Wehrhafte Klöster und mörderische Steigungen
Die kaukasische Berg-Anarchie
Ein Halleluja an der Grenze und zwei Kalaschnikows zum Empfang
Wer die absolute Entschleunigung sucht, muss manchmal dorthin fahren, wo die Zivilisation nur noch ein vages Gerücht ist. Auf dem Weg zum Lagodechi-Nationalpark – der so unverschämt nah an der aserbaidschanischen Grenze liegt, dass man den Kaffee von der anderen Seite fast riechen kann – wird die Kulturlandschaft im Sekundentakt immer rustikaler. In Lagodechi selbst spürt man an jeder Hauswand und jeder Geschäftsecke diesen ganz speziellen, irritierenden Grenznähe-Charme.
Ich navigiere »Mr.Nero« mutig in Richtung des Camps, wo die Nationalparkverwaltung ihr kleines Büro betreiben soll. Unterwegs mutieren die Feldwege zu tief ausgewaschenen Furchen, garniert mit reichlich Steinen und Felsbrocken. Gerade als ich mich ernsthaft frage, ob ich nicht auf dem direkten Weg in eine Sackgasse bin und wenden will, stehe ich vor einem Grenzwarnschild. Einem Schild, das von Einschüssen unterschiedlichster Kaliber so durchsiebt ist, dass man es jetzt auch als Nudelsieb hernehmen könnte. Halleluja! Willkommen im Abenteuer.
Und was mache ich? Ich ziehe es durch und fahre trotzdem weiter. Und siehe da, der Weg wird letztlich besser und hinter einer durch massive Holzpfosten markierten Einfahrt taucht das Miniatur-Verwaltungsgebäude auf. Auf einer Bank davor erwartet mich ein Empfangskomitee, das optisch eher zur sofortigen Flucht animiert als zum Verweilen.
Drei Figuren: Zwei georgische Grenzsoldaten, lässig bewaffnet mit einer AKS-74U – jener kompakten Kalaschnikow mit Metallklappschaft, die im Nahkampf keine Fragen offenlässt – und ein Mitarbeiter der Parkverwaltung. Ich werde sofort einer gründlichen Passkontrolle unterzogen. Ein ausländischer Soloreisender im tiefen Unterholz, zweihundert Meter vor der Grenze zu Aserbaidschan, ist für die Herren im Tarnanzug natürlich hochgradig suspekt. Wahrscheinlich rettet mich am Ende die Natur: Es zieht ein apokalyptisches Gewitter auf. Ein Unwetter von solcher Heftigkeit, dass ich im Camper freiwillig die Verdunkelung zuziehe, um das grelle Blitzgewitter auszublenden.
Ich bleibe zwei Tage an diesem Ort. Inzwischen hat auch der Chef der Nationalparkverwaltung zurückgerufen, und ein Mitarbeiter reicht mir das Telefon. Ich erzähle meine Geschichte – wie ich hierhergekommen bin und was ich so treibe –, woraufhin mir der Chef spontan kostenlosen Aufenthalt gewährt, solange ich möchte.
Ich arbeite derweil digitale Dinge auf, bringe meine Knie wieder auf Werkseinstellung und genieße die bizarre Ruhe in der absoluten Natur. Regelmäßig schauen Grenzer und Parkmitarbeiter vorbei, die von der Verwaltung pflichtbewusst über den deutschen Gast informiert wurden. Allein zweimal brachten sie mir dabei ein Eis am Stiel vorbei – wohl, damit ich keine langen Zähne bekomme, wenn sie vor »Mr.Nero« sitzen und Pause machen. Oder wie die Langzeit-Freizeitgestaltung während des Dienstes hier auch immer heißen mag!
Es ist ein wunderbar entspannter Austausch – der allerdings höchst telepathisch abläuft. Keiner der Herren spricht auch nur ein einziges Wort einer mir geläufigen Fremdsprache. Aber man versteht sich im Kaukasus eben auch wunderbar mit Gesten und notfalls auch mit kollektivem Schweigen.
Mörderische Pisten, australische Therapeuten und eine unterlassene Festung
Nach diesem Exkurs tuckere ich langsam zurück nach Westen. Erster Stopp: Der Ilia-See. Nun ja. Ein künstlich angelegter Stausee, dem jegliches Flair fehlt. Ein steriles Gewässer für das schnelle Urlaubsfoto. Aber dann reibt man sich die Augen und fragt sich: Wer hat denn da ein Pseudo-Schloss an den See gesetzt?
Am Ende des Sees steht ein Bauwerk, das mit aller Gewalt versucht, wie ein historisches Schloss zu wirken, dabei aber den Charme einer billigen Kulisse aus einem Freizeitpark versprüht. Ein Paradebeispiel für Kitsch im Kaukasus, das mir ein Schmunzeln entlockt.
Es handelt sich um das Kündzuli-Ensemble – ein Vorzeigeprojekt für die georgische Schickeria und die wohlhabende Elite aus Tiflis, gewürzt mit ein paar zahlungskräftigen russischen Resort-Gästen. Ein exklusiver Rückzugsort, an dem man unter sich bleibt und pompös Urlaub macht, während das normale georgische Landleben draußen vor den Toren stattfindet. Hubschrauberlandeplatz inklusive! Aber mal ehrlich: Wer Millionen für einen Hubschrauberlandeplatz übrig hat, hätte sich für seinen Kitsch wahrlich eine hübschere Kulisse aussuchen können, als diesen halbtrockenen Betonstausee. Ich werfe den Motor an – »Mr.Nero« und ich haben definitiv schon schönere Pfützen gesehen.
