Kachetien
Auf der Suche nach der Wiege des Weins (ohne ihn zu trinken)
Aus dem Osten Georgiens rollt »Mr.Nero« nun gemächlich zurück in Richtung Kachetien. Wohin man auch blickt: Reben über Reben, alle brav nach französischer Art in Spaliererziehung angebunden. Da ich nun mal ein kulturinteressierter Mensch bin, dachte ich naiverweise, man könnte hier einfach mal auf ein Weingut fahren, um etwas über das uralte Wein-Handwerk zu erfahren. Doch weit gefehlt. In der Wiege des Weinbaus läuft absolut gar nichts ohne Tasting oder Kaufing. Das macht es mir als einem – den gesundheitlichen Umständen geschuldeten – Antialkoholiker verdammt schwer. Die Güter hier haben alle den Charakter kleinerer Chateaus und verdienen anscheinend exzellent an ihrer „flüssigen“ Kundschaft, denn die dazugehörigen Gärten sind überwiegend schöne und teilweise auch exklusive Parkanlagen. Schöne Kulisse, aber für einen Soloreisenden auf Kaffeebasis eine recht zähe Angelegenheit.
Mitten in diesem Rebenmeer geht es irgendwann steil die Hügel hinauf – und schon stehe ich in Sighnaghi.
Die Tourismus-Strategen nennen es pathetisch die „Stadt der Liebe“. Warum? Nun, wahrscheinlich, weil man im hiesigen Standesamt rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag, ohne Voranmeldung heiraten kann. Ein Traum für Kurzentschlossene und ein Albtraum für alle, die am nächsten Morgen nüchtern aufwachen. Bekannt ist der Ort zudem für seine angeblich längste Stadtmauer der Welt (nach der chinesischen, versteht sich), von der man im echten Leben allerdings nur ein handtuchbreites Stück von 100 bis 200 Metern tatsächlich begehen kann.
Ich quetsche »Mr.Nero« durch die engen Altstadtstraßen, vorbei an den unvermeidlichen Souvenirständen, navigiere durch das historische Stadttor und stelle den 3,9-Tonner schließlich auf dem Platz neben der Dodashvili-Statue ab. Solomon Dodashvili war übrigens ein georgischer Philosoph und Aufklärer des 19. Jahrhunderts, der sich intensiv mit Logik beschäftigte – ein Thema, das in der georgischen Verkehrsführung, wie ich leider immer wieder feststellen muss, doch eher vernachlässigt wird.
Noch bevor ich mich im Cockpit überhaupt besichtigungsfähig gemacht habe, schleicht draußen schon ein Minibusfahrer um den Camper herum. Ich mache das Fenster runter und flöte mein freundlichstes „Gamarjoba“ heraus – eines von genau zwei Worten, die ich auf Georgisch unfallfrei beherrsche (das zweite ist „Madloba“ und bedeutet danke!).
Und siehe da: Postwendend schallt es auf Deutsch zurück.
Der gute Mann hat jahrelang für eine Spedition im Raum Düsseldorf gearbeitet. Ein halbes Jahr am Rhein, ein halbes Jahr in der kaukasischen Heimat. Dafür fühlt er sich jetzt zu alt und kutschiert stattdessen Touristen im Mercedes Sprinter durch die Berge. Er lobt Deutschland in den höchsten Tönen. Und weil ich gerade dabei bin das soeben gekaufte Puri-Brot noch zu verstauen, sprechen wir unter anderem auch übers Brot. Besonders vermisse er die deutsche Brotvielfalt. In Georgien gäbe es schließlich immer nur das gleiche, gummiartige Weizenbrot. Von so etwas wie echtem Schwarzbrot hätten sie hier noch nie etwas gehört.
Dem Mann kann geholfen werden.
