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Das große Geo-Rodeo oder: Wo die Steppe den Atem anhält

​Der „Kleine Strabon“ und der Längengrad-Komplex

Von Telawi aus durchquere ich die Weinebenen in Richtung Osten. Der „Kleine Strabon“ in mir verlangt nach einem Triumph: Ich will endlich den östlichsten Punkt dieser Reise erreichen – und ganz nebenbei den östlichsten Punkt, den ich je im Leben am Steuer meines eigenen Fahrzeugs angesteuert habe. Andere Hilfsmittel, das Gefahren-Werden oder lächerliche Aero-Schummeleien zählen in meiner persönlichen Straßen-Statistik nicht.

​Also geht es an Dedopliszqaro vorbei, am Kochebi-See entlang, mitten hinein in die Schiraki-Ebene. Das bewaldete Kachetien habe ich zu diesem Zeitpunkt längst hinter mir gelassen. Die Landschaft mutiert innerhalb weniger Kilometer in eine baumlose, endlos weite Steppenlandschaft. Willkommen in der absoluten Einöde Georgiens.

Die Schiraki-Ebene ist ein gigantisches Plateau, das trotz der kargen Bedingungen landwirtschaftlich genutzt wird. Und hier, mitten im Nirgendwo, packt mich diese ganz spezielle geografische Marotte, die man wohl nur als „chronische Koordinaten-Krankheit“ im Endstadium bezeichnen kann. Ein Zustand, für den mich meine verstorbene Frau früher immer nur mitleidig belächelt hat, wenn ich wie besessen den maximal südlichsten, nördlichsten oder westlichsten Punkt erzwingen wollte. Vielleicht gibt es mir einfach das erhebende Gefühl, den im wahrsten Sinne des Wortes erfahrenen Horizont bis an seine äußersten Grenzen ausgedehnt zu haben. Schöne Orte sind diese Endpunkte ja in der Regel nicht. Es sind einfach nur nackte Zahlen im GPS.

​Irgendwo hier in der Einöde soll auch ein verlassener sowjetischer Militärflugplatz liegen. Bunker, Hangars, eine alte MiG – das alles reizt mich ungemein. Ich suche nach einem Zugang, halte Ausschau nach einer Piste, aber Google Maps und die Realität wollen heute nicht kooperieren. Es führen ausschließlich unbefestigte, schlammige Feldwege in die vermutete Richtung. Wenn die kaukasische Lehmerde hier einmal nass wird, verwandelt sich die Piste schnell mal in eine spiegelglatte Schmierseife. Meine Reifen lassen zwar den Einsatz im trockenen Gelände zu, sind aber keine reinrassigen Offroad-Schlammbeißer. Zudem fehlt dem 3,9-Tonner schlicht die nötige Bodenfreiheit, wenn er erst einmal tief in den ausgewaschenen Furchen festsitzt. Für »Mr.Nero« ist das allein ein unkalkulierbares Wagnis. Also breche ich die Suche zähneknirschend ab. Der Fokus bleibt stur auf den östlichsten Längengrad gerichtet.

​Hinter Kvemo Kedi geht es dann für »Mr.Nero« endgültig nicht mehr weiter. Ich stehe rund sechs bis sieben Kilometer vor der aserbaidschanischen Grenze auf genau 46°18'56" Ost. Mein innerer Strabon bekommt angesichts dieser Daten beinahe eine leichte Schnappatmung: Bagdad liegt auf 44,4 Grad Ost. Riad in Saudi-Arabien folgt nur unwesentlich weiter östlich auf 46,5 Grad, und diese Linie zieht sich im Geiste weiter durch den Jemen, weit östlich vorbei an Sanaa, bis nach Somalia. Ich habe mich quasi eigenhändig an den gefühlten Rand des Nahen Ostens katapultiert.

