Südkaukasien 2026

Kurs Ost

Warum jetzt ausgerechnet ein Roadtrip in Richtung Südkaukasien?

Okay, Istanbul als Reiseziel – geschenkt. Das versteht ja noch jeder, schließlich ist die Stadt bekanntermaßen ein historisches Schwergewicht. Aber warum dann weiter? Warum die Schwarzmeerküste? Georgien? Armenien oder das tiefe Ostanatolien?

Eine logische Begründung, die mit dem typischen „weil ...“ beginnt, kann ich darauf gar nicht geben. Es war eher ein schleichender Prozess, bei dem meine Neugier immer mehr Fahrt aufnahm – die Neugier darauf, im Osten vielleicht noch etwas Neues oder Unverbrauchtes zu finden.

In Westeuropa habe ich bei meinen Reisen oft das Gefühl, nur noch durch ein bereits fertig fotografiertes Fotoalbum zu gleiten. Ostwärts erhoffe ich mir schlichtweg Landschaften und Begegnungen, die noch keine Gebrauchsanweisung haben. Mich reizt geradezu die Frage, was passiert, wenn die Navigationsgeräte mal so richtig schön nervös werden und die Offline-Karten mangels Netzverbindung wieder an Bedeutung gewinnen.

Am Ende stand mein Entschluss fest: Ich fahre da jetzt einfach mal hin!

Von Kaukasus-Trauben und den steinernen Wächtern am Nimrud Dağı

Klar, Georgien lockt mit dem Kaukasus und Kachetien – dort, wo man angeblich den Ursprung allen Weines finden kann. Auch wenn ich dort vermutlich der einzige Gast sein werde, der die Trauben lieber in ihrer festen, unvergorenen Erscheinungsform genießt. Aber wer hat schon das tiefe Blau des Sewansees mit eigenen Augen gesehen oder die eigentümliche Schönheit von Eriwan und dem Kloster Chor Virap gespürt?

Der Ararat ist eine Ikone, die manch einer vielleicht nur vom Etikett einer Brandy-Flasche kennt. Aber vor dem echten Riesen zu stehen, ist noch eine ganz andere Hausnummer. Und dann sind da Orte wie der Vansee oder die monumentale Einsamkeit des Nimrud Dağı, wo die Götterstatuen seit Jahrtausenden den Horizont bewachen.

Es sind aber nicht nur diese Highlights, die mich dorthin locken. Vor allem geht es mir darum, die Lücken zwischen den bekannten Namen zu füllen. Ich möchte herausfinden, was passiert, wenn die touristische Infrastruktur leiser und die Gastfreundschaft dafür umso lauter wird.

Die Karte und das Ungewisse

Wie aber sieht mein Plan jetzt aus? Am Anfang steht immer eine Idee, und die endet bei einem Roadtrip zwangsläufig mit einer Skizze auf einer Karte:

Jetzt werdet ihr euch fragen: Aha, zurück will er also nicht mehr? Doch, will ich schon, aber wie die Tour nach dem Nimrud Dağı in der Türkei für die Rückfahrt weitergeht, weiß ich derzeit noch nicht genau.

Dafür gibt es verschiedene Optionen: an der türkischen Mittelmeerküste vorbei oder auf kürzestem Weg zurück über die Dardanellen, um noch etwas Griechenland dranzuhängen.

Mal sehen, welche technischen und körperlichen Fähigkeiten »Mr.Nero« und ich zum Ende der Tour überhaupt noch haben....

Weltfrieden oder Bodensee?

Und ja, ich habe nicht übersehen, dass es gerade jetzt einmal mehr eine kriegerische Auseinandersetzung am Arabischen Golf gibt, die möglicherweise auch meine Reiseländer tangiert. Die Route führt nahe an der iranischen Grenze vorbei und die Ausgrabungsstätte Göbekli Tepe liegt auch nur unweit der syrischen Grenze. Da werde ich natürlich während der Reise ganz genau beobachten, wie sich die sicherheitspolitische Lage entwickelt.