Haltbares Schwarzbrot gehört schließlich seit den frühen 80er-Jahren zum eisernen Standardproviant in all meinen Wohnmobilen. Ich krame also ein sattes Pfund echtes Schwarzbrot aus meinen Vorräten und überreiche es ihm feierlich. Erst will er es aus purer Höflichkeit nicht annehmen, aber ich wende die bewährte türkische Haselnuss-Taktik an und bestehe unnachgiebig darauf. Er bedankt sich überschwänglich. Im Laufe des Tages sehen wir uns in dem kleinen Nest noch ein paar Mal, und jedes Mal winkt er mir zu und ich werde mit einem überschwänglichen Hupkonzert gegrüßt. Seine geladenen chinesischen Touristen halten das offenbar für einen landestypischen Brauch und winken alle begeistert mit aus den Fenstern.
Irgendwann zieht es mich zu einer Panoramastraße, die den spektakulärsten Blick auf den Ort, die Mauer und die schneebedeckten Kaukasus-Gipfel im Hintergrund bietet. Wie so oft verstecken sich die hohen Gipfel aber auch heute mal wieder unter den Wolken.
Egal, ich lasse mich in einem der kleinen Cafés nieder, die hier recht abenteuerlich in die Schräge des Hangs gebaut wurden, und bestelle mein Markenzeichen: das klassische Ensemble aus einem Kaffee und einem Wasser, dazu ein gefülltes Hörnchen. Die ältere Dame im Service spricht ein perfektes, fast aristokratisches Englisch. Hier ist man komplett auf den internationalen Tagestourismus aus Tiflis eingestellt. Ich mache ein paar exzellente Fotos und ziehe von dannen.
Nächster Stopp: Das unweit gelegene Kloster Bodbe.
Hier ruhen die Gebeine der heiligen Nino, jener Dame, die Georgien im 4. Jahrhundert das Christentum brachte – Mzcheta lässt grüßen. Heute ist Bodbe ein durchoptimiertes spirituelles Großprojekt. Alles neu, alles fein. Es gibt eine hocheffiziente Klostergärtnerei, ein riesiges Klosterrestaurant und einen absolut bus-tauglichen Großparkplatz. Die Parkanlagen rund um das Kloster sind so akkurat gestutzt, dass sich selbst ein englischer Schlossgärtner ehrfürchtig verneigen würde.
Dass hier heute alles so makellos funkelt, grenzt an ein Wunder, wenn man sich die handfeste Geschmacklosigkeit vor Augen führt, die sich die sowjetischen Machthaber hier im letzten Jahrhundert geleistet haben. Nach der Zwangs-Säkularisierung machten die Bolschewiken kurzen Prozess mit dem Heiligtum: Das Kloster wurde kurzerhand geplündert, die Nonnen vertrieben und die gesamte Anlage in ein profanes sowjetisches Krankenhaus umgewandelt. Schlimmer noch: Die wunderschöne, jahrhundertealte Klosterkirche wurde entweiht und diente den Ärzten und Patienten jahrzehntelang als Entbindungsklinik und Sanatorium. Wo heute andächtig Kerzen angezündet werden, herrschte einst der herbe Geruch von Desinfektionsmitteln und sowjetischer Mangelwirtschaft. Erst nach dem Zusammenbruch der UdSSR kehrten die Nonnen zurück, krempelten die Ärmel hoch und verwandelten das einstige Kreiskrankenhaus wieder in dieses spirituelle Schmuckkästchen – inklusive des perfekt getrimmten Rasens.
Als Nachtlager habe ich mir die Lost Ridge Horse Ranch ausgesucht, die etwas fummelig in der Nähe des Klosters zu finden ist.
Ein wunderschöner, absolut ruhiger Ort mit angeschlossenem Restaurant-Café und einem traumhaften Garten. Das Prinzip ist denkbar simpel: Geht man im Restaurant essen, ist der Stellplatz für den Camper umsonst. Ein hervorragender Deal. Das Personal spricht fließend Englisch und ist von einer fast rührenden Herzlichkeit.
