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Von der Grenze über Haghpat, Odsun und den Sewansee zum ersten Boxenstopp in Yerevan

Bürokratie-Zirkus an der Grenze, Daten-High-Tech und Tuti Oghi

Sadachlo (Georgien) – Bagratashen (Armenien)

Die Spannung im Cockpit ist vor Grenzübergängen jedes Mal zum Greifen nah. Wenn man auf diese rot-weißen Schlagbäume zurollt, fragt man sich unweigerlich, welches bürokratische Kabarettprogramm diesmal auf dem Spielplan steht. Bekommt man den mürrischen Beamten, der den Inhalt von »Mr.Nero« bis auf die letzte Socke filetieren will, oder erwischt man die Fließband-Variante und fragt sich zwanzig Minuten später verzweifelt, wo eigentlich der Nervenkitzel geblieben ist?

Auf georgischer Seite ist erst einmal das gewohnte Anarchie-Rodeo angesagt. Stoßstange an Stoßstange wird verhandelt, wer denn nun in welcher Abfertigungsschlange stehen möchte. Das dauert mal wieder, obwohl der Andrang überschaubar ist. Doch der Check selbst verläuft enttäuschend unspektakulär: Ein müder Blick in den Innenraum, Stempel drauf, und ich rolle weiter zum armenischen Schlagbaum.

Die armenische Polizei wirft einen flotten Blick ins Innere und scannt Reisepass, Führerschein und Fahrzeugschein – garniert mit einem scharfen Digitalfoto von meinem Konterfei und »Mr.Neros« Nummernschild. In Mikrosekunden wandern die Daten in ein hochmodernes ALPR-System (Automatic License Plate Recognition). Während im Europa des Föderalismus und der DSGVO schon die bloße Idee, Halterdaten mit Bewegungsprofilen zu verknüpfen, Schnappatmung auslöst, laufen solche Systeme nicht nur in der Türkei und Georgien, sondern auch in Armenien völlig geräuschlos im Hintergrund. Wer im Osten verstaubte Aktenordner erwartet, wird vom digitalen Überwachungsstaat im Vorbeigehen überholt. Wenn mich später eine Polizeistreife stoppt, scannt der Beamte einfach mein Nummernschild aus 50 Metern Entfernung mit seinem Tablet und begrüßt mich danach namentlich durchs Seitenfenster.

Nach kurzer Kramerei im Camper weist mir der Zollbeamte den Weg zum Gebührenschalter – mit dem Hinweis, dort noch die fahrzeugabhängige Einreiseabgabe zu entrichten. Also suche ich mir innerhalb der Grenzanlage einen Parkplatz und reihe mich in die Schlange für die Gebührenzahlung ein. Dort stelle ich fest, dass hier ausschließlich bar kassiert wird – und zwar nur in armenischen Dram. Also raus aus der einen Schlange, rein in die Schlange vor der armenischen Bank gleich nebenan. Ich tausche meine restlichen georgischen Lari sowie ein paar Euro in die Landeswährung und marschiere mit den frischen Scheinen zurück zur Gebührenkasse.

Draußen am Schlagbaum mag die Welt modern wirken – hier drinnen regiert allerdings die bürokratische Ineffizienz. Das Personal gerät ob meines Campers in eine tiefe Identitätskrise. Ein Wohnmobil? Motorhome? Campervan? Völlig unbekannte Vokabeln im armenischen Zolltarif. Erst als ich mit Händen und Füßen demonstriere, dass ich im Auto lebe und schlafe, reift die Erkenntnis: Aha! A House Car!

Die 7.700 Dram – umgerechnet keine 20 Euro – zahle ich wieder brav am Bankschalter. Die Quittung schwenkend marschiere ich zurück, doch zu früh gefreut: Nun muss spontan eine House-Car Declaration getippt werden. Die sei notwendig, so erfahre ich, und müsse bei der Ausreise unbedingt zusätzlich zur Quittung vorgelegt werden. Fortan führen eine betagte Dame am Terminal und mein deutscher Fahrzeugschein einen erbitterten Kampf auf Leben und Tod. Gefühlt verstreicht eine volle Stunde, während die wartende Menge hinter mir spürbare Mordgelüste entwickelt.

