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Alte Chroniken, sakraler Überfluß, Denkmal-Gigantismus und einfach nur ein bisschen Geschichte

Von georgischen Verkehrsregeln, süßem Suchtstoff und asketischen Steinen

Los geht es in Kutaissi, die Nase stur nach Osten gerichtet. Bevor ich mich allerdings der Historie widme, muss ich noch mal kurz über den georgischen Asphalt und die Spezies sprechen, die ihn bevölkert. Mein allererster Eindruck vor Batumi war, gelinde gesagt, von tiefem Misstrauen geprägt. Inzwischen muss ich Abbitte leisten: So schlimm ist es gar nicht. Die Straßen sind in der Regel ganz gut, die Autobahnabschnitte sogar sehr gut. Es macht durchaus Spaß, »Mr.Nero« hier laufen zu lassen. Wenn da nicht diese omnipräsenten, brutalen Bodenschwellen wären, die den Vorwärtsdrang regelmäßig jäh einbremsen. Aber nun gut, vermutlich ist das die einzige Möglichkeit, die chronisch geschwindigkeitsverliebte Fahrweise der Georgier halbwegs im Zaun zu halten.

Und dann sind da natürlich noch die Kühe. Das liebe Vieh führt sich hier auf, als gehöre ihm der Asphalt persönlich.Sie grasen tiefenentspannt rechts und links der Fahrbahnbegrenzung und flanieren wie selbstverständlich auch über Landstraßen und Autobahnen. Wer nun aber vermutet, Georgiens Metzger hätten wegen der permanenten tierischen Hindernisse ein chronisches Überangebot an Hackfleisch im Sortiment, sieht sich getäuscht. Die georgischen Autofahrer praktizieren hier eine so nachhaltige, fast schon indische Toleranz, dass man meint, die Kuh sei hier heilig. Es wird gebremst, ausgewichen und gewartet. Ein herrlich entschleunigendes Schauspiel.

Überhaupt, das Fahrverhalten: Wie so oft im Leben ist Anpassung die beste Überlebensstrategie. Wer hier versucht, stur nach der deutschen Straßenverkehrsordnung zu agieren, handelt nicht nur kontraproduktiv, sondern schlichtweg gefährlich. Dass sich ein Autofahrer tatsächlich an geschriebene Regeln hält – damit rechnet der georgische Kollege hinterm Steuer nun mal unter keinen Umständen. Also passe ich mich an: Ich wende über zwei durchgezogene Linien. Ist Standard! Ich hupe kurz und quetsche mich todesmutig in den fließenden Verkehr der Gegenspur. Funktioniert tadellos und wird von allen Beteiligten völlig tiefenentspannt mit ein bisschen Gehupe akzeptiert. Alles klar, verstanden! So, jetzt fahre ich offiziell georgisch.

Dergestalt flexibel aufgestellt, erreiche ich Surami. Der Ort ist eigentlich berühmt für seine Burg und die düstere Legende, dass dort einst ein junger Mann lebendig eingemauert werden musste, damit die Mauern den Belagerern standhielten (warum auch immer). Doch mein Fokus wird sofort von weltlicheren Dingen abgelenkt: Rauchzeichen am Straßenrand.

Zwei resolute georgische Muttis haben ihre traditionellen Öfen für das berühmte, süße Nazuki-Brot schon angeworfen. Es qualmt ordentlich, riecht aber absolut fantastisch. Also rechts ran, Motor aus, Kamera geschnappt. An einem runden Ofen draußen vor der Self-made-Bretterbude kleben die Teigfladen bereits an den heißen Tonwänden im Inneren. Mit geübten Griffen schabt die Meisterin die fertigen, knusprigen Brote von der Wand, und ehe ich mich versehe, drückt sie mir zwei dampfende, ofenfrische Exemplare in die Hand. Fotografieren darf ich das Spektakel auch noch.