Zur ländlichen Idylle gehört hier allerdings auch, dass so ein freilaufender Hottemax seine Nase auch mal direkt durch die Schiebetür in den Camper steckt. Pferd will schließlich auch wissen, was der Ausländer da so alles mit sich rumschleppt.
Das Abendessen wird draußen serviert, an einem Tisch mit grandioser Aussicht. Es gibt Shkmeruli (Hähnchen in einer mörderischen Knoblauch-Milch-Sauce) und frittierten, mit Käse überbackenen Brokkoli, dazu selbstgemachte und gut gewürzte Wedges. Vorzüglich!
Dass ich keinen Alkohol trinke, wirft hier niemanden aus der Bahn; man serviert mir einfach einen frisch gepressten, kühlen Orangensaft.
Die Krönung folgt beim Nachtisch, der aufs Haus geht: ein hausgemachter Zitronenkuchen, der mit unserem trockenen deutschen Rührkuchen glücklicherweise nichts gemein hat, dazu selbstgemachtes Eis. Da ich der Managerin vorab von meiner Nussallergie erzählt hatte, passiert etwas Großartiges: Sie kommt plötzlich an den Tisch geschossen, nimmt mir die Eisschale konsequent wieder weg und bringt kurz darauf eine neue Portion mit reinem Schokoladeneis. Sie entschuldigt sich vielmals – die Bedienung hätte gepennt und mir fälschlicherweise Pistazieneis hingestellt. Und das seien schließlich auch Nüsse. Toller Service, stilvolles Ambiente, ehrliches Handwerk!
Zwischen den Momenten
Die gastronomische Höchststrafe
Der Einzelgast
Es gibt Momente im Leben eines Soloreisenden, da verlangt der Magen nach etwas Besserem als einer hastig zubereiteten Mahlzeit in der Camper-Küche. Man sehnt sich nach Kultur, nach Tischdecke, nach Gastlichkeit.
Um eines gleich vorwegzunehmen: Ich rede hier nicht von der klassischen kulinarischen Neppfalle, wo an den touristischen Hotspots laminierte Speisekarten in acht Sprachen ungenießbares Essen zu Fantasiepreisen anpreisen. Wenn ich die Schiebetür von »Mr.Nero« hinter mir lasse, suche ich mir ganz bewusst eine Restauration mit etwas Stil, Charakter und authentischer Atmosphäre. Also mache ich mich kurz frisch, betrete ein solches Etablissement und spreche den verhängnisvollen Satz gelassen aus: „Guten Abend, ich bin allein. Haben Sie einen Tisch für mich?“
Wer diesen Satz in Deutschland ausspricht, löst beim Servicepersonal augenblicklich eine mittelschwere Existenzkrise aus. Man sieht es in ihren Augen flattern: Das nackte, betriebswirtschaftliche Entsetzen. Ein Einzelgast! Ein wandelnder Umsatzverlust! Eine Person blockiert einen Tisch, an dem man rein rechnerisch auch eine vierköpfige Familie hätte platzieren können, die sich bis zum Nachtisch durch die Karte frisst.
Die Konsequenz? Die Zuweisung des gastronomischen Schandflecks.
Ich werde zielsicher an jene Tische bugsiert, die eigentlich gar keine Tische sind, sondern architektonische Verlegenheitslösungen. Willkommen am Einzeltisch direkt neben der Garderobe, wo einem im Minutentakt die Mäntel der späten Gäste ins Gesicht klatschen. Oder der Logenplatz an der Schwingtür zur Küche, wo man olfaktorisch schon am Vorab-Dunst der Fritteuse teilhaben darf. Mein persönlicher Favorit bleibt jedoch der Tisch mit direktem, unverbauten Blick auf die Toilettentür.
Essen und Kommunikation gehören zusammen, sie sind ein soziales Gesamtkunstwerk. Wenn ich nun ohnehin schon allein am Tisch sitze – was an sich schon eine stillere Angelegenheit ist –, brauche ich nicht auch noch das Ambiente einer Bahnhofshalle, um die kulinarische Depression zu vollenden. In Deutschland gilt der Sologast allzu oft als Mängelwesen, das man schnell abfertigen muss, bevor es den Schnitt versaut.
