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Swanetien

Hochgebirge at its best und der Endgegner für das Fahrwerk

Von der Geometrie der Routenplanung und den Gesetzen Mingreliens

Zugdidi.

Das klingt nach der Endstation einer eurasischen Nebenstrecke. Eigentlich hätte ich die große Rundtour durch den Hochkaukasus auch von Kutaisi aus gegen den Uhrzeigersinn starten können. Das wäre logistisch kürzer gewesen.

Aber wer den einschlägigen Bericht „Driving the Zagari Pass“ von Emily Lush kennt, der weiß: Man fährt diesen Roadtrip gefälligst andersherum! Die Aussichten sind schlicht spektakulärer, allen voran die atemberaubende Abfahrt vom Zagari-Pass hinunter zum Koruldashi. Wer den Nervenkitzel liebt, rollt die Sache nicht von hinten auf.

So lande ich also in Zugdidi, der historischen Hauptstadt der Region Mingrelien.

Mein ruhiger, recht abgeschiedener Stellplatz liegt praktischerweise direkt im Schatten der hiesigen Hauptattraktion: Dem Dadiáni-Palast.

Kein gigantisches, verwinkeltes Neuschwanstein, sondern zwei relativ überschaubare, orientalisch-gotische Palastbauten. Doch der eigentliche Clou ist die hauseigene Napoleon-Connection.

Ich stelle mir natürlich die Frage: Was um alles in der Welt hat der verblichene kaiserliche Franzose im tiefsten Westgeorgien verloren? Das ist eine jener herrlichen Aneinanderreihungen hochadeliger Verwandtschaftsakrobatik. Die mingrelischen Fürsten aus dem Hause Dadiani waren nämlich im 19. Jahrhundert exzellent vernetzt. Einer der Fürsten heiratete die Enkelin von Joachim Murat – und der war bekanntlich kein Geringerer als der Schwager von Napoleon Bonaparte.

Weil man in diesen Kreisen bekanntlich nicht bloß ein bisschen Silberbesteck vererbte, wanderten mit dieser aristokratischen Allianzehe handfeste Reliquien der französischen Herrscherfamilie in den Kaukasus: Möbel, persönliche Utensilien, eine beeindruckende Bibliothek – und eben jenes Prunkstück, wegen dem einige wenige kulturkundige Insider bis heute überhaupt nach Zugdidi pilgern: die Totenmaske von Napoleon himself in einer Glasvtrine.

Dass der ganze kaiserliche Krempel überhaupt hier gelandet ist, ist übrigens dem Umstand zu verdanken, dass es dem Adelsclub in Paris um 1870 herum gewaltig an den Kragen ging. Als das Zweite Französische Kaiserreich im Deutsch-Französischen Krieg kollabierte und in Paris die Revolutionäre das Sagen hatten, wurde es dem Hochadel schlagartig zu heiß unter den Spitzenkragen. Die Murat-Dadiáni-Sippe packte eilig die Koffer, rettete den verbliebenen kaiserlichen Hausrat ins beschauliche kaukasische Exil – und verpflanzte das Erbe Napoleons weit weg von den wütenden Pariser Barrikaden.

Mitten in Mingrelien, kurz vor dem Hochkaukasus, stolpere ich also ungefragt über den geretteten Prunk eines verjagten Adelsgeschlechts.

Direkt neben den Palastbauten erstreckt sich der heutige Botanische Garten. Fürstin Ekaterine Dadiáni war damals offenkundig nicht die Frau für halbe Sachen: Da ihr der angestammte Wohnsitz nach dem Umzug nicht mehr standesgemäß erschien, ließ sie kurzerhand nicht nur an den Palastgemäuern nach europäischen Vorbildern herumzimmern, sondern schneiderte sich auch gleich noch den passenden Park dazu.

Extra aus Frankreich importierte Hofgärtner mussten anrücken, um der kaukasischen Wildnis mit französischen Barock- und Landschaftsideen Beine zu machen und exotische Gewächse in den georgischen Boden zu pflanzen. Ein perfekt getrimmter englischer Golfrasen ist das Areal zwar längst nicht mehr, dafür besitzt der Park heute diesen wunderbar melancholischen, leicht verwilderten Charme einer in die Jahre gekommenen Adelsresidenz.

Da es bereits später Sonntagnachmittag ist, reift mein Entschluss für den morgigen Tag: Ganz entspannt rüber ins Dadiáni-Museum, die berühmte Totenmaske ablichten, ein paar feine Fassadenfotos schießen und danach den Kulturbeauftragten geben, der ich, seien wir ehrlich, nie werden wollte, bis eine Vitrine in Westgeorgien mir etwas anderes einredete.

Sicherheitshalber werfe ich noch einen Blick auf die Öffnungszeiten. Die Ernüchterung trifft mich postwendend: Montags geschlossen.

Die Frage, ob sich das Warten bis Dienstag lohnt, beantwortet sich in der Brust des ambitionierten Reise-Chronisten wie von selbst, noch bevor der Verstand überhaupt beteiligt wird. Manchmal spürt man eben ganz deutlich: Jetzt schreibe ich Geschichte. Nicht die große Weltpolitik, nein, die kleine, feine Chronik des unerschrockenen Entdeckers, der dorthin fährt, wo der normale Pauschaltourist verlässlich abwinkt.

Denn hier, genau hier, soll sie schließlich liegen: eine von weltweit nur vier echten Bronze-Totenmasken Napoleons. Original, versteht sich. Museumsführer sagen es, Reiseführer drucken es treu ab, und die KI nickt auf Nachfrage wissend und bestätigt alles mit der Selbstsicherheit eines vollkommen unfehlbaren Wesens.

Ich sehe mich im Geiste bereits lässig vor meinen Lesern stehen: „Wisst ihr eigentlich, wo eine der wahren Napoleon-Reliquien ruht? Nicht in Paris! Nicht in London! Nein, hier, wo ich mich gerade rumtreibe, am Rande des Kaukasus, wo noch nie ein Bus voller Kreuzfahrttouristen seine Selfies gemacht hat!“

Ich wittere eine geniale Headline. Ich wittere den mächtigen Impuls für meine Slow-Content-Story. Ich wittere – Respekt und Anerkennung, zumindest in dem sehr überschaubaren Kreis derer, die meine Webseite überhaupt öffnen geschweige denn lesen. Für diese kaukasische Wahrheit bringe ich das Opfer eines vertrödelten Montags doch ohne Frage mit Handkuss.

 

Deutsche Begegnungen

Damit mir morgen in Zugdidi nicht vollends die Decke auf den Kopf fällt, organisiere ich mir schnell noch ein Alternativprogramm. Vormittags will ich einen Ausflug ans Schwarze Meer nach Anaklia machen – ein faszinierender Lost Place direkt an der Grenze zu Abchasien. Nachmittags gilt es, die strategischen Reserven für »Mr.Nero« aufzufüllen: Tanken, AdBlue besorgen, Frischwasser bunkern. Da oben in den Bergwelten Swanetiens wird die Tankstellendichte bekanntlich überschaubar und die Preise steigen invers zur Sauerstoffsättigung.

Punkt für Punkt recherchiere ich lässig auf meinem Campingstuhl mit einem Lungo in der Hand, als plötzlich ein weiteres deutsches Wohnmobil auf den Stellplatz einbiegt und neben mir einparkt. Ich schicke einen freundlichen, nachbarlichen Gruß hinüber – und werde mit konsequenter Präzision vollkommen ignoriert. Keines Blickes gewürdigt. So, als existiere mein Gefährt und ich gar nicht. Die Welt wird definitiv immer komischer…

Zwischen den Momenten

Die Camper

​Die Entfremdung der Gemeinschaft im Zeichen der Funktionsjacke

​Stell dir vor, du bist mehr als 4.500 Kilometer von der Heimat entfernt. Du hast »Mr.Nero« auf einem einsamen Fleckchen Erde geparkt, die Zündung ausgestellt, den Stuhl aufgestellt und genießt deinen wohlverdiente Abendkaffee. Und plötzlich passiert es: Ein weiteres deutsches Wohnmobil biegt um die Ecke und ankert ein paar Meter weiter. Ein Stück Heimat in der Fremde!

​Du machst das, was man als zivilisierter Mensch – und erst recht als Camper der alten Schule – seit Jahrzehnten verinnerlicht hat: Du schaust rüber, machst ein freundliches Gesicht, nickst und sagst: „Hallo, auch weit weg von zu Hause.“

​Die Reaktion? Absolute, bleierne Ignoranz. Du wirst einfach weggeatmet.

​Etwas verstört fragst du dich: Stimmt irgendwas mit mir nicht? Habe ich einen Kaffeefleck auf dem weißen T-Shirt? Rieche ich nach 4.500 Kilometern Asphalt?

​Ein Blick auf die Neuankömmlinge offenbart das ganze Drama der modernen mitteleuropäischen Wohlstands-Asketen. Da drüben entsteigen dem Mobil zwei Mitt- bis Enddreißiger. Beide extrem sportlich, schlank, drahtig – Typus: „Ich laufe vor dem Frühstück einen Halbmarathon, um den Kopf freizubekommen.“ Sie ist komplett in neonpinker Outdoor-Panzerung unterwegs, die Leggings sitzt aerodynamisch, die weißen Markenschuhe blenden in der georgischen Sonne, die Haare sind stramm für die sofortige sportliche Aktivierung festgezurrt. Er liefert dazu das blaue Pendant, herrlich braungebrannt und vollkommen bereit für den spontanen Ironman-Sieg.

​Begleitet werden die beiden von einem weißen Wollknäuel, das wohl biologisch als Hund deklariert ist. Dieses Zottelmonster wird erst mal ausgiebig und exzessiv abgeknutscht. Auf dem Heckträger thronen zwei hypermoderne Mountainbikes, die wahrscheinlich mehr Sensoren haben als die ISS. Das Wohnmobil selbst ist von der spartanisch-hippen Sorte. Hauptsache minimalistisch, Hauptsache „Vanlife“-Ästhetik für den Instagram-Kanal.