​Normalerweise wäre die Weiterfahrt nach Osten der perfekte, logische Übergang nach Aserbaidschan, hinein in die geschichtsträchtigen Seidenstraßen-Städte wie Scheki und Baku. Aber genau hier knallt die geopolitische Realität dazwischen: Die aserbaidschanische Landgrenze ist seit Jahren für den touristischen Autoverkehr komplett dicht. Schade eigentlich. Das Bild, wie ich in der Nähe von Baku neben »Mr.Nero« am Ufer des Kaspischen Meeres stehe – das hätte mir schon massiv gefallen. Für so ein Motiv hätte ich glatt meine Regel gebrochen und ein Selfie geschossen. So aber bleibe ich am östlichen Vorposten stehen und es bleibt nur ein Blick auf die aserbaidschanische Seite der Grenze (Rayon Qax). Nach fast 6.000 Kilometern auf dem Tacho ist das der Punkt, ab dem es ab jetzt wieder grob in Richtung Westen geht.

Zwischen den Momenten

Subtile Arroganz und das unbequeme Erbe der Unwissenheit

Ich bin jetzt am östlichsten Punkt meiner Reise. Und eine Sache lässt mir keine Ruhe.

Es gibt da nämlich den einen oder anderen Leser, der pflegt seine Vorurteile offensichtlich mit weitaus mehr Hingabe als ich meinen Lungo-Kult. Schon bevor ich überhaupt losgefahren bin, kamen diese ständigen, von Unverständnis geprägten Fragen: „Sag mal, was willst du denn überhaupt da hinten im Osten? Da gibt es doch nichts.“

​Und dieses Muster zieht sich wie ein roter Faden durch meine gesamte Route. Da wird ein atmosphärischer Sonnenuntergang am Schwarzen Meer wegen etwas Dunst und Meeresnebel auf der Stelle zu einer wahrscheinlichen Umweltverschmutzung umgedeutet – nur damit das gewohnte Weltbild vom „schmutzigen Osten“ bloß keine Risse bekommt. Wenn ich aus Batumi berichte – dem kleinen Shanghai des Kaukasus –, und provokant frage, wo denn da wohl die Eselskarren seien, wird gekontert: „Warte mal ab, die stehen an der nächsten Ecke und sind gar nicht so weit weg.“ Man will sie eben unbedingt sehen, die Rückständigkeit.

​Erzähle ich davon, dass die Georgier ein ausflugsgeiles, kulturinteressiertes Völkchen sind, das am Wochenende zuhauf die eigenen Naturdenkmäler und historischen Orte stürmt, kommt prompt die nächste Ferndiagnose von der heimischen Couch: „Kein Wunder, deren Wohnsituation ist bestimmt derart unterirdisch, dass sie froh sind, mal von zu Hause wegzukommen.“ Und als ich vorhin völlig belanglos schrieb, dass ich von nun an wieder westwärts unterwegs bin, bekam ich den digitalen Schulterklopfer, das sei jetzt wohl die beste Nachricht seit der komischen Idee mit meiner „Osttour“.

​Ich habe in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht, woher diese tiefe, selbstgefällige Arroganz eigentlich kommt, die in solchen subtilen Andeutungen immer wieder zutage tritt und krampfhaft nur das Schlechte in dieser Reise sucht. Und ich habe da ein ziemlich fieses Gefühl, das man in unserer Generation kaum laut auszusprechen wagt.

​Wir unterstellen uns heute natürlich alle gegenseitig, aufgeklärte Weltbürger zu sein. Aber kann es sein, dass in den hintersten, dunkelsten Ecken unseres Unterbewusstseins immer noch das verkrustete Echo einer Ideologie mitschwingt, von der wir dachten, wir hätten sie längst in der Geschichte vergraben? Der Generation vor uns wurde sauber eingetrichtert, dass östlich einer gezogenen Linie alles grau, geschichtslos, dreckig und irgendwie „kulturell defizitär“ ist. Der Kalte Krieg hat dieses binäre Weltbild danach jahrzehntelang zementiert: Hier der strahlende, fortschrittliche Westen – dort das finstere, rückständige Chaos.