Bevor der erste Bissen genommen wird, kommt allerdings die moderne Technik zum Einsatz. Sicher ist sicher: Die Google-Übersetzungsapp wird angeworfen, um ein kurzes Palaver über die Inhaltsstoffe zu führen. Nüsse oder ähnliche allergene Überraschungen? Fehlanzeige. Nur Zimt, Rosinen und gefühlt eine Wagenladung Zucker oder Honig.

Beim Anfahren bin ich noch skeptisch: Eigentlich viel zu süß für meinen Geschmack. Aber während »Mr.Nero« weiter nach Osten rollt, entwickelt das Zeug eine hinterhältige Eigendynamik. Immer mal wieder ein Stück abgerissen, gekaut, genossen. Das Zeug macht irgendwie süchtig. Scheint auch noch Nelkengewürz drin zu sein. Aber ehe ich das richtig registriert habe, ist das erste Brot komplett aufgekimmelt.

Der Zuckerschock von Surami trägt mich dann bis nach Uplisziche. Doch an dieser uralten Höhlenstadt ist die süße Idylle schlagartig vorbei: Hier im Nichts ist schlichtweg der Teufel los. Und das an einem ganz normalen Dienstag. Ganze Busladungen werden angekarrt, Hunderte von Einheimischen und auch ein paar Touristen mühen sich unermüdlich den staubigen Berg hinauf.

Sie alle wollen zu den Überresten einer dreitausend Jahre alten, in den Fels gehauenen Metropole, die lange vor Christus als heidnisches Zentrum für Sonnengötter und Opferrituale diente. Für mich und meine Knie heißt das Urteil beim Anblick der Steigungen und des unebenen, felsigen Untergrunds allerdings ganz eindeutig: Nix da mit Kraxeln. Ich rolle das geplante Abenteuer kurzerhand im Rückwärtsgang auf, schieße ein Alibi-Foto aus der Ferne – was fürs Auge – und mache umgehend kehrt.

Weiter geht es in Richtung Mzcheta.

Doch die Anfahrt gleicht eher einer polizeilich betreuten Schnitzeljagd. Überall stehen Straßensperren und die Polizei leitet den gesamten Verkehr rigoros in eine einzige Richtung. Mir bleibt im Cockpit von »Mr.Nero« gar nichts anderes übrig, als mich brav einzureihen und mit dem Strom treiben zu lassen. Das ansonsten ungebändigte georgische Verkehrschaos wird für einen Moment wie von Geisterhand durch die staatliche Ordnung gelenkt.

Die Schneckenparade endet schließlich auf einem riesigen Parkplatz in Sichtweite der monumentalen Basilika. Ein kurzes Gespräch mit dem Parkplatzwächter regelt das Bleiben für die Nacht: Gegen einen etwas größeren, aber absolut verschmerzbaren Obolus weist er mir sogar einen exklusiven Stellplatz im Schatten zu.

Bevor ich mich jedoch als georgischer Neuling unter die Kulturtouristen mische, ist erst einmal gründliche Recherche im Internet und im Reiseführer angesagt. Ich will ja schließlich nicht völlig unvorbereitet einem derartigen historischen Schwergewicht gegenübertreten. Und beim Blick auf das Display fällt es mir wie Schuppen von den Augen.

Was für ein Datum haben wir heute? Den 26. Mai.

 

Genau an diesem Tag im Jahr 1918 erklärte Georgien kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs seine Unabhängigkeit. Dass sie danach zwischendurch wieder für siebzig Jahre im sowjetischen Schrank der Geschichte verschwanden, bevor 1991 die moderne Republik geboren wurde, tut der Sache keinen Abbruch: Der 26. Mai ist und bleibt der heilige Nationalfeiertag. Und weil die Georgier eben eine tiefe, stolze kulturelle Identität besitzen, packen sie an diesem Tag Kind und Kegel ein und pilgern zu ihren nationalen Heiligtümern. Und ich stehe jetzt mit »Mr.Nero« mittendrin. Im Nachhinein weiß ich jetzt auch, warum in Uplisziche so viel los war.