Aber auch im letzten Jahr, bei der Reise nach Marokko und in die Westsahara, gab es offizielle Reisewarnungen. Einerseits wegen der ständigen Grenzstreitigkeiten mit Algerien, andererseits wegen der Spannungen in der Westsahara, wo die Sahrauis den marokkanischen Behörden immer mal wieder mit Waffengewalt deutlich klarmachen, dass sie mit der Gesamtsituation nicht einverstanden sind.

Nein, ich ignoriere das nicht. Ich bin auch nicht blauäugig, und ich habe auch keinen Hang zum Extremtourismus. Aber ich bin jetzt 70plus. Mir laufen die Restjahre langsam weg. Wenn ich auf den Weltfrieden warte, komme ich sehr wahrscheinlich nur noch bis zum Bodensee. Gut, da ist es auch schön, keine Frage – aber der Ararat sieht auf den Fotos einfach nach deutlich mehr Abenteuer aus! Ich werde natürlich wie immer versuchen, Risiken zu minimieren. Der Rest ist eben Fatum – oder Kismet, wie meine türkischen Freunde sagen würden.

Genug der Vorrede. Wer mit 70plus zu einer solchen Reise aufbricht, weiß in der Regel sehr genau, wie man Socken rollt, den Wassertank keimfrei hält und welcher Papierkrieg an den Grenzen zu erwarten ist. Sollte jemand in meinem Alter Ähnliches planen, gehört er sicher nicht zur Fraktion der ahnungslosen Zeitgenossen. Es bedarf daher von mir keine Anleitung für das Leben ‚on the road‘ – und ich maße mir auch nicht an, eine zu schreiben.

Der lange Anlauf zum Bosporus

Das Duell in der Auffahrt

Wo die Theorie der Praxis begegnet und sich beide erst einmal verständnislos anstarren

Da stehe ich nun. Gleich geht es los, und plötzlich schleicht er sich wieder mal hinterrücks an, dieser altbekannte, leicht klebrige Satz: „Angst vor der eigenen Courage“. Ein Spruch wie ein alter Kaugummi, der einem genau dann am Schuh klebt, wenn man eigentlich den großen Schritt in Richtung einer „Grand Tour“ machen will.

Ich betrachte »Mr.Nero« und frage mich: Haben wir beide eigentlich noch alle Tassen im Schrank? 15.000 Kilometer. Alleine. In Gebiete, deren Namen die nette Dame von der Google-Maps-Navigation wahrscheinlich nur unter Protest ausspricht. Ich stehe da, die Hände in den Taschen, und starre das Blech an, als würde ich darauf warten, dass das Wohnmobil mir vernünftige Argumente liefert, doch lieber zu Hause zu bleiben. Der Garten müsste schließlich auch mal wieder gemacht werden, und wenn schon fahren, dann vielleicht doch nur bis zum Bodensee. Da soll der Kaffee ja auch ganz passabel sein.

Das ist die Phase, in der man sich selbst dabei ertappt, wie man die Checklisten zum zehnten Mal im Kopf durchgeht, nur um den Moment hinauszuzögern, in dem es kein Zurück mehr gibt. Es ist die Angst vor der eigenen Kühnheit – oder vielleicht auch nur die Furcht davor, dass man sich im Alter doch noch als hoffnungsloser Romantiker entpuppt, der dem Abenteuer hinterherjagt wie ein Teenager seiner ersten großen Liebe.

Aber dann kommt dieser eine Moment. Der Moment, in dem man das Grübeln als das entlarvt, was es ist: Zeitverschwendung.

Ich steige ein. Die Fahrertür fällt mit einem satten Geräusch ins Schloss. Ich setze mich in den Sitz, greife zum Zündschlüssel, und mit einem kurzen Dreh erwacht »Mr.Nero« mit seinem tiefen, dieseligen Grollen zum Leben. In dem Augenblick, in dem der Motor vibriert und die Nadeln im Cockpit ausschlagen, ist die Beklemmung weg. Ersetzt durch puren Fokus.

Das Kismet wartet nicht in der Auffahrt. Es wartet hinter der nächsten Grenze. Und während die Nachbarn wahrscheinlich noch darüber rätseln, ob das mutig oder schlichtweg verrückt ist, bin ich schon im zweiten Gang.