Als ich das Papier endlich stempelfrisch in den Händen halte, geht es zum Ausfahrtstor. Nach einer allerletzten Kontrolle schallt mir ein herzliches „Welcome to Armenia!“ entgegen.

Ich bin eingereist!

Hundert Meter weiter am Kreisverkehr sichere ich mir an einem der zahlreichen Container die APPA-Versicherung und tausche weiteres Geld zu einem deutlich besseren Kurs. Gut, dass ich morgens in Mzcheta früh losgefahren bin: Das Grenztheater hat mich stramme drei Stunden gekostet.

Serpentinen, Freigeister und schwarz gebrannter Treibstoff

Meine armenische Debüt-Straße heißt M6. Ein überraschend geschmeidiges und vollkommen neues Asphaltband, das sich spektakulär durch die Debed-Schlucht schlängelt. Dass sich neben mir der reißende Debed-Fluss durch das Basaltmassiv gurgelt, während sich oben die Felswände nah zusammenziehen, verleiht der Fahrt eine herrliche Kulisse.

Allerdings muss sich die Natur die Bühne teilen. Das Tal ist durchzogen vom Erbe des einstigen Kupferbergbaus, den die Sowjets hier auf Hochtouren betrieben haben. Heute säumen rostende Fabrikruinen, zerfallene Kombinate und verwaiste Industrieskelette immer mal den Weg.

Ziel ist das Plateau von Haghpat. Die Auffahrt aus dem Tal ist steil und hat ein paar engen Kehren – aber »Mr.Nero« quittiert die Steigung nur mit einem müden Brummen.

Auf dem Kanchaqar Camping checke ich ein. Ein junger Armenier namens Martin begrüßt mich in makellosem Englisch. Ich beschließe, zwei Nächte zu bleiben: Pausieren, Papiere ordnen und ein gründliches House-Car Cleaning stehen auf dem Programm.

Am Spätnachmittag rollen zwei weitere deutsche Wohnmobile ein, darunter ein junges Pärchen aus Erfurt auf der Rückreise aus dem tiefen Südosten. Wie unter Campern üblich, werden prompt Erfahrungen und Routentipps ausgetauscht.

Auch mit Martin, dem freundlichen und überaus hilfsbereiten Platzbetreiber, komme ich ins Gespräch. Er schwärmt in den höchsten Tönen von seinem wiedergewählten Premierminister und klärt mich auf, dass die westlichen Reisewarnungen reiner Quatsch seien – man könne mittlerweile völlig problemlos durch das gesamte Land touren. Armenien sei offen, sicher und bereit für die Zukunft.

Ganz nebenbei frage ich ihn nach den gewaltigen Maulbeerbäumen, die den Platz säumen. Eine solche Fruchtfülle habe ich noch nie gesehen. Der schwarze Maulbeerbaum in meinem heimischen Garten schwächelt schließlich nach jedem mitteleuropäischen Winter mühsam vor sich hin.

Der junge Mann erklärt mir stolz die lokale Veredelungsmethode: Hier wird daraus Tuti Oghi gebrannt, der legendäre Maulbeer-Wodka. Bevorzugt aus den weißen Früchten, da deren hohe Süße die Gärung erst richtig in Schwung bringt. Gastfreundlich wie der Armenier nun mal ist, setzt er sofort zum Einschenken an. Ich blocke ab. Als Antialkoholiker danke ich herzlich, ernte aber nur verständnisloses Entsetzen. Ich müsse den Stoff schließlich hier trinken, schwärmt er weiter – mitnehmen nach Deutschland könne ich ihn sowieso nicht, da der edle Tropfen mangels Steuerbanderole beim Zoll für diplomatische Verwicklungen sorgen würde.

Ich lächle milde und winke ab. Nachdem ich gerade erst drei Stunden lang mit der armenischen Grenzbürokratie gerungen habe, verzichte ich dankend darauf, meine Organe auch noch mit schwarz gebranntem Raketentreibstoff einer Zerreißprobe zu unterziehen.

Tuffstein, heiliger Pfusch und ein akuter Sakral-Blues

Vom Campingplatz sind es steil bergauf nur ein paar hundert Meter, und schon stehe ich vor der Hauptattraktion des Nordens: Kloster Haghpat, UNESCO-Weltkulturerbe, im 10. Jahrhundert von Königin Chosrovanusch gegründet. Eine Anlage, die sich unübersehbar als architektonisches Denkmal für die Ewigkeit versteht – und das auch jedem einzelnen Besucher mitteilen möchte.