Ich mache mich also auf den Weg zur Swetizchoweli-Kathedrale. Mzcheta ist nicht irgendeine Stadt, es ist die uralte, dreitausend Jahre alte Hauptstadt des Kaukasischen Iberischen Reiches. Um eventuellen geografischen Verwirrungen direkt vorzubeugen: Nein, ich bin mit »Mr.Nero« nicht falsch abgebogen und stehe auch nicht kurz vor Madrid. Die Antike nannte diese Region im Kaukasus schlicht genauso wie die Halbinsel im Südwesten Europas.

Weltlich gesehen blickt man hier in einen tiefen Abgrund der Zeit. Während man in Berlin, Paris oder London im ersten vorchristlichen Jahrtausend noch sehr rustikal durch den Wald turnte, war Mzcheta bereits eine befestigte, florierende Metropole und ein globales Handelszentrum.

Heute wird dieses geschichtsträchtige Pflaster allerdings von einer wunderbaren Feiertags-Leichtigkeit geflutet, obwohl ein ziemlich strammer Wind durch die alten Gassen fegt. Angesichts der Menschenmassen, die sich in den monumentalen Sakralbau wälzen, beschränke ich mich erst einmal darauf, das wuchtige Äußere der Kathedrale fotogen abzulichten. Stattdessen lasse ich mich direkt vor der mächtigen Umfassungsmauer in einem Café nieder, ordere das obligatorische Ensemble und schaue mir dieses Feiertagsschauspiel in aller Ruhe an.

Es hat etwas von einem großen, bunten Familienausflugstag. Die Stimmung ist durchweg positiv, Scharen von jungen Leuten sind unterwegs, sie singen, lachen und feiern einfach die Existenz ihres Landes. Eine herrlich angenehme, unaufgeregte Atmosphäre.

Zum Abschluss schlendere ich noch an den unvermeidlichen Souvenirständen und Basaren vorbei. Und hier zeigt sich wieder der angenehme Charakter des Landes: Kein aggressives Anquatschen, kein Aufdrängen, niemand zerrt dich in seinen Laden oder fasst dich ungefragt am Ärmel. Man lässt den Gast einfach in Ruhe schauen und flanieren.

Am nächsten Morgen sieht die Welt schon ganz anders aus. Die Feiertags-Pilger sind weg, und ich kann mich endlich ungestört in das historische Dickicht aus Religion und Geopolitik vorwagen. Wer im mitteleuropäischen Geschichtsunterricht sozialisiert wurde, blickt ja gerne mal etwas hochmütig von oben herab auf den vermeintlich „unterbewerteten Osten“. Mzcheta korrigiert diese westliche Kulturüberlegenheit im Handumdrehen.

Zuerst zieht es mich zum Samtavro-Kloster. Das ist die absolute Keimzelle des christlichen Georgiens. Hier kam im 4. Jahrhundert n. Chr. eine junge Frau namens Nino aus Kappadokien an.

Sie hauste asketisch unter einem schlichten Brombeerstrauch, bekehrte das damalige Königspaar und machte das Land zum zweitältesten christlichen Staat der Erde. Der Busch steht heute noch da – ein ziemlich zähes Gewächs. Wie nachhaltig Brombeeren sein können, weiß ich zwar aus meinem eigenen Garten, wo sie sich regelmäßig hemmungslos an der Grenze zum Nachbarbauern tummeln, aber 1.700 Jahre Weltgeschichte, da muss beim Überdauern schon die Legende helfen.

Direkt daneben, exakt dort, wo einst Ninos Hütte stand, bauten sie später eine kleine, feine Kapelle. Drinnen praktizieren ein paar Nonnen gerade ein intensives, tief versunkenes Beetritual, so dass ich eigentlich schon wieder den Rückzug antreten will. Aber von außen kann ich die Kapelle und das historische Grünzeug dann doch noch ausgiebigst und in aller Ruhe dokumentieren.

