auf ganzer Linie. Die Dinger schmecken trocken, fade und nach absolut nichts. Das liegt aber garantiert nicht an der georgischen Küche, sondern schlicht am klassischen Touristenfallen-System rund um den Maidan, dem ich hier unvorsichtigerweise auf den Leim gegangen bin. Schnellabfertigung für die vorüberziehende Laufkundschaft.
Aber gut: Hunderttausende Georgier können sich bei ihrem Kultgenuss schließlich nicht irren. Beim nächsten Mal suche ich mir schlicht ein Einheimischen-Restaurant in weniger touristisch exponierter Lage.
Etwas frustriert marschiere ich weiter an der Kura entlang zu den berühmten Schwefelbädern im Viertel Abanotubani. Die malerischen, backsteinernen Kuppeln ragen wie riesige Maulwurfshügel aus dem Boden. Hier dampft und stinkt es seit Jahrhunderten nach verfaulten Eiern – sprich: Schwefelwasser. Schon Puschkin und Alexandre Dumas schwärmten von den heilenden Quellen.
Die historischen Bauten wurden in den letzten Jahren aufwendig restauriert und erstrahlen heute im feinsten Glanz.
Den Abstecher durch die enge Schlucht bis zum versteckten Wasserfall spare ich mir allerdings. Nun habe ich zwar gelesen, dass dieses schwefelige warme Wasser angeblich Wunder bei Arthrose und diversen Hautleiden bewirken soll. Doch der penetrante Geruch nach Faulgas-Romantik zwingt mich zu einer sehr nüchternen Güterabwägung: Was wiegt im Zweifelsfall schwerer – meine altersbedingten Wehwehchen oder ein akut revoltierender Magen?
Ich entscheide mich für die Rettung meiner inneren Organe. Damit fällt auch die eigentlich hier geplante Kaffeepause ersatzlos aus.
Für ein paar schnelle Fotos der malerischen Backsteinkuppeln reicht es noch, aber dann zücke ich das Smartphone: Zeit für ein Bolt-Taxi.
Mein Bolt-Fahrer erweist sich als die seltene Ausnahme georgischer Gastfreundschaft: mürrisch, wortkarg und stur. Deutsch, Englisch, Französisch? Nullkommanull. Er spricht ausschließlich Russisch – eine Sprache, mit der ich nun wieder rein gar nichts anfangen kann. Schweigend schaukelt er mich durch das steile, etwas verlebte Wohnviertel Elia den Berg hinauf und setzt mich wortlos an einem Nebeneingang der Sameba-Kathedrale (offiziell: Dreifaltigkeits-Kathedrale) ab. Nun gut, Ziel erreicht.
Sameba: Das Monument des zynischen Kalküls
Auch vom Nebeneingang aus wirkt die Sameba-Kathedrale riesig. Was für ein Monstrum von einem Gotteshaus!
Ich mache meine Runde also rückwärts – vom Nebeneingang bis zum gewaltigen Hauptportal. Die Ausmaße sind schlicht gigantisch: Über 80 Meter ragt die vergoldete Kuppel in den Himmel. Der Platz davor bietet einen spektakulären Panoramablick über das Häusermeer von Tiflis.
Ignoranterweise hat man die Kathedrale auf das Gelände eines ehemaligen armenischen Friedhofs gepflanzt, was seinerzeit für verlässlichen diplomatischen Zündstoff sorgte.
Das Bauwerk ist allerdings kein antikes Erbe, sondern ein Kind der Neuzeit. Errichtet wurde es zwischen 1995 und 2004, zu großen Teilen finanziert durch obskure Großspenden – unter anderem vom besagten Milliardär und Strippenzieher Bidsina Iwanischwili. Angeblich war sie als gewaltiges Symbol für die „nationale georgische Wiedergeburt“ nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gedacht.