​Und dann stehe ich da: Vollkommen unsportlich, leger gekleidet, ohne jede Markenallüre, reilich Kilo Übergewicht zu viel auf den Rippen, kein einziges Sportgerät ans Auto geklemmt. Nur »Mr.Nero«, der kommt im Vergleich zu ihrer spartanischen Kiste wie der pure, dekadente Luxus rüber.

​Ich starte Versuch Nummer zwei. Sie blickt kurz rüber. Ich nicke noch mal, mein freundlichstes Urlaubsgrinsen im Anschlag. Keine Reaktion. Nix. Totenstille.

​Und an dieser Stelle müssen wir uns einmal fragen: Was zum Teufel ist eigentlich mit unserer mitteleuropäischen Gesellschaft passiert? Warum ist das heute so?

​Früher gab es unter Campern einen ungeschriebenen Codex, eine Kultur des unaufgeregten Austauschs. Man hielt einen kleinen, harmlosen Smalltalk. Nichts Tiefschürfendes, keine Menschheitsprobleme, einfach ein verbales Abklatschen: „Hallo, wo kommt ihr her? Wie seid ihr gefahren? Alles gut gegangen? Wir wollen morgen nach XY. Lasst es euch schmecken, gute Reise!“ Manchmal blieb es bei diesen drei Sätzen, manchmal wurde ein netter Abend daraus. Es war das soziale Sicherheitsnetz der Straße. Ein Signal: Wir sind hier draußen im selben Boot.

​Heute jedoch leidet der moderne Mitteleuropäer an einer chronischen Filterblasen-Allergie. Man grüßt nicht mehr nach Nationalität oder geteiltem Schicksal, man grüßt nach Klischee-Kompatibilität. Wer keinen durchoptimierten Körper im Funktions-Blouson vorweisen kann, existiert für diese Generation schlichtweg nicht. Diese Fraktion reist 4.500 Kilometer weit, um das Abenteuer zu suchen, will aber um Gottes willen nicht von der ungeschminkten Realität außerhalb der eigenen Alters- und Fitness-Kohorte belästigt werden. Bloß keine unkontrollierte Kontaktaufnahme! Am Ende will der dicke Mann im Klappstuhl noch wissen, wie der Hund heißt, oder – Gott bewahre – uns einen Kaffee anbieten!

​Es kommt aber noch besser. Anscheinend habe ich einmal zu viel nach nebenan geschaut und damit den inneren Sicherheitsalarm der Marathon-Fraktion ausgelöst. Nach einigem panischen Kramen im Innenraum werden drüben jäh die Türen zugezogen. Und dann – es ist noch schweinisch früh am Abend – werden tatsächlich die Verdunkelungsrollos hochgeschoben!

​Es ist drückend warm, ich habe an »Mr.Nero« alle Klappen und Fenster sperrangelweit offen, weil ich auf jeden noch so winzigen Windhauch hoffe, der durch den Camper zieht. Und da drüben? Da werden jetzt auch noch die Front- und die Seitenwände mit Isoliermatten verbarrikadiert. Im Juni. Bei gefühlten 30 Grad im Schatten.

​Was zur Hölle denken die, wer ich bin? Der kaukasische Sensenmann? Bin ich visuell so abstoßend, dass man sich vor mir wie vor einem drohenden Atomschlag schützen muss? Oder haben die beiden Angst, dass meine ungeschminkte, unsportliche Gemütlichkeit ansteckend ist und ihr mühsam antrainiertes Kaloriendefizit gefährdet?

​Was für eine Kultur haben wir da gezüchtet? Wenn ich den beiden morgen auf der Piste zum Pass begegne und sie stehen mit einer Panne im Graben – helfe ich dann, weit weg von zu Hause? Oder verbarrikadiere ich mich meinerseits hinter einer Wand aus Ignoranz?

​Man weiß es nicht. Ich schaue an mir herunter, nehme einen Schluck aus der Tasse und ziehe Bilanz:

​Verdammt... ich habe gar keine weißen Markensportschuhe dabei.

Der Geister-Boulevard von Anaklia

Die Fahrt dorthin, unmittelbar entlang der abchasischen Grenze, ist bereits eine Einsamkeitsnummer für sich.

​Anaklia selbst ist das monumentale Denkmal eines gescheiterten Traums. Der ehemalige Präsident Saakaschwili (der vorher schon wenige Kilometer südlich Batumi in die Landschaft gestellt hatte) wollte hier ab 2010 ein futuristisches Vorzeige-Seebad aus dem Sand stampfen. Warum ausgerechnet hier, direkt an der Demarkationslinie zum abtrünnigen, von Russland besetzten Abchasien? Ganz einfach: Es war pure Geostrategie. Saakaschwili wollte den Abchasen direkt vor ihrer Nase ein glitzerndes, westliches Palm Beach vorsetzen, um ihnen zu zeigen, was sie ohne Georgien alles verpassen.

​Es wurden ausgefallene Luxushotels hochgezogen, eine der längsten Fußgänger-Holzbrücken Europas über den Enguri-Fluss geklatscht und ein futuristischer Boulevard angelegt. Dann kam 2012 der Machtwechsel, Saakaschwilis Erzfeinde übernahmen das Ruder – und mit ihnen versickerte nicht nur das Geld, sondern auch jegliches Interesse an Saakaschwilis Prestige-Projekt.

​Ich parke »Mr.Nero« südlich des Enguri und wandere zu Fuß über die gewaltige Holzbrücke. Die Szenerie ist skurril: Kein Mensch weit und breit. Einzig zwei reichlich zwielichtige Gestalten schlappen drüben auf dem weitläufigen Boulevard herum. Im kleinen Hafenbecken rostet eine herrenlose Yacht vor sich hin. An den verlassenen Bauten prangen noch die optimistischen Beschriftungen der Goldgräberzeit: „Palm Beach!“ – eine ironische Note, wenn man vor bröckelndem Beton steht.

​Nördlich des Enguri soll eigentlich eine weitere Hotelzone liegen. Ich mache mich auf den Weg, passe aber rasch meine Pläne an: Wer versucht, mit dem Fahrzeug näher an die Hotelruinen heranzukommen, stellt fest, dass die Straßeninfrastruktur hier fließend in eine wilde Piste aus Steinen, Kies und Felsen übergeht. Ich breche die Landpartie ab – die Stoßdämpfer von »Mr.Nero« werden auf dem Zagari-Pass schließlich noch gebraucht.

​Von Touristen oder Besuchern keine Spur. Ein Restnutzungskonzept? Gibt es schlicht nicht. Zukunftspläne für einen Tiefseehafen scheiterten an der Politik. So gammelt Anaklia nun vor sich hin – ein faszinierendes Freilichtmuseum des geopolitischen Größenwahns.

Der Mann, der auszog, eine Bronzemaske zu finden und abends im Wohnmobil fast sein Ego begrub

Die Logistik schlägt zurück

Am nächsten Morgen dann eine Erfahrung, die ich zunächst für eine amüsante Randnotiz halte: Das Ticket gibt es keineswegs am Palast-Museum, sondern im Besucherzentrum – schräg gegenüber, mehrere hundert Meter entfernt. Genau jene Distanz, die man in der brütenden kaukasischen Mittagshitze so gerne zweimal zurücklegt, wenn man wie ich zunächst am falschen Eingang steht. Hin, Ticket kaufen, zurückmarschieren, anstellen.

Der Einlass erfolgt hintenherum, gleich neben der schneeweißen, leicht verwitterten Kirche Unserer Lieben Frau von Blachernae. Doch vor dem Tor wartet bereits die nächste Prüfung: Eine gewaltige Traube georgischer Schulklassen, die – aus welchem pädagogischen Grund auch immer – offenbar absolute Priorität vor jedem ausländischen Napoleon-Jäger genießt.

Kontingentweise schieben sich die Schülergruppen in den ältesten Trakt des Palastes, wo sich das Museum befindet. Das Gebäude strahlt genau jenen leicht morbiden Charme aus, den man im Kaukasus so oft findet: Der Putz erzählt von vergangenen Jahrhunderten und die Spuren der Zeit liegen wie ein Schleier über den historischen Gemäuern.

Ich stehe. Ich schwitze im Schatten der Palastmauer. Ich träume schon von kaiserlicher Bronze.

Dann der große Moment: endlich drin. Ich stehe vor der Vitrine, fotografiere aus allen erdenklichen Winkeln, mit dem leisen Stolz eines Mannes, der gerade Reise-Geschichte schreibt.

Ich nicke innerlich meiner imaginären Leserschaft zu.

Die Museumswärterin erzählt von der Herkunft des Stücks, von der Familie Dadiáni, von Napoleons Neffen Achille Murat. Ich nicke, ich staune, ich glaube jedes Wort.

Einen ganzen Nachmittag lang fühle ich mich wie der unangefochtene Chefhistoriker des Westlichen Kaukasus. Einen Titel, den ich mir mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit selbst verpasse.

Die Ernüchterung unter der LED-Funzel

Am Abend ziehe ich mich hochzufrieden in »Mr.Nero« zurück. Um die Story wasserdicht zu machen, klappe ich den Laptop auf. Ein paar Fakten nachschlagen, Quellen sichern, alles ordentlich belegen – reine Fleißarbeit, bevor ich mich zufrieden meinem Bettchen widme.

Und dann, irgendwo zwischen dem zweiten Quellenlink und dem dritten Artikel, bricht es über mich herein wie ein eiskalter Guss vom Kaukasus-Gletscher.

Gips. Kein Erz, kein Bronzeglanz. Das, wovor ich andächtig gestanden und meinen besten Foto-Winkel gesucht habe, soll laut mehreren schlauen Abhandlungen ein bloßer Gipsabdruck gewesen sein – einer von möglicherweise bis zu sechs Gipsabgüssen, die seinerzeit vom Original abgenommen wurden, das Napoleons Leibarzt Francesco Antommarchi 1821 auf St. Helena vom verblichenen Kaiser abformte.

Mein Hirn läuft heiß. Gips? Ich bin zwar kein Kunsthistoriker, aber blind bin ich nicht: Das, was da in der Vitrine lag, war definitiv Metall. So langsam verliere ich den Überblick. Den Durchblick habe ich ohnehin längst verloren.