Umso erstaunlicher ist das, was passiert, sobald man die Landesgrenzen hinter sich lässt.
Kaum bin ich auf Reisen, scheint sich das betriebswirtschaftliche Gesetz der Gastronomie auf magische Weise umzukehren. Egal ob in Frankreich, Spanien oder jetzt hier in der rauen Weite des Kaukasus, wie heute auf der Lost Ridge Horse Ranch: Als Einzelperson werde ich nicht wie ein Aussätziger behandelt, sondern wie ein geschätzter Gast. Ich bekomme wie selbstverständlich einen schönen Tisch, werde hervorragend bedient und mit derselben Höflichkeit und demselben Respekt umsorgt wie die Großfamilie und die Pärchen an den Nebentischen.
Warum ist das im Ausland anders? Und warum fühle ich mich dort als Reisender plötzlich rundum zufrieden beim Abendessen?
Vielleicht liegt es daran, dass Gastfreundschaft in vielen Kulturen noch als das verstanden wird, was das Wort eigentlich besagt: die Freundschaft zum Gast – unabhängig von dessen Multiplikationsfaktor auf der Rechnung. Im Ausland spürt man oft ein tiefes, fast instinktives Verständnis für den Reisenden. Man sieht den Gast, der allein kommt, und denkt sich nicht: „Ach Herrje, wieder so ein Typ der uns den Umsatz blockiert“, sondern: „Der Mann ist unterwegs, sorgen wir dafür, dass er sich bei uns zu Hause fühlt und schaffen wir eine Atmosphäre der menschlichen Verbundenheit.“
Es ist eine Frage der Ehre für die Küche und den Service. Dem Kellner in Tiflis oder in einem kleinen französischen Bistro ist es schlicht peinlich, jemanden an einen Verlegenheitstisch zu setzen. Es widerspricht einfach deren Berufsethos.
Die Ironie an der Geschichte: Durch diese unaufgeregte, herzliche Wertschätzung verliert das Alleinessen im Restaurant im Ausland komplett seine Schrecken. Es ist plötzlich keine stille Foodvernichtung mehr, sondern ein Privileg. Ich sitze an einem schönen Platz, beobachte das Treiben, genieße ein Getränk oder den Lungo und stelle fest: Ich bin zwar allein am Tisch, aber ich bin trotzdem mittendrin.
Zurück in der Heimat werde ich beim nächsten Restaurantbesuch vermutlich wieder den Wind der Küchenschwingtür im Nacken spüren. Aber bis dahin genieße ich einfach die georgische Gast-Freundschaft.
Das Diesel-Drama
Die Jagd nach den Partikeln
Am nächsten Morgen holt mich die moderne Automobiltechnik unbarmherzig ein. »Mr.Nero« verfügt über einen hochmodernen Dieselmotor, der nach den strengen Abgasnormen der EU konstruiert wurde. Das bedeutet im Klartext: Er braucht extrem schwefelarmen Dieselkraftstoff (unter 10 ppm Schwefel), damit das feine Zusammenspiel aus Filtern und AdBlue nicht kollabiert.
Außerhalb der EU ist das jedoch ein echtes Glücksspiel. Der Großteil der hiesigen Fahrzeuge hat noch ältere Motoren, und die schlucken klaglos Diesel, der so viel Schwefel enthält, dass man damit wahrscheinlich auch Zündhölzer produzieren könnte. Tanke ich dieses Zeug, steht »Mr.Nero« nach 60 bis 70 Kilometern mit verstopftem Dieselpartikelfilter unwiderruflich still. Ersatzteile im Kaukasus? Viel Vergnügen.
