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​Vom Sewansee über Hayravank, Noratus und den Selimpass zum zweiten Boxenstopp in Jerewan

Maldiv vayri loghap'

Nahe dem kleinen Ort Tsovazard finde ich unmittelbar am Rand eines Naturschutzgebietes einen Stellplatz, der pure Postkartenidylle ausstrahlt. Eine kleine Bucht am Sewansee, heller, schmaler, weißer Strand, kristallklares Wasser und dahinter die Weite des Sees. Wenn die Sonne richtig steht, könnte man tatsächlich auf die Idee kommen, hier irgendwo in einer exotischen Region gelandet zu sein.

​Die Zufahrt ins Gelände erfordert zwar etwas Bodenfreiheit und man findet auch keinen Schatten, dafür steht man mitten in der Natur. Ab und zu kommen ein paar Einheimische zum Picknick hierher. Wie ich von ihnen erfahre, nennen sie die Bucht auch „Maldiv vayri loghap’“, was so viel heißt wie: „Wilder Strand der Malediven“. Nun ja.

​Nur die lokale Fauna hat das Konzept offenbar noch nicht ganz verstanden. Denn jeden Morgen kommen die Hirten mit ihrer Rinderherde vorbei und bugsieren die Tiere zum Trinken an den See. Das ist zwar ausgesprochen authentisch, passt aber nicht ganz in die Malediven-Kulisse. Macht nichts. Müll liegt hier, entgegen mancher Warnung, keiner rum, und selbst nachts, mutterseelenallein, fühle ich mich völlig wohl. Die Hirten winken, die Leute plaudern gern kurz mit mir – und jedes dieser Gespräche endet zuverlässig mit dem gleichen Mantra: „Welcome to Armenia!“

​Erst beschließe ich, hier nur zwei Tage zu bleiben, aber dann werden ein paar mehr draus. Ich versuche die Seele baumeln zu lassen, weil ich merke, dass mich da nicht nur ein spezieller Sakral-Blues nach der zwanzigsten Kirche erfasst hat, sondern ein ausgewachsener Kaukasus-Blues. Es ist ein merkwürdiger Zustand. Ich reise ausgesprochen gern. Das ist schließlich der Grund, warum ich hier bin. Und eigentlich gibt es auch überhaupt keinen Anlass zur Klage: Die Landschaft ist grandios, die Reise interessant und jeden Tag passiert irgendetwas, das man zu Hause seinen Freunden erzählen würde.

​Ich frage mich, ob man zu zweit einfach länger durchhalten würde. Ob sich das, was einem unterwegs zustößt, leichter erträgt, wenn man es teilen kann – eine Art Lastenausgleich fürs Gemüt. Als ich früher mit meiner Frau unterwegs war, kannte ich das nicht: Der Urlaub war mir nie lang genug. Seit ich allein reise, läuft alles ungefiltert und zu hundert Prozent bei mir auf – die Landschaften, die Dauerkonzentration am Lenkrad, die fremden Sprachen, die kleinen Realsatiren des Alltags, dazu das permanente Entscheiden, Reflektieren, Verarbeiten. Mein Kopf steht seit zweieinhalb Monaten auf Dauer-Aufnahme. Und jetzt, so fühlt es sich an, meldet das System: Speicher voll, Aufnahmestopp.

​Wahrscheinlich funktioniert ein Reisepartner auf langen Touren tatsächlich wie ein Ventilsystem oder ein Katalysator: Jedes Vorkommnis, jede Absurdität am Wegesrand und auch jeder Ärger (wie der Blitzer vor dem Tunnel oder die Bürokratie an der Grenze) wird im Moment des Erlebens sofort geteilt. Durch das Gespräch, das gemeinsame Lachen oder auch das gemeinsame Fluchen wird der Eindruck verarbeitet und abgeleitet. Ein Großteil dieser emotionalen Energie verfliegt einfach im Dialog. Man teilt die Last und geht anschließend gemeinsam weiter.

Irgendwann, während ich hier rumhänge, ruft mein Sohn von zu Hause aus an. Ich hatte ihm gleich zu Beginn schon ein paar Bilder von meinem Malediven-Strand geschickt. Wir quatschen über ziemlich belangloses Zeugs. Dann erkläre ich ihm aber auch, wie müde und antriebslos ich gerade bin und dass ich überhaupt nicht nachvollziehen kann, wie manche Menschen ein Jahr, zwei Jahre oder noch länger durch die Welt tingeln können, ohne irgendwann denselben mentalen Knoten im Kopf zu bekommen.