Also gleich weiter zur Nekresi-Kirche. Und die hat es in sich.
Nekresi ist nicht einfach nur ein Kloster, es ist ein architektonisches Highlight aus dem 4. Jahrhundert. Gegründet von Abibos, einem der dreizehn syrischen Väter. (Reiseführer: Die Dreizehn Syrischen Väter - auch assyrische Väter genannt - waren eine Gruppe von Wandermönchen aus Mesopotamien, die im 6. Jahrhundert nach Georgien kamen. Sie spielten eine entscheidende Rolle bei der Festigung und Verbreitung des Mönchtums und der Stärkung des Christentums im frühen mittelalterlichen Georgien).
Um die Touristen zu diesem historischen Adlernest hinaufzubringen, nutzt man hier alte, sichtlich lebensmüde kleine Mercedes-Busse. Die Anfahrt ist nicht bloß steil, sie ist mörderisch steil. Erster Gang und der Motor brüllt das Lied vom nahen Tod, und ich bin fest davon überzeugt, dass die Kiste auf halber Strecke verreckt und einfach rückwärts in den Abgrund rollt.
Oben angekommen, treffe ich bei der Besichtigung auf ein älteres australisches Ehepaar. Absolut faszinierende Leute, die im fortgeschrittenen Alter noch alles besichtigen, was die Weltkarte so hergibt. Ganz spontan laden sie mich nach Down Under ein; ich könne mir dort ja auch einen Camper mieten. Als ich bescheiden einwende, dass ich an einer ausgeprägten Flugangst leide, lächelt die Dame weise, drückt mir ihre Telefonnummer in die Hand, schmunzelt und sagt im besten Aussie-Englisch: "If you actually go ahead and book that flight, give me a buzz beforehand. We’ll have a good old yarn on the blower for an hour, and I bloody guarantee ya – your fear of flying will be dead and buried."
Die besten australischen Therapeuten trifft man eben nur auf kaukasischen Bergspitzen mit Kloster drauf.
Mit dieser überraschenden Dosis australischem Zweckoptimismus im Gepäck wende ich mich den alten Gemäuern zu. Und der steile Aufstieg hat sich wirklich gelohnt: Der Komplex ist ein faszinierendes Sammelsurium aus anderthalb Jahrtausenden Baugeschichte. Da steht die winzige, fast schon rührend unperfekte Ur-Basilika aus dem 4. Jahrhundert direkt neben der mächtigen Marienkirche, einem Bischofspalast und einem alten Weinkeller – denn man wusste eben auch im Mittelalter hoch oben auf dem Berg schon sehr genau, was gut ist.
Tritt man dann an die Kante der Klostermauer, verschlägt es einem vollends den Atem. Der Blick geht hunderte Meter tief hinab auf das schier endlose, grün leuchtende Alazani-Tal. Ein Panorama von dramatischer Schönheit.
Hexenverbrennungen gab es hier oben übrigens keine, dafür aber die wohl skurrilste Verteidigungsstrategie der georgischen Kirchengeschichte: Als muslimische Belagerer den Berg umzingelten und das Kloster aushungern wollten, griffen die Mönche zu einer theologisch eher unkonventionellen Allzweckwaffe. Sie schlachteten ihre Schweine und warfen die Kadaver den Belagerern den Hang entgegen. Die Angreifer – schockiert von so viel unreinem Fleisch auf dem Schlachtfeld – brachen die Belagerung angewidert ab und zogen von dannen.
Bis heute ist Nekresi deshalb der einzige Ort im christlichen Georgien, an dem man zu besonderen Anlässen Spanferkel opfert.
Pragmatismus schlägt Dogma – eine Grundtugend, die mir im Kaukasus ohnehin an jeder Ecke gefällt.
Anschließend geht es dann im ersten Gang und mit quietschenden Bremsen wieder bergab.
Beim Verlassen des Klosters kommt man unten, direkt am Fuß des Berges, am eleganten Weingut Nekresi Estate vorbei.
Man muss diese georgische Kultur-Tradition einfach bewundern: Was die Mönche oben auf dem Berg im Mittelalter noch als handfeste Seelsorge im Weinkeller deklarierten, wird hier unten heute nahtlos im modernen Edel-Gewand fortgeführt. Nur eben nicht mehr in düsteren Tonkrügen unter Kirchengewölben, sondern in durchgestylter Architektur, bei der man den gehobenen Gaumen schon von Weitem riecht.
Ein herrlicher Kontrast. Oben die jahrhundertealte und ehrwürdige Geschichte im rauen Fels – unten die polierte Gegenwart für den kultivierten Genuss. Gott und der Wein gehören im Kaukasus eben seit jeher unzertrennlich zusammen; man hat hier unten lediglich das Gemäuer und das Mobiliar ausgetauscht.
Nächster Halt: Gremi.
