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Marco Polo hätte ein Selfie gemacht

Tiflis im Spagat zwischen alter Tradition und modernem Fassadenzauber

​Der venezianische Weltreisende Marco Polo stattete Tiflis im Jahr 1272 einen Besuch ab und notierte anschließend ehrfürchtig in seinen Aufzeichnungen, dies sei eine „gar schöne und große Stadt“. Nun gut, der liebe Marco sah damals vor allem Lehmhütten, Wehrtürme, dampfende Schwefelbäder und kaukasische Kaufleute. Hätte man dem alten Venezianer damals gesteckt, wie sich seine „gar schöne Stadt“ gut 750 Jahre später präsentiert, er hätte vermutlich irritiert seine Feder fallen gelassen und vorsorglich ein Selfie vor der seinerzeitigen Kulisse gemacht.

​Bevor ich mich jedoch in das großstädtische Getümmel stürze, stehen nach den staubigen Tagen im Kaukasus erst einmal ganz profane Bedürfnisse auf dem Programm. Von Ananuri kommend lasse ich Mzcheta rechts liegen und steuere im Norden von Tiflis zielgerichtet die Ratevani-Straße 3/5 an.

​Der Grund für diesen gezielten Zwischenstopp hört auf den verheißungsvollen Namen „in laundry“ – eine unter Wohnmobilisten mit Ehrfurcht gepriesene Wäscherei. Hier gebe ich den gesammelten Textil-Fundus der letzten Wochen ab. Das Rundum-sorglos-Paket: Waschen, Trocknen, Falten. Wenn ich die Hauptstadt nach meinem Kulturmarathon wieder verlasse, sammle ich die frische Fracht einfach wieder ein. Ein Hauch von Luxus im Camper-Alltag!

​Erleichtert um die Wäsche, die ansonsten wohl so langsam vor einer perfiden geruchlichen Kriegserklärung gestanden hätte, geht es am frühen Abend über die Hauptstraße schnurgerade hinein ins eigentliche Abenteuer: den Tifliser Feierabendverkehr.

​Wer glaubt, dass sich die Rushhour hier langsam dem Ende zuneigt, wird schnell eines Besserem belehrt. Es folgt ein kilometerlanger, nervenaufreibender Slalom durch ein dichtes Knäuel aus permanent hupenden Einheimischen, drängelnden Taxis und waghalsig einscherenden Linienbussen. Spurmarkierungen haben hier eher dekorativen Charakter - falls da überhaupt welche sind - und Vorfahrt wird nach dem Prinzip der stärksten Nerven vergeben. Hier ist höchste Konzentration am Lenkrad gefragt, um »Mr.Nero« knitterfrei durch dieses zivilisierte Chaos zu manövrieren.

​Schließlich schlage ich mich durch bis zum Etappenziel: Dem Parkplatz an der Public Service Hall, direkt unten am Ufer der Kura. Hier stehen schon ein paar andere Wohnmobile. Der Parkplatz ist sicherlich kein Highlight, aber er erfüllt mitten im Zentrum von Tiflis seinen Zweck. Im Übrigen wird das Gelände Tag und Nacht überwacht.

Der Tag, an dem Tiflis versuchte, mich zu beeindrucken

Am nächsten Morgen empfängt mich Tiflis mit strahlendem Wetter und bester Sonnenlaune. Die Kulisse steht und das Licht stimmt – ich bin bereit, mir anzusehen, was aus Marco Polos schöner Stadt geworden ist.

Ich trotte also am frühen Morgen los, immer an der Kura entlang. Auf dem grauen Fluss ziehen schon die kleinen Personenfähren träge ihre Bahnen. Über die einfachen Holzschiffe breite ich lieber den Mantel des Schweigens – was hier tuckernd Fahrgäste von A nach B schaukelt, erinnert phasenweise an umgebaute Pontons mit Sonnensegel. Aber was soll’s, es schwimmt ja.

Ich biege ab in die Altstadt. Erste Station: Der berühmte Uhrenturm am Gabriadze-Theater. Das Gebilde sieht aus, als hätte ein betrunkener Architekt Bauklötze in Schieflage gestapelt und dann zur Absicherung einen eisernen Stützbalken dagegen gelehnt. Reinstes Puppentheater – was wörtlich zu nehmen ist, denn der Turm wurde erst 2010 vom Figurentheater-Regisseur Reso Gabriadze zusammengezimmert. Ein skurriles Kunstwerk voller bunter Fliesen, bei dem zu jeder vollen Stunde ein kleiner Engel aus der Luke tritt und mit einem Hämmerchen die Glocke schlägt. Daneben das dazugehörige Café Gabriadze. Ein stilvolles Ensemble – das leider stoisch erst um 12.00 Uhr mittags seine Pforten öffnet. Georgische Wohlfühl-Arbeitszeiten eben. Schade, Frühaufsteher müssen draußen bleiben.

Gleich um die Ecke steht die Antschischati-Kirche. Sie ist das älteste erhaltene Gotteshaus der Stadt, errichtet im 6. Jahrhundert. Von außen ein schlichter, fast unscheinbarer Sandsteinbau, der die Jahrhunderte, die Persereinfälle und auch die Sowjetarchitektur überlebt hat. Ihr Name geht auf eine berühmte Christus-Ikone zurück, die man einst aus dem Kloster Antschi in Südgeorgien hierher rettete.

Während drinnen die Kerzen für die Heiligen flackern, drängeln sich draußen auf dem Pflaster bereits die ersten Touristen-Karawanen. Erstaunlich, damit hatte ich nicht gerechnet. Überhaupt muss ich im Laufe des Tages noch feststellen, wie beliebt die georgische Hauptstadt bei ausländischen Besuchern ist. Es wimmelt jedenfalls an jeder Ecke von Touristen, und Deutsch gehört sicherlich zu den häufigsten Sprachen, die man so aufschnappt. Ich reihe mich also unfreiwillig in die Reihen der Kulturbeflissenen ein, die sich durch die morgendlichen Altstadtgassen schieben, und versuche, die Statisten auf meinen Fotos so gut es geht auszublenden.

Weiter geht die Wanderung zur Friedensbrücke. Das Ding überspannt die Kura wie eine gigantisch geschwungene Kreatur aus Glas und Stahl. 2010 unter dem damaligen West-Aficionado Mikheil Saakaschwili eingeweiht (ich erinnere an den Beitrag zu Batumi), sollte das gläserne Bauwerk den kühnen Brückenschlag Georgiens von der düsteren Vergangenheit in die glorreiche europäische Zukunft symbolisieren.