​Dieses Raster ist verdammt bequem. Es schützt nämlich hervorragend vor der eigenen Unwissenheit. Wer Georgien nur mit postsowjetischer Tristesse assoziiert, kann natürlich nicht damit umgehen, wenn ich mit »Mr.Nero« losziehe und hier eine hochkomplexe, stolze Kultur vorfinde. Herablassend zu sein, ist dann anscheinend der verzweifelte Versuch, das eigene, starre Weltbild zu verteidigen. Man will sich im Alter ja ungern eingestehen, dass der eigene Horizont und das Ostverständnis an der ehemaligen innerdeutschen Grenze aufhört.

Zu der Zeit, als man hier in Georgien bereits hochentwickelte Zivilisationen. filigrane Goldschmiedekunst und exklusive Weinherstellung bewundern konnte, haben unsere Vorfahren, die Germanen, noch mühsam nach dem Trinkhorn gefahndet, um ihren Met endlich nicht mehr direkt aus dem hölzernen Bottich saufen zu müssen. Wer oder was gibt uns eigentlich das Recht, so verdammt überheblich zu sein?

​Meine Reisen jenseits der Komfortzone zeigen mir vor allem eines: Die vor Ort erlebte Realität ist das beste Heilmittel gegen jegliche erlernte oder kolportierte Vorurteile. Man muss allerdings den Mut aufbringen, die Augen aufzumachen und diese Medizin auch wirklich zu schlucken.

​Das Basislager an der „Quelle der Königin“

​Ich fahre zurück nach Dedopliszqaro, um mein Quartier zu beziehen. Giorgi – so nennen wir meinen Gastgeber an dieser Stelle einfach mal – erklärt mir später bei einem Kaffee stolz, was der sperrige Name des Ortes eigentlich bedeutet: „Quelle der Königin“, benannt nach der legendären Königin Tamar. Giorgi und seine hochschwangere Frau betreiben hier ein paar gemütliche Cottages im Grünen, bieten Verpflegung an und erlauben es drei bis vier Campern, sich in ihrem Garten häuslich einzurichten – sofern man nicht gerade mit einem ausgewachsenen Expeditions-Lkw das Grünzeugs ruiniert. Giorgi selbst ist auch noch als erfahrener Guide ständig im nahen Waschlowani-Nationalpark unterwegs, um Reisenden die geschützte Natur zu zeigen.

Wir vereinbaren für die kommenden Tage eine gemeinsame Tour durch den Park. Da ein zweiter Mitfahrer kurzfristig absagt, muss ich den vollen Preis für den Tag allein stemmen. Der Betrag ist selbst für westeuropäische Verhältnisse kein Pappenstiel – aber jeden Cent wert.

​Beim abendlichen Plausch erzähle ich Giorgi von meinem verfehlten Versuch, den sowjetischen Flugplatz in der Steppe zu finden. Giorgi winkt lachend ab: „Kein Problem! Der Lost Place liegt im Grunde direkt auf dem Weg zum Waschlowani. Den machen wir morgen einfach schnell zuerst!“ Das ist eben der unschlagbare Vorteil, wenn man mit einem Local unterwegs ist.

​Ein „Lost Place“ mit Startbahn-Garantie

​Am nächsten Morgen sitze ich also im Allrad-Lexus von Giorgi. Und schon nach den ersten Kilometern abseits der Hauptstraße wird klar: Es war verdammt gut, dass ich »Mr.Nero« im Garten habe stehen lassen. Der Allradler von Giorgi muss auf den unbefestigten, schlammigen Wegen der Ebene gleich ordentlich schuften.

​Die Airbase „Zemo Kedis Aerodrom“ erweist sich schließlich als historisches Schwergewicht: Mit einer über 2,5 Kilometer langen Startbahn war dies einst einer der größten und strategisch wichtigsten Militärflugplätze der Region. Von hier aus starteten während des sowjetisch-afghanischen Krieges in den 1980er Jahren nicht nur Jagdflieger, sondern auch schwere Bomber. Die unterirdischen Bunkeranlagen wurden damals sogar so massiv in den Steppenboden betoniert, dass sie einem Atomwaffenangriff hätten standhalten sollen.