Man muss also akribisch bei den großen Markenherstellern tanken, in der Hoffnung, dass dort der „gute Stoff“ vertrieben wird. Meine zwei im Internet mühsam herausgesuchten Gulf-Tankstellen erweisen sich jedoch als absolute Luftnummern. Und so stehe ich plötzlich, völlig ungeplant, mitten in Telawi. Wollte ich hierhin? Nein. Musste ich hierhin? Ja – denn nur hier gab es den sauberen Saft für meinen Motor. Wenn man schon mal unfreiwillig da ist, wird eben umgeplant.
Die Zwillingsbrüder von Napareuli und die unbarmherzige Sonne
Mein nächstes Ziel ist das „Twins Old Cellar“ Weinmuseum im kleinen Ort Napareuli. Nach Studium des Reiseführers haben die Zwillingsbrüder Gia und Gela dort ein Museum rund um den traditionellen Kvevri-Ausbau errichtet. Das ist die Form des Wein machens, der in Georgien seit bereits 8000 Jahren betrieben wird und der sich mal mehr oder weniger deutlich von der europäischen Vinifikation unterscheidet. Man nehme riesige Tonamphoren und vergrabe sie im Boden. Schütte, einfach gesagt, die Weitrauben da rein, mache einen Deckel drauf und lasse die Natur mal machen. Im Museum haben sie diese Dinger aufgeschnitten und mit Glas versehen, sodass man die Gärung der Traubenschalen und Kerne visuell perfekt nachvollziehen kann. Reine Handwerksgeschichte ohne den typischen Verkostungszwang – dachte ich zumindest.
Ich rolle also als interessierter Soloreisender auf den Hof. Der Mensch am Empfang starrt mich an, als wäre ich gerade aus einer fliegenden Untertasse gestiegen. „Wie, allein? Keine Gruppe? Keine Weinprobe? Warum sind Sie überhaupt hier?“
Allein bei der Frage geht mir innerlich schon der Hut hoch. Ich dachte eigentlich, das hier sei ein musealer Betrieb. Man bittet mich, zu warten. Ich stehe also in der prallen kaukasischen Sonne und warte. Und warte. Und warte.
Inzwischen trifft eine Ladung junger Damen ein, die im neu angebauten Hotelbetrieb einchecken wollen. Mein Ansprechpartner vergisst mich augenblicklich und kümmert sich stattdessen lächerlich rührend um die junge, weibliche Teenie-Gruppe. Nach einer gefühlten Ewigkeit in der Hitze habe ich endgültig die Nase voll. Umdrehen, Motor an, Gang rein. »Mr.Nero« hat zum Glück vier Räder und reichlich Pferdestärken, um genau solchen Ignoranten den Auspuff zu zeigen. Mein Geld hat dieses private Museum schlicht nicht verdient.
Zu Gast beim Kvevri-Meister
Neuer Tag, neues Glück, dieselbe Absicht. Ich fahre nach Vardisubani zur Werkstatt von Zaza Kbilashvili, einem der letzten echten Meister der Kvevri-Herstellung. Der wird ja wohl nicht nur zeigen können, wie man die Tonamphoren macht, sondern auch wie man sie benutzt. Als ich ankomme, ist noch überhaupt nichts los, aber kurz darauf biegt eine Reisegruppe englischer Senioren um die Ecke, die einen englischsprachigen Guide im Schlepptau haben. Ich darf mich auf Nachfrage gerne anschließen.
Das Handwerk ist faszinierend: Eine Methodik, die seit Jahrtausenden nahezu unverändert geblieben ist. Die riesigen Tongefäße werden komplett in Handarbeit aufgebaut. Jeden Tag können nur ein paar Zentimeter Ton auf den Rand aufgetragen werden, da das Ganze sonst unter seinem eigenen Gewicht in sich zusammenbrechen würde. Die Herstellung inklusive des anschließenden Brennens im großen Ofen dauert fast ein ganzes Jahr. Die Prachtexemplare, die hier gerade in der Werkstatt halbfertig stehen, haben zum Schluss ein Fassungsvermögen von 3.000 Litern und gehen nach Spanien. Die Einheimischen nutzen meist die 1.500-Liter-Variante. Wenn sie penibel sauber gehalten werden, hält so ein Tongefäß locker 100 Jahre.