Die Einheimischen bewiesen bei der Taufe ihren gewohnt trockenen Humor und tauften das Dach spöttisch „Always Ultra“ – wegen der frappierenden Ähnlichkeit mit einer Damenhygieneeinlage.

Designer-Architektur trifft Volksmund!

Fotografieren lässt sich das futuristische Glas-Lametta aus allen Blickwinkeln allerdings hervorragend.

Auf der anderen Flussseite komme ich in den schön angelegten Rike-Park. Schatten? Fehlanzeige. Die Sonne brennt gnadenlos auf den geteerten Seilbahn-Vorplatz. Zeit für die Fahrt hinauf zur Festung Narikala. Anstehen ist angesagt. Trotz zügig umlaufender Gondeln dauert es in der prallen Hitze seine Zeit, bis ich mein Ticket für Hin- und Rückfahrt in den Händen halte.

Oben angekommen die ernüchternde Erkenntnis, die sich schon von unten abzeichnete: Die historische Burg Narikala ist komplett eingerüstet. Bauzäune, Gerüststangen, Baustellen-Flair – nicht mal für ein anständiges Erinnerungsfoto taugt das Ensemble derzeit. Das gesamte Gelände ist vorübergehend geschlossen.

Dafür blüht drüben auf dem Hügel der moderne Tourismus-Bling-Bling in Reinkultur: Dudelnde Akkordeonspieler, Plastik-Animationen, Ramschbuden mit Souvenirs, die die Welt nicht braucht – und Erfrischungsstände, die bei diesem Wetter natürlich das Geschäft ihres Lebens machen. Der kurze Fußmarsch über den Kamm hinüber zur Kartlis Deda, der „Mutter Georgiens“, verkommt bei der Affenhitze auf diesem eigentlich mickrigen Hügelchen zur schweißtreibenden Gipfeletappe.

Die 20 Meter hohe Aluminium-Lady steht seit 1958 über der Stadt. Errichtet wurde das Monument zum 1500-jährigen Stadtjubiläum von Tiflis. Ursprünglich war die Dame sogar nur als temporäre Holzkonstruktion für die Feierlichkeiten gedacht – ein provisorische Pappkameradin für die Party. Doch weil die Georgier ihre Mutter auf Anhieb liebten (und die Sowjets den erzieherischen Effekt einer 20-Meter-Aufpasserin hoch über den Dächern schätzten), goss man sie kurz darauf dauerhaft in Aluminium.

Die Botschaft hinter dem Bauwerk ist dabei denkbar einfach und auf das Wesentliche eingedampft: Die Schale Wein für die Willkommenen, das Schwert für den Rest.

Derartige Propagandasymbole waren in der Sowjetunion der Nachkriegszeit absolut zeittypisch. Die antike Siegesgöttin Nike wurde kurzerhand sozialistisch umgedeutet: Aus ihr wurde die unerschütterliche, gigantische „Mutter Heimat“ (Rodina-Mat). Dass diese Damen alle einen recht stämmigen Körperbau, ernste Gesichter und meist furchterregende Waffen tragen, war reines Kalkül: Sie sollten Schutz, Entschlossenheit und absolute Unbeugsamkeit ausstrahlen.

Es war quasi das Franchise-System der Sowjetunion: Jede Teilrepublik, die etwas auf sich hielt, bekam ihre eigene Mutti auf die höchste Erhebung gepflanzt. Die Ur-Mutti in Wolgograd (ehemals Stalingrad) misst unfassbare 85 Meter, die armenische Variante in Jerewan bringt es mit Sockel auf 51 Meter, und die Sieges-Mutti in Minsk ist die älteste Vertreterin ihrer Art.

Selbst in Kiew thront ein Ungetüm über dem Dnipro-Ufer, das es inklusive Sockel und Schild auf sagenhafte 102 Meter bringt – ein stählernes Giganten-Denkmal, das in der einen Hand ein Schwert und in der anderen einen Schild mit dem Sowjetstern hielt. Nach heftigen Debatten wurde das Schwert inzwischen leicht gekürzt und der Sowjetstern 2023 symbolträchtig durch den ukrainischen Dreizack (Trysub) ersetzt.

Die damalige Botschaft an die Bürger war überall dieselbe: „Mutter sieht alles, Mutter schützt dich – aber wehe, du spurst nicht.“ Dass die Georgier ihrer Version immerhin eine Schale Wein in die Hand gedrückt haben, war wohl schon das Höchstmaß an regionaler Insubordination, das Moskau damals zähneknirschend durchgehen ließ.

Die Aussicht von hier oben ist fantastisch. Links sieht man den Freiheitsplatz mit der goldenen Statue des Heiligen Georg auf seiner Granitsäule. Auf der gegenüberliegenden Seite der Kura glänzt auf einem Hügel das Dach der riesigen Sameba-Kathedrale goldgelb in der Sonne und ganz zentral breiten sich mitten im Häusermeer die elf pilzförmigen Dächer der Public Service Hall aus, die wie eine Mutation gigantischer Steinpilze am Flussufer wuchern. Genau in deren schattiger Nachbarschaft hält »Mr.Nero« derweil sein verdientes Mittagsschläfchen.

Und wer den Blick ein Stück nach hinten schwenkt, schaut direkt hinüber auf den glasüberdachten Palast-Komplex von Bidsina Iwanischwili – jenem ominösen Milliardär und Strippenzieher der Partei „Georgischer Traum“, der sich seinen gläsernen Olympsitz hoch über der Stadt inklusive Hubschrauberlandeplatz errichtet hat.

​Nach den Panorama-Fotos geht es mit der Gondel wieder hinab. Ich schlendere durch den Rike-Park in Richtung Maidan-Platz. Aus einer ausrangierten, alten Straßenbahn, die man humorvoll zur Kneipe umfunktioniert hat, dröhnt wummernde Popmusik. Die georgische Jugend sitzt mit Kaltgetränken davor und feiert das Leben.

Ich überquere die Metekhi-Brücke in Richtung Maidan-Platz. Neben mir schweben die Gondeln der Seilbahn träge über die braune Kura und im Hintergrund erahnt man am Berg die mit Bauschutznetzen gut getarnte Narikala-Festung. Direkt daneben die Sankt-Nikolaus-Kirche.

Gleich am Kopf der Brücke thront auf einem gewaltigen Felssporn über dem Fluß die Metekhi-Kirche nebst hochherrschaftlichem Reiterstandbild. Der Herr auf dem Bronze-Gaul ist kein Geringerer als König Wachtang I. Gorgassali – der Stadtgründer von Tiflis im 5. Jahrhundert. Die Legende behauptet ernsthaft, sein Jagdfalke sei samt Beutefasan bei der Jagd in eine heiß sprudelnde Thermalquelle gestürzt und dort gar gekocht worden. Begeistert von dieser eher unfreiwilligen Geflügelbrühe aus dem Natur Hot-Pot habe Wachtang beschlossen: Hier bauen wir!