Normalerweise würde ich jetzt hier über die Architektur und die Inneneinrichtung der Kirche berichten. Viel interessanter und faszinierender ist aber das zutiefst zynische Doppelspiel des Oligarchen Iwanischwili, der genau hier an diesem Ort ein meisterhaftes Stück politischer Machtabsicherung inszenierte..
Als Iwanischwili den Bau dieses Gotteshauses samt diverser anderer Kirchenprojekte aus seiner Portokasse alimentierte, ging es ihm nullkommanull um Einkehr, Seelenheil oder gar pro-westliche Demokratie. Es ging einzig und allein um ein zutiefst weltliches Ziel: um sein eigenes Ego, um unanfechtbare Legitimation und um die absolute Kontrolle über das Land.
In Georgien ist die orthodoxe Kirche die mit Abstand einflussreichste und vertrauenswürdigste Institution, weit vor jeder weltlichen Regierung. Der Klerus ist extrem konservativ, stramm nationalistisch und traditionell russlandfreundlich – die gemeinsame orthodoxe Basis verbindet eben. Indem Iwanischwili der Kirche dieses gigantische Monument hinstellte – immerhin die drittgrößte orthodoxe Kathedrale der Welt –, kaufte er sich die bedingungslose Loyalität des Patriarchen Ilia II. samt seiner gesamten Gefolgschaft.
Wenn der mächtigste Mann der Kirche dich daraufhin segnet und öffentlich als „Wohltäter“ preist, bist du für die große, konservativ-ländliche Wählerschaft praktisch unangreifbar. Sameba war Iwanischwilis Eintrittskarte in die Herzen all jener Georgier, die ihre traditionellen Werte bei Moskau besser aufgehoben sehen als beim liberalen Westen, dessen Errungenschaften man in diesen Kreisen gerne als dekadent abtut.
Diese Haltung fügt sich nahtlos in das politische Drehbuch seiner Partei „Georgischer Traum“: Eine echte Annäherung an die EU oder die NATO würde schließlich lästige Nebeneffekte mit sich bringen – Dinge wie Rechtsstaatlichkeit, Transparenz, unabhängige Richter und das lästige Verbot von Vetternwirtschaft. Lauter Absurditäten also, die Iwanischwilis privatem Herrschaftssystem nur massiv den Spaß verderben würden. Warum sollte er auch EU-Standards importieren, die seine Finanzen durchleuchten, wenn er das Land bisher so bequem als Privatbesitz führen kann?
Dem Kreml hingegen ist es vollkommen gleichgültig, wer im Kaukasus wie viele Milliarden beiseite schafft oder die Justiz gängelt – solange der Laden nicht zum Westen abwandert und brav auf Linie bleibt. Iwanischwilis Vermögen wurde in Moskau gemacht; er versteht das russische Machtsystem aus dem Effeff. Seit Jahren betreibt sein „Georgischer Traum“ eine Politik der „Deeskalation“ gegenüber dem Kreml, die faktisch einer stilvollen Unterwerfung gleicht: Dabei übernimmt man russische Narrative, verabschiedet pro-russische Gesetze gegen sogenannte „ausländische Agenten“ und drangsaliert systematisch die pro-westliche Opposition.
Der zynischste Scheck der georgischen Geschichte
Iwanischwili hat sich äußerst geschickt den Deckmantel der „nationalen georgischen Wiedergeburt“ zunutze gemacht, um sich die loyalste Stütze im Land zu kaufen. Mit dem kirchlichen Segen im Rücken betreibt er heute genau jene Politik, die sein Erbe sichert: Die konsequente Abwendung vom kontrollierenden Westen und der Kuschelkurs mit dem autoritären Russland, das sein Herrschaftsmodell nicht nur toleriert, sondern teilt.
Sameba ist somit kein Symbol des Sieges über die Sowjetzeit. Es ist das steingewordene Denkmal dafür, wie ein Oligarch die tiefsten Gefühle seines Volkes – den Glauben und die Heimatliebe – instrumentalisiert hat, um eine sehr sowjetisch anmutende Herrschaft zu zementieren.