Der eigentliche Clou an der Methode ist das Einbuddeln in die Erde. Dadurch herrscht im Inneren der Amphore das ganze Jahr über eine völlig konstante, natürliche Kellertemperatur. Der Ton erlaubt zudem einen minimalen, perfekten Sauerstoffaustausch mit dem umgebenden Erdboden. Das stabilisiert die Gärung auf natürliche Weise, ganz ohne künstliche Kühlung oder chemische Zusätze. Zaza, der Meister, übergibt danach die weitere Führung an seine Mutter, die weitere Herstellungsdetails zum Brennofen preisgibt und zu Recht mit Stolz feststellt, dass ihre Familie bereits in fünfter Generation Kvevris in Handarbeit herstellt.
Kaum ist der informative Teil vorbei, bittet die geschäftstüchtige „Mutti“ des Betriebs die englische Reisegruppe auch schon zum obligatorischen Tasting. Damit hätte ich jetzt in einem Handwerksbetrieb nicht gerechnet. Ob ich will oder nicht, ich muss mit, obwohl ich deutlich mache, dass ich daran nicht teilnehme und erst recht keinen Alkohol trinken werde. Egal! Es gibt Rot- und Weißwein nach der traditionellen Kvevri-Methode. Ich mache mir ernsthafte Sorgen um die britischen Herrschaften, die allesamt mindestens in der achten Dekade ihres Lebens stehen. Als „Mutti“ dann auch noch den Chacha – den georgischen Tresterschnaps mit gefühlten 60 Prozent Sehkraftverlust – auffährt und die Senioren mit epischen georgischen Trinksprüchen einstimmt, befürchte ich den totalen Systemausfall der Reisegruppe. Aber die Weinseligkeit hat Methode: Schließlich will man nebenbei - siehe da - noch so viele Flaschen wie möglich aus dem eigenen kleinen Weingut verkaufen.
Ich nutze die Zeit, um die chemischen Geheimnisse dieser Weinbereitung zu ergründen. Im Gegensatz zu Europa, wo für Weißwein nur der gepresste Saft vergoren wird, werfen die Georgier bei der Kvevri-Methode die gesamte Maische – also Saft, Schalen, Stängel und Kerne – in die Amphore. Daher kommt auch die faszinierende, dunkle Bernstein- oder Amberfarbe des Weißweins. Bei den modernen, intelligenten Betrieben wird das heute genau gesteuert: Der Wein bleibt meist ein paar Monate auf der Maische, bis er im Frühjahr vorsichtig in ein anderes, sauberes Kvevri umgezogen wird. Lässt man das Zeug – besonders beim Rotwein – nämlich inklusive des ganzen Grünschnitts zu lange unkontrolliert gären, entsteht ein extrem gerbstoffhaltiger, tanninstarker Rachenputzer, der jegliche geschmackliche Tiefe und auch seine Farbe verliert. Wenn man Pech hat, wird er letztendlich so bitter, dass man ihn nur noch wegschütten kann. Wichtig ist in jedem Fall auch, dass nur makellose Trauben ohne Schimmel oder andere Ausfälle in den Kvevri kommen. Sonst kippt das Ganze schon kurz nach dem Ansatz und wird aufgrund der Rohfäule zur ungenießbaren Brühe, die nur noch entsorgt werden kann.
Inzwischen läuft das Geschäft mit der Weinseligkeit jedenfalls wie geschmiert. Auch wenn ich Müdigkeitserscheinungen in der Gruppe feststelle und der Guide mehrfach zum Aufbruch mahnt, gehen immer noch Kaufweine über den Tisch. Zum Schluss wendet sich die geschäftstüchtige „Mutti“ des Betriebs auch unbarmherzig an mich. Sie knöpft mir kurzerhand 50 Lari (knapp 18 Euro) ab – wohlgemerkt dafür, dass ich weder etwas gegessen noch getrunken habe, sondern lediglich ein paar Fotos geschossen habe. Respekt, Frau Mutter, das nenne ich kaukasisches Unternehmertum.