​Dass man wegen eines gebrühten Vogels in einer mäßig appetitlichen, dampfenden Pfütze gleich eine Metropole gründet (Tbilisi leitet sich schlicht vom georgischen Wort für warm ab), sagt vermutlich mehr über die damalige Kaukasus-Gastronomie aus als über die Weitsicht des Monarchen.

​Der wahre Grund für das royale Bauprojekt dürfte ohnehin beträchtlich trockenerer gewesen sein: Wer hier am Engpass der Kura fest auf dem Felsen sitzt, kontrolliert die lukrativen Handelsrouten zwischen Persien und dem Schwarzen Meer – und kassiert ordentlich Wegzoll. Doch ein perfekt gelegener Felsen mit einem Maut-Kassenhäuschen oben drauf macht sich in den Geschichtsbüchern eben nur halb so romantisch wie ein gut gebrühter Fasan.

Mein persönlicher Fasan ist heute ein Teller Khinkali im georgischen Spezialitäten-Restaurant Machakhela. Ich ergattere einen Tisch auf der Terrasse mit feinstem Blick auf das Maidan-Treiben. Wenn ich schon mal im Land bin, muss ich schließlich auch die nationalen Teigtaschen probieren. Ich ordere die Variante mit Käsefüllung.

Das Essen verkommt umgehend zur kulinarischen Lektion. Zum Verständnis: Khinkali sind verhältnismäßig große, gedämpfte Teigsäckchen, oben mit einem dicken Teigknoten zusammengepresst. Man nimmt sie mit den Fingern am Knoten, beißt vorsichtig ein Loch in die Seite, schlürft die heiße Brühe im Inneren heraus und vertilgt dann den Rest. Den harten Teigknoten lässt man einfach auf dem Teller liegen – daran zählte der Kellner früher die Zeche.

Mein Fazit: Eine Enttäuschung auf ganzer Linie. Die Dinger schmecken trocken, fade und nach absolut nichts. Das liegt aber garantiert nicht an der georgischen Küche, sondern schlicht am klassischen Touristenfallen-System rund um den Maidan, dem ich hier unvorsichtigerweise auf den Leim gegangen bin. Schnellabfertigung für die vorüberziehende Laufkundschaft.

Aber gut: Hunderttausende Georgier können sich bei ihrem Kultgenuss schließlich nicht irren. Beim nächsten Mal suche ich mir schlicht ein Einheimischen-Restaurant in weniger touristisch exponierter Lage.

​Etwas frustriert marschiere ich weiter an der Kura entlang zu den berühmten Schwefelbädern im Viertel Abanotubani. Die malerischen, backsteinernen Kuppeln ragen wie riesige Maulwurfshügel aus dem Boden. Hier dampft und stinkt es seit Jahrhunderten nach verfaulten Eiern – sprich: Schwefelwasser. Schon Puschkin und Alexandre Dumas schwärmten von den heilenden Quellen.

Die historischen Bauten wurden in den letzten Jahren aufwendig restauriert und erstrahlen heute im feinsten Glanz.

Den Abstecher durch die enge Schlucht bis zum versteckten Wasserfall spare ich mir allerdings. Nun habe ich zwar gelesen, dass dieses schwefelige warme Wasser angeblich Wunder bei Arthrose und diversen Hautleiden bewirken soll. Doch der penetrante Geruch nach Faulgas-Romantik zwingt mich zu einer sehr nüchternen Güterabwägung: Was wiegt im Zweifelsfall schwerer – meine altersbedingten Wehwehchen oder ein akut revoltierender Magen?

Ich entscheide mich für die Rettung meiner inneren Organe. Damit fällt auch die eigentlich hier geplante Kaffeepause ersatzlos aus.

Für ein paar schnelle Fotos der malerischen Backsteinkuppeln reicht es noch, aber dann zücke ich das Smartphone: Zeit für ein Bolt-Taxi.

​Mein Bolt-Fahrer erweist sich als die seltene Ausnahme georgischer Gastfreundschaft: mürrisch, wortkarg und stur. Deutsch, Englisch, Französisch? Nullkommanull. Er spricht ausschließlich Russisch – eine Sprache, mit der ich nun wieder rein gar nichts anfangen kann. Schweigend schaukelt er mich durch das steile, etwas verlebte Wohnviertel Elia den Berg hinauf und setzt mich wortlos an einem Nebeneingang der Sameba-Kathedrale (offiziell: Dreifaltigkeits-Kathedrale) ab. Nun gut, Ziel erreicht.

Sameba: Das Monument des zynischen Kalküls

Auch vom Nebeneingang aus wirkt die Sameba-Kathedrale riesig. Was für ein Monstrum von einem Gotteshaus!

Ich mache meine Runde also rückwärts – vom Nebeneingang bis zum gewaltigen Hauptportal. Die Ausmaße sind schlicht gigantisch: Über 80 Meter ragt die vergoldete Kuppel in den Himmel. Der Platz davor bietet einen spektakulären Panoramablick über das Häusermeer von Tiflis.

Ignoranterweise hat man die Kathedrale auf das Gelände eines ehemaligen armenischen Friedhofs gepflanzt, was seinerzeit für verlässlichen diplomatischen Zündstoff sorgte.

 

Das Bauwerk ist allerdings kein antikes Erbe, sondern ein Kind der Neuzeit. Errichtet wurde es zwischen 1995 und 2004, zu großen Teilen finanziert durch obskure Großspenden – unter anderem vom besagten Milliardär und Strippenzieher Bidsina Iwanischwili. Angeblich war sie als gewaltiges Symbol für die „nationale georgische Wiedergeburt“ nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gedacht.

Normalerweise würde ich jetzt hier über die Architektur und die Inneneinrichtung der Kirche berichten. Viel interessanter und faszinierender ist aber das zutiefst zynische Doppelspiel des Oligarchen Iwanischwili, der genau hier an diesem Ort ein meisterhaftes Stück politischer Machtabsicherung inszenierte..

Als Iwanischwili den Bau dieses Gotteshauses samt diverser anderer Kirchenprojekte aus seiner Portokasse alimentierte, ging es ihm nullkommanull um Einkehr, Seelenheil oder gar pro-westliche Demokratie. Es ging einzig und allein um ein zutiefst weltliches Ziel: um sein eigenes Ego, um unanfechtbare Legitimation und um die absolute Kontrolle über das Land.