Die 300-Kilometer-Krise

Jetzt bin ich tatsächlich unterwegs. Ironischerweise beginnen die ersten Kilometer einer Langstrecke aber nicht mit einer heroischen Fanfare, sondern mit einer gewissen Zähigkeit. Man muss sich erst einmal wieder in die ständige Fahrerei „hineingrooven“. Gefühlt sitze ich noch beim zweiten Frühstück im heimischen Wohnzimmer, während ich am Steuer versuche, »Mr.Nero« davon zu überzeugen, dass wir es ernst meinen.

Regelmäßig nach den ersten dreihundert Kilometern ist es dann so weit. Wie bei allen meinen Reisen ertappe ich mich bei der Frage: „Ist es noch weit?“ Was für eine völlig absurde Frage. Die Restdistanz zum Kaukasus wird noch in fünfstelligen Zahlen gemessen, aber die infantile Ungeduld eines Dreijährigen im Körper eines Ruheständlers ist davon völlig unbeeindruckt. So ist das eben, wenn der Kopf dem Dieselmotor noch hinterherhinkt.

Doch dann, irgendwo zwischen Würzburg und Nürnberg, platzt der Knoten. Die Autobahn-Trance verschwindet, der Fahr-Rhythmus stellt sich ein und man hat den „Flow“ wiedergefunden. Pünktlich zum frühen Abend rolle ich in Vilshofen ein und parke »Mr.Nero« direkt an der Donau.

Am nächsten Morgen überquere ich die Grenze nach Österreich und versuche, mich dort von den Maut-Behörden nicht nach allen Regeln der Kunst ausrauben zu lassen.

Von Bananen-Normen und der Maut-Anarchie

​Mit einem 3,9-Tonner ist die Routenwahl nicht nur ein Ergebnis der schnellsten Route bei Google Maps, sondern eine durchaus strategische Entscheidung. In den Augen der europäischen Maut-Behörden mutiert man mit dem Überschreiten der magischen 3,5-Tonnen-Grenze vom harmlosen Urlauber zum schwerfälligen Opfer moderner Wegelagerer. Während die Light-Fraktion noch munter mit der digitalen Vignette wedelt, beginnt für mich das große „Boxen-Stopp-Sammelsurium“.
​Ob die Go-Box in Österreich oder die (natürlich inkompatible) Dars-Box in Slowenien – man leiht, kauft und registriert sich durch ein Dickicht aus Prepaid- und Postpaid-Dschungeln. Liebe EU, ihr regelt doch sonst alles! Dass eine Banane mindestens 14 cm lang und 27 mm dick zu sein hat, wisst ihr genau. Aber bei einer einheitlichen Maut-Lösung für den Kontinent herrscht kreative Anarchie. In Polen fungierte mein Smartphone als Mautbox; ohne ein Zweithandy samt Übersetzungs-App wäre ich dort als digitaler User vermutlich heute noch im E-Toll-Netz verschollen.
​Die Konsequenz? Ich ignoriere die Autobahn und tuckere jetzt gemütlich über die österreichischen und slowenischen Landstraßen. Da mein Ruhestand die teilweise Form eines Dauerurlaubs angenommen hat, spielt die Zeitkomponente hier ausnahmsweise mal keine Rolle.

​Dolce Vita ohne Gusto – Ein technischer K.o. auf 1.300 Metern

Irgendwo zwischen Dachstein und den Niederen Tauern, bei kaiserlichem Bergpanorama, dann der Schock: Die Lungo-Maschine kapituliert. Pumpenschaden. Totalschrott!
​Zwar habe ich für solche Fälle eine Reserve-Maschine an Bord (Redundanz ist alles!), aber während ich meinen Ersatz-Kaffee so schlürfe, meldet sich der alte Verwaltungsbeamte in mir: „Eine Maschine für die restlichen 14.000 Kilometer? Ohne Backup? Unverantwortlich!“ Der Beschluss war gefasst: Ersatz für den Ersatz muss her.
​Nach einer Stunde Telefon-Diplomatie mit einer wirklich freundlichen und hilfsbereiten Dame in der Wiener Zentrale eines großen Elektronik-Multis war das Ziel klar: Ein Shopping-Tempel in Graz hat das Objekt der Begierde vorrätig. Die Hürde? Mehrere Parkhaus-Zufahrten, alle mit Höhenbeschränkungen, die für »Mr.Nero« eine glatte Enteignung darstellen. Erst nach intensivem Studium von Satellitenbildern finde ich über verschlungene Umwege einen Platz am Rande des Konsum-Imperiums.
​Ergebnis der Operation: 180 Kilometer Umweg, vier Stunden Zeitverlust und eine nagelneue Maschine im Gepäck. Eigentlich wäre ich jetzt schon an der kroatischen Grenze. Aber was soll’s? Meine “Abenteuer” fangen eben nicht erst im Kaukasus an – sie lauern schon in der steirischen Provinz.

