Eiszeit am Grenzzaun, sakrale CEOs, Klassenkampf auf der Parzelle und die Rückkehr zum Sewansee
Die Eitelkeit eines Berges
Von Jerewan aus geht es wieder ein paar Kilometer zurück zum Kloster Khor Virap. Hauptdarsteller im Hintergrund: der Mount Ararat. Hier, am Rande der Ararat-Ebene, ist der Berg eigentlich aus fast jeder Perspektive präsent. Kein Wunder, schließlich zählt er zu den markantesten freistehenden Bergmassiven der Erde.
Ein Inselberg, wie der Geologe trocken formuliert. Er ragt frei aus der Hochebene auf, ohne die stützende Schulter eines gewaltigen Gebirgsmassivs. Der Kilimandscharo in Tansania ist so ein Solist. Auch der noch höhere ecuadorianische Chimborazo oder der Popocatépetl in Mexiko spielen in dieser weltweiten Solisten-Liga. Da kann der Mount Everest noch so viele tausend Meter höher sein, als eingeklemmte Spitze im Himalaya-Massiv fehlt ihm einfach die solitäre Show-Qualität eines freistehenden Berges. Der Ararat dagegen braucht keine Gebirgskulisse. Er inszeniert sich einfach selbst.
Nur muss man den Hauptdarsteller auch sehen können. Und genau da beginnt auf der Fahrt nach Khor Virap das typische Urlaubs-Lotto: Gegenlicht, Dunst und eine Wolkendecke, die wie festgeklebt am Berg hängt. Wischiwaschi vom Feinsten.
Auch direkt am Kloster wird die Sicht nicht besser. Der Kleine Ararat mit seinen immerhin 3.896 Metern zeigt sich kooperativ. Der große Vulkan (5137 m) dagegen – der Allgemeinheit vor allem als mutmaßlicher Landeplatz von Noahs schwimmendem Zootransporter bekannt – verharrt im optischen Widerstand.
Ich laufe ein wenig über das Gelände. Khor Virap ist kein Ort für Einsiedler. Reisebusse jeder Größenordnung und Taxiflotten verstopfen die Zufahrt. Die Einheimischen haben das betriebswirtschaftliche Potential des heiligen Ortes längst erschlossen: Souvenirstände, Imbisse, Devotionalienbuden. Der komplette Bauchladen des Massentourismus, fromm dekoriert und kommerziell bestens aufgestellt.
Ich treffe einen Minibusfahrer, der gerade seine Ladung russischer Pauschalurlauber abgekippt hat. Er interessiert sich brennend dafür, woher der Mann mit dem schwarzen Camper kommt, wie »Mr.Nero« von innen aussieht und wo wir schon überall gewesen sind. Ich zeige es ihm und erzähle. Er seufzt. Gemeinsam mit seiner Frau träume er genau davon: einmal ausbrechen und unabhängig durch die Welt fahren, aber das werde wohl ein Traum bleiben.
Es entwickelt sich ein offenes Gespräch über Armenien, den Alltag und die überschaubaren wirtschaftlichen Perspektiven im Land. Sein Englisch ist passabel, Russisch spricht er ohnehin. Über seine aktuellen Fahrgäste verliert er allerdings kein gutes Wort – aber, Geld stinkt bekanntlich nicht. Auch nicht in Dram.
Auf meine Frage, wann sich der heilige Berg denn mal erbarmt, lacht er: „Immer dann, wenn du am wenigsten damit rechnest.“ Aber morgens bis neun Uhr oder am späten Nachmittag stünden die Chancen am besten. Für das ultimative Fotomotiv gibt er mir noch den lokalen Insider-Tipp: ein Stück zurückfahren, in die Weinberge abbiegen und von dort aus fotografieren.
Als sich die Konturen des Riesen am späten Nachmittag tatsächlich so langsam aus dem Dunst schälen, verlege ich »Mr.Nero« tief in die unbefestigten Feldwege der Umgebung.
Und siehe da, etwas später gelingt mir das erhoffte Foto.