Der erste Blick verrät sofort: Das Grundkonzept kenne ich schon. Kloster- und Kirchenbau, wie ich ihn in Georgien inzwischen auf beinahe jedem halbwegs geeigneten Hügel kennengelernt habe. Überraschend ist das nicht. Armenier und Georgier waren im Mittelalter schließlich echte Brüder im Geiste – und offenbar auch Nutzer desselben architektonischen Baukastens.

Der einzige nennenswerte Unterschied: das Material. Wo Georgien auf Sand- oder Kalkstein setzt, regiert hier der Tuffstein. Warum Tuffstein? Ganz einfach: Armenien ist geologisch betrachtet ein einziger Vulkan-Schrottplatz der Erdgeschichte. Tuff ist im Grunde verfestigte Vulkanasche. Frisch aus dem Steinbruch kommt das Zeug so weich heraus, dass man seinen Namen vermutlich mit einem Buttermesser hineinschnitzen könnte. Erst an der Luft härtet er aus. Im Winter dämmt er die Kälte, im Sommer hält er die Innenräume kühl wie einen Bierkeller. Ein Naturbaustoff mit eingebauter Klimaanlage.

Nur die Optik zahlt drauf: Der dunkle Tuff verleiht dem Bauwerk die Ausstrahlung einer schwer bewaffneten Festungsanlage. Die Kuppeln ragen nicht gerade elegant in den Himmel, sondern lasten so gedrungen auf den Mauern, als wollten sie jedem kommenden Erdbeben vorsorglich die Stirn bieten.

Sternenkunde, Heilwasser und Urkunden auf Bestellung

Haghpat war im Mittelalter keineswegs ein beschauliches Refugium für Schweigemönche mit strenger Askese. Das Kloster war vielmehr die akademische Elite-Uni des Kaukasus. Hier wurden Astronomie, Philosophie und Rhetorik gelehrt.

Ein Hort des reinen Geistes also – allerdings mit einer erfrischenden Dosis hemmungslosem Pragmatismus. Denn unter dem Motto „Wer schreibt, der bleibt" verlegten sich die Mönche im Skriptorium nicht nur auf das mühsame Kopieren der Bibel. Waren nach der x-ten feindlichen Invasion mal wieder die königlichen Schenkungsurkunden im Feuer aufgegangen, griffen die Gottesmänner beherzt zur Feder und fertigten flink „neue Originale" an. Königssiegel wurden nachgeschnitzt, Stammbäume begradigt, Grundbesitz rückwirkend vordatiert. Aus heutiger Sicht: Urkundenfälschung. Aus mittelalterlicher Sicht vermutlich eher: kreative Bestandssicherung.

​Auch die Pharma-Sparte lief auf Hochtouren. Im Vorraum und in den Kellern stehen tief im Boden eingelassene Tonkrüge. Hier destillierten die Brüder Kräuter, Harze und Pflanzensäfte. Die Gebräue verkaufte man liebend gern an gläubige Pilger – garniert mit dem Versprechen, es handle sich um heilbringende Elixiere direkt aus dem Himmelreich. Historiker nennen das Scharlatanerie. Ich nenne es die Erfindung des kaukasischen Merchandising.

​Kurzum: Haghpat war beides zugleich – ein Tempel der Wissenschaft und ein ausgefuchster Verwaltungsbetrieb, der es mit der Wahrheit und der Produktdeklaration offenbar nicht immer so genau nahm, solange am Ende die Bilanz stimmte.

Ich wandere durch die verwinkelten Hallen. Ein Raum sticht heraus: Durch eine kreisrunde Öffnung in der Kuppel bricht das Sonnenlicht wie ein greller Scheinwerferstrahl herein und schneidet durch das düstere, tonnenschwere Gewölbe. Mystisch, sphärisch, hollywoodreif. Kamera ab.

​Danach geht es mit »Mr.Nero« wieder im Zickzack hinunter in die Debed-Schlucht. Weil sich die gewaltigen Felswände von unten fototechnisch nur miserabel einfangen lassen, schraube ich mich in Alaverdi noch einmal hoch auf den Parkplatz des Restaurants Mendz Er Cave und genieße den atemberaubenden Weitblick.