In der späten Nacht krame ich mit steigendem Puls meine eigenen Fotos heraus und zoome virtuell an die Vitrine heran. Und siehe da: Auf dem Schild unter der Maske steht es schwarz auf gelb: „The Bronze mask of Napoleon I. Paris, 1833“.

Ja, was denn nun?

Ich passe die Recherche-Strategie an und grabe mich tiefer in die Archive. Wie viele dieser Masken wurden denn nun eigentlich zusammengeklempnert? Präzision, das darf ich in dieser georgischen Nacht lernen, ist bei kaiserlichen Totenmasken offenbar reine Verhandlungssache.

Nach weiteren Stunden akribischer Detektivarbeit unter der LED-Funzel lichtet sich der Nebel zumindest ein bisschen:

Das einzige Ur-Original war tatsächlich Gips. Am 7. Mai 1821 wurde auf St. Helena direkt vom Antlitz des toten Kaisers eine Gipsform abgenommen.

Der Bronzeguss folgte erst 1833 – zwölf Jahre später ließen Napoleons ehemalige Generäle mit finanzieller Anschubfinanzierung Bronzeabgüsse aus dieser Gipsform gießen.

Die Mengenangaben? Ein Basar. Die hauseigene Beschreibung in Zugdidi spricht stolz von weltweit drei Bronzegüssen. Auktionshäuser wie Sotheby's und der Louvre tendieren eher zu bis zu fünf Exemplaren, gegossen von der Pariser Fine-Art-Gießerei Richard et Quesnel. Immerhin: Eine davon soll in Paris hängen, eine in New Orleans – und eine eben hier in Zugdidi. Für die zwei restlichen Wackelkandidaten gibt es schlicht keine belastbaren Angaben.

Also doch! Nur eben anders, als ich es mir für die Überschrift zurechtgelegt hatte.

Das leicht lädierte Entdecker-Ego

Ich sitze da, den Laptop vor der Nase, draußen die georgische Nacht, drinnen mein Ego auf Zimmertemperatur abgekühlt. Ein ganzer Tag Wartezeit, ein Fußmarsch durch die brütende Mittagshitze zum Besucherzentrum und zurück, das geduldige Anstehen im Pulk quirliger Schulklassen – und jetzt eine halbe Nacht aufgeregter Recherche, alles für ein Objekt, das ich in meinem schlichten Entdecker-Enthusiasmus zum Hauptakteur einer interessanten Story aufblasen wollte.

Die KI behauptet felsenfest, es sei Bronze und eine von vier. Der Reiseführer hat es brühwarm abgeschrieben. Die Fachliteratur schwankt munter zwischen drei und fünf. Der Museumsführer vor Ort verkauft mir mit dem Charme des ungetrübten Lokalpatriotismus die Variante „eine von drei". Vier unabhängige Quellen, vier unterschiedliche Wahrheiten.

Und ich? Ich habe genau das geglaubt, was einfach am besten in meine eigene Geschichte passte: Der unerschrockene Solo-Reisende, der verborgene Historien-Zusammenhänge im tiefsten Westgeorgien ausgräbt. Tatsächlich habe ich vor allem ausgegraben, wie bereitwillig ich mich zum Hampelmann des eigenen Geltungsstrebens mache, sobald das detektivische Entdecker-Gen ein Highlight für eine interessante Story wittert. Das kommt davon, wenn man vor lauter Enthusiasmus schon vorab im Kopf eine Geschichte schreibt und erst hinterher dazu recherchiert, in der stillen Hoffnung die Fakten mögen sich der Pointe schon fügen.

Vielleicht lag die ganze Faszination dieses Tages nur in einem einfachen psychologischen Trick: Ein exotischer Ort am Rande des Kaukasus, von dem man vorher kaum etwas wusste, wird durch ein bloßes Relikt scheinbar im Handumdrehen an die große Weltgeschichte angedockt – und ich laufe mit wehenden Fahnen hinterher.

​Als ich den Laptop schließlich zuklappe, bleibt ein merkwürdiger Nachgeschmack im Raum hängen. Ich frage mich im Stillen: Was ist eigentlich so faszinierend an der Totenmaske einer historischen Figur? Zweifellos war das Abnehmen von Totenmasken bei verblichenen Größen vergangener Jahrhunderte gelebter Zeitgeist und keine reine Schaulust. Aber, ist dieses ehrfürchtige Anstarren eines konservierten Sterbegesichts nicht im Grunde doch etwas reichlich Frivoles, fast schon leicht Makabres?

​Wenn ich ehrlich bin, bedeutet mir dieser Abdruck eigentlich rein gar nichts. Napoleon Bonaparte taugt für mich persönlich nun wirklich nicht zum Bewunderungsobjekt; dafür war sein historischer Fußabdruck viel zu zwiespältig. Warum um alles in der Welt bin ich diesem verstaubten Sterbeabdruck dann überhaupt mit derartigen Scheuklappen und so viel naivem Eifer hinterhergerannt?

​Ich schalte das Licht im Camper aus. Schluß jetzt! Die Historienspielerei ist vorbei.

Lust auf Nachschlag? 

Die Sache mit dem Marienschleier

Für die Georgier ist das eigentliche Prunkstück des Dadiáni-Palastes nebenbei bemerkt ohnehin nicht der tote Kaiser, sondern ein Gewand, das angeblich der Jungfrau Maria gehört haben soll. Ich hätte es beinahe unterschlagen.

Dieser heilige Schleier liegt allerdings nicht etwa dekorativ neben der Napoleon-Vitrine zur allgemeinen Betrachtung aus, sondern ruht wohlverwahrt in einem Panzerschrank im sogenannten „Jungfrauenturm“. Herausgeholt wird das Stück angeblich genau einmal im Jahr. Irgendwann im Sommer, wenn die Sterne günstig stehen und der georgisch-orthodoxe Kirchenkalender es gebietet.

Das heißt im Klartext: Selbst wer, anders als ich, klug genug ist, seinen Besuch nicht ausgerechnet auf einen Montag zu legen, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vor einem verschlossenen Turm stehen. Kein Blick, kein Foto, keine Enttäuschung durch Materialkunde – einfach, weil es nichts zu sehen gibt. Man reist nach Zugdidi, steht vor einer Mauer und das kulturelle Erlebnis besteht ausschließlich aus dem vagen Wissen: Dahinter, irgendwo in einer Schublade, liegt es.

Damit die Phantasie des gläubigen Besuchers zumindest grob in die richtige Richtung gelenkt wird, hat man immerhin in einem Nebenraum ein vergilbtes Foto des Marienschleiers an die Wand genagelt. Das nennt man wohl konsequente Reliquientouristik der sparsamen Art.

Und so sitze ich nun heute Morgen im Camper, noch frisch enttäuscht von meiner gestrigen Masken-Odyssee, und lese mich bei einem ersten Lungo auch noch um dieses zweite vermeintliche Highlight herum. Ein Wunder, das ich gestern Nachmittag mit vollem Recht verpasst habe – erstens, weil ich gar nicht danach gesucht habe, und zweitens, weil ich es ohnehin nicht hätte sehen können, selbst wenn ich danach gefahndet hätte.

Ich klappe den Laptop zu, nehme einen letzten Schluck und starte den Motor. Zugdidi ist abgehakt, Swanetien wartet – und »Mr.Neros« Fahrwerk kriegt nun endlich das, wofür es gebaut wurde.

 

Von georgischen Staumauern, schlafenden Kühen und dem Durst in der Höhenluft

Der abrupte Kulissenwechsel

Ich fahre in Zugdidi los, rolle noch ein paar flache Kilometer durch die mingrelische Ebene – und plötzlich stellt jemand die Landschaft auf den Kopf. Ab Jvari geht es kompromisslos hinein in die Schluchten des Enguri.

Die Welt verändert sich hier nicht schrittweise, sondern schlagartig: Die mingrelischen Palmen und lauschigen Laubwälder verabschieden sich, während dunkle Nadelwälder und die ersten schneebedeckten Felsriesen des Hochkaukasus die Regie übernehmen.

Einer begleitet mich auf Schritt und Tritt: Der Enguri. Dieser eiskalte Gletscherfluss, der seine Reise hoch oben am Massiv des Schchara – dem höchsten Berg Georgiens – beginnt und schließlich nach mehr als zweihundert Kilometern genau unter der hölzernen Fußgängerbrücke im Geister-Seebad Anaklia ins Schwarze Meer mündet. Man erinnert sich an die Rost-Yacht und die bröckelnde Strandpromenade.

Das kaukasische Strom-Kuriosum

Nach etwa dreißig Kilometern biege ich links von der Hauptstraße ab – die Beschilderung ist überraschend vorbildlich – und stehe plötzlich vor einem Koloss aus Beton: der Enguri-Bogenstaumauer.

Mit ihren 271 Metern Höhe ist sie das zweithöchste Bauwerk dieser Art auf unserem Planeten. Das Teil hält das Wasser des drittgrößten künstlichen Sees Georgiens im Zaum und ist ein brutales Meisterwerk sowjetischer Ingenieurskunst. Allerdings: ein Meisterwerk mit beträchtlichen Systemfehlern.

Wenn man sich die Geschichte dieser Staumauer näher anschaut, reibt man sich verwundert die Augen. Das Bauwerk ist nämlich inzwischen ein Denkmal absurder, geopolitischer Slapstick-Realität:

1988 ging die Anlage ans Netz – ein sowjetisches Prestigeprojekt nach zwei Jahrzehnten Bauzeit. Drei Jahre später, 1991, zerfiel die Sowjetunion, und mit ihr das gesamte Wartungs- und Finanzierungssystem, das so ein Bauwerk am Leben hält. Doch damit nicht genug: Bereits 1992 brach der georgisch-abchasische Krieg aus, der bis 1993 dauerte und Abchasien faktisch von Georgien abtrennte – mit der Frontlinie exakt entlang des Flusses, an dem die Anlage steht. Ein Gutachten einer kanadischen Ingenieursfirma beschrieb den Zustand 1995, zwei Jahre nach Kriegsende, nüchtern als "seltenen Fall von Verfall" – Überwachungsgeräte, Verkabelung, Messinstrumente: während des Krieges schlicht geplündert. Ein Kraftwerk, das kaum sieben Jahre nach seiner Einweihung schon wie eine Industrieruine aussah.