Weniger einfach ist es allerdings in der Hauptkirche: Drinnen findet gerade eine kleine Messe im Seitenschiff statt und ich halte mich diskret zurück. Ich schleiche mich, gefühlt unsichtbar, in das Mittelschiff, um das Objektiv in Richtung der dortigen Königsgräber von Mirian und Nana, dem von Nino bekehrten Königspaar, zu richten,  aber eine zufällige Ordensschwester schüttelt so energisch den Kopf, dass ich das Projekt sofort wieder beerdige. Hier wird eben noch scharf geglaubt. Aber auch die schärfste Nonne kann nicht verhindern, dass ich noch schnell ein Foto vom Altarbereich mache. Weiteren Auseinandersetzungen gehe ich aber geschickt aus dem Weg, indem ich mich verziehe.

Der Weg bis zur Swetizchoweli-Kathedrale ist nicht weit. Die ist jetzt nochmal an der Reihe, weil ich die Innenraumbesichtigung gestern ja ausgelassen habe. Der riesige, monumentale Raum ist atemberaubend. Von außen traut man dem Gebäude derartige Ausmaße gar nicht zu. Inmitten des Kirchenschiffs ragt ein mächtiger, freskenverzierter Steinbaldachin auf. Er schützt das absolute emotionale Epizentrum der georgischen Christenheit. Der Legende nach brachte ein hiesiger Jude namens Elios das Gewand Christi nach der Kreuzigung aus Jerusalem mit nach Mzcheta. Als er es seiner tiefgläubigen Schwester Sidonia überreichte, fiel diese vor lauter Ergriffenheit prompt tot um – und zwar so verkrampft, dass man ihr das Tuch nicht mehr aus den Händen reißen konnte. Sie wurde kurzerhand mitsamt dem Gewand begraben.

Auf ihrem Grab wuchs danach eine gewaltige Zeder. Als König Mirian im 4. Jahrhundert nach seiner Bekehrung, die erste Kirche errichten wollte, ließ er den Baum fällen, um daraus tragende Säulen für den Bau zu machen. Doch der Hauptstamm weigerte sich standhaft, am Boden zu bleiben, und schwebte magisch in der Luft, bis die heilige Nino ihn mittels einer nächtlichen Gebetssession quasi gesund betete und zurück auf die Erde zwang.

Danach passierte – natürlich wieder der Legende nach – Folgendes: Aus dem Holz begann eine heilige, wohlriechende Flüssigkeit zu fließen – das sogenannte Myron (ein heiliges Salböl). Dieses Öl war laut den alten Chroniken nicht einfach nur parfümiertes Baumharz, sondern besaß angeblich massive Heilkräfte. Blinde, die den Stamm berührten und mit dem Öl benetzt wurden, konnten plötzlich wieder sehen, Lahme warfen die Krücken weg und chronisch Kranke verließen die Kirche kerngesund. Die Säule verströmte also buchstäblich neue Lebenskraft. Deswegen nannten die Georgier sie fortan die „lebensspendende Säule“ (auf Georgisch: Sweti = Säule, Zchoveli = lebensspendend). Und genau daher hat die gesamte Kathedrale bis heute ihren Namen. Die heutige monumentale Steinkathedrale aus dem 11. Jahrhundert wurde schlicht um diesen „lebensspendenden Stamm“ herumgemauert.

Das Öl floss übrigens jahrhundertelang munter weiter – bis im 14. Jahrhundert der berüchtigte mongolische Eroberer Tamerlan mit seinen Horden einmarschierte, die Kirche plünderte und den Stamm beschädigte. Seither ist die Säule trocken. Eigentlich schade. Für meine Knie wäre das Zeugs genau richtig gewesen....