Für den Rückweg ordere ich erneut ein Bolt-Taxi zur Public Service Hall. Es ist später Nachmittag, die Stadt befindet sich im kollektiven Feierabend-Stau. Wir stehen mehr, als dass wir rollen. Mein Fahrer ist das genaue Gegenteil seines Vorgängers: aufgeweckt, neugierig und sprachlich flexibel.
In einem wilden Kauderwelsch aus Deutsch, Englisch und mit und ohne Hände am Lenkrad quatschen wir unter anderem über Fußball. Über die georgischen Stars in den europäischen Ligen – allen voran Khvicha Kvaratskhelia – und das mäßige Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in den USA.
Und genau wie in Batumi oder Kutaussi schallt mir vom Fahrersitz immer wieder dieses unvermeidliche Liebesbekenntnis entgegen: „Deutschland gut! Sehr gut!“
An der Public Service Hall lässt er mich raus und ich latsche zurück zu »Mr.Nero«. Es ist immer noch drückend warm, meine Füße brennen und der Kopf brummt vor Reizüberflutung. Ich bin völlig im Eimer – aber der erste Tag in Tiflis hat geliefert. Marco Polo hatte ganz recht: Eine schöne und auch ein bisschen verrückte Stadt.
Zwischen den Momenten
Deutschland gut, Deutschland sehr gut!
Da sitze ich also auf dem Beifahrersitz eines jener unzähligen Toyota Prius, mit denen gefühlt ganz Tiflis als Taxi unterwegs ist. Einem asiatischen Hybrid-Stromer, der sich hier zu so etwas wie ein georgisches Nationalfahrzeug entwickelt hat. Während sich mein Fahrer mit waghalsigen Spurwechseln durch den Dschungel der Hauptstadt schlängelt, blickt er kurz zur Seite und fragt: „From where?“ Ich sage: „Germaniidan” auf feinstem georgisch, man lernt ja schließlich dazu.“ Woraufhin er mir mit strahlenden Lächeln verkündet: „Ah, Germania! Deutschland gut! Deutschland sehr gut!“
Nun ja. Man könnte das als diplomatische Routine abtun. Der Taxifahrer an sich ist ja weltweit ein geschultes Wesen: Dem Franzosen attestiert er mit derselben Inbrunst die Grandeur seiner Nation, dem Italiener sein Bella Italia und dem Schweizer vermutlich die beste Bank der Welt fürs Schwarzgeld. Kundenaquise auf Rädern eben.
Und doch: Je länger ich mit ihm spreche, desto mehr gewinne ich die Überzeugung, dass das nicht nur reine Taxifahrer-Höflichkeit ist. Der Mann meint es tatsächlich ernst, dieses „Deutschland gut”!
Mir persönlich fällt es allerdings schwer, das einfach so zu verstehen. Ich komme schließlich gerade vom Kreuzpass, exakt aus jener Ecke, durch die 1942 deutsche Gebirgsjäger im Rahmen des „Unternehmens Edelweiß“ marschieren sollten, um dieses Land zu besetzen und sich die kaukasischen Ölfelder unter den Nagel zu reißen. Da frage ich mich als halbwegs belesener Mitteleuropäer unwillkürlich: Mein Lieber, hast du im Geschichtsunterricht geschlafen – oder ignorierst du unsere dunkle Vergangenheit nur deshalb so großzügig, weil ich das Trinkgeld verwalte?
Um dieses georgische Paradoxon zu verstehen, muss man schon die eigentümliche Logik des Kaukasus begreifen.