Und jetzt kommt die Pointe: Während die gigantische Staumauer auf georgisch kontrolliertem Gebiet steht, liegen die eigentlichen Turbinen und Schaltanlagen ein paar Kilometer weiter flussabwärts – jenseits der Waffenstillstandslinie von 1994, im von Russland gestützten Abchasien. Georgien hat also die Mauer und das Wasser, Abchasien die Technik und den Lichtschalter.

Ab 1998 sprangen Brüssel und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung mit den ersten Millionen ein – offiziell, um Georgiens Energieversorgung zu retten, die fast zur Hälfte an dieser einen Anlage hing. Doch in den EU-Papieren jener Jahre taucht noch ein zweites, deutlich blumigeres Motiv auf: Weil Damm und Kraftwerk technisch untrennbar über die Frontlinie hinweg zusammenhängen, verkaufte man das Reparaturprojekt zugleich als "vertrauensbildende Maßnahme" im Rahmen des damaligen UN-Friedensprozesses. Die Logik: Wer gemeinsam an Turbinen schraubt, findet vielleicht auch politisch wieder zueinander. Russland hatte Abchasien zu dem Zeitpunkt noch nicht offiziell als unabhängig anerkannt – das kam erst zehn Jahre später und zwar 2008, nach dem nächsten Krieg. Die EU wettete also nicht auf eine verlorene Sache, sondern auf eine Wiederannäherung, die 1998 noch für möglich gehalten wurde.

Man ahnt schon, wie die Wette ausging.

Weil man sich mangels Alternativen in der Stromversorgung unbedingt einigen musste, wurde noch während der Nachkriegswirren der Neunziger eine Aufteilung vereinbart: 60 Prozent des Stroms für Georgien, 40 Prozent gratis für Abchasien. Bis heute ein reines Gentlemen's Agreement über die Frontlinie hinweg, das nie schriftlich fixiert wurde.

Georgische Energieexperten sagen offen, dass Abchasien diese 40 Prozent noch vor zehn Jahren gar nicht ausgeschöpft hätte – wozu auch, bei 240.000 Einwohnern und desolater Nachkriegsindustrie. Erst ein sehr modernes Phänomen habe das geändert: In unzähligen Hinterhöfen und Neunziger-Jahre-Plattenbauten der abchasischen Städte und Dörfer surren seither illegal importierte Server-Farmen, um mit Gratisstrom Bitcoins aus den EU-sanierten Turbinen zu schürfen – und zwar so exzessiv, dass im Winter regelmäßig die Sicherungen durchschmoren.

Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Eine vertrauensbildende Maßnahme aus den Neunzigern, gedacht, um zwei zerstrittene Völker über gemeinsame Turbinenschrauben wieder zusammenzubringen – mündet drei Jahrzehnte später darin, dass das Vertrauen zwar nie zurückkam, dafür aber anonyme Bitcoin-Miner in Abchasien kostenlos Strom aus einer EU-sanierten Sowjetanlage abzweigen. Gut gemeint ist eben doch der kleine Bruder von komplett fehlgewirtschaftet.

Tunnelschlaf und der unsichtbare Elbrus

Nach dem Staumauer-Abstecher geht es weiter bergauf. Weiter oben werde ich immer wieder mit fantastischen Ausblicken auf das türkisgrüne Wasser des Stausees belohnt.

Die Straße schlängelt sich höher. Am Wegesrand taucht rechts ein kleiner, viereckiger Metallunterstand auf – sieht aus wie eine Miniatur-Kapelle für Fernfahrer. Vielleicht die letzte Gelegenheit, bei den lokalen Schutzpatronen eine kleine Kerze oder ein paar Münzen für die unfallfreie Weiterfahrt zu opfern.

 

 

Den im Reiseführer großspurig angekündigten Bergwasserfall im Tunnel finde ich zwar nicht, dafür aber eine andere georgische Straßenrealität: Ein Lkw liegt auf der gesamten Fahrbahnlänge entspannt auf der Seite. Passiert halt.

 

Die Strecke ist zwar weitgehend asphaltiert, aber von einem harmonischen Fahrfluss kann keine Rede sein. Permanent fahre ich über Hangabschnitte, in denen die Straße ganz oder teilweise ins Tal abgerutscht ist. Über etliche Kilometer geht es deshalb durch desolate Baustellen-Rumpelpisten. Die Fahrbahn wandert stetig: links, rechts, hoch, runter.

Besondere Aufmerksamkeit erfordern die unbeleuchteten Tunnel. Hier gilt es nicht nur, riesigen Schlaglöchern auszuweichen, sondern vor allem auf die georgische Bergkuh zu achten. Die Viecher nutzen den kühlen, dunklen Asphalt im Tunnel nämlich mit der ihnen eigenen Gelassenheit als Schlafgemach und denken im Traum nicht daran, wegen eines herannahenden deutschen Wohnmobils auch nur mit dem Ohr zu wackeln.

 

Gedanklich bin ich unterwegs übrigens nur knapp 40 Kilometer Luftlinie vom Gipfel des Elbrus entfernt – mit seinen 5.642 Metern immerhin der höchste Berg des Kaukasus. Zu sehen kriege ich ihn selbstverständlich nicht. Erstens liegt die Spitze drüben auf russischem Staatsgebiet, zweitens schieben sich mächtige viertausender Bergketten davor, und drittens verläuft die Straße nach Mestia fast ausschließlich im Engurital. Mal auf Höhe des Flusses, mal irgendwo hoch im steilen Hang.

Gelegentlich erhascht man dabei Blicke auf wackelige Holzbrücken, die völlig angstfrei auf die andere Flussseite führen. Auf das europäische Auge wirken diese Konstruktionen aus Baumstämmen und Brettern zwar regelmäßig wie eine Einladung zum kaukasischen Roulette, doch dahinter steckt eine erstaunlich pragmatische Überlebenslogik.

Der Enguri ist schließlich kein gemütliches Bächlein, sondern ein unberechenbarer Gletscherfluss, der im Frühjahr bei der Schneeschmelze gewaltige Wassermassen und tonnenschweres Geröll durch die Schlucht walzt. Eine starre Steinbrücke mit Zwischenpfeilern hat diesem Druck schlicht nichts entgegenzusetzen; sie würde an den Fundamenten unterspült oder vom treibenden Geschiebe zertrümmert.

 

Das Holz hingegen gibt dem tosenden Wasserdruck ein Stück weit nach. Wird eine Konstruktion bei extremem Hochwasser doch einmal weggeschwemmt, ist der Schaden überschaubar. Das Baumaterial wächst direkt vor der Haustür an den steilen Hängen. Die Dörfler zimmern eine solche Überquerung in wenigen Tagen eigenhändig neu zusammen – ganz ohne auf schwere Maschinen, Zementmischer oder staatliche Mittel zu warten. Dabei folgt die Bauweise uralten Methoden. Für die lokalen Bauern und ihre Rinder sind diese brüchig wirkenden Stege seit Generationen die verlässliche Lebensader zu den Gehöften auf der anderen Flussseite – spartanisch, aber funktional.

Höhenluft und Dieselsorgen in Mestia

Kurz vor dem Ziel, im Örtchen Lenjeri, tauchen sie schließlich auf: die ersten berühmten swanetischen Wehrtürme. Fotostopp.

 

Wenig später rolle ich hinein nach Mestia, der Hauptstadt Swanetiens. Nach all den verschlafenen Nestern im Tal hatte ich hier eigentlich eine Bergssiedlung erwartet. Stattdessen präsentiert sich Mestia als quirliges Regionalzentrum mit erstaunlicher Infrastruktur und einer gehörigen Portion Bergtourismus.

Allerdings hat die Anfahrt ihren Tribut gefordert. Die permanente Schaukelei, die endlosen Steigungen im zweiten Gang und das ständige Abbremsen an den Baustellen haben kräftig am Dieselvorrat gezehrt. Für die paar Gebirgskilometer hat sich mein  allradgetriebener »Mr.Nero« in der dünnen Höhenluft mal eben knapp den halben Tankinhalt reingeschlürft.

Eine kurze Kopfrechnung zeigt: Der verbliebene Restsprit wird wohl nur knapp reichen, um nach der Tour über den Zagari-Pass flüssig bis nach Lentechi oder Kutaisi durchzukommen. Ich muss also hier oben vorsichtshalber nachfüttern.

Eine Tankstelle der vertrauten Gulf-Kette gibt es hier zwar nicht, dafür aber eine Socar-Station. Die vertreibt unter dem klangvollen Namen „Socar Nano Diesel“ immerhin einen Euro-5-Kraftstoff mit geringem Schwefelgehalt. Ein flaues Gefühl im Magen bleibt bei solchen kaukasischen Kraftstoff-Versprechen natürlich immer. Aber es hilft ja nichts: Entweder der Saft taugt was, oder mein Dieselpartikelfilter meldet sich demnächst im Hochgebirge mit dem Notlaufprogramm ab. Schaun mer mal.

Feierabend auf dem Logenplatz

Um die Treibstoff-Frage kümmere ich mich morgen. Jetzt zählt erst einmal ein vernünftiger Stellplatz.

Den finde ich schließlich auf einem kleinen Parkgelände direkt gegenüber der örtlichen Polizeistation. Nicht etwa, weil man hier oben in den Bergen ohne Polizeischutz um sein Hab und Gut fürchten müsste – ganz im Gegenteil. Wenn Georgien eines nachhaltig unter Beweis stellt, dann ist es eine Kriminalitätsrate, bei der sich jede deutsche Stadt eine Scheibe abschneiden kann.

Egal ob auf einsamen Pässen zwischen Schafhirten, tief in der Provinz bei der Landbevölkerung oder mitten im städtischen Gewusel: Man wird überall mit einer Herzlichkeit und Selbstverständlichkeit aufgenommen, die beschämend gastfreundlich ist. Sicherheitsbedenken im Wohnmobil? Vollkommen fehl am Platz.

Dass »Mr.Nero« nun ausgerechnet im Blickfeld der Ordnungshüter steht, ist also reine Bequemlichkeit und dem Logenplatz geschuldet.