 

Bulgarische Blinker-Amputation

Wer glaubt, man könne in einer Asphalt-Hypnose bis zum Bosporus gleiten, hat die Rechnung ohne Murphy gemacht. Murphy ist der blinde Passagier, der immer dann zuschlägt, wenn die Landschaft gerade anfängt, schön zu werden. 50 Kilometer hinter Sofia passiert es: Der Blinker-Rhythmus auf der Fahrerseite beschleunigt sich auf nervöses Techno-Niveau. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich links ein Glühfaden aus Edisons Bastelladen in den Ruhestand verabschiedet hat.

​Nun könnte man sagen: In Istanbul blinkt ohnehin niemand. Dort ist der Blinker eher ein unverbindliches Diskussionsangebot als eine Richtungsanzeige. Aber der ordnungsliebende Beamte in mir möchte der Welt wenigstens höflich mitteilen, wohin die Reise gehen sollte, bevor das Chaos das Geschehen übernimmt.

Ist ja nur eine Kleinigkeit, denke ich mir. Die Sicherung ist es nicht – die vorderen Leuchten blühen ja noch in sattem Orange. Also: Ein Eingriff am offenen Rücklicht. Doch die Ingenieure meines Hochdach-Gefährten haben eine besondere Überraschung parat. Eine kleine Plastiknase weigert sich beharrlich, das Gehäuse freizugeben, blockiert durch das zusätzliche Türfederscharnier. Und natürlich: Das Scharnier ist mit Schrauben gesichert, für die ich ein Werkzeugset aus meinem heimischen Werkstattkeller benötige. Nicht, dass ich kein Werkzeug dabei hätte, aber ich kann Mr.Neros Nutzlast nicht nur ausschließlich für Werkzeug und Ersatzeilkram missbrauchen.

​Was macht der ambitionierte Reisende in der bulgarischen Pampa? Er greift zur Säge.

Während ich also mit der Präzision eines Metzgers die blockierende Plastiknase amputiere, tauchen plötzlich zwei bulgarische Polizisten neben mir auf. Ein Bild für die Götter: Ein deutscher Senior, der am helllichten Tag mit Säge und Zange sein eigenes Rücklicht verstümmelt. Ich erwartete mindestens eine umfassende Befragung zu meinen Absichten. Doch weit gefehlt. Die Herren in Uniform betrachten mein Werk, tauschen einen fachmännischen Blick aus und nicken mir wohlwollend zu.

​Wahrscheinlich denken sie sich „Wieder so ein typisch Deutscher, der optimiert sogar den Blinker mit der Säge“. Mit einem freundlichen Gruß marschieren sie weiter zum Parkplatzrestaurant. Ich beende derweil in Ruhe mein Werk und siehe da, der Blinker tickert wieder im beruhigenden Takt. Ich räume noch das chirurgische Besteck weg und gönne mir einen Versöhnungs-Lungo. Istanbul wird heute wohl nicht mehr fallen – Murphy hat mir ein paar Stunden geklaut, aber dafür habe ich jetzt ein Rücklicht mit innenliegendem Belüftungsschlitz.

Terminal-Gefühle

Gefangen im osmanischen Digital-Labyrinth

Ich hatte tatsächlich die Befürchtung, mir könnten auf der Hinfahrt die Geschichten ausgehen. Ein schwerer Irrtum. Der Grenzübertritt in die Türkei hat alles getoppt, was ich bisher an bürokratischer Kreativität erleben durfte. Wer den Film „Terminal“ mit Tom Hanks kennt, weiß, wie es sich anfühlt, zwischen den Welten zu stranden. Mein Schicksal war ähnlich, nur dass mein Gefängnis ein umzäuntes, hochgesichertes Grenzgelände war, aus dem es scheinbar kein Entrinnen gab.