Die einstige Hauptstadt des Königreichs Kachetien. Im 16. Jahrhundert ein blühendes Handelszentrum an der Seidenstraße, bis der persische Schah Abbas I. im Jahr 1616 beschloss, die Stadt dem Erdboden gleichzumachen.
Übrig blieb im Grunde nur die malerische Erzengelkirche auf ihrem Felsen. Gremi erholte sich von diesem Schlag nie wieder, weshalb die kachetischen Könige ihre Hauptstadt Mitte des 17. Jahrhunderts ins benachbarte Telavi verlegten.
Ich mache ein paar Fotos von unten, spare mir den Aufstieg jedoch – mein Bedarf an mörderischen Höhenmetern ist für diesen Vormittag gedeckt.
Unten an der Sohle fließt beschaulich der kleine Fluss Insoba entlang. Hier hat man versucht, dem Uferbereich mit ein paar dekorativ im Boden versenkten Qvevris etwas weinkulturelles Leben einzuhauchen. Ein nett gemeinter Versuch, den verbliebenen Touristen unten am Parkplatz zu beweisen, dass hier einst reichlich Wein und Geld flossen. Ich belasse es bei einer kurzen Runde, nicke der Geschichte aus der Distanz höflich zu und ziehe weiter.
Der Sprung zur Georgischen Heerstraße
Cruisen im Alpen-Modus
Mit Gremi habe ich die Region Kachetien jetzt perfekt abgeschlossen. Um nun in Richtung Westen zur Georgischen Heerstraße zu gelangen, wähle ich die Route von Alaverdi über Achmeta vorbei am Sioni-Stausee in Richtung Tianeti. Ein landschaftlicher Traum, der mir zudem den stressigen und nervenaufreibenden Umweg über die staubigen Außenbezirke von Tiflis erspart.
Entgegen aller düsteren Prophezeiungen aus diversen Internetforen, die mir eine üble Schlagloch-Piste vorhersagten, präsentiert sich die Straße über die mittelhohen Pässe in einem fantastischen Zustand: Komplett neu asphaltiert, bester Grip, einsame Klasse. Ich fühle mich wie in den deutschen Alpen oder im Allgäuer Voralpenland. Reines Cruisen im Slow-Content-Modus.
Bei Schinwali biege ich schließlich direkt auf die Georgische Heerstraße ab. Das türkisblaue Wasser des Schinwali-Stausees ist ein dankbares Motiv: Ein türkisblauer Spiegel mitten in der Landschaft, der bei aufkommendem Gewitter ein fantastisches Licht abwirft. Ich halte mehrmals an, zücke die Kamera und fange das Spiel aus dunklen Wolken und leuchtendem Wasser ein.
Genau dort, wo der Aragwi-Fluss in den Stausee mündet – treffe ich schließlich auf das eigentliche Postkartenmotiv dieser Etappe: Die Festung Ananuri, die hier auf einem Felsvorsprung malerisch über dem Zusammenfluss und dem See thront.
Ananuri war im 17. Jahrhundert der herrschaftliche Sitz der Aragwi-Aristokraten – einer Adelsdynastie, die sich so herzhaft, gerissen und beispiellos durch die georgische Geschichte meuchelte, dass die Festungsmauern eigentlich auch heute noch ununterbrochen Blut schwitzen müssten. Ob Fehden unter Verwandten, niedergeknüppelte Bauernaufstände oder heimtückische Nachbarschaftsbesuche: Gewalt war hier kein Betriebsunfall, sondern die bevorzugte Form der Machtpolitik.
Jetzt, wo die ersten Gewitterwolken tief über den alten Wehrtürmen hängen, bekommt diese Kulisse genau die Düsterkeit, die ihre Geschichte verdient. Ein Perfect Match von Fotomotiv und dunklem Mittelalter.
Nach der Besichtigung rolle ich hinunter zum Seeufer. Dort stehen bereits vier andere Camper. Das untrügliche Zeichen: Ich bin nun offiziell auf der Hauptschlagader des Kaukasus angekommen. Ich parke »Mr.Nero« abends friedlich zwischen einheimischen Anglern und verbringe eine ruhige Nacht am Wasser, bevor am nächsten Tag die große fahrerische Geduldsprüfung ansteht.
Das farblose Wunder und die Demontage einer sowjetischen Propagandalüge
Die Georgische Heerstraße ist nicht irgendeine Passstraße – sie ist ein historisches Monument. Schon im Altertum von Strabon als mörderischer Bergpfad beschrieben, wurde sie im 19. Jahrhundert vom russischen Militär zur kriegstauglichen Chaussee ausgebaut, um den Kaukasus fest in das Zarenreich einzubinden.
Kurz hinter dem Ort Pasanauri wartet ein faszinierendes Naturphänomen, das werbewirksam direkt an der Straße angepriesen wird: Der Zusammenfluss des Weißen und des Schwarzen Aragwi. Die beiden Flüsse haben tatsächlich völlig unterschiedliche Färbungen und sollen – so das romantische Versprechen der Reiseführer – ein langes Stück sauber getrennt im selben Flussbett nebeneinanderher fließen. Nun, die Wirklichkeit ist wie immer etwas pragmatischer. Schon nach wenigen Metern vermischen sich die Ströme zu einem dezenten Einheitsgrau. Die Definition von „lang“ sollte im georgischen Tourismusverband wohl noch einmal grundlegend diskutiert werden.