Allerdings bringt die Aktion das Fahrzeug in eine Geländelage, die kurzzeitig nach einem Bergungsfahrzeug verlangt. Ich lerne: Wenden geht nicht nur fahrschulmäßig in drei Zügen, sondern bei Bedarf auch in hundert. Wir befreien uns aus eigener Kraft. Übernachtet wird anschließend wieder direkt unterhalb der Klostermauern. Schließlich möchte ich den Berg nicht gleich wieder aus den Augen verlieren. Man weiß ja nie, wann er sich das nächste Mal zeigt.
Der Blick über den Zaun und das armenische Gefühl
Am nächsten Morgen ist das Licht schon wieder grenzwertig. Ich versuche mein Glück vom Mulberry House aus, einem kleinen, rustikalen Café, das eigentlich noch geschlossen hat. Die armenische Gastfreundschaft schert sich allerdings wenig um Öffnungszeiten. Ich werde hereingewunken, bekomme einen Kaffee spendiert und muss mich durch diverse Trockenfrüchte und Datteln mit und ohne Schokoladenüberzug probieren.
Von einer selbst gebastelten Bank unter einer großen armenischen Flagge aus – gewissermaßen einem rustikalen Instagram-Spot – starre ich erneut in den Dunst. Der Ararat bleibt auch an diesem Morgen ein Suchbild. Der Inhaber gesellt sich zu mir. Wir palavern auf Englisch, natürlich auch über die absurde Geografie dieser Region. Der Ararat steht vollständig auf türkischem Staatsgebiet, während die Grenze in Sichtweite verläuft. In Lusarat trennten mich am Vortag gerade einmal 200 Meter vom türkischen Boden. Die Grenzübergänge zwischen Armenien und der Türkei sind seit den 1990er-Jahren geschlossen. Diplomatische Eiszeit, und das seit Jahrzehnten.
Mein Gastgeber lässt sich die Laune davon nicht verderben. „Der Berg mag bei denen drüben stehen“, meint er trocken, „aber die beste Aussicht darauf gibt es zweifelsfrei nur von Armenien aus.“ Das wisse er zu hundert Prozent. Auf Nachfrage muss er allerdings einräumen, dass er die türkische Rückseite des Berges noch nie im Leben gesehen hat. Überzeugungen haben eben nicht immer einen hohen Informationsbedarf.
Man muss die emotionale Dimension verstehen: Der Ararat ist kein beliebiger Vulkan. Er ist das nationale Herzstück Armeniens, abgebildet auf dem Staatswappen und tief in der Volksseele verankert. Dass dieser Mount Everest der armenischen Identität seit dem Vertrag von Kars 1921 auf der falschen Seite des Grenzzauns steht, ist eine historische Wunde, die bis heute nicht verheilt ist. Aus armenischer Sicht ist das allerdings nur eine vorübergehende Laune der Geschichte. Geografisch gehört der Berg zur Türkei, emotional gehört er Armenien. Grenzen lassen sich ziehen, aber Gefühle halten sich nicht unbedingt daran.
Mit einem herzlichen „Welcome to Armenia!“ verabschiedet mich der Patron.
In Pokr Vedi decke ich mich im Dorfladen mit frischem Brot und Wasser und an einem Stand mit Obst und Gemüse ein. Dann drehe ich dem Ararat den Rücken zu und steuere über Nebenstrecken in Richtung Azat-Stausee.
Der Azat-Stausee liegt eingezwängt zwischen rauen, staubtrockenen Hängen auf knapp 1.000 Metern Höhe. Ein Denkmal sowjetischer Ingenieurskunst aus den 1970er-Jahren. Hier wird das Schmelzwasser der Azat-Schlucht geparkt, um die Ararat-Ebene im Hochsommer zu bewässern und die eigentlich fruchtbare Landschaft vor dem finalen Hitzetod zu bewahren.
Die Kaukasus-Sonne meint es heute viel zu gut, aber genau so sieht das Land eben aus, wenn man es nicht für den Bildband weichzeichnet: pralle Mittagssonne, flirrende Hitze und kein einziger Quadratmeter Schatten für »Mr.Nero«. Das Wasser schimmert im grellen Licht nicht etwa blau, sondern türkisgrün – die völlig natürliche Folge von mineralischem Schmelzwasser, Erwärmung und Nährstoffen.