​Giorgi erzählt mir, dass die hier stationierten sowjetischen Truppen für die lokale Bevölkerung ein absoluter Albtraum waren. Nach zahllosen alkoholbedingten Übergriffen durften die Soldaten die Base irgendwann überhaupt nicht mehr verlassen – der Wodka wurde fortan einfach kistenweise direkt aus Russland eingeflogen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verfiel das Areal. Georgiens erster Präsident, Swiad Gamsachurdia, winkte dankend ab, die Basis für das eigene Militär zu nutzen – mit der herrlich pragmatischen Begründung, er stationiere seine Truppen doch nicht dort, wo eventuelle Gegner die Ortspläne schon an der Wand hängen hätten. Heute nutzen die örtlichen Bauern mit offizieller Genehmigung ein paar der riesigen Hangars, um darin ihren frisch geernteten Weizen zu trocknen. Beim Blick auf die alte MiG-21, die hier als stummer Zeuge verrottet, fällt mir ein kleines technisches Detail auf: Die Verkleidungsteile der Maschine sind nicht, wie sonst im Flugzeugbau üblich, genietet, sondern rustikal geschraubt. Wahrscheinlich, damit man sie im tiefsten Sibirien auch mit einem einfachen Schraubenschlüssel flicken konnte. Ein echter, rauer Lost Place.

​Neun Stunden auf der haarscharfen Grenze

​Nach diesem Ausflug in die sowjetische Militärhistorie tauchen wir endgültig in den Nationalpark ein. Neun Stunden jagen wir Giorgis Lexus durch das Gelände, und der Wagen wird dabei derart hart hergenommen, dass ich die jährliche Werkstattrechnung lieber gar nicht wissen möchte. Giorgi übernimmt im Vorfeld sämtliche Formalitäten im Nationalparkzentrum und bei der Grenzpolizei. Das ist auch bitter nötig, denn die Route verläuft streckenweise direkt auf der haarscharfen Grenzlinie zu Aserbaidschan.

​Daraus ergeben sich zwei eiserne Regeln für jeden, der diese Tour macht:

​Der originale Reisepass gehört zwingend in die Tasche. Die georgische Grenzpolizei versteht an den einsamen Checkpoints mitten in der Einöde keinen Spaß – wer sich hier nicht ausweisen kann, hat ein Problem. Eine solide Marschverpflegung inklusive ausreichend Getränken ist da draußen absolute Pflicht. Giorgis Frau hat uns vorab mit georgischen Köstlichkeiten ausgestattet, sodass das leibliche Wohl gesichert ist.

Die berühmten Schlammvulkane lassen wir bewusst links liegen. Giorgi meint trocken, die seien mittlerweile viel zu touristisch, hätten ihre Authentizität eingebüßt und würden bei einer Tagestour schlicht zu viel Zeit fressen, die uns dann für die wirklich spektakulären Ecken fehlt. Recht hat er. Man merkt in jeder Sekunde, dass dieser Mann nicht bloß für Geld den Fremdenführer mimt, sondern eine tiefe, ehrliche Verbundenheit zu dieser Landschaft besitzt. Früher hatte er einen klassischen Job in einer Bank in der Stadt, kehrte dem sterilen Büro aber bewusst den Rücken, um wieder in seiner Natur zu sein.

​Dabei blickt er durchaus kritisch auf den modernen Massentourismus. Er erzählt amüsiert von Reisegruppen, die sich im klimatisierten Allradler durch den Park kutschieren lassen, die grandiose Kulisse keines Blickes würdigen und sich am Ende lautstark beschweren, weil sie keine Wölfe, Bären oder Adler zu Gesicht bekommen haben. „Das hier ist kein Outdoor-Zoo und keine afrikanische Safari“, hat er ihnen geantwortet. Die Natur gibt eben keine Garantie auf Knopfdruck.