Von der stundenlangen Slalomfahrt um Schlaglöcher und Baustellen bin ich inzwischen ziemlich platt. Zeit für mein bewährtes Ensemble im Café. Das Café Leila, nur ein paar Meter von meinem Stellplatz entfernt, erweist sich als Glücksgriff: Feiner Kaffee mit direktem Blick auf den imposanten Hausberg, den Banguriani (3838m).

Der frühe Abend ist zwar noch sonnig, aber hier oben auf knapp 1.600 Metern Höhe spürt man bereits deutlich, was die Nacht bringen wird. Das sind ganz andere Temperaturen als unten in der feuchten Hitze Mingreliens. Ich ziehe die Jacke etwas fester zu und genieße einen letzten Lungo, bevor ich mich wieder in den Camper zurückziehe.

Zwischen den Momenten

Der Einhandsegler des Asphalts 

Die Inflation des Abenteuers

​Schlägt man heutzutage ein beliebiges Reisemagazin auf, wird man von einem Begriff geradezu erschlagen: Abenteuer. Da wird der dreitägige All-Inclusive-Trip nach Mallorca zum „Insel-Abenteuer“ hochgejubelt, und das fehlerfreie Überqueren einer asphaltierten Passstraße im klimatisierten SUV gilt bereits als heroische Expedition. Kein Wunder, dass sich manche Zeitgenossen in ihrer komplett durchoptimierten, atmungsaktiven dreilagigen Gore-Tex-Funktionsjacke schon auf dem samstäglichen Weg zum Brötchenholen wie Roald Amundsen auf dem Weg zum Südpol fühlen.

​Machen wir uns doch bitte nicht lächerlich.

Das Wort „Abenteuer“ geht im Kern auf das lateinische advenire zurück – und das bedeutet schlicht: ankommen. Die lateinische Ursprungsform adventura bezeichnete noch ganz unaufgeregt jene Dinge, die da auf einen zukommen werden. Erst im Mittelalter formten die Franzosen daraus das Wort aventure – und damit hielt das eigentliche Wagnis Einzug in die Vokabel. Der mutige Schritt ins Ungewisse, bei dem man sich trotz unvorhersehbarer Risiken bewusst auf eine unsichere Situation einlässt, immer mit der Hoffnung auf einen positiven Ausgang.

Wer das verinnerlicht, sieht das moderne Marketing-Geschwurbel mit ganz anderen Augen: Plötzlich schrumpft das aufgeblasene Mega-Abenteuer, mit dem man uns heute jede belanglose Alltagsunterbrechung verkaufen will, zu einem erstaunlich mickrigen Häufchen Elend zusammen.

​Ich sitze hier in Mestia, trinke meinen Kaffee und stelle nüchtern fest: Dr. Livingstone wird wohl heute Abend nicht mehr auf einen Lungo vorbeikommen.

​Was ich hier in Georgien mache, ist kein modernes Abenteuer und natürlich erst recht kein Abenteuer im kolonialen Sinn. Es sind Erlebnisse, die ich hier habe. Nur einfach Erlebnisse.

​Ich fahre auf Straßen und besuche Orte, die Tausende vor mir auch schon gesehen haben. Die sind hier mit dem Flugzeug gelandet, mit dem Mietwagen unterwegs, pauschal oder individuell, durchoptimiert oder schlicht im Urlaubsmodus. Die Geografie ist längst vermessen, die Lost Places sind kartografiert, und die Sehenswürdigkeiten haben vor mir schon eine Million andere Handylinsen gesehen. Das Rad der Entdeckergeschichte drehe ich hier oben im Kaukasus ganz sicher nicht neu.

​Auch ich benutze den Begriff Abenteuer auf meiner Webseite. Und ich gebe es zu: Es ist vielleicht gleichfalls eine dieser übertriebenen Verwendungen eines Begriffs, der jedes Erlebnis direkt zum Abenteuer hochstilisiert.

​Aber, ich reise allein. Nicht, weil ich den einsamen Wolf im kaukasischen Unterholz mimen möchte. Nicht aus hipper Selbstdarstellung, sondern schlicht gezwungenermaßen, weil die Umstände des Lebens nun mal so sind, wie sie sind.

​Und genau hier beginnt, wenn man die nackte Wahrheit betrachtet, vielleicht doch ein kleines, stilles Abenteuer. Eine aventure, bei der man sich dem Unvorhergesehenen stellt.

​Wenn heute eine am Reißbrett durchgeplante Expedition mit modernster Logistik die Weltmeere kreuzt, teilt man sich die Nachtwache und die Verantwortung. Wenn aber ein Einhandsegler ganz allein die Leinen losmacht und sich der Einsamkeit des Ozeans stellt, dann spricht man völlig zu Recht von einer ganz anderen Nummer.

​Ein bisschen was vom Einhandsegler hat man auch als Soloreisender auf dem Asphalt. Da ist kein Co-Pilot, der im dichten Nebel auf der Schotterpiste mitsucht. Da ist niemand, mit dem man sich das genervte Kopfschütteln teilt, wenn die georgische Straßenführung mal wieder jegliche Logik vermissen lässt. Jede Entscheidung, jeder Reifenplatzer und jeder Fehler, aber auch jedes Staunen geht ungefiltert und exklusiv auf das eigene Konto. Man teilt den Raum nicht, man teilt die Eindrücke nicht – man muss sie einfach mit sich selbst ausmachen.

​Nein, ich entdecke keine unberührten Kontinente. Aber mit über 70 Jahren ganz allein im 3,9-Tonner über kaukasische Pisten zu rumpeln, hat zumindest einen handfesten Hauch von Einhandsegeln. Es ist das Wagnis, am Ende des Tages irgendwie anzukommen.

​Ob mir dieses ganz persönliche Abenteuer jenseits der Komfortzone am Ende des Tages immer schmeckt? Nun, das ist eine ganz andere Frage. Wenn abends die Schiebetür von »Mr.Nero« ins Schloss fällt, das Starlinksignal steht und die Stille der Berge heraufzieht, sitzt der Einhandsegler eben allein in seiner Kajüte. Manchmal feiert er die grenzenlose Freiheit – und manchmal fragt er sich schlicht, wo eigentlich verdammt noch mal die verdiente Nachtwache bleibt, die ihm das Ruder für ein paar Stunden abnimmt.

​Die Antwort darauf bleibt wohl irgendwo da draußen auf dem Asphalt auf der Strecke.

Morgenlicht, Roulette auf Beton und das kaukasische Matterhorn

Morgens um Punkt acht Uhr habe ich schon den ersten Morgenspaziergang durch den gesamten Ort hinter mir und stehe an der Flussbrücke über den Mestiachala. Wer die swanetischen Wehrtürme im Ortsteil Lanchvali im besten Licht ablichten will, muss früh raus – die Morgensonne meint es heute gut mit mir, der Himmel präsentiert sich schier wolkenlos.

Gute Bedingungen muss man nutzen. Also ab in Richtung Hetschwili-Aussichtspunkt und zur Sessellift-Talstation, um das Wahrzeichen der Region ins Visier zu nehmen: den majestätischen Ushba. Dieses doppelköpfige Felsmassiv gilt nicht umsonst als das „Matterhorn des Kaukasus“ – nur eben schlappe tausend Meter höher, ungleich steiler und mit einer Ausstrahlung, die jedem Alpinisten ehrfürchtigen Respekt einflößt.

Die Auffahrt zum Hetschwili ist allerdings eng und erfordert volle Konzentration. So volle Konzentration, dass ich den eigentlichen Aussichtspunkt glatt verpasse. Ich nehme im Vorbeirauschen lediglich zwei rustikale Hütten und einen Minibus auf einem winzigen Schotterstreifen wahr – und brettere stramm weiter bergauf.

Die Straße ist frisch betoniert und nur unwesentlich breiter als »Mr.Nero«. Das eigentliche Problem: Die Betonkante liegt am Rand gut 25 Zentimeter höher als der unbefestigte Randstreifen. Rutsche ich hier drüber oder versuche, in vermutlich 39 Zügen, auf der Fahrbahn zu wenden, ruiniere ich verlässlich die Reifenflanken. Also fahre ich zähneknirschend weiter steil bergauf. Wo es hingeht? Keine Ahnung. Ich habe in diesem Moment nur zwei bescheidene Wünsche: Erstens, dass mir absolut niemand entgegenkommt. Und zweitens, dass bald eine Wendemöglichkeit auftaucht.

Gefühlte sechs oder sieben Kilometer und etliche Schweißperlen später taucht tatsächlich eine Ausweichmöglichkeit  im Gelände auf. Ich gondele »Mr.Nero« millimetergenau ins Unwegsame – und exakt in diesem Zeitfenster schiebt sich natürlich ein entgegenkommendes Auto an mir vorbei. Punktlandung.

Zurück am Aussichtspunkt quetsche ich mich zwischen mehrere der allgegenwärtigen Delica-Allradbusse. Eine hölzernes Schaukelgestell mit dem hochtrabenden Namen „Schaukel in den Himmel” lädt dazu ein, das Panoramaerlebnis über dem Hochgebirgstal  von Mestia im Flying Swing zu erleben. Mir persönlich ist das Ganze aber schlicht zu überlaufen. Den Wimpernschlagmoment ohne einen der schaukelnden Touristen nutze ich für ein Foto.

Ich biege stattdessen bei Banya Papa's Qel ab und fahre hinauf zum Hatsvili Ski Resort. Im Sommer steht der Sessellift still, und außer ein paar tiefenentspannten, freilaufenden Pferden ist hier keine Seele unterwegs. Dafür ist das Panorama auf den Ushba und das Tal von Mestia schlichtweg umwerfend. Das Licht sitzt, die Perspektive stimmt – die Fotos gelingen nach eigenem Empfinden herausragend.

»Eigentlich« stehe ich hier gerade vor dem höchsten deutschen Berg!

​Dieser zackige, doppelgipfelige Koloss, der mit seinen 4.737 Metern schlicht als der schwierigste und schönste Berg des gesamten Kaukasus gilt, ist nämlich – zumindest auf dem Papier – deutsches Privateigentum.