In Georgien ist die orthodoxe Kirche die mit Abstand einflussreichste und vertrauenswürdigste Institution, weit vor jeder weltlichen Regierung. Der Klerus ist extrem konservativ, stramm nationalistisch und traditionell russlandfreundlich – die gemeinsame orthodoxe Basis verbindet eben. Indem Iwanischwili der Kirche dieses gigantische Monument hinstellte – immerhin die drittgrößte orthodoxe Kathedrale der Welt –, kaufte er sich die bedingungslose Loyalität des Patriarchen Ilia II. samt seiner gesamten Gefolgschaft.

Wenn der mächtigste Mann der Kirche dich daraufhin segnet und öffentlich als „Wohltäter“ preist, bist du für die große, konservativ-ländliche Wählerschaft praktisch unangreifbar. Sameba war Iwanischwilis Eintrittskarte in die Herzen all jener Georgier, die ihre traditionellen Werte bei Moskau besser aufgehoben sehen als beim liberalen Westen, dessen Errungenschaften man in diesen Kreisen gerne als dekadent abtut.

Diese Haltung fügt sich nahtlos in das politische Drehbuch seiner Partei „Georgischer Traum“: Eine echte Annäherung an die EU oder die NATO würde schließlich lästige Nebeneffekte mit sich bringen – Dinge wie Rechtsstaatlichkeit, Transparenz, unabhängige Richter und das lästige Verbot von Vetternwirtschaft. Lauter Absurditäten also, die Iwanischwilis privatem Herrschaftssystem nur massiv den Spaß verderben würden. Warum sollte er auch EU-Standards importieren, die seine Finanzen durchleuchten, wenn er das Land bisher so bequem als Privatbesitz führen kann?

Dem Kreml hingegen ist es vollkommen gleichgültig, wer im Kaukasus wie viele Milliarden beiseite schafft oder die Justiz gängelt – solange der Laden nicht zum Westen abwandert und brav auf Linie bleibt. Iwanischwilis Vermögen wurde in Moskau gemacht; er versteht das russische Machtsystem aus dem Effeff. Seit Jahren betreibt sein „Georgischer Traum“ eine Politik der „Deeskalation“ gegenüber dem Kreml, die faktisch einer stilvollen Unterwerfung gleicht: Dabei übernimmt man russische Narrative, verabschiedet pro-russische Gesetze gegen sogenannte „ausländische Agenten“ und drangsaliert systematisch die pro-westliche Opposition.

Der zynischste Scheck der georgischen Geschichte

Iwanischwili hat sich äußerst geschickt den Deckmantel der „nationalen georgischen Wiedergeburt“ zunutze gemacht, um sich die loyalste Stütze im Land zu kaufen. Mit dem kirchlichen Segen im Rücken betreibt er heute genau jene Politik, die sein Erbe sichert: Die konsequente Abwendung vom kontrollierenden Westen und der Kuschelkurs mit dem autoritären Russland, das sein Herrschaftsmodell nicht nur toleriert, sondern teilt.

Sameba ist somit kein Symbol des Sieges über die Sowjetzeit. Es ist das steingewordene Denkmal dafür, wie ein Oligarch die tiefsten Gefühle seines Volkes – den Glauben und die Heimatliebe – instrumentalisiert hat, um eine sehr sowjetisch anmutende Herrschaft zu zementieren.

​Für den Rückweg ordere ich erneut ein Bolt-Taxi zur Public Service Hall. Es ist später Nachmittag, die Stadt befindet sich im kollektiven Feierabend-Stau. Wir stehen mehr, als dass wir rollen. Mein Fahrer ist das genaue Gegenteil seines Vorgängers: aufgeweckt, neugierig und sprachlich flexibel.

​In einem wilden Kauderwelsch aus Deutsch, Englisch und mit und ohne Hände am Lenkrad quatschen wir unter anderem über Fußball. Über die georgischen Stars in den europäischen Ligen – allen voran Khvicha Kvaratskhelia – und das mäßige Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in den USA.

Und genau wie in Batumi oder Kutaussi schallt mir vom Fahrersitz immer wieder dieses unvermeidliche Liebesbekenntnis entgegen: „Deutschland gut! Sehr gut!“

​An der Public Service Hall lässt er mich raus und ich latsche zurück zu »Mr.Nero«. Es ist immer noch drückend warm, meine Füße brennen und der Kopf brummt vor Reizüberflutung. Ich bin völlig im Eimer – aber der erste Tag in Tiflis hat geliefert. Marco Polo hatte ganz recht: Eine schöne und auch ein bisschen verrückte Stadt.

 

Zwischen den Momenten

​Deutschland gut, Deutschland sehr gut!

​Da sitze ich also auf dem Beifahrersitz eines jener unzähligen Toyota Prius, mit denen gefühlt ganz Tiflis als Taxi unterwegs ist. Einem asiatischen Hybrid-Stromer, der sich hier zu so etwas wie ein georgisches Nationalfahrzeug entwickelt hat. Während sich mein Fahrer mit waghalsigen Spurwechseln durch den Dschungel der Hauptstadt schlängelt, blickt er kurz zur Seite und fragt: „From where?“ Ich sage: „Germaniidan” auf feinstem georgisch, man lernt ja schließlich dazu.“ Woraufhin er mir mit strahlenden Lächeln verkündet:  „Ah, Germania! Deutschland gut! Deutschland sehr gut!“

Nun ja. Man könnte das als diplomatische Routine abtun. Der Taxifahrer an sich ist ja weltweit ein geschultes Wesen: Dem Franzosen attestiert er mit derselben Inbrunst die Grandeur seiner Nation, dem Italiener sein Bella Italia und dem Schweizer vermutlich die beste Bank der Welt fürs Schwarzgeld. Kundenaquise auf Rädern eben.

​Und doch: Je länger ich mit ihm spreche, desto mehr gewinne ich die Überzeugung, dass das nicht nur reine Taxifahrer-Höflichkeit ist. Der Mann meint es tatsächlich ernst, dieses „Deutschland gut”!

​Mir persönlich fällt es allerdings schwer, das einfach so zu verstehen. Ich komme schließlich​ gerade vom Kreuzpass, exakt aus jener Ecke, durch die 1942 deutsche Gebirgsjäger im Rahmen des „Unternehmens Edelweiß“ marschieren sollten, um dieses Land zu besetzen und sich die kaukasischen Ölfelder unter den Nagel zu reißen. Da frage ich mich als halbwegs belesener Mitteleuropäer unwillkürlich: Mein Lieber, hast du im Geschichtsunterricht geschlafen – oder ignorierst du unsere dunkle Vergangenheit nur deshalb so großzügig, weil ich das Trinkgeld verwalte?