​Von Muscheln in Augenhöhe und flüchtenden Gazellen

​Der Waschlowani-Nationalpark selbst präsentiert sich als eine atemberaubende, fast surreale Mischung aus kaukasischem Grand Canyon und afrikanischer Savanne. Giorgi erweist sich als wandelndes Lexikon für Geologie, Flora und Fauna. Er räumt auch direkt mit den klassischen Touristen-Mythen auf: Der legendäre kaukasische Leopard, mit dem im Nationalparkzentrum immer noch gern geworben wird, wurde seit über zehn Jahren nicht mehr gesichtet. Entweder ist das Tier längst tot oder es hat das Weite gesucht und ist über den Grenzfluss nach Aserbaidschan abgewandert. Vorher trieb er sich hier rum:

​Besser läuft es dagegen für die Kropfgazellen. Die ursprünglich hier heimischen Tiere waren komplett ausgerottet. Durch ein ambitioniertes Wiederansiedlungsprogramm, bei dem Exemplare aus Aserbaidschan importiert wurden, hat sich mittlerweile wieder ein stabiler, gesunder Bestand von rund 750 bis 800 Tieren etabliert. Zwar kann ich ein paar der Tiere entdecken, aber die sind so scheu und suchen so schnell das Weite, dass ich mit meiner Smartphonekamera kaum Möglichkeiten habe, sie mit dem Tele ins Bild zu bekommen.

​​Während wir durch die tiefen Canyons fahren, witzelt Giorgi, dass jeden Moment Clint Eastwood im Sattel um die Ecke biegen müsste – die Kulisse steht einem klassischen Western in nichts nach. Ich entdecke Geier am Horizont, unzählige seltene Vogelarten, und Erdschildkröten. Davon, dass ich hier tagsüber auf Wölfe und Goldschakale treffe, bin ich natürlich nicht ausgegangen. Aber sie haben hier zweifellos ihren Lebensraum.

Giorgi erklärt mir die Entstehungsgeschichte dieser bizarren Formationen: Vor Jahrmillionen war der gesamte Waschlowani-Nationalpark der Grund eines flachen Meeres. Zum Beweis steuern wir eine steile Felswand an, an der ich auf Augenhöhe versteinerte Muscheln und maritime Sedimente eigenhändig aus dem Gestein kratzen kann.

​Wir passieren weite Steppenflächen, in denen vereinzelte, rustikale Höfe für die Zucht von Schafen und Pferden aus dem Boden gestampft wurden. Strom? Fließend Wasser? Fehlanzeige. Zu diesem Zeitpunkt stehen die Höfe allesamt leer. Giorgi erklärt das alljährliche logistische Schauspiel: Im späten Frühjahr wird es in der Waschlowani-Steppe schlicht zu heiß für das Vieh. In einer gewaltigen, zweiwöchigen Trekkingtour treiben die Hirten tausende Tiere über Straßen und durch Dörfer hinauf auf die saftigen, kühleren Bergweiden des Nordkaukasus. Im Herbst rollt die Lawine im Rückwärtsgang wieder zurück.

​Giorgi führt mich auch zu einer archäologischen Ausgrabungsstätte, die allerdings im Dornröschenschlaf liegt. Seit dem letzten Regierungswechsel vor zwei Jahren und der spürbaren außenpolitischen Neuausrichtung des Landes liegt das Projekt brach. Zuvor hatte die Europäische Union hier finanzielle Mittel bereitgestellt, um erste Fundamente freizulegen, die stark auf eine antike Erz- und Metallverarbeitung aus der Bronzezeit hindeuten.

Giorgi sprüht vor historischer Begeisterung und erzählt von den Theorien einer großen, untergegangenen Handelsstadt an der Seidenstraße, die im erweiterten Dreieck zwischen Ganja, Mingəçevir und Scheki gelegen haben muss. Er ist sich sicher, dass die alte Handelsroute genau hier unten im Tal am Fluss entlangführte, und hofft inständig, dass die europäischen Archäologen eines Tages zurückkehren, um die Geheimnisse hier am Rande der Steppe endgültig zu lüften.