​1903 marschierte eine deutsch-österreichische Expedition unter der Leitung von Willi Rickmer Rickmers aus Bremerhaven genau hierher, um den Südgipfel des Ushba zu bezwingen. Als bei der Tour zwei Bergsteiger schwer verunglückten, bewies eine junge Frau aus der Gruppe eiserne Nerven: Cenzi von Ficker rettete und versorgte die Verunglückten im Steilhang eigenhändig.

Der lokale Fürst Tatarchan Dadeschkeliáni war von dieser mutigen Rettungstat derart begeistert, dass er ihr ein Präsent überreichte. Kein blechernes Andenken, keine verstaubte Medaille. Sondern den Berg. Er übereignete ihr kurzerhand den gesamten Ushba – mit Siegel, Unterschrift und offizieller Schenkungsurkunde.

​Ob bei derart fürstlicher Großzügigkeit neben dem Rettungs-Enthusiasmus nicht doch auch ein wenig der feminine Charme der Dame eine Rolle spielte, bleibt historisch undiskutiert. Fakt ist: Die Urkunde liegt bis heute – über hundert Jahre später – brav gerahmt und katalogisiert im Museum des Deutschen Alpenvereins in München. Vollkommen wirkungslos, aber ordnungsgemäß archiviert.

​Ich stehe hier im Kaukasus also theoretisch vor bayrischem Grundbesitz. Praktisch will davon hier oben naturgemäß kein Mensch etwas wissen. Denn, der Ushba, das lehrt einen die hiesige Mythologie, gehört schon immer einer ganz anderen Dame: Dali, der heidnischen Göttin der Jagd, die seit jeher hoch in den Eiswänden über Wild und Alpinisten wacht.

​Wer ihre Regeln achtet, dem schenkt sie Jagdglück und freien Aufstieg. Wer gierig wird, dem zeigt sie gnadenlos, wer im Hochgebirge die Hausordnung bestimmt – der Ushba hat bekanntermaßen schon etlichen unvorsichtigen Gipfelstürmern das Leben gekostet.

​Ein kaukasischer Fürst mag den Berg vor über einem Jahrhundert zwar verschenkt haben. Die wahre Besitzerin residiert jedoch weiterhin oben zwischen den Eisgrat-Zacken und pfeift auf Urkunden aus München.

​Ich bleibe daher lieber hier unten im Tal, schieße meine Fotos – und behandle Dali sicherheitshalber als die einzig zuständige Gastgeberin.

Die Tresore der Geschichte und das Phänomen „Koshki“

Zurück in Mestia komme ich wieder an der Socar-Tankstelle vorbei. Augen zu, durchatmen und den Tank von »Mr.Nero« bis zum Anschlag voll laufen lassen. Der kaukasische „Nano Diesel“ muss nun zeigen, was er kann.

Nächste Station: Das Svaneti Museum für Geschichte und Ethnographie. Ein moderner, Architekturpreis-verdächtiger Bau, der einen unermesslichen Schatz beherbergt. Man muss wissen: Das unzugängliche Hochtal von Swanetien dient seit dem Mittelalter als der Tresor Georgiens. Wann immer unten im Flachland die Perser, Osmanen oder Mongolen wüteten, schickten die georgischen Könige ihre wertvollsten Staatsschätze, Heiligtümer und Schriften hinauf in die unbezwingbaren Berge.

Die ausgestellten Ikonen aus dem 10. bis 14. Jahrhundert – viele davon aus getriebenem Gold und Silber in einem völlig eigenständigen, swanetischen Stil – sind von atemberaubender Qualität. Ebenso die illuminierten Evangelien-Handschriften: Die Farben leuchten so frisch, als hätte der Mönch gestern erst den Pinsel aus der Hand gelegt.

Anschließend will ich wissen, wie die Menschen hier oben früher tatsächlich gelebt haben, und steuere das Margiani Museum an. Die swanetischen Wehrtürme – lokal Koshki genannt – aus dem 9. bis 12. Jahrhundert waren schließlich keine romantischen Aussichtsplattformen, sondern knallharte familiäre Festungen.

Wenn unten im Tal eine Blutfehde entbrannte oder der Nachbar schlecht gelaunt war, verbarrikadierte sich die gesamte Sippe mitsamt dem Vieh monatelang im Turm. Der Clou: Das Vieh heizte im Erdgeschoss durch seine Körperwärme den Wohnbereich im ersten Stock mit. Der einzige Zugang lag hoch oben im ersten Obergeschoss und wurde per Holzleiter nach innen gezogen. Eine mittelalterliche Festung mit integrierter Fußbodenheizung – genial!

Leider ist der Andrang beträchtlich. Ich frage mich, aus welchen Schluchten all diese Menschen plötzlich aufgetaucht sind – auf der gesamten Anfahrt von Zugdidi aus waren mir schließlich nur wenige Autos und ein einziger Kleinbus begegnet. Der nächste freie Einlass-Slot wird mir erst für den folgenden Nachmittag angeboten. Für mich ist das viel zu spät! Das Wetterfenster schließt sich: Noch zwei Tage Sonne, danach droht Dauerregen und dichte Wolken. Da ich auch in Uschguli noch einen Tag verbringen und den legendären Zagari-Pass keinesfalls im Nebel-Chaos überqueren will, verzichte ich schweren Herzens auf die Innenbesichtigung.

Ich parke »Mr.Nero« wieder auf meinem bewährten Stammplatz gegenüber der Polizei und kehre erneut im Café Leila ein. Ein scharfes Ostri steht auf dem Plan. Dieses georgische Rindergulasch ist eine geschmackliche Offenbarung: Das Geheimnis liegt in der feurigen Kombination aus frischem Koriander, Schabzigerklee (Trigonella), blauem Bockshornklee und einer ordentlichen Dosis Ajika-Gewürzpaste. Das Fleisch schmilzt auf der Zunge, die Schärfe wärmt von innen – eine absolut gelungene Stärkung für den kühlen Abend.

Die Piste nach Uschguli und der Schock im Café Nita

Der Morgen in Mestia meint es gut mit mir: Die Sonne lacht schon wieder, keine Wolken am Himmel und »Mr.Nero« ist startklar. Vor mir liegt die legendäre Piste hinauf nach Uschguli – jenem abgeschiedenen Nest auf 2.200 Metern Höhe, das als höchstes dauerhaft bewohntes Dorf Europas gilt.

Wer diese Strecke unter die Räder nimmt, rüstet sich selbstverständlich für das ultimative Kaukasus-Abenteuer. Ich starte den Motor, rücke die Dashcam zurecht, atme noch einmal tief durch – und mache mich auf den Weg.

Die Kunst der digitalen Leere

Wie ich das Highlight der Reise ins Nichts filmte

​Eigentlich ist es ein kleines Desaster. Andererseits ist es genau die Sorte menschlicher Fehler, die einem verlässlich auch zu Hause unterläuft – warum also sollte der Urlaub davon verschont bleiben? Shit happens!

Und trotzdem nagt es gewaltig an meinem Ego, denn im Gegensatz zu einer falschen Abzweigung lässt sich dieser überaus ärgerliche Fauxpas im Nachhinein durch nichts mehr reparieren.

​Was ist passiert?

​Nun, als gewissenhafter Fernreisender von heute überlasse ich natürlich nichts dem Zufall. Meine gesamte Fahrstrecke wird permanent über eine Front- und Heckkamera aufgezeichnet. Das System erfordert lediglich eine minimale, aber entscheidende Disziplin: Man muss die SD-Speicherkarten regelmäßig wechseln und die Daten auf externe Festplatten sichern. Tut man das nicht, macht die Kamera exakt das, wofür sie programmiert wurde: Sie überschreibt die alten Aufnahmen im unbarmherzigen Kreisbetrieb einfach selbst. Ein kinderleichtes Prinzip. Für jeden, der das Timing im Griff hat.

​Aufgrund einschlägiger Berichte im Netz hatte ich durchaus ein klein wenig Respekt vor der Piste von Mestia hinauf nach Uschguli. Dass diese Etappe filmisch für die Nachwelt und meinen digitalen Reisebericht konserviert werden musste, verstand sich daher von selbst. Ich war mir am Morgen zu einhundert Prozent sicher – mehr noch: zutiefst von mir selbst überzeugt! –, die Karte rechtzeitig gewechselt zu haben, um die Fahrt danach sicher auf die Festplatte zu übertragen.

​Nun, wie sich später herausstellte: Ich habe den rechtzeitigen Kartentausch schlichtweg verpennt. Das ist mir während des gesamten Roadtrips genau einmal passiert. Aber natürlich ausgerechnet hier.

​Die Fahrt selbst erwies sich im Nachhinein zwar als nicht annähernd so drastisch wie im Internet berichtet, aber ein knapper Kilometer war schlichtweg spektakulär. Abgerutschte Steilhänge, gewaltige Bodenwellen, spontane Wasserdurchfahrten und eine Piste, die den Namen „Straße“ nur noch aus reinem Mitleid trug. Während »Mr.Nero« souverän durch das Kaukasus-Gelände stampfte, rieb ich mir im Geiste bereits freudig die Hände: „Was für ein Bildmaterial! Das macht sich bestimmt toll im nächsten Beitrag!“

​Später im Camper folgte schließlich die Stunde der Wahrheit. Ich nahm die Karte heraus, schob sie in den Laptop und durchforstete die Ordner.

​Ergebnis: Nichts. Beziehungsweise: Jede Menge Belangloses.

​Während ich stundenlang weiter durch die Landschaft schaukelte, lief die Kamera munter weiter. Als der Speicher voll war, tilgte die Kreislauf-Funktion eiskalt und ohne jede emotionale Regung genau jenen spektakulären Pistenabschnitt, um Platz für kilometerlange, stinknormale Straßenfahrten zu schaffen. Das System hat absolut perfekt funktioniert – nur eben ich nicht.

​Dafür platzen meine Festplatten nun aus allen Nähten vor „spektakulärem“ Bildmaterial: Ich habe stundenlange Aufnahmen von georgischen Anfahrtsetappen und überflüssigem Alltagskram im Fundus. Die komplette Monotonie ist lückenlos und in HD konserviert. Aber die wilde Piste nach Uschguli? Sie ist nun dem digitalen Kreisverkehr zum Opfer gefallen und existiert ausschließlich im flüchtigen Speicher meines Gedächtnisses.