​Um dieses georgische Paradoxon zu verstehen, muss man schon die eigentümliche Logik des Kaukasus begreifen.

Die Georgier trennen nämlich erstaunlich scharf zwischen den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und den heutigen Deutschen. Für sie war der Kampf gegen Hitler kein rein vaterländischer Krieg, sondern eine Tragödie, in der sie für ein Imperium bluten mussten, das sie sich nie wirklich ausgesucht hatten – die Sowjetunion

​Dass der unbestrittene Chefarchitekt dieses sowjetischen Terrorimperiums, Josef Stalin, höchstselbst ein Georgier war – geboren im beschaulichen Gori, keine zwei Autostunden von hier –, gilt in der Region als peinliche familiäre Altlast, von der man heute so gut wie nichts mehr erben möchte. Denn wenn das eigene Volk 700.000 Mann an die Front schicken musste und die Hälfte davon im Winterschnee liegen blieb, verliert man rasch die Lust an stalinistischer Nostalgie.

Dass im Gegenzug zehntausende georgische Kriegsgefangene in der „Georgischen Legion“ zur Wehrmacht überliefen – nicht etwa aus Begeisterung für den Nationalsozialismus, sondern aus reinem Hass auf Moskau –, bedient genau diese verdrehte kaukasische Logik, die da besagt: Der Feind meines Feindes ist - zumindest vorübergehend - mein Freund.

​Das eigentliche Trauma Georgiens trägt nämlich seit Jahrhunderten keine Hakenkreuze, sondern vielmehr den Doppeladler. ​Die Wunde sitzt tief, seit König Irakli II. im Jahr 1783 den verhängnisvollen Vertrag von Georgijewsk unterschrieb und sein Reich vertrauensvoll unter den Schutz des Zaren stellte. Russland schaute daraufhin mit stoischer Seelenruhe zu, wie die Perser Tiflis in Schutt und Asche legten, um das geschwächte Land wenig später kurzerhand selbst zu annektieren und ein klassisches russisches Protektorat daraus zu machen, frei nach dem Slogan: Ich schütze dich so lange vor deinen Feinden, bis ich selbst dein einziger Feind bin. Im Kaukasus weiß jedes Kind: Wenn dir der Russe die Hand zur Freundschaft reicht, zähle danach besser deine Finger – und kontrolliere sicherheitshalber auch das Silberbesteck.

​Steige ich also heute als Deutscher in Tiflis ins Taxi oder rolle mit »Mr.Nero« durch die Provinz, bin ich für den Fahrer kein Nachfahre der Wehrmacht. Ich bin der personifizierte Notausgang aus dem russischen Einflussbereich. Der lebende Beweis, dass es westlich des Großen Kaukasus eine funktionierende, wohlhabende Welt gibt.

​Dass mein Chauffeur mich ausgerechnet in einem Japaner durch das Verkehrschaos kutschiert, stört seine Schwärmerei nicht im Geringsten. Für den Georgier ist deutsche Ingenieurskunst – verkörpert durch die alten unkaputtbaren Maschinen und Mercedes-LKW, die hier schon seit Jahren treu ihren Dienst tun – noch immer die religiöse Metapher für westliche Perfektion. Es ist eine faszinierende Mischung aus pragmatischer Gegenwart und extrem selektivem Gedächtnis.

​Nur die Pointe am Ende lässt mich auf dem Beifahrersitz ziemlich bitter lächeln.

​Während die Georgier mit ihrer Regierungspartei „Georgischer Traum“ derzeit mit stoischer Hingabe ihre mühsam erkämpfte Annäherung an Europa an die Wand fahren, um wieder stramm in Richtung Moskau zu marschieren, arbeiten wir in Deutschland mit gewohnter Gründlichkeit daran, unser Aushängeschild „Made in Germany“ fein säuberlich selbst zu verschrotten.

Zwei Nationen, zwei Traditionen – aber exakt dasselbe schöpferische Talent, sich mit voller Überzeugung und mit Anlauf ins eigene Knie zu schießen.

​Dem Taxifahrer in Tiflis ist diese Ironie glücklicherweise vollkommen fremd. Er hupt, drängelt, drückt das Gaspedal seines Hybrid-Toyotas durch – und versichert mir noch einmal mit der unerschütterlichen Inbrunst eines Gläubigen, dass mein Heimatland das Beste auf der ganzen Welt sei.

​Wer wäre ich, ihm mitten im Tifliser Berufsverkehr da zu widersprechen?

Der Tag, an dem die Realität meine Vorsätze einfach überrollte

​Die Beichte am Morgen danach.

​Ich muss mir beim ersten Lungo des Tages wohl oder übel selbst auf die Finger klopfen. Da bin ich gestern aber gewaltig mit der intellektuellen Messlatte durch die Stadt gerannt.

​Mancher mag sich bereits schweißgebadet gefragt haben, ob er hier versehentlich in einem geopolitischen Seminar für Machtpolitik im Kaukasus gelandet ist. Erst das geschichtsträchtige Mutti-Wettrüsten aus der Sowjetzeit, dann die harte Machtanalyse rund um Iwanischwilis Oligarchen-Kathedrale und zu guter Letzt auch noch mein ausufernder Beitrag darüber, warum das georgische „Deutschland gut!“ eigentlich keine Überraschung ist, emotional aber im Jahr 1998 feststeckt.

​Aber mal ehrlich: Wer Tiflis lediglich als pittoreske Fotokulisse konsumiert und sich dabei vom georgischen Wein einlullen lässt, kann auch gleich zu Hause bleiben und sich einen Bildband anschauen. Diese Hauptstadt ist nun mal kein Freilichtmuseum für schöngeistige Wohlfühl-Touristen. Wer hier mit offenen Augen durchläuft, stolpert an jeder Straßenecke über die Narben der Geschichte und die Gier der Mächtigen. Das gehört zur Kultur dieses Landes wie der Käse ins Khachapuri – ob es dem romantisierenden Sightseeing-Urlauber nun passt oder nicht.

​Aber bevor mir der geneigte Leser vollends vor lauter Weltschmerz und Besserwisserei aussteigt: Entwarnung für heute. Der Kritiker geht in die Kaffeepause. Für den heutigen Tag in Tiflis habe ich mir vorgenommen, das Geschichtsbuch zuzuklappen, das analytische Denken auf Seite zu schieben und ausschließlich auf einen Urlaubsmodus in der extremen Light-Version umzustellen. Heute gibt es keine Machtdebatten. Heute wird schlicht flaniert, entschleunigt und das bunte Chaos beobachtet. Schließlich muss man auch als selbsternannter Bildungsbürger irgendwann mal lernen, einfach nur dumm in die Sonne zu schauen.