Ab hier wird der Verkehr spürbar rauer. Schwer beladene Sattelschlepper aus Armenien, Kasachstan und Russland quetschen sich durch die engen Serpentinen – flankiert von einheimischen Minibussen, deren Fahrern jeglicher Begriff von der eigenen Sterblichkeit abhandengekommen zu sein scheint.
Zeit für eine Atempause.
Ich halte an einem Aussichtspunkt an, um ein paar Fotos vom Tal rund um Zemo Mleta zu machen. Die Aussicht von hier oben ist klasse, aber die wahre Entdeckung wartet gleich neben der Leitplanke: Ein Holzofen, auf dem ein rustikaler Samowar leise vor sich hin dampft.
Hier wird aber nicht nur kochend heißer Tee ausgeschenkt, sondern auch das kaukasische Allheilmittel gegen Unterzuckerung feilgeboten: Tschurtschchela. Das Zeug sieht auf den ersten Blick aus wie eine Ansammlung knorriger Würste, ist aber in Wahrheit die süße Allzweckwaffe der Region.
Die Herstellung folgt einer Prozedur, die irgendwo zwischen Kunsthandwerk und kulinarischem Langzeit-Projekt angesiedelt ist: Man fädelt Walnüsse auf eine Schnur, knotet das Ganze zusammen und tunkt die Nusskette locker acht- bis zehnmal in Pelamuschi – eine zähe, süßsaure Kuvertüre aus eingekochtem Traubensaft und Stärkemehl, wohlgemerkt ganz ohne Zuckerzusatz. Danach werden die Zöpfe monatelang in die Sonne gehängt, bis sich ein feiner Zuckerstaub nach außen arbeitet und das Ganze gummiartig aushärtet. Man kann auch andere Fruchtsäfte nehmen, wodurch sich dann die unterschiedlichsten Zopffarben ergeben.
Aber egal welcher Fruchtsaft: Das Ergebnis hat immer die Konsistenz eines kaukasischen Snickers und einen Kaloriengehalt, mit dem man vermutlich ohne Weiteres den gesamten Winter im Kaukasus überleben könnte. Ein Bissen, und man spürt augenblicklich, wie die Zähne leise protestieren, während der Blutzuckerspiegel eine Steilkurve hinlegt, die den Serpentinen hier draußen in nichts nachsteht.
Hinter dem Skiort Gudauri schraubt sich die Straße dann endgültig in alpine Höhen und lässt die Baumgrenze hinter sich. Gleichzeitig verabschiedet sich hier der normale Asphalt. Die Straße präsentiert sich in einem mörderisch schlechten Zustand: Tief ausgefahrene Spuren, komplett zerstörte Spitzkehren und an den Übergängen zu den Brücken klaffen Löcher, in denen man problemlos eine kaukasische Kleinfamilie bestatten könnte. Ich sehe mich im Geiste im Minutentakt einen meiner Reifen wechseln.
Als wäre der ruinöse Fahrbelag nicht schon Unterhaltung genug, verengt sich die Trasse immer wieder in desolate, rußgeschwärzte Steinschlaggalerien. Feuchtigkeit tropft von den Decken und die dunklen Betonröhren wirken, als hätte man sie seit dem Ableben Stalins nicht mehr gewartet.
Wenn sich mir auf der engen Fahrbahn in so einer finsteren Röhre ein wuchtiger, russischer Sattelschlepper entgegenwälzt, ziehe ich unwillkürlich den Bauch ein, halte das Lenkrad fest und hoffe einfach nur, dass der LKW-Fahrer im Gegenzug genauso viel Respekt vor den Ausmaßen seines Gefährts hat wie ich selbst.
Kurz vor dem höchsten Punkt – dem Kreuzpass – steht dann dieses monumentale, kreisrunde Beton-Denkmal aus den 1980er Jahren direkt am Abgrund: Das sogenannte „Denkmal der georgisch-russischen Freundschaft“. Die sowjetischen Mosaike im Inneren sind ein skurriles, farbenfrohes Stück sozialistischer Zeitgeschichte. Und auch wenn das eigentliche Highlight die Aussicht ist, hält sich mein Interesse in engen Grenzen.
Dieses Bauwerk hat nämlich einen extrem perfiden Hintergrund: Es wurde 1983 kurz vor dem Zerfall der Sowjetunion als gezielte Provokation gegenüber den aufstrebenden, nationalistischen Kräften in Georgien in den Fels betoniert. Es sollte die „ewige Freundschaft“ und gleichzeitig die ultimative Unterwerfung unter das Russische Reich zementieren. Nach all den blutigen Konflikten der jüngeren Vergangenheit, den russischen Einmärschen und der bis heute andauernden Besetzung abtrünniger georgischer Regionen wird dieses Betonmonster von den Einheimischen heute völlig zu Recht als Symbol für russischen Imperialismus angesehen. Freundschaft sieht jedenfalls anders aus.
Auf dem Kreuzpass
Wo die Toten die Geschichte diktieren
Dann erreiche ich den Kreuzpass selbst. Auf 2.400 Metern Höhe gibt es hier oben eigentlich nichts außer einem Schild, einem einsamen Kreuz und einem Friedhof für deutsche Kriegsgefangene. Er ist erstaunlich gut gepflegt. Ich stellte »Mr.Nero« ab und gehe hinauf.