Während ich argumentiere, ich sei vielleicht doch schon ein bisschen zu alt und unflexibel, ist er der Meinung, es liege wohl eher daran, wie man so eine Reise angeht und welche Ansprüche man daran hat. Vielen Dauer-Travellern ginge es nur ums Vorankommen: Grenzen passieren, Sehenswürdigkeiten abhaken, geografische Eckpunkte einsammeln – „Ich war am Nordkap“, „Ich bin den Pamir-Highway gefahren“. Landschaften und Orte werden konsumiert wie aus dem Zugfenster; historische Tiefe, kulturelle Nuancen und schräge lokale Anekdoten bleiben außen vor. Auf diese oberflächliche Art könne man mühelos jahrelang unterwegs sein.

An meinen Texten merke er dagegen, dass es mir nicht um schnelle Trophäen gehe, sondern ums Erforschen der Hintergründe, der Geschichte und der Kultur – und darum, was passiert, wenn man sich wirklich auf Land und Leute einlässt. Eben ein ganz anderer Ansatz. Mein mentaler Speicher sei daher nicht voll, weil ich alt sei – sondern weil ich das Erlebte auch tatsächlich im Detail verarbeite.

Ob das nun die bessere Art zu reisen ist oder einfach nur die unbequemere, hat mein Sohn allerdings nicht gesagt. Vermutlich, weil er selbst nicht genau wüsste, ob er am Ende des Tages nicht doch lieber zu denen mit der vollen Trophäenkarte gehören möchte – die mit leichtem Gepäck schneller unterwegs und abends noch erholt genug für ein zweites Bier sind.

Trotzdem: Ich bin überrascht. Mein Sohn zeigt eine für ihn ungewohnte Empathie für seinen alten Herrn, der da am Sewansee unmotiviert im Campingstuhl rumhängt. Sein Rat ist verblüffend simpel: „Schreib doch einfach mal darüber.“

Natürlich habe ich auch dazu zunächst keine Lust. Ein Reisebericht darüber, dass ich gerade keine Lust auf Reisen habe? Das ist schon fast wieder so absurd, dass es interessant wird. Als sich nach ein paar weiteren Tagen am See ein Hauch von Langeweile einschleicht, mache ich das dann doch.

​Zwischen den Momenten

​Die kaukasische Kapitulation: Vom hohen Ross des Bildungsreisenden zum Sewansee-Schlendrian

​Man hat ja Pläne. Große Pläne. Wenn man schon mal in den ältesten Kulturkreisen der Christenheit und in ganz anderen Landschaftsbildern unterwegs ist, dann hat man gefälligst die großen Highlights zu besuchen und diese fotogen abzulichten, damit die pflichtbewusst nach daheim übersandten Fotos mit den Hochglanzbildern der Google-Suche abgeglichen werden können: „Aha, da stand er also, der alte Mann mit seinem Camper. Brav.“

​Und was mache ich? Ich kapituliere. Vor mir selbst und vor der schieren Masse der Eindrücke.

​Je länger ich mich durch Georgien und Armenien bewege, desto mehr schleicht sich ein Zustand ein, den der deutsche Bildungsbürger wohl als „akute Faulheit“ diagnostizieren würde. Mein mentaler Speicher ist randvoll, die Festplatte zeigt „0 KB freier Speicherplatz“. Ich bin schlichtweg vollgestopft mit Geschichte, Kultur, Weihrauch und kaukasischem Landschaftspanorama. Und auch wenn mir jetzt einer das sakrale XXL-Highlight des armenischen Kirchenbaus präsentiert – es macht im Moment nichts mit mir.

​Mein neuer Reisebegleiter heißt nicht mehr Ehrgeiz, sondern Schlendrian.

​Statt die nächste Must-See-Ruine in Angriff zu nehmen, sitze ich auf der grünen Wiese am Sewansee. Ich praktiziere ein hochkomplexes, tagesfüllendes Programm: Morgens schaue ich zu, wie die Sonne über dem Wasser aufgeht. Den restlichen Tag übe ich mich in einer Gelassenheit, die jeden buddhistischen Mönch vor Neid erblassen ließe. Und abends – man gönnt sich ja sonst nichts – schaue ich zu, wie die Sonne wieder untergeht. Dazwischen: hingebungsvolles Starren auf den Kleinen Kaukasus im Hintergrund.

​Mache ich etwa Urlaub? Verliere ich die Motivation? Denke ich etwa schon an die Rückreise, nur weil ich das ewige „Höher, Weiter, Schneller, Mehr“ gerade satt habe?

​Vielleicht ist es an der Zeit, den Daheimgebliebenen ein trauriges Geständnis zu machen: Das größte Abenteuer jenseits der Komfortzone besteht momentan darin, einfach mal absolut gar nichts zu tun. Ich bleibe erst mal hier sitzen – bis der See austrocknet oder der Kaffee ausgeht. Je nachdem, was zuerst passiert.