Diagnose: akuter Sakral-Blues

Jetzt steht die große Gewissensfrage an: Auch noch rüber zum Nachbarkloster Sanahin? Von hier ist es nicht weit. Aber ich befürchte, dass mich dort lediglich ein architektonisches Déjà-vu erwartet. Die Legende besagt, dass sich einst ein junger Steinmetz beim Bau von Sanahin mit seinem Lehrmeister verkrachte, auf das gegenüberliegende Plateau flüchtete und dort sein eigenes Ding hochzog. Als die Mauern wuchsen, blickte der alte Meister vom Nachbarhügel hinüber und rief anerkennend: „Hach pat!" – sinngemäß: „Das ist aber eine gewaltige Wand!" Ob wahr oder hübsch erfunden – die beiden Bauwerke sind sich jedenfalls verdächtig ähnlich. Und das gilt fürs ganze Land: Georgier und Armenier haben den Sakralbau zu einer Art mittelalterlichen Serienproduktion verfeinert. Ein Erfolgsrezept, unverändert seit tausend Jahren: massiver Stein, dicke Mauern, Kegel-Hütchen oben drauf, fertig.

Man muss ehrlich sein: Wer mehrere Wochen durch den Kaukasus reist, läuft irgendwann Gefahr, einen akuten Sakral-Blues zu entwickeln. Bei den ersten Klöstern fällt einem noch vor Staunen die Kinnlade herunter. Beim dritten denkt man: beeindruckend. Beim fünften: wunderschön. Beim achten beginnt das Gehirn, gewisse Rationalisierungsmaßnahmen einzuleiten. Ab Kirche Nummer zehn sehen plötzlich alle aus wie Verwandte. Für mich als einfachen Betrachter unterscheiden sich die Heiligtümer irgendwann ungefähr so stark wie mittelalterliche Dorfkirchen in der Eifel.

In Insiderkreisen der Reisebranche hat sich für dieses Phänomen das Kürzel ABB etabliert: „Another Bloody Basilica" – das europäische Pendant zum südostasiatischen ABT, „Another Bloody Temple", wo der Begriff eigentlich herstammt, wenn Urlauber, Reiseleiter oder Rucksacktouristen nach der zehnten Pagode in Thailand oder Kambodscha nur noch goldene Dächer halluzinieren.

​Um nicht vollends im kaukasischen ABB zu versinken, ziehe ich die Notbremse. Sanahin fällt aus!. Ich wende »Mr.Nero«, überquere den Fluss und fahre auf der westlichen Schluchtseite steil hinauf zur Kathedrale von Odsun.

​Odsun, das honiggelbe Ausrufezeichen

​Und siehe da: Es gibt sie noch, die Überraschungen! Die Kathedrale aus dem 7. Jahrhundert versteckt sich nicht hinter Schutzmauern, sondern steht völlig frei und stolz wie ein Monolith mitten auf dem Hochplateau.

​Schluss mit finsterem Tuff-Schwarz: Odsun schimmert in warmem Honiggelb und wird von einer offenen Arkadengalerie umrahmt, die man in Armenien sonst fast nirgendwo findet. Im 8. Jahrhundert residierte hier Katholikos Hovhannes III., der theologische Superstar seiner Zeit.

​Dazu gibt es die passende Dosis Reliquien-Mythos. Unter dem Altar soll das Leichentuch Christi, beziehungsweise ein Teil davon ruhen. Und der Apostel Thomas höchstselbst soll hier Priester geweiht haben. Was allerdings ein kleines Problem darstellt, denn der hatte im 1. Jahrhundert n.Chr. in Indien sein irdisches Dasein schon längst aufgegeben. Hier prallt die nüchterne Geschichtsschreibung auf die Kunst der Heiligen-Überlieferung.

Glaubt man der Lokalgeschichte, stand hier bereits im 1. Jahrhundert eine winzige Holzkapelle, die Thomas auf seinen Missionsreisen persönlich geweiht hat. Als man 600 Jahre später die gewaltige Kuppelbasilika darüber baute, hat man den berühmten Apostel im PR-Text kurzerhand „mitumgezogen“.