​Der gescheiterte Entschleunigungsplan im Dedaena-Park

​Eigentlich habe ich gestern von dieser Stadt schon weit mehr gesehen, als mein straffer Besichtigungsplan vorsah. Die eigentliche Absicht, den Tag bei den heißen Quellen an den Schwefelbädern ausklingen zu lassen, scheiterte bekanntlich an meiner Geruchs-Empfindlichkeit gegenüber faulen Eiern. Dass ich die Sameba-Kathedrale dann noch sprichwörtlich drangehängt habe, verschafft mir heute immerhin unverhofften Freiraum. Ich kann es ruhiger angehen lassen.

​Es ist schon am frühen Morgen ordentlich heißund die Sonne brennt bereits über den Pilz-Dächern der Public Service Hall. Ich schlendere deshalb zuerst in den schattigen, direkt angrenzenden Dedaena-Park.

​An einem gelinde gesagt ungewöhnlichen Denkmal setze ich mich auf eine Parkbank. Um mich herum flitzen städtische Arbeiter durch die Grünanlagen, stutzen Hecken, bringen das Areal gärtnerisch auf Hochglanz und grüßen den deutschen Urlauber überaus freundlich, der da faul auf der Bank rumhängt und plangemäß dumm in die Sonne starrt.

​Doch so geht das natürlich nicht! Man kann schließlich nicht einfach faulenzen, wenn einem direkt gegenüber die Symbolik ins Auge springt. Mein sogenannter Bildungsanspruch meldet sich ungefragt zurück: Ich will wissen, was das für eine Skulptur ist, bei der zwischen zwei mächtigen, steil aufragenden Felsblöcken ein kleines Kind schwerelos in der Luft zu schweben scheint.

​An den Seitenflanken der Felsen sind georgische Schriftzeichen eingraviert. Eine kurze Recherche entlarvt das Kunstwerk: Es ist das Muttersprache-Denkmal (Deda Ena), errichtet zwischen 1981 und 1983. Es erinnert an den 14. April 1978 – jenen Tag, an dem genau hier rund 100.000 Georgier auf die Straße gingen. Der Grund? Moskau wollte per Verfassungsänderung das Georgische als offizielle Staatssprache abschaffen und durch das Russische ersetzen.

​Und schon hänge ich gedanklich wieder genauso hilflos in der Luft wie dieser kleine Bronzejunge. Ich wollte doch um Himmels willen keine Sowjethistorie mehr bemühen! Aber hier ging es damals um nichts Weniger als den Versuch, einer ganzen Nation der eigenen Sprache und damit der Identität zu berauben. Dass mitten in der tiefsten Sowjetunion hunderttausend Menschen den Mut aufbrachten, gegen diese kulturelle Diktatur zu protestieren – und Moskau zähneknirschend nachgab –, ist eine historische Glanzleistung.

​Mein feierliches Versprechen, heute nur harmlos zu gucken und Knipsbildchen zu machen, verpufft somit schon auf den ersten 500 Metern. Tiflis lässt einen schlicht nicht in Ruhe. Nur knipsen geht hier nicht, weil hinter jeder Ecke ein politisches Statement lauert.

​Deutsche Spuren und verblassende Sowjet-Relikte

​Ich ergebe mich meinem Schicksal und wandere weiter zur Saarbrücken Bridge, die sich hier über die Kura spannt. Ein Name, den man im Kaukasus nicht zwingend auf dem Schirm hat. Die Brücke erinnert an die erste deutsch-georgische Städtepartnerschaft zwischen Saarbrücken und Tiflis aus dem Jahr 1975 – ein historisches Vorzeigeprojekt des Kalten Krieges. Dass diese Partnerschaft ausgerechnet heute wegen des aktuellen, prorussischen Kurses der georgischen Regierung von den Stadtvätern  in Saarbrücken weitgehend auf Eis gelegt wurde, passt vollends ins Bild.

Direkt dahinter schließt sich die sogenannte Trockene Brücke (Mshrali Khidi) an. Sie überspannt keinen Fluss mehr, da man den betreffenden Arm der Kura vor Jahrzehnten schlicht zugeschüttet hat. Hier befindet sich der berühmte Tifliser Flohmarkt.

Ehrlich gesagt hatte ich mir deutlich mehr erhofft. Ich erwartete geschäftiges Treiben rund um kaukasische und russische Antiquitäten. Stattdessen finde ich nur vereinzelte Händler und überschaubare Besucherzahlen.

Ich verkrümele mich auf eine freie Bank und beobachte die Szenerie. Es dauert nicht lange, da rückt ein geschäftstüchtiger Händler an meine Seite und versucht mit Ausdauer, mir eine abgegriffene analoge Kamera anzudrehen. Sein Englisch ist passabel. Nach den üblichen Floskeln – Woher? Wie lange schon hier? Gefällt es dir? – folgt das Verkaufsgespräch: „Ist billig! Gute Qualität! Kostet wirklich nicht viel!“

Am Ende kommen wir dann doch noch zu einer vernünftigen Unterhaltung. Er erzählt mir achselzuckend, dass die goldenen Zeiten vorbei sind, in denen man Devisenbringern alte Devotionalien aus der Sowjetzeit andrehen konnte. „Kein Interesse mehr“, meint er. Die jüngeren westlichen Touristen suchen Kaukasus-Romantik statt Lenins Konterfei, und die Einheimischen haben das sowjetische Zeug ohnehin satt. Deshalb sei man notgedrungen auf Modeschmuck und Krempel umgestiegen.

„Bestimmt alles direkt aus China importiert?“, werfe ich süffisant ein. Er antwortet nicht, sondern grinst nur vielsagend.

​Oasen der Ruhe und schlafende Perlen

​Natürlich ohne antiquarische Beute im Gepäck schlendere ich weiter in den Giorgi-Leonidze-Park, einen wunderbar ruhigen, schattigen Garten direkt an der Prachtstraße, der Rustaveli-Allee.

​Ursprünglich in den 1860er-Jahren vom schwedischen Architekten Otto Simonson als Alexandergarten angelegt, wurde er später nach dem georgischen Dichter Giorgi Leonidze (1899–1966) umbenannt. Seine stattliche Bronzestatue wacht heute an der Atoneli-Straße über das Grün. Leonidze besang in seinen Werken bevorzugt die kaukasische Landschaft.