Geht man vor an die Altarwand, muss man den Blick unwillkürlich nach unten richten. Man läuft hier zwangsläufig über die herrschende Elite vergangener Jahrhunderte, die hier alle begraben wurden. Direkt im Pflaster eingelassen liegen auch die Grabplatten von einem Vater und seinem Sohn – und an ihnen lässt sich das große, tragische Trauerspiel der georgischen Geopolitik bestens ablesen.

Da ist zum einen der Vater, Erekle II. (Irakli). Ein echter Superstar der Geschichte, der es tatsächlich schaffte, die chronisch zerstrittenen Teilkönigreiche Kartlien und Kachetien zu einem schlagkräftigen ostgeorgischen Reich zu vereinen. Ein zäher Soldatenkönig des 18. Jahrhunderts, der permanent im Sattel saß und von Friedrich dem Großen als „bester Stratege des Ostens“ bewundert wurde. Doch am Ende ging ihm nach fast 50 Regierungsjahren, in dener er gegen Perser und Osmanen gekämpft hatte, die Puste aus. In seiner Verzweiflung verkaufte er sich 1783 an die russischen Glaubensbrüder – im fälschlichen Glauben, der „Schutzvertrag“ von Georgijewsk würde sein Land retten. Als die Perser Tiflis kurz darauf dem Erdboden gleichmachten, dachten die Russen aber gar nicht daran, Truppen zu schicken. Sie ließen Erekle eiskalt im Stich und schauten einfach nur gelangweilt zu.

Direkt daneben liegt sein Sohn, Giorgi XII. Der war gesundheitlich schwer angeschlagen und klammerte sich aus reinem Eigenschutz vor seinen intriganten Brüdern erst recht an den Zarenhof. Das Ende vom Lied: Die Russen nahmen ihn nicht mal ansatzweise ernst. Kaum hatte Giorgi im Dezember 1800 die Augen für immer geschlossen, wartete der Zar das offizielle Erbe gar nicht erst ab, pfiff auf den Schutzvertrag und verleibte sich das georgische Königreich kurzerhand komplett als russische Provinz ein. Die georgische Krone war damit endgültig Geschichte.

Wenn man heute in der Kathedrale vor den schlichten Grabplatten im Boden steht, begreift man die Tragik dieser Geopolitik auf einen Blick: Da wollten zwei Monarchen ihre Kronen durch einen Pakt mit dem mächtigen Nachbarn retten, aber anstatt des erhofften Schutzes aus dem Norden verloren sie auch noch ihre eigene und die nationale Unabhängigkeit. Von all den anderen Ur-Vätern wie David dem Erbauer oder dem Tiflis-Gründer Wachtang Gorgassali, deren Grabplatten auch irgendwo in der Kathedrale liegen, fange ich hier gar nicht erst an – auf Letzteren stoße ich später in der Hauptstadt ohnehin noch. Diese beiden hier im Boden sind ohnehin nur zwei Beispiele aus einer langen Reihe prägender Persönlichkeiten. Aber sie sind für die Neuzeit die entscheidenden: Ihr Schicksal markiert nicht nur das bittere Ende der georgischen Krone, sondern erklärt bis heute die tiefen Risse in der emotionalen Gefühlswelt der Georgier, wenn die Rede auf Russland kommt. Hier wurde das Fundament für ein Misstrauen gegossen, das Jahrhunderte überdauert hat.

 

Dschwari: Das sakrale Luftschloss über den Strömen

Nächstes Ziel ist die Dschwari-Kirche auf dem gegenüberliegenden Hügel, die Mzcheta dominant überragt. Am nächsten Morgen geht es ganz früh hoch. Ich will dem großen Ansturm entgehen, doch Pustekuchen: Selbst um 9:00 Uhr steht schon der erste Touristenbus auf dem Plateau. Aus Murcia! Die Spanier suchen also auch das andere Iberien, denke ich mir noch erstaunt.