Und manchmal, aber eben nur manchmal, ist im Hintergrund sogar der Ararat zu sehen. Glück gehabt!
Geghard – Sakrale Logistik und süße Kalorien
Die Straße schraubt sich weiter hoch bis zum Ende des Tals. Am Kloster Geghard endet die Welt in einer Sackgasse. Weiter geht es nicht.
Ich parke »Mr.Nero« zwischen den Reisebussen ein und trete den Fußmarsch an. Der Weg zum Klosterhof führt über uraltes Blaustein-Basaltpflaster, eine echte Belastungsprobe für mürbe Kniegelenke.
Gegründet wurde die Anlage der Überlieferung nach im 4. Jahrhundert durch den heiligen Gregor den Erleuchter, und zwar an einer Quelle, die schon vor den Christen als heilig galt. Daher auch ihr alter Name Ayrivank, das Höhlenkloster. Den heutigen Namen Geghard verdankt sie der Heiligen Lanze, jener Reliquie, mit der ein römischer Hauptmann Jesus bei der Kreuzigung in die Seite gestochen haben soll. Heute liegt das heilige Eisen gut gesichert und museumsgerecht konserviert in Etschmiadsin, westlich von Jerewan. Im Mittelalter aber war die Lanze hier vor Ort der absolute Publikumsmagnet.
Ihr Ruf als Wundertäterin drang bis an die Höfe islamischer Herrscher. Die Legende erzählt, dass ein persischer Schah, der die Region im 13. Jahrhundert unterwarf, es sich nicht habe nehmen lassen, persönlich im Kloster vorbeizuschauen. Er trat in die dämmrige Felsenkirche ein, um das Relikt spöttisch zu begutachten und dessen angebliche Wunderkraft zu verhöhnen. Doch als er gierig die Hand ausstreckte, um das heilige Eisen als Trophäe einzusacken, traf ihn noch im Raum die Erblindung. Erst als der Herrscher stante pede auf die Knie fiel, winselnd um Gnade flehte und dem Kloster reichlich Tribut gelobte, kehrte sein Augenlicht zurück. ich finde, dass ist mal ein äußerst konsequenter Fall von Sanktionierung eines unberechtigten Souvenir-Interesses.
Das eigentlich Spektakuläre an Geghard ist aber die Architektur. Teile des Komplexes ließ die Fürstenfamilie Proschian im 13. Jahrhundert direkt aus dem Fels herausarbeiten. Der erste dieser Räume ist der Avazan, um 1240 aus dem Berg gemeißelt. In ihm liegt das Becken mit der heiligen Quelle, jenem Wasser, um das sich die Klostergründung der Überlieferung nach drehte. Man geht hier durch Räume, deren Wände nicht gemauert wurden, sondern aus gewachsener Fels sind, und irgendwo auf dem Weg verliert sich die Grenze zwischen Bauwerk und Berg.
Dass dieser Bau auch Angreifern trotzte, zeigte sich im Mongolensturm. Als die Reiternomaden auf ihren Raubzügen durch den Kaukasus versuchten, Geghard niederzubrennen, bissen sie sich buchstäblich die Zähne daran aus, so erzählt man es sich jedenfalls bis heute. Die Felswand schluckte Pfeile und Katapultsteine, und die Mönche konnten drinnen ungerührt weiter aus der Quelle schöpfen. Was draußen vor dem Klostertor stand, ging in Flammen auf, doch im Inneren des Berges überlebten Mönche und Hunderte Dorfbewohner.
Draußen im Hof beobachte ich die heutigen Mönche. Sie bewegen sich wie dynamische Nachwuchs-CEOs eines mittelständischen Unternehmens: zügig, gut organisiert, ständig in Kommunikation und stets bemüht, das UNESCO-Weltkulturerbe im touristischen Dauerbetrieb effizient an den Mann und die Frau zu bringen. Spiritualität und Besuchermanagement schließen sich offenbar nicht aus.
Auch im Kloster will der Betrieb schließlich laufen.