​Hier bekommt man hohe Bäume, gepflegte Blumenbeete und einen wohltuenden Mangel an Hektik angeboten. Ein beliebter Zufluchtsort für Einheimische, um zu lesen oder einfach nur ins Leere zu schauen. Schön ist es hier. Allerdings brauche ich gar nicht groß abzuschalten, da ich den Stressmodus noch nicht einmal richtig angeschaltet habe. Die Stadt zeigt sich in diesem Viertel völlig entspannt; kein Mensch hetzt, der Verkehr in den Nebenstraßen schnurrt nur leise dahin.

Ich ziehe weiter in Richtung Orbeliani-Park. Die zahlreichen Restaurants entlang der gepflasterten Pkhovi-Straße reihen sich auf wie die Perlen an der Schnur. Ihre Speisekarten werben mit den Klassikern der georgischen Küche: Satsivi (Hähnchen in walnussreicher Sauce), dampfendem Badrijani (mit Walnusspaste gefüllte Auberginenwickel) und natürlich den omnipräsenten Teigtaschen.

Bis auf die Teigtaschen konnte ich bisher von den vielen lokalen Spezialitäten selbst leider nur wenige genießen. Wegen meiner ausgeprägten Nussallergie muss ich bei der hiesigen Neigung, fast jedes Gericht mit einer geballten Ladung Walnüssen oder Haselnüssen zu verfeinern, extrem vorsichtig sein. Ein falscher Bissen und die Reise bekäme ungeplant eine medizinische Komponente.

Noch ist in den Restaurants alles dicht und verwaist, doch der gepflegte Zustand lässt erahnen, dass hier abends der Bär steppt.

Direkt an der Ecke zum Orbeliani-Park stoße ich auf ein wunderbares Fotomotiv: Eine frisch restaurierte, wie aus dem Ei gepellte Konka – die historische Tifliser Pferdestraßenbahn. Ab 1883 zockelten diese hölzernen Waggons, von schnaufenden Gäulen über Schienen gezogen, als erstes öffentliches Verkehrsmittel durch die Stadt. Heute steht der blitzblank lackierte Oldtimer hier als stiller Zeitzeuge. Ein charmantes Stück Transportgeschichte in Tiflis.

Ich durchquere den Orbeliani-Park, der vor wenigen Jahren aufwändig saniert wurde und stosse direkt an der Rustaveli-Allee vor dem Opernhaus auf die blaue Brunnenanlage mit den bronzenen Ballerinas. Die Damen schweben in eleganten Tanzposen über dem Becken – eine Hommage an die hohe georgische Ballett-Kunst.

​Blöd nur: Der Brunnen ist komplett trocken. Kein Tropfen Wasser weit und breit. Hochkultur auf dem Trockendock!

Am Rand des Parks befindet sich der traditionsreiche Tifliser Blumenmarkt, der sich hier seit den 1990er-Jahren etabliert hat, als Frauen aus der Umgebung ihre privaten Gartenschätze verkauften, um die schwere Nachwendezeit zu überstehen.

​An einer mächtigen Häuserwand direkt am Park prangt ein spektakuläres, riesiges Graffiti: Es zeigt König David den Erbauer (Davit Aghmashenebeli), jenen legendären Herrscher des 12. Jahrhunderts, der Georgien einte und das Land ins goldene Zeitalter führte. Ein monumentales Streetart-Kunstwerk, das historische Größe mit moderner Urbankultur verbindet.

​Der Sound des Geldadels und ein unerwartetes Gespräch

​Schließlich wandere ich den Hügel hinauf in Richtung Freiheitsplatz. Aus einer schattigen Ecke des Puschkin-Parks beobachte ich das Geschehen. Der Park beheimatet einen hübschen Brunnen – den historischen Puschkin-Brunnen. ​Doch die Tifliser Stadtwerke scheinen beim Thema Feuchtgebiete eine bemerkenswerte Linie zu fahren: Auch hier herrscht absolute Dürre. Kein Plätschern, nur staubtrockener Stein. Diese konsequente Trockenlegung städtischer Wasserspiele lässt die einst gedachte Kaskadierung allenfalls noch für Phantasiebegabte erahnen. Man könnte meinen, die Kommune spare das Nass der Republik systematisch für die Wasserwerfer bei der nächsten politischen Großdemonstration.

Denn der angrenzende Platz ist seit jeher der zentrale Ort für politische Manifestationen und das lautstarke Kräftemessen zwischen Volk und Staatsmacht. Die Einheimischen nennen den Platz daher auch gerne Liberty Square.

​Hier befinde ich mich an einem Areal, das seine Namen in den letzten hundert Jahren schneller wechselte als das Amt für Stadtplanung die Schilder drucken konnte. Was einmal als Eriwan-Platz begann, im Zarenreich dann zum Paschewitsch-Platz wurde, mutierte unter Stalin zum Beria-Platz, erschien Jahrzehnte lang als Lenin-Platz im Stadtplan und heißt heute eben schlicht nur noch Freiheitsplatz.

Hier mündet die berühmte Rustaveli-Avenue, die unbestrittene Einkaufs- und Repräsentationsmeile von Tiflis. Wo einst eine tonnenschwere Lenin-Statue stramm in den Himmel gestikulierte (welche nach der Wende fachgerecht vom Sockel geholt und entsorgt wurde), herrscht heute der schiere Asphalt, überragt von einer reichlich kitschigen, vergoldeten Statue des Heiligen Georg.

​Dieser Platz hat im Laufe der Geschichte wahrlich alles gesehen: 1907 raubte der junge Josef Stalin hier mit Dynamit und Gewehrsalven eine zaristische Geldkutsche aus, um die bolschewistische Portokasse zu füllen (40 Tote); 2003 überrollte die Rosenrevolution das Areal; und 2005 flog bei einer Bush-Rede sogar eine scharfe Handgranate über die Köpfe der Menge, die Gott sei Dank nicht explodierte. Kurzum: Ein Pflaster, auf dem sich die Weltgeschichte  die Klinke in die Hand drückte – und auf dem man heute, umzingelt von Edelboutiquen vergeblich nach einem friedlichen Ort für einen stinknormalen Kaffee sucht.

Von gemütlicher Wiener Caféhaus-Atmosphäre ist hier keine Spur. Stattdessen schlägt mir aus den edlen Gastronomiebetrieben am Platz ein wummernder, aggressiver Techno-Bass entgegen. Ich flüchte auf eine Parkbank im Grünbereich vor dem luxuriösen Marriott Hotel. Da alle Bänke belegt sind, frage ich einen älteren Herrn mit einer höflichen Geste, ob der Platz neben ihm frei sei. Englisch versteht er nicht, meine Gestik wohl. Er nickt stumm.