Eigentlich nichts besonderes, nur ein bisschen Heiligen-Diplomatie. Im Mittelalter galt schließlich: Je älter und apostolischer die Wurzeln eines Klosters oder einer Kirche, desto mehr Spenden, Pilger und politischer Einfluss kamen zusammen. Mit den Jahrhunderten nahm man es da nicht immer so genau. Wer glaubhaft behaupten konnte, ein Apostel habe hier persönlich gewirkt, war in der kirchlichen Hierarchie schlagartig unantastbar. Genau wie mit dem Leichentuch unter dem Altar oder den Urkundenfälschungen in Haghpat: ein bisschen heilige PR, ein großzügiger Umgang mit dem Kalender – und schon wird aus einer Kathedrale des 7. Jahrhunderts der Wirkungsort eines Apostels aus dem 1. Jahrhundert.

​Realsatire in Stein, wie sie im Buche steht!

Gleich nebenan auf dem Friedhof ragt zudem ein rätselhaftes Steinmonument auf, das König Trdat III. mit dem Kopf eines Wildschweins zeigen soll. Die Hintergründe erschließen sich mir nicht auf Anhieb, und ehrlich gesagt habe ich auch keine Lust, sie zu recherchieren. Ich streife einfach um Kirche und Friedhof herum, genieße den Moment und setze mich auf eine Bank am Rand der weitläufigen Anlage. Ich beobachte die Menschen, die hierherkommen, und frage mich, wo ich hier eigentlich gerade abgeblieben bin. Vielleicht ist genau das Reisen. Man fährt los, um etwas zu sehen – und sitzt irgendwann auf einer Bank und schaut einfach nur noch zu.

​Der Blitzer vor dem Nadelöhr

​Nach Odsun reicht es mir definitiv mit dem Sakral-Kult. Die Sehnsucht nach Wasser ruft: Auf zum Sewansee!

​Die Anfahrt zieht sich. Hinter Wanadsor steuere ich auf Dilidschan zu. Schlagartig kippt die Szenerie: Dichte, grüne Bergwälder umrahmen die Straße – nicht umsonst nennt man die Gegend die „armenische Schweiz“. Die Luft riecht angenehm nach Holz und Harz, fast wie in den Alpen.

​Doch ich habe nur Augen für das eine Ziel: Den kilometerlangen sowjetischen Gebirgstunnel, der Dilidschan mit dem Hochplateau verbindet. Ich bin derart fokussiert auf diesen Tunneldurchstich – und zugegeben, streckenweise wohl auch mit etwas zu viel Schwung unterwegs –, dass es passiert: Beim Zirkeln um die letzten Kurven überhole ich noch rasch einen Dieselwolken spuckenden Minibus, und… ZACK!

​Ein greller Fotoblitz reißt mich aus den Gedanken. Die stationäre Radaranlage am Straßenrand habe ich wohl im Rausch der Kurven glatt übersehen. Aus der Tiefe meiner Lungen entweicht ein unzensierter Urschrei, der die Scheiben im Camper zum Schwingen bringt. Herzlichen Glückwunsch. »Mr.Nero« hat jetzt sein erstes offizielles Passfoto auf armenischem Boden. Die Rechnung kommt bestimmt auch noch. Und wenn es an der Grenze ist.

​Das armenische Meer und die Freiheit des Guerilla-Campers

​Kaum spuckt einen das dunkle Loch des Tunnels auf der anderen Seite wieder aus, reibt man sich verblüfft die Augen. Landschaft und Klima kippen innerhalb von wenigen Kilometern um 180 Grad: Die dichten Wälder von Dilidschan sind wie weggeblasen. Vor mir erstreckt sich eine karge, baumlose Hochebene – und darin eingebettet die riesige, tiefblaue Wasserfläche des Sewansees auf knapp 2000m Metern Höhe.

​Jetzt schlägt die Stunde des wahren Reisens: Blinker links, runter von der Piste, über einen holprigen Wiesenweg direkt ans Ufer.

​Kein Höhenbegrenzungsbalken. Kein Verbotsschild. Kein parkscheinversessener Ordnungshüter im Gebüsch. Wer sich hier rücksichtsvoll verhält, seinen Müll wieder einpackt und die Natur respektiert, stellt seinen Camper einfach ans Wasser und genießt das Panorama.