​Zwei Tage später mache ich mich auf, den Weg um den südlichen Teil des Sewansees zu erkunden. Ob es an den wieder vollen Akkus liegt, am neu generierten Speicherplatz oder schlicht daran, dass mir vor lauter Langeweile jetzt endgültig die Decke auf den Kopf fällt – wer weiß.

Vom Tauben-Wunder, edlem Käse und Räucherfisch

On the road again. Die Küstenstraße zieht sich am Sewansee entlang und irgendwo vor mir wartet Martuni am südöstlichen Ende des Sees. Doch bevor ich dort ankomme, taucht hinter der nächsten Kuppe etwas auf, was in Armenien zuverlässig immer auftaucht, wenn man nur lange genug unterwegs ist: Ein Kloster. Was auch sonst. Hayravank!

Ich biege ab, lasse »Mr.Nero« ein paar Meter den Hügel hinaufklettern und stehe praktisch direkt vor der Kirche.

Kloster Hayravank: Kompakte Hütte mit großer Legende

Man muss dem Ort eines lassen: Die Lage auf dem steilen Felsvorsprung direkt über dem tiefblauen Wasser hat eine nahezu verhaltene Schönheit. Im Vergleich zum touristischen Rummel auf der Halbinsel von Sevanavank wirkt Hayravank fast wie ein Geheimtipp. Ein Ort, an dem man nicht ständig darauf achten muss, ob einem gerade jemand ins Foto läuft.

Groß ist das Gebäude nicht. Die Hauptkirche stammt aus dem späten 9. Jahrhundert, der Gavit (Vorbau) kam im 12. dazu, beide aus rötlich-schwarzem Vulkanstein, der im Gegenlicht an manchen Stellen wie verkohlt aussieht. Daneben dämmern die Reste einer bronzezeitlichen Festung vor sich hin. Dass diese beschauliche Kirche im 14. Jahrhundert zur Bühne für eine der bekanntesten Legenden Armeniens wurde, sieht man ihr wahrlich nicht an:

Als der tatarisch-mongolische Eroberer Tamerlan (der schon wieder!) plündernd durchs Land zog, flehte der damalige Abt, Pater Hovhan, verzweifelt um Rettung für die Bevölkerung. Tamerlan, der Gnade nur als Spiel kannte, machte ihm süffisant ein Angebot: Er würde so viele Dorfbewohner verschonen, wie in die kleine Kirche passten.

Also strömten die Menschen hinein. Und hinein. Und hinein. Nur: Die Kirche wurde einfach nicht voll. Tamerlan wurde misstrauisch und schaute selbst nach. Drinnen saß nur noch der Abt. Die Menschen waren verschwunden. Sie waren – der Legende nach – beim Betreten der Kirche in Tauben verwandelt worden und durch die Öffnung der Kuppel davongeflogen.

Man muss es den Armeniern lassen: Wenn es um die Rettung der eigenen Bevölkerung geht, beschränkt man sich offenbar nicht nur auf die üblichen Maßnahmen. Was Tamerlan allerdings danach mit dem Abt angestellt hat, will ich gar nicht wissen…

Noratus: Ein Friedhof, der eigentlich keiner sein will…

Weiter am Ufer entlang kommt man zwangsläufig nach Noratus. Hier liegt einer der bedeutendsten noch erhaltenen Friedhöfe des Landes, auf dem noch rund 900 armenische Khachkare – Kreuzsteine – auf einer riesigen grünen Wiese stehen. Teilweise 1100 bis 1200 Jahre alt.

Ich gebe unumwunden zu, dass ich bei meiner Ankunft zunächst ziemlich ratlos bin. Ich stehe mitten auf einem Feld voller Steinklötze, die jemand ohne erkennbare Ordnung in die Erde gerammt hat. Ein Khachkar ist in seiner äußeren Struktur nämlich kein freistehendes Kreuz, wie wir es kennen, sondern eine senkrechte Steinplatte mit einem kunstvoll eingemeißelten Kreuzrelief auf der Vorderseite.

Wer die berühmten, filigran verzierten Meisterwerke aus den Reiseführern sucht, muss zwischen den Steinreihen erst einmal intensiv Ausschau halten. Es ist eine Art Ostereiersuche für Fortgeschrittene. Doch dann sehe ich ihn: einen Bauern hinter seinem Ochsenpflug, in Stein gehauen. Ein paar Schritte weiter ein besonders herausgeputzter Stein, eine Hochzeitsgesellschaft, die mitten im Fest von Invasoren überfallen wird. Tiere, Gefäße, Szenen aus einem Alltag, der schon  Jahrhunderte her ist.

Und damit fängt mein Verständnisproblem auch schon an: Was zum Teufel hat ein Ochsenpflug oder ein Überfall auf dem Grabstein eines Friedhofs verloren?