​Ich ziehe mein Smartphone heraus und suche nach einer ruhigeren Café-Alternative. Plötzlich dreht sich der ältere Herr zu mir um und fragt in einem recht holprigen Französisch: „D’où venez-vous? Puis-je vous aider?“

Sichtlich überrascht antworte ich ihm auf Französisch, dass ich Deutscher sei und schlicht ein ruhiges Café suche und deute mit einem gequälten „Pas quelque chose comme ça!“  (Nicht so was wie da drüben) in Richtung der dröhnenden Bassboxen.

​Er nickt wissend und beginnt ohne Punkt und Komma zu wettern. Ich habe reichlich Mühe, seinem starken Akzent und seinen vereinfachten Satzgebilden zu folgen, aber seine Botschaft ist unmissverständlich: „Beaucoup de Russes!“, schimpft er. Seit dem Ukraine Krieg kämen sie mit Taschen voller Geld, kauften die kleinen Läden, die Cafés und die Kneipen auf. Was er mir in seinen einfachen Worten zu verstehen gibt, ist eine kompromisslose Diagnose: Die Reichen aus dem Nachbarland verdrängen mit lautem Kommerz die heimische Szene, und für die junge georgische Kultur bleibt kein Platz mehr. ​Und das Bitterste für ihn: Die eigene Regierung lässt die Geldleute gewähren.

„Les Allemands – Deutschland – c'était mieux!“, setzt er nach. Damals, nach dem Ende der Sowjetunion, seien die Deutschen und die EU nicht gekommen, um das Land aufzukaufen, sondern um mit Geld und Hilfe beim Wiederaufbau zu unterstützen. „Pour aider, pas pour acheter“, bringt er es auf den Punkt. So schnell geht das hier. Kaum bist du als Deutscher erkannt, wirst du selbst bei der banalen Suche nach einem Kaffeehaus direkt in eine geoökonomische Lagebeurteilung verstrickt – vollkommen ungefragt.

​Zum Abschluss tischt er mir noch eine Geschichte von vor zwei Wochen auf: Junge Frauen, die sich abends in studentischen Bistros trafen, seien nachts auf dem Heimweg von der Polizei einfach mitgenommen worden. „Toute la nuit!“ – die ganze Nacht auf dem Revier, nur um nach ihrer politischen Einstellung und Gesinnung ausgefragt zu werden. Pure Schikane, um Angst zu machen. Dann steht er, ohne eine Antwort abzuwarten, abrupt auf und geht davon. Ob ihn im Nachhinein das Entsetzen über seinen eigenen Mut gepackt hat? Ich weiß es nicht. Er wirkte ziemlich verbittert und auch zutiefst desillusioniert.

Anscheinend  geht in dieser Stadt ohne Politik absolut gar nichts. Wer glaubt, man könne in Tiflis unbedarft einen Kaffee trinken, wird spätestens auf der Parkbank von der Realität eingeholt. Die Stadt ist ein schier unerschöpflicher Vulkan für politische Debatten.

​Nach dieser unerwarteten Lehrstunde gebe ich die Suche nach einem Café endgültig auf. Ich marschiere am historischen Rathaus vorbei – einem Bauwerk aus dem 19. Jahrhundert mit bunten, orientalischen Stilelementen –, ziehe an den freigelegten Resten der alten Stadtmauer vorbei, immer mit der Sameba Kathedrale im Hintergrund, und flüchte mich in die Niederungen des Konsums: Einen unterirdischen Carrefour-Supermarkt.

​Hier bekommt man exakt alles, was man auch in jeder europäischen Großstadt kaufen kann. Ich decke mich mit frischem Proviant ein und bringe die Beute zu »Mr.Nero«.

​Im Camper koche ich mir erst einmal in aller Seelenruhe meinen eigenen Lungo und überlege, wie ich diesen Tag beschließen soll. Eins ist klar: Der Parlamentssitz, wo aktuell diese zweifelhafte Politik gemacht wird, bleibt heute ebenso verschont wie die sonstigen sowjetgeschwängerten Betonklötze der Stadt – etwa das monströse ehemalige Straßenbauministerium oder der monumentale Tbilisi Skybridge-Komplex.

​Ich entscheide mich stattdessen für die bunten, hölzernen Balkone der Altstadt.

​Der unpolitische Abschied von Marco Polos Stadt

​Ich bestelle mir mal wieder ein Bolt und lasse mich ins Betlemi-Viertel chauffieren. Hier, an den steilen Hängen unterhalb der Festung, flaniere ich - soweit die Knie tragen - durch die verwinkelten Gassen, bewundere die filigran geschnitzten, bunten Holzbalkone und genieße das Licht der ersten Abendstimmung.

​Mein Weg führt mich schließlich hinunter an das Ufer der Kura. Im ruhigen Wasser spiegeln sich die Fassaden und die Metheki Kirche sowie das mächtige Reiterstandbild von König Wachtang Gorgasali auf seinem Felsen. Auf einer Parkbank am Flussufer – der definitiv letzten an diesem Tag exzessiver Bankdrückerei – beschließe ich meinen Aufenthalt in Tiflis.

​Es ist ein stummer, friedlicher Abschied. Entlang des Wassers schlendere ich ganz ohne Zeitdruck zurück in Richtung der futuristischen Public Service Hall. Ein sanftes Ausgleiten aus einer Stadt, die Marco Polo einst als prächtig beschrieb – und die heute so faszinierend wie politisch zerrissen ist.

​Aufbruch zum echten Kaukasus

​Am nächsten Morgen geht es sehr früh los, noch bevor der berüchtigte Tifliser Berufsverkehr die Adern der Stadt verstopft. Ich steuere die Laundry an. Die freundliche Dame hat bereits alles perfekt vorbereitet; ich nehme meine duftende Wäsche in Empfang und verstaue sie in »Mr.Nero«.

​Dann wähle ich die Autobahn westwärts, vorbei an Kutaisi, in Richtung Schwarzes Meer. Mein Tagesziel heißt Zugdidi.

​Von dort aus soll es auf die letzte, große Etappe gehen: Hinauf in die hochalpinen Regionen des Großen Kaukasus. Das Wetter verspricht Bestnoten, und ich hoffe auf spektakuläre Ausblicke auf die majestätischen Fünftausender der Region Swanetiens. Die Zivilisation bleibt hinter mir – es wird Zeit für die richtigen Berge.