Die Baustellen-Tournee
Zum Abschluss des Kachetien-Ausflugs stehen noch zwei architektonische Highlights auf dem Zettel. Zuerst das Iqalto-Kloster. Hier befand sich im Mittelalter eine berühmte Akademie, an der die Mönche den Weinbau bereits als echte Wissenschaft betrieben haben. Auf dem Gelände liegen noch die malerischen Ruinen der alten Kelterei (Marani) mit unzähligen, im Boden eingelassenen Kvevris.
Soweit die Theorie. In der Praxis empfängt mich ein riesiger Bagger direkt im Eingangsbereich, und das Kloster ist komplett eingerüstet. Ich mache ein schnelles Belegfoto für das Archiv und ziehe weiter.
Nächste Station: Das monumentale Alaverdi-Kloster. Und – wer hätte es gedacht – auch hier grüßt mich ein mächtiges Baugerüst. Die Mönche betreiben seit dem 11. Jahrhundert ihren eigenen historischen Klosterkeller und haben die Kvevri-Tradition quasi im Alleingang gerettet, aber der Denkmalschutz macht mir heute einen Strich durch die Rechnung.
Dass heutzutage in Georgien nur noch etwa 10 Prozent der Weine im traditionellen Kvevri-Verfahren und die restlichen 90 Prozent im europäischen Standardverfahren hergestellt werden, ist übrigens ein direktes Erbe der Sowjetzeit. Die Planwirtschaft der UdSSR war voll und ganz auf gigantische Volumina und kompromisslose Effizienz getrimmt. Die langsame, handarbeitsintensive und unberechenbare Reifung am Tonboden widersprach dieser Ideologie zutiefst. Die Winzer wurden enteignet, und statt der alten Amphoren stampfte man industrielle Großkellereien mit Stahltanks, Betonbecken und riesigen Holzfässern aus dem Boden. Das machte den Prozess zwar berechenbar, löschte aber die lokalen Nuancen fast vollständig aus.
Die Tradition drohte komplett in Vergessenheit zu geraten. Es kam so weit, dass einige der antiken, im Boden vergrabenen Riesengefäße von den Kolchosen zweckentfremdet wurden, um darin profanen Dieselkraftstoff zu lagern. Dass die Kunst der Kvevri-Weinherstellung diese Epoche überhaupt überlebt hat, ist maßgeblich dem sturen Willen der Alaverdi-Mönche zu verdanken.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion setzte eine fulminante Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln ein. Heute ist der Kvevri-Wein das stolze Aushängeschild der georgischen Kultur und wurde 2013 von der UNESCO völlig zu Recht als immaterielles Weltkulturerbe ausgezeichnet. Der Anteil der Kvevri Weine nimmt, wenn auch langsam, immer mehr zu und auch europäische Winzer versuchen sich vermehrt an der Weinherstellung im Kvevri.
Aber wie heldenhaft die Mönche die Tradition auch über die Jahrhunderte gerettet haben mögen: Nach der dritten eingerüsteten Kirche in Folge habe ich jetzt endgültig keine Lust mehr auf Sakralbauten. Wenn man ganz ehrlich ist, sehen die Klöster und orthodoxen Kirchen irgendwann auch alle verteufelt ähnlich aus.
Ich werfe den Motor an. Südlich des Alasani-Flusses habe ich die Landschaft Kachetiens nun ausgiebig abgearbeitet. Jetzt führt mich der Weg wieder ein ganzes Stück nach Osten, direkt an die aserbaidschanische Grenze in den Lagodechi-Nationalpark. Von dort aus werde ich die nördliche Seite des Alasani-Tals in Augenschein nehmen.