​Unzensierter Klartext über die kaukasische Seele

Während der stundenlangen Fahrt über Stock und Stein unterhalten wir uns längst nicht mehr nur über Geologie und die lokalen Giftschlangen – insbesondere die giftigen Levante-Ottern, vor denen Giorgi mich eindringlich warnt. Festes Auftreten beim Aussteigen ist oberste Pflicht; die Kriechtiere sind hier überall. Zwischen uns stimmt die Chemie von der ersten Minute an. Wir sprechen über Gott und die Welt, über unsere beruflichen Werdegänge, über Ehe, Familie und sogar über unsere eigenen Eltern, die sich im Zweiten Weltkrieg noch als Feinde gegenübergestanden hatten, weil der Größenwahn und das Machtstreben fanatischer Politiker es so diktiert hatten.

​Diese neun Stunden entwickeln sich zu einem persönlichen, lebenden Schlüssel zur georgischen Gesellschaft. Es ist unzensierter Klartext über Politik, Geschichte und die kaukasische Seele. Giorgi erzählt offen von den wirtschaftlichen Realitäten des Landes. Seit der Unabhängigkeit 1991 haben die EU und insbesondere Deutschland immense Summen an Aufbauhilfe in die Region gesteckt. Auch Giorgi hat danch die Gelegenheit beim Schopf gepackt und seine Cottages mit Hilfe eines europäischen Förderkredits finanziert.

Er berichtet schmunzelnd von den bürokratischen Hürden: Die EU machte derart detaillierte Vorgaben bezüglich der Holzqualität und der zu verwendenden Baumaterialien, dass er fast anderthalb Jahre brauchte, um überhaupt alles zu beschaffen – die heimische Industrie war auf diese Standards anfangs überhaupt nicht eingestellt. Den Kredit zahlt er seither pünktlich jeden Monat zurück. Mit bald drei Kindern im Haus bedeutet das eine Menge Arbeit, um den Betrieb am Laufen zu halten und die Schulden planmäßig zu tilgen.

​Umso absurder ist die neue politische Realität, die ihn vor Kurzem einholte: Er wurde von Vertretern der neuen, prorussisch orientierten Regierungsstellen vorgeladen. Man verlangte von ihm allen Ernstes zu wissen, was er denn als „Gegenleistung“ für den günstigen EU-Kredit erbringen müsse. Ob er Informationen über die internen Zustände in Georgien nach Brüssel weiterleite oder andere illegale Aktivitäten plane – ansonsten würde die EU ihm doch wohl kaum einfach so Geld leihen. Giorgi macht aus seinem Frust keinen Hehl. Er setzt seine ganze Hoffnung auf die kommenden Wahlen in zwei Jahren, damit sich das Land wieder in Richtung Westen öffnet und seine Kinder eine Perspektive auf beruflichen und gesellschaftlichen Erfolg im europäischen Geist haben. Ich wünsche es dieser fleißigen, gastfreundlichen Familie von ganzem Herzen.

Zum Abschluss der Tour fahren wir noch zu seinem Lieblingsplatz: eine steile Abbruchkante mit Blick auf den gesamten Nationalpark. Das Szenario mit dem riesigen Mingəçevir-Stausee in Aserbaidschan im Hintergrund ist überwältigend.

​Ich bleibe noch einen weiteren Tag in Dedopliszqaro. Es ist eine Begegnung, die meinen persönlichen Wahlspruch wieder einmal eindrucksvoll bestätigt: Alle Menschen auf dieser Erde können problemlos miteinander Freunde sein – solange keine machthungrigen Politiker und fanatischen Ideologen dazwischenfunken.