Die Antwort ist so einfach wie überraschend: Ein Khachkar ist gar kein Grabstein, jedenfalls nicht in unserem Sinn. Bei uns gehört auf den Stein ein Name, ein Geburts- und ein Todesjahr, ein Bibelspruch, vielleicht noch ein Blumenstrauß davor, fertig. Ein armenischer Khachkar funktioniert völlig anders. Der Khachkar erinnert an einen Menschen oder ein Ereignis und ist zugleich ein steinernes Gebet. Deshalb stehen solche Steine nicht nur auf Friedhöfen, sondern auch an Kirchen und Wegen. Nach der Weihe sollen sie schützen, erinnern und den Menschen mit Gott verbinden.

Als hätte jemand nicht nur „Hier liegt Arman, 1267–1321“ in den Stein gemeißelt, sondern: „Das war Arman. Er war Bauer. Er hatte zwei Ochsen. Er hat gearbeitet, gefeiert und gelebt.“

Der Stein erzählt also nicht nur: „Hier ist jemand gestorben.“ Er erzählt eher: „Hier hat jemand gelebt.“ Das ist ein ziemlich wesentlicher Unterschied.

Der Mensch wird nicht auf Geburts- und Todesdatum reduziert. Der Stein kann von seiner Arbeit erzählen, von seinem Alltag, von seiner Familie, von dem, was ihm wichtig war. Und damit werden aus den Steinklötzen kleine Geschichten. Ein Bilderbuch aus Stein.

Und dann ist da noch das Kreuz. Wer mit unserer europäischen Friedhofssicht auf Khachkare schaut, erwartet zunächst das christliche Zeichen des Todes. Hier aber passiert etwas anderes: Aus dem Reliefkreuz wachsen Ranken, Blätter und Granatäpfel. Das Kreuz wird zum Lebensbaum. Das Leben wächst aus dem Kreuz heraus. Die Symbolik ist ziemlich eindeutig: Tod und Leben gehören zusammen, der Tod ist nicht das letzte Wort.

Ich verstehe zwar die Idee. Allerdings erreicht mich der Gedanke nicht wirklich. Da steht mir wohl die eigene religiöse Entfremdung im Weg. Für das Seelenheil bin ich vermutlich sowieso der falsche Ansprechpartner.

Dschulfa: Ein Friedhof, der keiner mehr ist…

Während ich zwischen den Steinen herumspaziere, kommt mir der andere armenische Friedhof in den Sinn, über den ich vor dem Besuch hier schon gelesen habe: Dschulfa. Er lag in der aserbaidschanischen Exklave Nachitschewan – und er ist verschwunden.

Einst standen dort Tausende Khachkare, der größte Kreuzsteinfriedhof, den es je gab. Ende der 1990er-Jahre begann die Zerstörung, 2002 ging sie weiter, und im Dezember 2005 wurde der Rest beseitigt: Aserbaidschanische Soldaten zertrümmerten die letzten Steine mit Vorschlaghämmern und schwerem Gerät, luden die Trümmer auf Lastwagen und kippten sie teilweise in den Grenzfluss Aras. Von der iranischen Seite des Flusses hat jemand alles gefilmt. Heute steht dort kein einziger Stein mehr.

Warum tut man so etwas? Sicher nicht bloß, weil die Steine christlichen Ursprungs und die Nachbarn Muslime sind. Das wäre zu einfach. Die Khachkare waren ein unbequemer Beweis dafür, dass in dieser heute zu Aserbaidschan gehörenden Region über Jahrhunderte Armenier gelebt haben. Genau solche sichtbaren Belege werden in einem Konflikt um Geschichte, Zugehörigkeit und territoriale Ansprüche plötzlich politisch.

Aserbaidschanische Stellen haben die armenische Präsenz in Nachitschewan wiederholt bestritten. Die vollständige Beseitigung der Kreuzsteine in Dschulfa löschte die sichtbaren Zeugnisse der Vergangenheit aus und demonstrierte auf gewohnt kompromisslose Weise, wie wunderbar unkompliziert Geschichtsschreibung wird, wenn man das Beweismaterial einfach zu Schotter verarbeitet.

Hier in Noratus stehen sie noch: fast 900 Erinnerungen an eine armenisch-christliche Kultur, jede von Hand gehauen, jede ein Unikat. Die Kunst des Khachkar-Meißelns gehört inzwischen zum immateriellen UNESCO-Welterbe.

Die Mikayelyan Family Farm

Wo der Käse den Franzosen Konkurrenz macht

Nach so viel Tod muss ich mich dringend mit etwas anderem beschäftigen.

Vom Friedhof Noratus sind es nur wenige hundert Meter aus dem Ort heraus bis zur Mikayelyan Family Farm. Eine Käserei, 2012 gegründet, die für sich in Anspruch nimmt, den Franzosen in Sachen Qualität locker Paroli bieten zu können. Eine derart kühne Behauptung muss ich natürlich intensiv überprüfen.