Augenblicklich ergreift mich wieder diese ganz spezielle, bleierne Stimmung, die mich schon auf den deutschen Soldatenfriedhöfen in der Normandie oder der Bretagne überkommen hat. Diese absolute Fassungslosigkeit angesichts der Geburtsjahrgänge auf den Kreuzen. Hier, knapp 5000 Kilometer weit weg von der Heimat, liegen deutsche Kriegsgefangene. Junge Männer, die wohl bei der letzten großen, verzweifelten Schlacht bei Wladikawkas im Spätherbst 1942 in Gefangenschaft gerieten, danach beim mörderischen Ausbau dieser Passstraße schuften mussten und es nicht überlebt haben. Mein Vater hätte auch dabei sein können. Hier oder auch in der Normandie.
Gelbe Sinterterrassen und Krater im Asphalt
Die raue Abfahrt vom Kreuzpass
Hinter dem Kreuzpass geht es wieder steil bergab. Als Erstes erreicht man jene berühmten Terrassen, auf denen stark mineralhaltiges Wasser über den Hang läuft und im Laufe der Jahrtausende dicke, gelblich-orangefarbene Kalktuff-Terrassen (Travertin) gebildet hat. Wer hier allerdings in den Reiseführern von einer „Miniatur-Version von Pamukkale“ schwärmt, hat die echten, gewaltigen Sinterterrassen in der Türkei Anfang der 80er Jahre nie gesehen. Das hier ist die Pocket-Version für Kurzentschlossene, aber immerhin direkt an der Straße gelegen und nett zu fotografieren.
Die Heerstraße füllt sich zusehends, und die Gangart wird dynamischer. Statt mich von der allgemeinen Hektik und den ungeduldigen Hintermännern anstecken zu lassen, schalte ich auf sture stoische Ruhe. Mein Blick gilt primär der Straße vor mir, denn die reifenmordenden Krater im Asphalt verzeihen keine Unachtsamkeit. Hinter dem Pass öffnet sich schließlich das Tal, und der mächtige, eisgekrönte Kasbek kommt in Sicht – zumindest ansatzweise, denn der Riese hüllt sich majestätisch in dicke Wolken.
Der Kasbek, die Asien-Connection und der alte Leber-Zirkus
Wolkenlotto am Gergeti-Kloster
In Stepanzminda angekommen, lenke ich »Mr.Nero« sofort die steilen Serpentinen hinauf zum Gergeti-Kloster. Mit einem normalen Camper geht das gerade noch so, aber allzu breit sollte das Gefährt definitiv nicht sein. Nicht umsonst werden die normalen Touristen hier in kompakten, allradgetriebenen Isuzu- oder Mitsubishi Delica-Bussen hochgeschleppt. Diese wendigen Allrad-Zwerge gehören auf georgischen Bergstraßen einfach zum Standard-Panorama.
Oben auf 2.170 Metern Höhe öffnet sich eine riesige Senke, in der man einen derart großen, fast ebenen Parkplatz absolut nicht erwartet. Von hier sind es noch rund 500 Meter bis zur Dreifaltigkeitskirche. Es gibt zwar direkt am Kloster auch einen kleinen Parkplatz, aber der scheidet wegen seiner extremen Schräglage für eine gemütliche Übernachtung im Camper sofort aus. Zumal man vom großen, unteren Parkplatz ohnehin die beste fotografische Perspektive auf Gergeti und den Kasbek hat.
Ich habe mich schon oft gefragt, wie diese perfekten Prospekt-Fotos zustande kommen, auf denen das Kloster exakt vor der schneebedeckten Flanke des Kasbek steht. Um diese optische Fluchtlinie hinzubekommen, müsste man schlicht Flügel haben oder im Luftraum hinter der Kirche schweben – reine Drohnen-Fotografie also. Nun gut, die Frage stellt sich im Moment ohnehin nicht. Der Kasbek ist komplett wolkenverhüllt, und am Kloster treiben sich gefühlt Hunderte asiatische Reisegruppen herum.
Also ist Warten angesagt.
Und tatsächlich: Am späten Nachmittag öffnen sich zwei kurze Zeitfenster von wenigen Minuten, in denen der Wind die Wolken aufreisst und den Blick auf den Gipfel freigibt. Schnell werden die Fotos geschossen, damit man endlich den Ort im Kasten hat, an dem Prometheus so lange gefesselt am Felsen hing.
Prometheus, Amirani und das große Abkupfern
Wenn die Griechen im Kaukasus wildern gehen
Am Fuße des Kasbek kommt man schwerlich umhin, den klassischen griechischen Sagenkram wieder auszugraben, wie ihn die Älteren unter uns noch aus dem Schulunterricht kennen: Prometheus, der alte Vollgott-Titan, klaut den Göttern das Feuer, bringt es den Menschen, und der oberste Chef Zeus kettet ihn zur Strafe an einen Felsen – ausgerechnet genau hier an diesen Berg. Jeden Tag kommt ein Adler und pickt ihm die Leber heraus, die nachts praktischerweise wieder nachwächst. Am Ende gibt es aber das typisch westliche Happy End: Der Muskelprotz Herkules kommt vorbei, killt den Adler, befreit Prometheus, und die Sache ist erledigt. Ende gut, alles gut.