​Das Schlammloch am Elia-Kloster

​Zum Abschied will ich mit »Mr.Nero« noch einen kleinen, vermeintlich entspannten Abstecher in die unmittelbare Umgebung machen. Das Ziel: das berühmte Elia-Kloster. Die Kapelle des Propheten Elias klebt wie ein Schwalbennest auf halber Höhe mitten in einer steilen, doppelgipfligen Kalksteinklippe im nackten Fels – ein absoluter Traum für jeden Fotografen.

​Die Faktenlage ist eigentlich simpel: Es führt eine gut befahrbare, breite Schotterstraße von Dedopliszqaro direkt an den Fuß des Berges und von dort geschmeidig hinauf bis kurz unter die Anlage. Für einen allradgetriebenen Transit wie »Mr.Nero« ist das im Grunde ein entspannter Sonntagsausflug. Eigentlich. Wenn da nicht das digitale Navigationssystem im Cockpit gewesen wäre. Google Maps wittert eine vermeintliche Abkürzung und zwingt mich mit seinen Ansagen geradezu vehement auf einen schmalen Feldweg.

​​Anfänglich funktioniert das auch ganz passabel, bis die Piste plötzlich von einem handfesten, tiefen Schlammloch blockiert wird. Es gibt allerdings zwei schmale, erhöht liegende Trockenspuren. In einem klassischen Anflug von kaukasischer Selbstüberschätzung Marke „Das passt schon!“ fahre ich weiter. Ich zirkuliere auf den trockenen Graten – und rutsche dann doch langsam mit den Hinterreifen exakt in die schlammige Tiefe.

Festgefahren. Ausgerechnet im klebrigen Steppenmatsch.

Ich besitze von diesem Malheur ein lückenloses Video, da ich an »Mr.Nero« sowohl vorne als auch hinten feste Fahrkameras installiert habe. Dieses Videomaterial musste im Nachgang allerdings einer brachialen Zensur unterzogen werden. Hätte ich die Tonspur im Original belassen, hätten meine lautstarken emotionalen Eruptionen, die ich sprachlich zwar einwandfrei artikuliert, aber in beachtlicher Lautstärke in die Landschaft gegrölt habe, meinen Ruf als seriöser Storyteller auf Lebenszeit ruiniert.

​»Mr.Nero« hatte hinten mit dem unter dem Boden montierten Abwassertank voll auf dem  Matschrand aufgesetzt. Um überhaupt wieder Grip zu bekommen, musste ich das Heck entlasten: Also mutig zurücksetzen, die Vorderräder ebenfalls bewusst ins Schlammloch einsinken lassen, damit das Fahrzeug wieder so einigermaßen waagerecht steht, die Differenzialsperre rein und Gas.

Und was soll ich sagen? »Mr.Nero« hat bewiesen, was in ihm steckt. Mit roher Allradgewalt hat er seine 3,9 Tonnen Lebendgewicht eigenhändig aus dem Schlamm gezogen. Ich war verdammt stolz auf den noch Dickeren!

Kaputtgegangen ist glücklicherweise nichts, aber am Unterboden und an sämtlichen Achsteilen klebten gefühlt kiloweise zäher Matsch. Ein paar Meter weiter mündet der Feldweg – wie sollte es anders sein – wieder auf der regulären Schotterstraße. Auf dieser fahre ich die restlichen Höhenmeter hinauf, bis ich kurz vor der Kapelle stehe.

​Doch das kaukasische Schicksal hat noch einen letzten Lacher parat: Under Construction heißt auch in Georgien schlicht und ergreifend Baustelle. Bauzäune, Absperrgitter, wild aufgestapeltes Baumaterial und kein Durchkommen zur Felsenkapelle. Das ganze Schlammloch-Drama für absolut gar nichts. Ich schieße ein paar schnelle Belegfoto, um zu beweisen, dass ich zumindest physisch oben war, und trete den Rückweg an. Diesmal wähle ich natürlich konsequent die Schotterstraße. Eigentlich hätte mich das Navigationssystem ja wieder auf den Feldweg jagen müssen. Hat es aber nicht. Vielleicht hat Google Maps ja aus meinen Flüchen im Cockpit gelernt.