Ein klassischer Fehlschluss, wie sich kurz darauf herausstellt. Der Bus ist schlicht einer der vielen Gebrauchtwagen, die die Georgier massenhaft aus ganz Europa importiert haben. Die alten Firmenaufkleber bleiben dabei einfach unverändert drauf. Mit dem Gefährt eines spanischen Busunternehmens werden jetzt also Tiflis-Touristen den Berg hochgeschleppt. Überhaupt fühlt man sich als deutscher Autofahrer hier erstaunlich oft heimisch: Auf den Landstraßen fährt man permanent hinter Handwerker Fahrzeugen aus der Heimat her. „Opel Müller“, „Bäcker Schneider“ oder der „Zweiradhändler Nürnberger aus der Umgebung von Gera“ – alle sind sie in ihrem zweiten Frühling in Georgien unterwegs.

Von wegen Sonne – der Wetterbericht hat besseres Wetter vorausgesagt, aber na ja, es ist wenigstens trocken und die farblichen Unterschiede der beiden zusammenfließenden Flüsse Aragwi und Kura sind von hier oben hervorragend zu erkennen.

Historisch gesehen gehört auch dieser Ort zu den Keimzellen des königlichen Christentums in Georgien. Genau hier rammte die heilige Nino ein hölzernes Kreuz in den Boden, um den heidnischen Göttern den Garaus zu machen. König Mirian III. fand das gut, konvertierte prompt zusammen mit seiner Ehefrau – wie wir ja schon wissen – und machte das Christentum zur Staatsreligion. Im 6. Jahrhundert bauten sie dann die Kirche um das Kreuz herum. Wer hier allerdings barocken Prunk erwartet, wird enttäuscht. Das Erbe der Könige ist hier von einer rauen, fast schon trotzigen Askese. Nackter Stein, ehrwürdiges Schweigen und in der Mitte der massive Sockel des Ur-Kreuzes. Ein sakrales Loft mit einer Aussicht, die zwar auch ohne Goldglanz absolut königlich ist, sich aber gerade mitten in einer Generalüberholung befindet.

Die Chronik Georgiens: Der titanische Vorschlaghammer

Weiter geht es zum Mount Keeni zur „Chronik von Georgien“ – einem Mammutprojekt, das die Jahrhunderte der georgischen Geschichte in tonnenschweren, dunklen Reliefs übereinanderstapelt. Die feine Ironie dabei: Ausgerechnet ein sowjetischer Künstler, der für seine absolute Maßlosigkeit im Design bekannt ist, goss hier unter anderem jene Könige in Bronze, die von seinem eigenen Auftraggeber-Land so erfolgreich abgezockt wurden.

Die Sonne setzt sich so langsam durch, aber der Wind macht aus »Mr.Nero« eine astreine Schaukel. Egal, ich warte noch eine Weile, bis alles aufgeklart ist, und dann quäle ich mich da hoch.

Meine Unternehmung funktioniert erstaunlich gut. Ich besuche das Denkmal und bezwinge alle Stufen nach oben. Es hat in den Gelenken zwar gewaltig geknackst, aber ich, vom Zweitberuf her ja bekanntlich Schlingel, habe bei der Gelände-Erkundung gesehen, dass oben hinter dem Denkmal, also vom offiziellen Aussichtspunkt aus, eine kleine Straße um das Denkmal herumführt, die zum Ausgangspunkt hinunterführt. Die ist für den allgemeinen Pkw-Verkehr zwar gesperrt, aber zu Fuß kann ich sie wunderbar für den Rückweg nutzen – und so elegant jede einzelne Stufe auf dem Rückweg umschiffen! Meine Knie bedanken sich herzlich.

Oben angekommen, zieht es allerdings wie Hechtsuppe. Selbst ich werde mit meinem Kampfgewicht zwischen den Säulen fast weggepustet. Was für ein Monstrum! Dieses neuzeitliche Monumentalwerk besteht aus 16 gigantischen, über 30 Meter hohen Säulen und wurde 1985 von Zurab Tsereteli begonnen. Prunk sucht man auch hier vergebens, dafür kriegt man die Geschichte des Landes mit dem visuellen Vorschlaghammer serviert: Unten sind die Könige und Helden in der dunklen Bronze verewigt, oben die Geschichten aus dem Leben Christi. Es wirkt, als hätten Riesen mit titanischen Legosteinen im kaukasischen Vorgarten gespielt. Ein bizarres, monumentales Meisterwerk, das einen herrlich unbedeutend wirken lässt.