Aber auch die Georgier haben eine Sage mit einem angeketteten Typen am Kasbek. Der Mann heißt Amirani. Er ist zwar „nur“ ein Halbgott, also zur Hälfte menschlich, dafür ist seine Sage aber reichlich älter als die der Griechen. Auch Amirani wollte den Menschen helfen. Er brachte ihnen nicht nur das Feuer, sondern zeigte ihnen auch gleich, wie man daraus Metall und Eisen schmiedet. Aber Amirani war eben auch durch und durch Kaukasier: extrem stolz und mit einem ausgeprägten Selbstbewusstsein gesegnet. Im Überschwang forderte er den obersten Gott schließlich zum direkten Zweikampf heraus – was natürlich gründlich schiefging.
Das Urteil war kurz und schmerzlos: Amirani wurde tief in einer Eishöhle am Kasbek an den Felsen geschmiedet. Seither hat er nur einen einzigen Gefährten: seinen treuen Hund »Kursha«. »Kursha« leckt seit Jahrtausenden ununterbrochen an den dicken Eisenketten seines Herrn. Doch immer, wenn er die Fesseln nach einem langen Winter fast durchgeleckt hat, passiert das Unheil: Jedes Jahr, kurz vor unserem heutigen Ostern, schlagen die georgischen Dorfschmiede bis heute einmal kräftig mit ihren schweren Hämmern auf den Amboss. Der alte Glaube besagt, dass Gott selbst diesen Tribut fordert. Durch diesen kollektiven Schlag auf das Eisen schließen sich die Ketten am Berg im selben Moment wieder wie von Geisterhand. »Kurshas« monatelange Arbeit war umsonst, und das Spiel beginnt von vorn.
Die Parallelität beider Sagen ist so auffällig, dass sie seit dem 19. Jahrhundert als eines der Paradebeispiele der vergleichenden Mythologie gilt. Manche vermuten eine gemeinsame indoeuropäisch-kaukasische Wurzel, andere zumindest eine sehr alte, wechselseitige Beeinflussung im Zuge der griechischen Schwarzmeerkolonisation und einige sprechen auch ganz offen von einem Mythenklau durch die Griechen - man denke nur an das sagenhafte Reich Kolchis und die Argonauten.....
Deal vs. Dauerfrust
Warum die Griechen ein Happy End bekamen – und Georgien den Schmiedehammer
Zwei Helden stehlen den Göttern das Feuer, beide landen als Strafe am selben Kaukasus-Felsen, und beide bekommen denselben Adler zugeteilt, der täglich an ihrer nachwachsenden Leber nagt. Bis hierhin könnte man die Geschichten fast eins zu eins austauschen. Doch dann trennen sich die Wege dramatisch. Prometheus wird irgendwann befreit. Amirani nicht – bis heute nicht, sagt die Legende.
Warum dieser feine Unterschied?
Der erste Grund ist rein pragmatisch: Prometheus hat ein Ass im Ärmel. Er verfügt über ein brisantes Insiderwissen bezüglich der Zukunft von Zeus, das die Götter im Olymp unbedingt erfahren wollen. Am Ende einigt man sich auf einen ganz klassischen Deal: Wissen gegen Freiheit. Geschäft abgeschlossen. Amirani hingegen hat überhaupt keine Verhandlungsmasse. Er ist einfach nur ein stolzer Rebell ohne Insiderwissen und ohne einflussreiche Familie, die für ihn ein gutes Wort einlegen könnte. Also bleibt er im Eis. Punkt.
Dazu kommt der kulturelle Unterschied in der Überlieferung: Bei den Griechen wurde die Geschichte irgendwann aufgeschrieben – und ein Buch hat nun mal ein definiertes Ende. Jede schriftliche Version musste irgendwann zu einem Abschluss kommen. Am Ende ist die göttliche Ordnung wieder gefestigt, die Götter sind versöhnt und Prometheus kann in seinen wohlverdienten Ruhestand davonspazieren.
Bei den Georgiern hingegen wurde die Sage nie frühzeitig aufgeschrieben. Sie blieb eine mündliche Erzählung, verknüpft mit dem jährlichen Schlag auf den Amboss. Und hier zeigt sich der feine Unterschied im Mythen-Business: Ein Buch braucht irgendwann ein versöhnliches Happy End – eine jahrtausendealte, mündliche Kaukasus-Tradition hingegen lebt gerade davon, dass die Katastrophe pünktlich jedes Jahr aufs Neue inszeniert wird.
Da die Amirani-Sage nachweislich wesentlich älter ist als die der Griechen, war die Menschheit damals wohl schlicht noch nicht reif für ein Hollywood-Ende. Prometheus durfte gehen, weil er als modernerer Held einen Insider-Deal mit dem Olymp abschloss und die Griechen ein finales Kapitel brauchten. Der kaukasische Ur-Rebell Amirani hingegen hockt bis heute in seiner Eishöhle – als zeitloser Beweis dafür, dass sturer Stolz ohne Hintertür verdammt lange Strafen nach sich zieht.
Manchmal erscheint mir ein gutes Buch eben doch besser als ewige Tradition.
Ich bleibe die Nacht über auf dem Parkplatz stehen.