​Man stellt sich in solchen Momenten unweigerlich die eine, große philosophische Frage: Wie blöd kann man eigentlich sein?

​Die Antwort fällt gewohnt trocken aus: Schön blöd!

 

Irgendwann erreiche ich Uschguli. Mein erster Stopp gilt dem Ortsteil Chazhashi mit seiner beachtlichen Dichte an historischen Wehrtürmen. Nach den ersten Fotostopps stelle ich das Wohnmobil ab und marschiere zu Fuß durch das doch etwas trostlose UNESCO-Weltkulturerbe.

Hier stehen über 20 originale Wehrtürme dicht an dicht zwischen lehmigen Gassen, frei laufenden Schweinen und bröckelndem Schiefergestein. Es riecht nach Holzfeuer und es stinkt nach Mist. Die Frage, ob ich hier im strengen Winter leben möchte, stelle ich mir gar nicht erst…

Anschließend kehre ich im Café Nita ein. Von hier genießt man einen fantastischen Panoramablick über die anderen Wehrtürme des Ortes, die kleine Kirche Lamaria und den im Hintergrund aufragenden, schneebedeckten Schchara-Gletscher.

Und warum quält man »Mr.Nero« sonst noch über die reifenmordenden Pisten des swanetischen Gebirges hinauf nach Uschguli – dem höchsten dauerhaft bewohnten Dorf Europas? Na, um herauszufinden, ob man selbst auf 2.200 Metern Höhe unter mittelalterlichen Wehrtürmen noch einen anständigen Lungo oder Americano serviert bekommt.

Die Antwort fällt ernüchternd aus: Man reicht mir mit einem freundlichen Lächeln ein Tasse mit heißem Wasser nebst einem Tütchen Nescafé Instant. Gefühlt: geschmolzenes Gletschereis mit Kaffeepulver-Schlamm. Sei's drum – die Aussicht entschädigt am Ende für fast alles.

 

Logenplatz unter dem Schchara-Massiv

Mit dem Camper fahre ich schließlich das letzte Stück hinauf zum Freigelände direkt hinter der Lamaria-Kirche.

Dieses kleine Gotteshaus aus dem 10. Jahrhundert ist ein faszinierendes Dokument kaukasischer Religionsgeschichte: Hier verschmelzen orthodoxer Glauben und uralte, heidnische Bräuche miteinander. Die Swanen verehrten an dieser Stelle ursprünglich die heidnische Schutzgöttin Lamaria (die Göttin der Fruchtbarkeit und des Herdes), bevor die orthodoxe Kirche das Heiligtum später einfach der Muttergottes widmete.

Im Inneren begegnen mir erstaunliche Malereien: Einst leuchtend bunt und überaus farbenfroh, haben ihnen die Jahrhunderte im feuchtkalten Gebirgsklima zwar zugesetzt, sodass sie hier und da schon ganz schön verblasst sind – doch sie erzählen immer noch eindrucksvoll von der rauen, ursprünglichen Gläubigkeit der alten Meister.

Offiziell firmiert das Gotteshaus heute zwar als Ushguli-Muttergottes-Kirche (Ushgulis Ghvtismshobeli). doch die Einheimischen nennen sie weiterhin Lamaria-Kirche. Man hat die heidnische Schutzgöttin der Fruchtbarkeit schlicht mit der Heiligen Maria fusioniert – kaukasischer Pragmatismus in Reinkultur: Warum sollte man eine bewährte Göttin auch einfach so ausmustern?

Ich bleibe auf dem Hochplateau stehen und richte »Mr.Nero« für die Nacht aus. Vor mir baut sich das gewaltige Massiv des Schchara auf – mit 5.201 Metern der höchste Berg Georgiens und eine schier undurchdringliche Wand aus Eis und Fels an der unmittelbaren Grenze zu Russland.

Die Schräglage des Campers ist spürbar, der Untergrund rustikal und die Temperaturen sinken hier rasch in den empfindlich kühlen Bereich.

Aber selbst hier oben, vor dieser stillen Hochgebirgskulisse, holt einen die Realsatire ein. Erst glaube ich, es läge am Sauerstoffmangel in der Höhenluft – doch eine nächtliche Recherche offenbart, wie im Kalten Krieg selbst in den entlegensten Schluchten des Kaukasus die Synapsen der Weltpolitik nicht im kollektiven Standby verharrten.

Der kaukasische Genosse Almasty

Während sich die Großmächte im Wettrüsten und bei Raumfahrt-Programmen gegenseitig die Stirn boten, entbrannte im Hintergrund ein kaum weniger verbissener Kampf an einer völlig unerwarteten Front: der kaukasischen Kryptozoologie.

Als der Neuseeländer Edmund Hillary 1953 den Mount Everest erstürmte und die westliche Regenbogenpresse daraufhin wochenlang über mögliche Fußabdrücke des Yeti im Himalaya schwadronierte, geriet man im Kreml gewaltig in Zugzwang. Dass der dekadente Westen plötzlich das Monopol auf haarige Fabelwesen im Hochgebirge beanspruchen wollte, war im Sinne des dialektischen Materialismus von Marx und Engels schlicht inakzeptabel. Die Antwort Moskaus folgte auf dem Fuß: Wenn der Kapitalismus seinen Yeti hat, hat der Sozialismus gefälligst seinen Almasty!

1954 gründete die ehrwürdige Akademie der Wissenschaften der UdSSR folgerichtig eine offizielle „Kommission zur Erforschung des Schneemenschen“. Es dürfte sich um die einzige staatlich finanzierte Behörde der Weltgeschichte handeln, deren ausschließlicher Daseinszweck darin bestand, mit vollem Beamtenapparat nach etwas zu suchen, das es gar nicht gibt.

Die Logik war bestechend: Der Almasty, so die offizielle Hypothese, sei das fehlende Bindeglied der Evolution, ein Relikt des Neandertalers – und wer, wenn nicht sowjetische Wissenschaftler, sollte diesen Genossen schlussendlich in den unwegsamen Schluchten des Kaukasus ausfindig machen und in den nächsten Fünfjahresplan integrieren?

Expeditionen wurden ausgerüstet. Geologen, Botaniker und Parteikader kämmten mit schwerem Gerät die Hochtäler Swanetiens durch. Die Ausbeute des staatlichen Forschungsauftrags fiel allerdings überschaubar aus: Ein paar ausgeblichene Bärenhaare, verwüstete Zeltlager und tiefste Ratlosigkeit bei den lokalen Schafhirten, die den hochgelehrten Herren aus Moskau nachhaltig zu erklären versuchten, dass der vermeintliche Almasty gestern Abend schlicht der besoffene Nachbar auf dem Heimweg vom wöchentlichen Trinkgelage war.

Bereits Ende 1958 zog Moskau genervt die Reißleine. Das Projekt wurde eilig als „bourgeoise Pseudowissenschaft“ geächtet und in einem Aufwasch mit Astrologie und Wünschelrutengehen auf dem Müllhaufen der Ideologie entsorgt. Die Wissenschaftler standen von heute auf morgen ohne Budget da – und der Almasty streift bis heute völlig unbehelligt von sowjetischer Bürokratie durch die Berge über Uschguli.

Ich schalte die Leselampe aus. Das Schöne am Kaukasus ist ja: Manche Legenden überleben sogar das Ableben derer, die sie per Parteitagsbeschluss zur Pseudowissenschaft erklären wollten. Gute Nacht, Genosse Almasty.

Zagaripass

Die wegasphaltierte Herausforderung

Diesmal überlasse ich rein gar nichts dem Zufall. Mit Akribie überprüfe ich, ob auch wirklich eine jungfräuliche SD-Karte im Schacht der Frontkamera steckt. Dann steht die Etappe über den berüchtigten Zagaripass nach Lentechi auf dem Programm.

Direkt am Beginn der Passstraße bremst mich allerdings ein massives Durchfahrt-Verboten-Schild abrupt ab. Sollte der Pass etwa immer noch gesperrt sein? Wir haben schließlich schon Mitte Juni! Das kann eigentlich nicht sein. Ich konsultiere vorsichtshalber die einschlägigen Online-Foren, doch von einer aktuellen Sperrung steht dort kein einziges Wort.

Nun gut. Als adaptierter Verkehrsteilnehmer in diesem Land habe ich inzwischen gelernt, georgische Verkehrsschilder eher als unverbindliche Handlungsempfehlungen zu interpretieren. Ich tue deshalb so, als hätte ich das Schild schlicht übersehen, und steuere »Mr.Nero« weiter bergauf – umdrehen kann ich im Zweifelsfall ja später immer noch.

Ganz koscher ist mir die Sache allerdings nicht. Die Straße präsentiert sich überraschend frisch betoniert, vorzüglich ausgebaut und stellenweise sogar mit ordentlichen Leitplanken garniert. Trotz strammer Steigung und reichlich Rillen und Fugen im Beton lässt sich die Trasse absolut gut befahren. Einziger Haken an der Idylle: Mir begegnet weit und breit kein einziges Auto.

Kilometer um Kilometer schrauben wir uns höher. Die Ausblicke in die tiefen Seitentäler sind atemberaubend, und vor mir baut sich schließlich das gewaltige Massiv des Ailama (4.547 m) auf. Der Eisriese thront unmittelbar auf der Grenze zwischen Oberswanetien und der russischen Republik Kabardino-Balkarien. Seine stark vergletscherten Oberhänge speisen die Quellbäche des Koruldashi-Flusses.

Je höher ich steige, desto mächtiger werden die Schneewände an den Fahrbahnrändern. Auf genau 2.620 Metern Höhe erreiche ich schließlich die Passhöhe. Das grüne Passschild suche ich allerdings vergebens – vermutlich liegt es unter dem Altschnee begraben. Nur einen Cairn, einen Steinmann, finde ich hier oben als Wegmarke. Nehmen wir mal an, dass der die Passhöhe markiert.

Die Sonne meint es vorerst noch gut mit mir, schickt aber bereits ein paar Vorboten: Am Horizont ziehen spürbar dichtere Wolkenfelder auf. Der Wetterbericht hatte es angedroht: Morgen schließt sich das Schönwetterfenster unwiderruflich und gibt die Bühne frei für dichte Wolken und kaukasischen Dauerregen.