Zum Trost für die eigene Winzigkeit bietet der Hügel immerhin einen grandiosen Weitblick: Direkt unter mir liegt das sogenannte „Tiflis-Meer“. Ein riesiger Stausee, der sich ziemlich fotogen in der kargen Landschaft breitmacht – vorausgesetzt, man kann die Kamera bei diesem Wind überhaupt noch ruhig halten.

Telawi: Das königliche Understatement an der Platane

An Tiflis vorbei geht es über den Gombori-Pass schließlich nach Telawi. Der Pass ist heutzutage exzellent ausgebaut und fahrerisch überhaupt kein Problem. Am Ujarma Castle, einer alten Festungsruine am Wegesrand, lege ich einen kleinen Stopp ein und werde prompt von einem Minibusfahrer ins Gespräch verwickelt. Erst ist es nur das Auto, dann die Reise, dann das Alleinreisen – die Georgier sind einfach unheilbar freundlich und neugierig zugleich.

In Telawi angekommen, parke ich direkt am Palast von König Irakli II. (Batonis Tsikhe). Genau, das ist jener Erekle II., über dessen Grabplatte im Boden der Swetizchoweli-Kathedrale ich tags zuvor beinahe noch gestolpert wäre und dessen fataler Hang zu falschen Schutzmächten mir noch im Kopf herumgeht. Hier schließt sich der kaukasische Kreis.

Vom imperialen „Palast“ ist nach den zahllosen persischen Invasionen der Jahrhunderte allerdings nicht mehr viel übrig, trotzdem schieße ich ein paar Fotos von der Bastion und der massiven Wehrmauer. Wer bei einer Königsresidenz an Versailles denkt, wird hier vollends geerdet. Das Gebäude ist ein flacher, fast schon rührend schlichter Bau mit persisch angehauchten Rundbögen. Der unglückliche Vereiner des Reiches war eben ein waschechter Soldatenkönig des 18. Jahrhunderts, der pragmatisch dachte und kein feinsinniger Innendekorateur.

Nach dem Standbild des Königs treffe ich auf den wahren Herrscher von Telawi, der direkt vor der Burg steht: eine gigantische, 900 Jahre alte Platane. Dieser Baum hat mehr Könige, Kriege und vergebliche Staatsverträge kommen und gehen sehen, als jeder Aktenordner fassen kann. Sie steht immer noch wie eine Eins in der kachetischen Sonne und bietet einen spektakulären Ausblick auf das Alasani-Tal und die mächtige Kulisse des Kaukasus.

Zum Abschluss steige ich noch zum Nadikvari-Park hinauf, gönne mir im Angesicht der erstmals in der Ferne zu sehenden, schneebedeckten Gipfel des Kaukasus ein ausgiebiges Kaffee-Ensemble samt herrlicher Aussicht und latsche später gemütlich zurück zu »Mr.Nero«.

Warum habe ich in diesem Kapitel eigentlich so ausgiebig über religiöse und weltliche Geschichte fabuliert? Ich möchte schlicht und ergreifend deutlich machen, dass Geschichte eben nicht nur aus griechischen Säulen, römischen Legionen oder fränkischen Kaisern besteht. Wer auch nur ein ganz kleines bisschen über den mitteleuropäischen Tellerrand hinausschaut, muss unweigerlich feststellen, dass es auch hier im Osten schon eine gewaltige Kulturgeschichte gab. Eine Kulturgeschichte, die höchstwahrscheinlich weitaus älter und reifer ist als diejenige, die wir Westeuropäer so furchtbar gerne favorisieren.