Der Inhaber begrüßt mich persönlich und führt mich in den unterirdischen Käsekeller. Hier reifen unter anderem Wein- und Cognackäse neben Hartkäselaiben, die in Kräutern und Gewürzen gewälzt sind. Alles wirkt hochprofessionell, und der Geschmack ist tatsächlich exzellent. Ich entscheide mich für drei kleinere Stücke: Natur, roter Pfeffer, Thymian.

An der Kasse folgt das dicke Ende des Gourmet-Einkaufs: knapp 15.000 Dram, rund 36 Euro für drei sehr überschaubare Stücke. Im restlichen Land ist Essen lächerlich billig, aber hier zahle ich, wie es aussieht, für die neue armenische Marktwirtschaft und die Annahme, dass westliche Touristen über eine besondere Form der Zahlungsfähigkeit verfügen. Fazit: Die Käserei tritt nicht nur im Geschmack gegen die Franzosen an, sondern auch beim Preis. Ich bedanke mich freundlich, nehme meinen edlen Käse und fahre davon – sanft abgezockt, aber zumindest mit gutem Geschmack im Mund.

Der „Fürstenfisch“ und das Öko-Dilemma des Sewansees

Wenig später, die Straße führt weiter Richtung Martuni, fahre ich an einer einfachen Fischerhütte auf der Seeseite vorbei. Ein paar Kisten stehen davor, und zwischen zwei Stangen hängen an einer Leine geräucherte Fische, die in der Sonne glänzen. Es sind Sewan-Forellen, „Ischchan“ genannt, was so viel wie „Fürstenfisch“ heißt. Ein Name mit Geschichte, denn diesem Fisch wäre es fast an den Kragen gegangen.

Der Sewansee ist gewaltig, fast zweieinhalbmal so groß wie der Bodensee, an manchen Stellen bis zu achtzig Meter tief. Doch in den letzten hundert Jahren hat er Schlimmes erlebt. In der Sowjetzeit entzog man ihm für riesige Bewässerungs- und Wasserkraftprojekte so viel Wasser, dass der Spiegel um über 18 Meter sank. Das ökologische Gleichgewicht brach zusammen, und durch exzessive Fischerei schrumpften die Bestände des Fürstenfischs dramatisch.

Um die Katastrophe aufzuhalten, wagte man ein gewaltiges Ingenieurprojekt: den Arpa-Sewan-Tunnel. Über 48 Kilometer bohrt er sich durch das Gebirge, teils in atemberaubender Tiefe unter den Bergmassiven des Kaukasus, und leitet Wasser aus dem Fluss Arpa in den See. Der Pegel stieg wieder ein Stück und stabilisierte sich. Dazu kamen mehrjährige Fangverbote, besonders in der Laichzeit im Herbst und Winter, Polizeikontrollen auf den Zufahrtsstraßen und am Ufer gegen Wilderer und Stellnetze, dazu Aufzucht- und Wiederansiedlungsprogramme. Heute hat der See wieder einen stabilen Forellenbestand.

Ich überlege noch, ob die hübsch aufgereihten Fische da am Straßenrand wohl frisch sind, und entscheide mich dann doch spontan umzukehren.

Vor der Hütte sitzt der Fischer und nimmt frischen Fang aus. Er erlaubt mir freundlich, ein paar Fotos zu machen, und bietet mir zwei Forellen an, je 1.000 Dram, umgerechnet gerade einmal 2,40 Euro. Ich zeige fragend auf die Fische an der Leine, aber er winkt energisch grinsend ab. Meine zwei prächtigen Exemplare holt er gut verpackt aus einem Karton im Schatten. Die armenischen Fischer haben also inzwischen ebenfalls verstanden, dass Präsentation und Produkt nicht zwingend dasselbe sein müssen.

Sein ständig wiederholtes Wort „Lav!“ bedeutet auf Deutsch so viel wie „Gut!“. Bei so viel ehrlicher Überzeugung hoffe ich dann auch auf einen kulinarischen Genuss ohne Reue.

Die Weiche nach Süden

Mit dem Fisch im Kühlschrank rollt »Mr.Nero« weiter. Unterwegs ziehen wieder Rinderherden vorbei, die von ihren Hirten getrieben werden, um am Ufer ihre tägliche Ration aus der riesigen Wasserpulle zu nehmen.

Wenig später erreiche ich die Kreuzung in Martuni. Geradeaus ginge es schnurstracks in Richtung der Grenze nach Aserbaidschan. Nach links führt die Straße am Nordufer des Sees weiter. Ich setze den Blinker nach rechts. Die Straße steigt an. Es geht hinauf zum Selimpass.