Das Wetter ist mäßig einladend und verschlechtert sich zusehends, aber ich erhoffe mir für den nächsten Morgen ein völlig asiatenfreies Gergeti-Kloster.
Und der Plan geht auf: Am nächsten Morgen fahre ich zum Parkplatz am Ende der Bergstraße – keine Menschenseele da, absolute Stille. Das Kloster ist zwar noch geschlossen, aber das tut der grandiosen, mystischen Stimmung überhaupt keinen Abbruch. Nebenbei gibt es auch noch einen grandiosen frühmorgendlichen Blick auf den 1000 Meter tiefer gelegenen Ort Stepanzminda im Terek-Tal.
Zwischen den Momenten
Der andere Reisende
Ich schaue auf die Uhr. Es ist 21.49 Uhr. Auf 2170 Metern Höhe, direkt am Fuß des über 5000 Meter hohen Kasbek, ist die Welt auf die Maße von »Mr.Nero« zusammengeschrumpft. Luftlinie sind es keine neun Kilometer bis zur russischen Grenze. Es ist kalt. Ich liege im Bett, eingemummelt in sämtliche Reservedecken, die das Inventar so hergibt.
An Schlaf ist nicht zu denken. Draußen prasselt der Regen auf das Dach, und der Wind nutzt das Fahrgestell wie eine Schaukel. Sonst ist da nichts. Die Tagesbesucher sind weg. Sogar die streunenden Hunde haben das Weite gesucht. Hier oben ist das Nirgendwo. Und genau dieses Nirgendwo stellt mir jetzt, im Halbdunkeln, die Frage aller Fragen:
Was mache ich hier eigentlich?
Die ehrliche Antwort lautet im Moment: Ich weiß es nicht. Es erscheint mir gerade als pure Unvernunft.
Der Versuch, einfach nicht mehr darüber nachzugrübeln, scheitert kolossal.
Ich bin allein hier oben. Nicht nur im, auch außerhalb des Campers. Da ist niemand. Schon zu Hause ist die Einsamkeit ein verdammt zäher Gast. Allein in einem großen Haus, ohne Gegenüber, ohne ein gesprochenes Wort – ich weiß ja, dass ich zum Alleinsein eigentlich völlig ungeeignet bin. Und was mache ich? Ich packe meine Sachen und breche zu einem Roadtrip an die Ränder Europas auf. Jetzt bin ich solo 4500 Kilometer von der eigenen Haustür entfernt und frage mich im Schein der kleinen Nachtleuchten, was man sich als Generation 70-plus eigentlich dabei gedacht hat. In diesem Moment fühlt sich das Alleinsein hier oben noch eine Spur einschneidender an als daheim.
Natürlich ist es ein erhabenes Gefühl, wenn im Vorfeld die Familie, die Freunde und selbst die Nachbarn applaudieren. Man gilt als der agile Kerl im Alter, der noch was aus seinem Leben macht. „Toll, der traut sich was, der lässt sich nicht hängen! Klasse!“ Das geht runter wie Öl. Aber die Realität auf über zweitausend Metern Höhe ist eben etwas komplizierter. Im Moment kann ich mit der Bewunderung aus der Heimat rein gar nichts anfangen. Sie vertreibt den Wind nicht, der am Blech rüttelt, und sie wärmt auch meine Seele nicht. Sie hilft mir gerade mal überhaupt nicht.
Ich bin ein bisschen durch. Nach etwas mehr als acht Wochen auf Achse schleicht sich der Gedanke an die Umkehr an. Warum nicht einfach umdrehen?
Mein Blick fällt im Halbdunkel auf die treue Kaffeemaschine. Sie steht da, unbeeindruckt vom Kaukasus, als stumme Zeugin meiner Marotten. Morgen früh wird sie mir klaglos den nächsten Lungo in die Tasse laufen lassen, genau wie zu Hause. Und dieser banale Gedanke an das vertraute Morgenritual ist wie ein sanfter Tritt auf die Bremse. Es bringt ja nichts, sich im eigenen Elend zu suhlen.
Wenn morgen früh die Sonne über dem Kasbek aufgeht, bricht ein neuer Tag an. Ich kenne mich ja. Wahrscheinlich werden die dunklen Gedanken mit dem ersten Dampf des Kaffees verfliegen, und das Rad wird sich weiterdrehen. Denn nüchtern betrachtet gilt eine simple Wahrheit: Wenn es zu Hause regnet, stürmt und ich allein in der Wohnung hocke, ist es im Grunde kein bisschen anders als hier im kaukasischen Nirgendwo. Wo man sich auf dieser Welt einsam fühlt, ist letztlich völlig egal. Die Geografie ändert nichts an der inneren Wetterlage. Es ist überall das Gleiche.
Nur die Aussicht ist morgen früh vielleicht eine andere.
Die blinde Dariali-Schlucht und die stoische Ignoranz des großen Nachbarn
Beim Herunterfahren nach Stepanzminda kommen mir dann bereits die ersten Delica-Busse mit den asiatischen Frühaufstehern entgegen. Irgendwo im Tal muss sich ein riesiges, unerschöpfliches Nest befinden.
Unten angekommen, nehme ich die Piste durch die monumentale Dariali-Schlucht direkt bis zur georgisch-russischen Grenze.