Die Georgier trennen nämlich erstaunlich scharf zwischen den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und den heutigen Deutschen. Für sie war der Kampf gegen Hitler kein rein vaterländischer Krieg, sondern eine Tragödie, in der sie für ein Imperium bluten mussten, das sie sich nie wirklich ausgesucht hatten – die Sowjetunion
Dass der unbestrittene Chefarchitekt dieses sowjetischen Terrorimperiums, Josef Stalin, höchstselbst ein Georgier war – geboren im beschaulichen Gori, keine zwei Autostunden von hier –, gilt in der Region als peinliche familiäre Altlast, von der man heute so gut wie nichts mehr erben möchte. Denn wenn das eigene Volk 700.000 Mann an die Front schicken musste und die Hälfte davon im Winterschnee liegen blieb, verliert man rasch die Lust an stalinistischer Nostalgie.
Dass im Gegenzug zehntausende georgische Kriegsgefangene in der „Georgischen Legion“ zur Wehrmacht überliefen – nicht etwa aus Begeisterung für den Nationalsozialismus, sondern aus reinem Hass auf Moskau –, bedient genau diese verdrehte kaukasische Logik, die da besagt: Der Feind meines Feindes ist - zumindest vorübergehend - mein Freund.
Das eigentliche Trauma Georgiens trägt nämlich seit Jahrhunderten keine Hakenkreuze, sondern vielmehr den Doppeladler. Die Wunde sitzt tief, seit König Irakli II. im Jahr 1783 den verhängnisvollen Vertrag von Georgijewsk unterschrieb und sein Reich vertrauensvoll unter den Schutz des Zaren stellte. Russland schaute daraufhin mit stoischer Seelenruhe zu, wie die Perser Tiflis in Schutt und Asche legten, um das geschwächte Land wenig später kurzerhand selbst zu annektieren und ein klassisches russisches Protektorat daraus zu machen, frei nach dem Slogan: Ich schütze dich so lange vor deinen Feinden, bis ich selbst dein einziger Feind bin. Im Kaukasus weiß jedes Kind: Wenn dir der Russe die Hand zur Freundschaft reicht, zähle danach besser deine Finger – und kontrolliere sicherheitshalber auch das Silberbesteck.
Steige ich also heute als Deutscher in Tiflis ins Taxi oder rolle mit »Mr.Nero« durch die Provinz, bin ich für den Fahrer kein Nachfahre der Wehrmacht. Ich bin der personifizierte Notausgang aus dem russischen Einflussbereich. Der lebende Beweis, dass es westlich des Großen Kaukasus eine funktionierende, wohlhabende Welt gibt.
Dass mein Chauffeur mich ausgerechnet in einem Japaner durch das Verkehrschaos kutschiert, stört seine Schwärmerei nicht im Geringsten. Für den Georgier ist deutsche Ingenieurskunst – verkörpert durch die alten unkaputtbaren Maschinen und Mercedes-LKW, die hier schon seit Jahren treu ihren Dienst tun – noch immer die religiöse Metapher für westliche Perfektion. Es ist eine faszinierende Mischung aus pragmatischer Gegenwart und extrem selektivem Gedächtnis.
Nur die Pointe am Ende lässt mich auf dem Beifahrersitz ziemlich bitter lächeln.
Während die Georgier mit ihrer Regierungspartei „Georgischer Traum“ derzeit mit stoischer Hingabe ihre mühsam erkämpfte Annäherung an Europa an die Wand fahren, um wieder stramm in Richtung Moskau zu marschieren, arbeiten wir in Deutschland mit gewohnter Gründlichkeit daran, unser Aushängeschild „Made in Germany“ fein säuberlich selbst zu verschrotten.
Zwei Nationen, zwei Traditionen – aber exakt dasselbe schöpferische Talent, sich mit voller Überzeugung und mit Anlauf ins eigene Knie zu schießen.
Dem Taxifahrer in Tiflis ist diese Ironie glücklicherweise vollkommen fremd. Er hupt, drängelt, drückt das Gaspedal seines Hybrid-Toyotas durch – und versichert mir noch einmal mit der unerschütterlichen Inbrunst eines Gläubigen, dass mein Heimatland das Beste auf der ganzen Welt sei.
Wer wäre ich, ihm mitten im Tifliser Berufsverkehr da zu widersprechen?