 

Hinauf zur Karawanserei: Optische Täuschungen auf der Hochebene

Die Straße von Martuni hinauf zum Selimpass (offiziell Vardenyats-Pass) überrascht zunächst mit einer astreinen Trasse. »Mr.Nero« schnurrt entspannt bergauf, während sich links und rechts eine sanft gewellte Hochebene ausbreitet – und genau in diesem Moment schlägt mir die armenische Höhenphysik ein kleines Schnippchen. Die Bergspitzen am Horizont wirken seltsam mickrig. Fast könnte man meinen, über ein etwas welliger geratenes Hügelland im Sauerland zu rollen.

„Das soll der Kleine Kaukasus sein?“, geht es mir durch den Kopf. „Da wirken die Alpen aber deutlich beeindruckender.“ Ein gewaltiger Irrtum der Wahrnehmung, wie sich schnell herausstellt. Man vergisst schlichtweg das Fundament, auf dem man rollt. Der Sewansee liegt schon auf fast 2000 Metern Höhe. Die Hochebene, über die ich mich gerade nach oben arbeite, erreicht etwa 2.400 Meter. Und die unscheinbar flach wirkenden Bergketten des Wardenis- und Gegham-Gebirges ringsum sind keineswegs harmlose Hügelchen. Ihre Gipfel reichen bis weit über 3.000 Meter, einzelne sogar an die 3.700 Meter. Weil man selbst schon auf dem Dach des Hauses steht, wirken die Schornsteine eben nicht mehr besonders hoch.

Die Selim-Karawanserei: Ein Stück Seidenstraße im Sparmodus

Kurz hinter der Passhöhe, auf etwa 2.410 Metern, geht es über zwei scharfe Kehren wieder hinunter. Und dann taucht sie plötzlich am Hang auf: die Selim-Karawanserei.

Ein Bauwerk aus dem Jahr 1332, errichtet unter Fürst Chesar Orbelian. Führt man sich vor Augen, was hier einmal los gewesen sein muss, bekommt der unscheinbare Steinbau schlagartig eine ganz andere Dimension.

 

 

Denn hier verlief eine wichtige mittelalterliche Handelsroute, auf der Karawanen zwischen den großen Handelszentren des Kaukasus, Anatoliens und Persiens unterwegs waren. Seide, Gewürze und andere kostbare Waren wechselten ihre Besitzer. Handel war schon damals ein erstaunlich flexibles Geschäftsmodell. Romantisch war das allerdings nicht: Die Karawanserei lag nicht gerade an einer Stelle, an der man freiwillig gemütliche Orient-Feste bei Datteln und Wein feierte. Bei einer Passhöhe von über 2.400 Metern war die Überquerung mit vollbepackten Zugtieren eine elende Schinderei, und die Karawanserei war nichts anderes als ein Not-Domizil, das Mensch und Tier vor eisigen Winden, plötzlichen Schneestürmen und herumstreunenden Räuberbanden sichern sollte. Auch heute noch ist der Pass im Winter monatelang gesperrt, und die nächste Möglichkeit für eine warme Stube liegt damals wie heute ziemlich weit entfernt. Wer hier ankam, wollte vermutlich vor allem eines: rein.

 

Genau das tue ich jetzt auch – und stehe, kaum bin ich durch das beeindruckende steinerne Portal getreten, im dunklen Nichts. Gepflegt geht anders: keine dezente Beleuchtung, kein freundlicher Hinweis auf die historische Bedeutung des Ortes. Wer nicht die Taschenlampe seines Smartphones aktiviert, darf sich im Halbdunkel erst einmal auf Tuchfühlung mit der Geschichte begeben.

 

Der lange, gewölbte Innenraum war einst genau auf die Bedürfnisse von Mensch und Tier zugeschnitten: Hier fanden die Tiere Schutz und Futter, während die Händler selbst irgendwo dazwischen ihren Platz suchten. Heute versprüht der Bau eher den Charme einer verlassenen Tiefgarage aus dem Spätmittelalter, es riecht nach feuchtem Stein und Vernachlässigung. Ich taste mich vorsichtig durch das Halbdunkel und passe höllisch auf meine Knie auf – für mittelalterliche Händler mag das hier ein Schutzraum gewesen sein, für meine Knie ist es eher ein Hindernisparcours. Eine behutsame Restaurierung und vor allem eine etwas bessere Präsentation würden diesem außergewöhnlichen Ort jedenfalls nicht schaden.

 

Die Abfahrt nach Yeghegnadzor: Das Ende des Asphalttraums

Wer jetzt glaubt, nach der Karawanserei entspannt ins Tal hinunterrollen zu können, wird ziemlich schnell wieder in die armenische Gegenwart zurückgeholt. Was von Martuni bis zur Passhöhe wie eine europäische Musterstraße ausgebaut war, verwandelt sich auf der Südseite ziemlich abrupt in ein Testgelände für Stoßdämpfer, Bandscheiben und Nervenkostüm.