Am Beginn der Koruldashi-Abfahrt entdecke ich schließlich eine Aussichtsstelle – und siehe da: Menschliches Leben! Ein Minibus parkt dort, umgeben von einer Handvoll knipsender Touristen. Ich parke »Mr.Nero« daneben und suche das Gespräch mit dem Minibusfahrer. Ein sympathischer, junger Georgier mit makellosem Oxford-Englisch – er hat jahrelang in Großbritannien gearbeitet.

Auf meine besorgte Frage nach der Reststrecke winkt er entspannt ab: Die Straßenbauarbeiten seien in der absoluten Endphase. Bis auf die üblichen unbefestigten Abschnitte, an denen gelegentlich Geröll oder kleine Erdrutsche auf die Fahrbahn bröckeln, sei die Piste ein absolutes Kinderspiel. Einzig im unteren Talbereich solle ich die Augen nach ständigem Steinschlag offenhalten.

Wir quatschen noch eine Weile über meine Soloreise und er erzählt schmunzelnd, dass er mit seinen Passagieren schon zum zweiten Mal auf den Pass hochgefahren ist. Beim ersten Versuch im Jahr zuvor hatte seine Kundschaft im dichten Nebel und Regen gar nichts von der Landschaft gesehen – bei dem heutigen Prachtwetter wollten sie das Panorama unbedingt noch einmal nachholen. Kann ich verstehen: Die Kulisse ist schlicht umwerfend, und die unbeschränkte Freiheit, hier völlig ungehindert durch das Hochgebirge zu kurven, entschädigt für jede Reisestrapaze.

Die anschließende Abfahrt hinunter in die Koruldashi-Schlucht verläuft problemlos. Gut ausgebaut, hier und da etwas Eis und Schnee rechts und links, ein paar kleinere Felsbrocken zum Slalomfahren  – und schon habe ich den Fluß erreicht.

Im ersten winzigen Gehöft Tsana treffe ich auf das eigentliche Talflusssystem. Schon nach wenigen Kilometern geht der Koruldashi hier in den Zhesko über, an dessen Ufern ich die Höhenmeter zügig vernichte. Von 2.600 Metern schraube ich mich kontinuierlich hinab auf fluffige 700 Meter. Unterwegs meistere ich ein paar behelfsmäßige Umleitungen rund um frische Geröllabgänge und komme dann an die Old Bridge, wo der Zhesko in den Tskhenistskali mündet.

Ich passiere ein paar verschlafene Kuhdörfer, in denen die Zeit im letzten Jahrhundert stehengeblieben zu sein scheint und nach einer letzten großen Pistenumgehung, bei der der reißende Tskhenistskali den alten Asphalt der Straße kurzerhand komplett weggefräst hat, erreiche ich schließlich Lentechi. Der Ort zählt etwas mehr als 900 Einwohner, wirkt auf mich nach der Einsamkeit der Berge aber bereits wie eine glitzernde Metropole.

Die Entzauberung einer Legende

»Mr.Nero« brummt unter mir spürbar beleidigt. Zwar geht es anschließend durch dicht bewaldete und hügelige Teilstrecken weiter hinab in Richtung Kutaissi, aber mein Camper scheint stumm zu fragen: „Das soll jetzt das legendäre Offroad-Abenteuer gewesen sein?“

Jahrzehntelang hat sich der Zagaripass seinen gefürchteten Ruf als letztes, unbarmherziges Abenteuer Swanetiens redlich verdient. Schlammorgien, faustgroße Felsen, steile Abhänge, dichtester Nebel und endlose Baustellen füllen die Foren. Und dann rückt ein georgischer Bautrupp an, gießt ein paar Tonnen Beton – und verwandelt die Schreckensstrecke von einst in eine Flaniermeile mit der Dynamik einer gepflegten Landstraße in der Eifel.

Die Reiseberichte im Netz hinken dieser Realität völlig ungerührt hinterher. Sie schwadronieren munter weiter vom „wilden, unbezwingbaren Kaukasus“, während der wilde Kaukasus längst eine saubere Fahrbahnmarkierung, eine Art Leitplanke und auch eine Mittellinie bekommen hat.

Eine typische Ironie, die dem gesamten Genre der sogenannten “Abenteuerreisen” innewohnt. Kaum ein Reiseblogger berichtet ehrlich davon, dass die eigentliche Herausforderung längst wegasphaltiert wurde. Schließlich verkauft sich die Schlagzeile „Anspruchsvolle Extrem-Offroad-Etappe an der Grenze der Befahrbarkeit“ auf Social Media um Längen besser als „Entspannte Kaffeefahrt auf frisch betoniertem Hochgebirgs-Asphalt“. Also wird der Mythos im Netz künstlich länger am Leben erhalten als die Schotterpiste, die ihn einst begründet hat.

Keine Frage: Die Tour über den Zagaripass bietet gigantische Panoramen, spektakuläre Fotomotive und ist jeden einzelnen Kilometer wert. Aber eine 4x4-Materialschlacht für Offroad-Freunde ist das definitiv nicht mehr. Schön ist es aber allemal – und wer Georgien bereist, muss diesen Pass auf jeden Fall gemacht haben. Unbedingt sogar!

Geographische Hütchenspiele, Knoblauch-Koma und der süße Abschied von Georgien

Für die nächsten 70 Kilometer am Tskhenistskali entlang – der sich hier unten stellenweise ganz schön breitmacht – benötige ich locker weit mehr als zwei Stunden. Die georgischen Bautrupps sind allgegenwärtig, die Straßenarbeiten ziehen sich zäh dahin. Anspruchsvoll ist das Ganze nicht, aber nach der stundenlangen Kurbelei über den Zagari durchaus ermüdend.

Am frühen Abend erreiche ich schließlich die Umgebung der Prometheus-Höhle beim Two Oaks Restaurant. Eine herrlich grüne Ecke, die mich mit spürbar wärmeren Temperaturen empfängt. Die Zivilisation hat mich wieder.

Die Tropfsteinhöhle schenke ich mir. Hunderte feuchtkalte Stufen tief in die Erde hinein und anschließend im Gänsemarsch wieder hinaufzukraxeln, ist für meine Knie im aktuellen Zustand eine glatte Kriegserklärung. Stattdessen wähle ich die orthopädisch wertvollere Variante: Ich kehre direkt im Two Oaks ein. Ein wunderbares Familienrestaurant mit hervorragender regionaler Küche. Gegen einen kleinen Obulus darf »Mr.Nero« auf dem Parkplatz über Nacht ankern.

Während ich auf das Essen warte, gehe ich in Gedanken noch einmal die hinter mir liegende Tour durch. Diese Landschaft im Hohen Kaukasus markiert schließlich eine faszinierende Bruchlinie der Geografie – was mich zwangsläufig zu einem kleinen gedanklichen Exkurs verleitet:

Das große kaukasische Grenzgänger-Hütchenspiel

Wo fängt Europa eigentlich an, und wo hört es auf? Bin ich tatsächlich am Elbrus (5.642 m) – dem wahren Dach Europas – vorbeigegondelt und habe gestern im höchstgelegenen Dorf unseres Kontinents, in Uschguli, genächtigt? Oder war das alles nur ein asiatischer Ausflug, während der höchste europäische Gipfel, der Mont Blanc, weiterhin ungerührt in den Savoyer Alpen steht?

Offenbar kommt es ganz darauf an, welchem Geografen man den Vorzug gibt. Folgt man der klassischen Strahlenberg-Grenze von 1730 – die die europäische Ostgrenze stramm entlang des Uralgebirges und der Kuma-Manytsch-Niederung nördlich des Kaukasus zieht –, gehört ganz Georgien eindeutig zum asiatischen Festland. Der Elbrus wäre demnach schlicht ein asiatischer Fünftausender, und das höchste Dorf Europas läge weiterhin unspektakulär in den Schweizer Alpen.

Glaubt man hingegen den moderneren Geografen von heute, gehört Oberswanetien entlang des Kaukasushauptkamms jedoch auf einmal felsenfest zu Europa. Und fragt man die Georgier selbst, verorten sie den Rest ihres Landes aus politischen und touristischen Gründen am liebsten gleich komplett auf unserem Kontinent – einfach, weil es charmanter ist.

Man muss diese geografische Flexibilität einfach lieben: Es hat schließlich etwas ungemein Erfrischendes, wenn man je nach Tagesform entscheiden kann, auf welchem Kontinent man gerade seinen Lungo schlürft. Europa ist hier kein starres Gebilde, sondern anscheinend ein elastischer Begriff.

Ein Abschied mit Duftnote

Auf dem Teller vor mir wird derweil ein klassisches georgisches Schkmeruli aufgetischt: Zart angebratenes Hähnchen, ertränkt in einer schier exzessiven, cremig-feurigen Knoblauchbrühe. Eine kulinarische Offenbarung!

Ausnahmsweise bin ich in diesem Moment zutiefst froh, solo unterwegs zu sein. Die knoblauchgeschwängerten Ausdünstungen, die mit mir zurück in die Kajüte wandern, hätten ansonsten verlässlich zu diplomatischen Verwerfungen geführt. So aber duftet »Mr.Nero« im Inneren zwar wie ein kaukasisches Vampir-Abwehrbollwerk, aber der Schlaf ist tief und ungestört.

Am nächsten Tag geht es entspannt hinab nach Kutaissi und auf die mittlerweile bestens vertraute Autobahn zurück gen Osten. In Mzcheta lege ich den letzten Stopp auf georgischem Boden ein.

Gegenüber der Kathedrale kehre ich noch einmal in mein vertrautes Café ein. Bei einem vortrefflichen Stück Schokoladenkuchen, kombiniert mit meinem unverzichtbaren „Ensemble“ aus Kaffee und Wasser, genieße ich den sonnigen Spätnachmittag. Georgien hat geliefert – mit hohen Pässen, archaischer und neuzeitlicher Kultur, praller Geschichte und einer gehörigen Portion Realsatire.

Morgen geht es an Tiflis vorbei nach Süden Richtung Sadachlo – der Grenzübergang nach Armenien wartet!