Rund 600 Meter vor dem georgischen Checkpoint liegt der Dariali-Klosterkomplex. Die Gebäude sehen so unverschämt modern aus, weil der Komplex erst ab 2005 als symbolisches, wehrhaftes Tor Georgiens gegen den russischen Norden neu errichtet wurde – ein architektonisches Statement aus hellem Stein inmitten der düsteren Felswände.
Eigentlich wollte ich nach der unruhigen Nacht oben am Berg im hervorragend bewerteten Café Monastery ein gepflegtes Frühstück zu mir nehmen. Offizielle Öffnungszeit: Ab 9:00 Uhr. Als ich um 10:30 Uhr davor stehe, hängt das Schild „Geöffnet“ zwar pflichtbewusst an der Tür, aber alles ist verriegelt und verrammelt. Kaukasische Flexibilität!
Also unverrichteter Dinge wieder zurück durch die Dariali-Schlucht. Die unbeleuchteten Tunnel haben es hier wirklich in sich: Sie sind roh in den natürlichen Stein gehauen, besitzen keinerlei Lichtquellen, dafür aber tückische Kurven im Inneren. Wenn man aus dem gleißenden Sonnenlicht in das bodenlose Schwarz einfährt, ist man trotz Fernlicht erst einmal sekundenlang absolut blind. Ein herrlich prickelndes Gefühl – besonders, wenn man eine selbsttönende Brille auf der Nase hat, deren chemische Anpassung an die Realität viel zu langsam abläuft.
Die Schlucht selbst ist landschaftlich atemberaubend; tief unten schlängelt sich der Terek-Fluss durch das Geröll. An einem Haltepunkt für ein paar Fotos treffe ich auf russische Urlauber. Georgien, die Türkei und Armenien sind nach den internationalen Sanktionen schließlich die wenigen verbliebenen Destinationen, in die der russische Mittelstand noch reisen kann. Ein russischer Tourist geht an mir vorbei, und ich sehe überdeutlich, wie sein Blick mein Nummernschild und das große „D“-Länderkennzeichen von »Mr.Nero« streift.
Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Ich grüße höflich, erst mit einem georgischen „Gamarjoba“, dann mit einem lockeren, internationalen „Hello“. Die Reaktion? Absolute Fehlanzeige. Stoisches, eisiges Ignorieren. Ein Verhalten, das man hier in Grenznähe leider öfter antrifft. Schade eigentlich. Wir sind schließlich beide nur Touristen in einem faszinierenden, fremden Land. Oder sollten meine russischen Freunde am Ende tatsächlich immer noch glauben, dass Georgien ihnen ohnehin ganz exklusiv gehört?
Wie dem auch sei: Zurück nach Stepanzminda. Beim örtlichen Bäcker hole ich mir mit direktem Blick auf den Kasbek ein frisches, dampfendes Puri-Brot und im Rustikal-Café einen, sagen wir mal, durchschnittlichen Americano im Pappbecher.
Danach entscheide ich mich für die Rückfahrt. Dieselbe Strecke zurück über den Pass – eine andere Verbindung gibt es durch diese Bergwelt schlicht nicht.
Die Mülltüten-Guerilla am Stausee
Am späten Nachmittag komme ich nach etlichen Staus – so gut wie alle verursacht durch überforderte oder schlicht mit Motorschaden oder Reifenschaden liegengebliebene Sattelschlepper – wieder in Ananuri an. Ich steuere zielgerichtet meinen alten Kiesplatz unten am Schinwali-Stausee an.
Dort stehen bereits zwei Wohnmobile und quer davor ein Wohnwagengespann direkt am Wasser. Es ist eine türkische Reisegesellschaft. Obwohl neben ihnen noch ausreichend Platz ist, gehe ich höflich hinüber und frage, ob es in Ordnung sei, wenn ich ihnen ein wenig auf die Pelle rücke. „Tabii ki! Natürlich, gar kein Problem!“
Allein durch diese kurze Geste der Höflichkeit ist das Eis sofort gebrochen. Was sich in den nächsten zwei Tagen entwickelt, ist nicht bloß ein wunderbarer kommunikativer Austausch, sondern der vermeintlich „arme, alte, weiße Mann“ aus Deutschland wird von den türkischen Familien auch noch rührend mit fantastischem Abendessen versorgt. Ich revanchiere mich mit meinen Süßigkeiten-Vorräten, die wir abends beim traditionellen Çay restlos vernichten. Einfach großartig.
Noch cooler war jedoch die Aktion der türkischen Mütter kurz nach meiner Ankunft. Bewaffnet mit großen Mülltüten und dicken Handschuhen schwärmten sie wie eine militärische Spezialeinheit aus und sammelten im weiten Umkreis den gesamten Müll auf, den die lokalen Angler hier achtlos hinterlassen hatten, um ihn in den großen Mülltonnen an der Straße zu entsorgen. Dabei schimpften sie in feinstem Türkisch über die Ignoranz der Müllsünder.
Recht haben sie! Wenn das mit der Völkerverständigung und dem Umweltschutz überall so unkompliziert funktionieren würde wie zwischen einem deutschen Soloreisenden und drei türkischen Camping-Familien am Ufer eines georgischen Stausees – wir hätten ein paar Probleme weniger auf dieser Welt.