Die Abfahrt Richtung Yeghegnadzor wird zur Geduldsprobe. Schlaglöcher von der Größe kleiner Waschschüsseln, ausgefahrene Spuren, abgebrochene Teerkanten und unvermittelt auftauchende Schotterpassagen wechseln sich in bunter Folge ab. Während »Mr.Nero« tief durchgeschüttelt wird und das Inventar im Wohnbereich ein lautstarkes Eigenleben entwickelt, wird mir klar: Die armenische Straßenbaubehörde hat ihr gesamtes Budget offenbar punktgenau auf der Nordseite des Passes verpulvert.

Ich klammere mich ans Lenkrad, schalte zwei Gänge runter und fluche mich langsam Kehre für Kehre ins Tal hinab…

Die Rutschpartie ins Rebenland

Nach dem Rumpel-Akt vom Selimpass abwärts öffnet sich das Vayots-Dzor-Tal. Binnen weniger Kilometer verliere ich fast 1.000 Höhenmeter. Die kühle Bergluft bleibt irgendwo oben am Pass zurück, unten wartet trockene Wärme.

Ich rolle über die armenische Weinstraße: Arpi, Areni, Yelpin. Und je weiter ich fahre, desto mehr wird mir klar, dass hier niemand erst seit gestern an Trauben herumexperimentiert. Georgien brüstet sich zwar gerne mit rund 8.000 Jahren Weinbaugeschichte, die archäologisch durch Rückstände in Tongefäßen auch zweifelsfrei belegt ist, Armenien aber legt, wie ich erst hier lerne, noch eine Schippe drauf: In der Areni-1-Höhle fanden Archäologen eine rund 6.100 Jahre alte Anlage – nicht nur ein paar Scherben, sondern praktisch eine komplette kleine Kellerei mit Kelter, Gärbecken und Tongefäßen. Die armenischen Karas unterschieden sich von den berühmten georgischen Quevris nur dadurch, dass sie nicht zwangsläufig vollständig im Boden vergraben wurden, sondern je nach Bauweise zum Teil oder auch in Gänze frei standen – Wandstärke und Beschaffenheit des Tons beeinflussten dabei den Gärungsprozess.

Man wusste hier offenbar schon vor über 6.000 Jahren ziemlich genau, was man mit Trauben anzustellen hatte.

Heute ist das Ganze wesentlich unkomplizierter organisiert.

Entlang der M2 reiht sich Verkaufsstand an Verkaufsstand. Plastikflaschen mit selbst produziertem Wein oder Traubensaft stehen in der prallen Sonne am Straßenrand. Die Präsentation ist rustikal, die Etikettierung "überschaubar".

Ich halte vorsichtshalber nirgendwo an. Nach zweieinhalb Monaten Kaukasus hat man ein ziemlich feines Gespür dafür entwickelt, wann der eigene Magen nach einer Kostprobe verlangt – und wann man Experimente mit dem Inhalt einer etikettenlosen Plastikflasche besser dem nächsten Abenteuerreisenden überlässt.

Die Hinterhof-Route: Über Lusashogh nach Urtsadzor

Hinter Yelpin verlasse ich die asphaltierte Hauptachse und biege nach Norden ab auf die Nebenstrecke über Lusashogh, Shaghap und Urtsadzor. Das Bild wandelt sich schlagartig. Kein Durchgangsverkehr mehr. Und Touristen schon gar nicht.

Die Landschaft wird hügelig, trocken und karg und die Dörfer hier wirken deutlich ärmer als die Orte entlang der M2. Einfache Stein- und Ziegelhäuser stehen dicht an der Straße. In den Gärten rosten Lada-Kadaver vor sich hin, die ihre aktive Dienstzeit vermutlich noch unter Chruschtschow begonnen haben. Auf den Feldern tuckern Traktoren, die ebenfalls nicht gerade den Eindruck erwecken, gestern vom Band gelaufen zu sein. Hier gibt es keine schicken Weingüter, hier gibt es Landwirtschaft. Harte Landwirtschaft, weit abseits dessen, was sich dem Besucher an der Hauptstraße als armenische Weinwelt präsentiert.

Und trotzdem – oder gerade deshalb – gefällt mir diese Gegend ausgesprochen gut.

Einsame Nacht am Sev Lchak

Anderthalb Kilometer vor Lanchanist, fahre ich aus Neugier einfach von der Piste ab auf einen Feldweg. Auf Google Maps habe ich einen kleinen See entdeckt. Einen Namen hat er auf den ersten Blick nicht. Erst nach einiger Recherche finde ich dann doch eine Bezeichnung: Սև լճակ, Sev Lchak (übersetzt schlicht „Schwarzer See“). Auf dem Wasser spiegelt sich der Himmel und die Landschaft. Ich finde es richtig idyllisch hier. Am Ufer steht ein einfaches Gebäude. Kein Schild, keine Wäsche auf der Leine, keine Bewegung. Ob dort jemand wohnt, ob es gelegentlich von Bauern oder Hirten genutzt wird oder ob das Gebäude einfach langsam seinem Ende entgegensieht, weiß ich nicht.