​Das ist Guerilla-Camping vom Feinsten. Ich mache es mir gemütlich. Der Lungo aus der Kapselmaschine duftet schon und der Blitzer-Schreck ist schnell vergessen.

Der Nordschleifen-Boxenstopp und das russische Roulette an der Bäckertheke

Bevor ich mich auf meiner Reise weitertreiben lasse, meldet sich »Mr.Nero« mit einem unmissverständlichen Anliegen. Der erste offizielle Boxenstopp der Armenien-Reise steht an. Das Etappenziel heißt Jerewan – genauer gesagt: die nördlichste der mittlerweile acht nagelneuen Shell-Tankstellen der Hauptstadt.

»Mr.Nero« ist schließlich ein moderner Camper mit Euro-6-Technik. Und der hat beim Thema Diesel ungefähr so viel Humor wie ein deutscher TÜV-Prüfer bei einer selbstgebastelten Anhängerkupplung. Er braucht schwefelarmen Diesel – und den bekomme ich in Armenien zuverlässig nur hier. Damit ist das Grundprinzip meiner armenischen Reise bereits festgelegt: Ich fahre jeweils verschiedene Schleifen durch das Land und komme anschließend wieder nach Jerewan, um zu tanken. Nordschleife, Südschleife, Westschleife oder Ostdingsbums – völlig egal. Die armenische Geografie darf sich meinetwegen noch so sehr bemühen, neue Landschaften zwischen mich und Jerewan zu schieben – am Ende führt die Straße »Mr.Nero« und mich immer wieder zu irgendeiner Shell-Station in der armenischen Hauptstadt.

An der Zapfsäule angekommen, klappt mir erst einmal die Kinnlade herunter. Die Anlage sieht aus, als hätte jemand ein Stück deutsche Autobahn direkt nach Armenien verpflanzt. Spiegelsaubere Zapfsäulen, blitzblanker und klimatisierter Verkaufsraum, Shop mit allem Pipapo und kontaktlose Kartenzahlung. Kein Tuffstein und auch kein Sowjet-Flair. Ich fülle nicht nur den Tank bis zum Stehkragen, sondern versorge auch noch die Reservekanister mit dem flüssigen Gold. Mit dem beruhigenden Gefühl, die moderne Euro-6-Mechatronik nicht mit armenischem Schweröl versorgt zu haben, ist das Missionsziel erreicht. Der erste Boxenstopp ist absolviert – und es wird nicht der letzte Trip hierher gewesen sein. Am Ende geht es eben immer wieder zurück an den Shell-Tropf.

Apropos Kraftstoffversorgung: Der Mensch lebt nicht vom V-Power allein. In einem kleinen Carrefour um die Ecke decke ich zunächst den Grundbedarf ab, bevor mich eine verlockend duftende Bäckerei gegenüber in Versuchung führt. Das Gebäck sieht hervorragend aus – birgt aber eine linguistische und medizinische Konfliktzone.

Die Damen hinter der Theke sprechen ausschließlich Armenisch. Meine Google-Übersetzungs-App verweigert allerdings systembedingt die armenische Sprachausgabe. So entwickelt sich ein pantomimisches Kaukasus-Theater. Das Problem an der Sache: Die Region pflegt bekanntlich eine geradezu leidenschaftliche Beziehung zu Nüssen – in Kuchen, Gebäck, Süßigkeiten und vermutlich auch in Dingen, bei denen man sie zunächst gar nicht vermuten würde. Ich wiederum hege eine ausgeprägte Allergie gegen unfreiwillige Erstickungsanfälle fernab deutscher Notaufnahmen. Mangels Vokabeln für „Ist hier Walnuss oder Haselnuss drin?“ bleibt der kulinarische Mut auf der Strecke. Das Risiko für russisches Roulette mit Nussteilchen ist mir schlicht zu hoch. Nach medizinischen Selbstversuchen steht mir nicht der Sinn. Am Ende marschiere ich hochgradig sicherheitsorientiert nur mit einem einfachen, unverdächtigen Brot vom Platz. Trockener Kohlenhydrat-Pragmatismus schlägt kulinarische Neugier.

Vollgetankt, aufgetankt und frei von anaphylaktischen Schocks arbeite ich mich schließlich wieder hinauf zum Sewansee. Die erste Etappe – die Nordschleife – ist damit erfolgreich im Kasten.