Ich mache ein paar Fotos und parke »Mr.Nero« etwas abseits. Nicht, weil ich etwas zu verbergen hätte, sondern weil ich in den vielen Jahren unterwegs gelernt habe, dass ein großer Camper in einer sonst menschenleeren Landschaft nicht unbedingt mitten im Wohnzimmer stehen muss. Also lieber etwas zurückhaltend. Die Nacht wird vollkommen ruhig, kein Verkehr, kein Generator, einfach nichts. Nur der See, die Landschaft und diese eigentümliche Stille, die man unterwegs manchmal findet, wenn man sich weit genug von allem entfernt hat.

Am nächsten Morgen geht es weiter über Urtsadzor nach Vedi und von dort schließlich wieder zurück auf die M2.

Die Overlander-Gleichung: Betriebsstunden statt Kilometer

Die Wegweiser nach Khor Virap und zum mächtigen Massiv des Ararat zeigen zwar nach links. Ich fahre trotzdem geradeaus. Die Entscheidung ist diesmal weniger kulturell als physikalisch begründet: »Mr.Nero« möchte Diesel. Und zwar nicht zu knapp. Also steuere ich im Süden von Jerewan eine der modernen Shell-Tankstellen im Industriegebiet an. Zeit für den zweiten Boxenstopp.

Denn machen wir uns nichts vor: »Mr.Nero« säuft.

Dass mein allradgetriebener Ford Transit in Georgien und Armenien spürbar mehr Diesel verbraucht als auf mitteleuropäischen Autobahnen, ist allerdings kein persönlicher Charakterfehler meines Fahrzeugs. Es ist eine Mischung aus Kraftstoffqualität, Gelände, Gewicht und Fahrweise. Kurz gesagt: Physik.

Der hiesige Diesel ist nicht immer mit dem vergleichbar, was man aus Mitteleuropa gewohnt ist. Entscheidend ist unter anderem die Cetanzahl – also vereinfacht gesagt die Zündwilligkeit des Dieselkraftstoffs. Für Dieselkraftstoff nach europäischer EN-590-Norm gilt eine Mindest-Cetanzahl von 51. Zwar werben die großen Ketten in Georgien und Armenien mit „Euro 5“, doch die reale Basis-Cetanzahl liegt hier oft spürbar niedriger (häufig bei etwa 45 bis 47), was bedeutet, dass der Motor pro Tropfen Sprit einfach weniger leistet.

Und dann kommt das eigentliche Problem: Betriebsstunden statt Kilometer. Wenn Google Maps für 100 Kilometer drei Stunden Fahrzeit veranschlagt, ist jede Verbrauchsangabe aus einem deutschen Prospekt ungefähr so hilfreich wie ein Satz Schneeketten auf den Seychellen. ​Der Grund ist simpel: Ein Verbrennungsmotor verbraucht Treibstoff nicht für die Strecke, die die Räder zurücklegen, sondern für die Zeit, in der er unter Last läuft. Wer sein Auto im Stau eine Stunde lang mit laufender Klimaanlage stehen lässt, legt zwar null Kilometer zurück – hat am Ende aber trotzdem ein paar Liter Sprit verbrannt.

​Genau das passiert im Kaukasus in Potenz: »Mr.Nero« wiegt voll beladen gut 3,9 Tonnen. Dazu Allradantrieb, steile Serpentinen, tiefe Schlaglöcher und lange Passauffahrten. Da quält sich der Motor stundenlang im zweiten oder dritten Gang bergauf. Und das teilweise auf über 2.000 Metern Höhe, wo die dünne Höhenluft zusätzlich Effizienz kostet. Ob man in diesen drei Stunden mit 100 km/h über eine flache deutsche Autobahn gleitet oder sich mit 30 km/h im zweiten Gang einen Pass hochquält, ist dem Kilometerzähler zwar egal – der Tankanzeige aber ganz gewiss nicht. Der Motor rechnet letztlich nicht in Kilometern, sondern in Arbeitsstunden.

​Meine theoretische Reichweite von knapp 600 Kilometern schrumpft unter solchen Bedingungen schlagartig auf deutlich unter 450 Kilometer zusammen. Spätestens hier greift die goldene Overlander-Regel: Getankt wird unerbittlich, sobald der Tankinhalt unter die Hälfte fällt. Also auf nach Jerewan, an eine ebenso glänzende und moderne Tankanlage wie beim ersten Boxenstopp, und den Tank wieder bis zum Rand auffüllen.