Nachdem ich bereits anderthalb Stunden für die bulgarische Ausreise geopfert habe, empfängt mich die Türkei mit dem vollen Programm:

Passkontrolle? Check.

Fahrzeugpapiere? Check.

KFZ-Versicherung? Check.

Gepäckkontrolle? Check.

Doch dann der Ruf zur X-Ray-Scankontrolle. »Mr.Nero« wird quasi einer elektronischen Ganzkörperuntersuchung unterzogen, während ich draußen warte und mich frage, ob der Zoll auch die Anzahl meiner Lungo-Kapsel-Reserven zählt.

Aber, alles ist okay.

Super, denke ich und fahre wie angewiesen zum Ausgang, nur um mich dort mit großem Palaver wieder zurückweisen zu lassen: „Schalter 101 – Baggage Kontrolle!“ War die nicht schon längst gemacht und unbeanstandet geblieben??

 

Was folgt, ist eine logistische Meisterleistung des Wahnsinns. Eine ganze Schlange wartender Fahrzeuge muss zurücksetzen, damit ich entgegen jeder Fahrtrichtung wieder über das Gelände geistern kann. Ich interveniere und versuche von meiner Seite aus sachliche Gespräche mit zahllosen Beamten zu führen, die aber nur eines gemeinsam haben: die unnachahmliche Mischung aus Unhöflichkeit und herablassender Arroganz, gepaart mit Desinteresse und der Unfähigkeit, das Problem zu lösen. Weitere zwei Mal !!! werde ich zum Ausgang geschickt, nur um doch erneut wie ein falsch adressiertes Paket wieder zurückgeschickt zu werden. Dabei wird der Tonfall immer harscher. Und jedes Mal dürfen alle erneut in der Schlange hinter mir zurücksetzen, damit ich wieder den Geisterfahrer mimen kann.

Die Rettung kommt in Gestalt einer Beamtin, die nicht nur fließend Englisch spricht, sondern auch das tut, was ihre Kollegen offenbar für unmöglich halten: Sie benutzt ihren Verstand.

Nach einer Rücksprache mit den Überprüfungsstellen und irgendeinem Oberchef von irgendwas, ist das Rätsel endlich gelöst: Ein Systemfehler in der Software!?! Ein schlichtes „Sorry!“ muss als Entschädigung für dreieinhalb Stunden im bürokratischen Fegefeuer reichen.

Das Ergebnis dieses „Slow Travel“-Exzesses? Ich muss mich nachts über die türkische Autobahn Richtung Istanbul quälen – ein Unterfangen, das in keinem seriösen Reisehandbuch steht und das Adrenalin höher schießen lässt als jeder Kaukasus-Pass. Irgendwann endet der Tag eingekeilt zwischen gigantischen Lastern auf einem Rastplatz.

Ich bin mir sicher: In diesem Grenzabschnitt bin ich jetzt eine Legende. Entweder als der Mann, der das System besiegte, oder als der Deutsche, der beinahe zum dauerhaften Inventar vom Grenzgelände Kapikule wurde.

Ankunft Istanbul

Zwischen Schnappatmung und Sultan-Segen

Nach der Nacht in der Wagenburg – eingekeilt zwischen dröhnenden Dieseln und dem Duft der weiten Welt – geht es jetzt endlich nach Istanbul. Wer denkt, Marrakesch sei stressig, hat den Vormittagsverkehr am Bosporus noch nicht erlebt. Die Stadt rückt einem immer näher, der Verkehr wird dichter, und dann taucht er auf: der Yenikapi-Stellplatz. Oder das, was davon übrig ist.

Eigentlich hätte dort ein Areal für Wohnmobilisten sein sollen. Stattdessen: ein frisch asphaltierter Parkplatz einer Parkraum-Bewirtschaftungsfirma und eine Schranke. Bevor ich überhaupt etwas sagen kann, schießt ein Parkplatzwächter aus seinem Häuschen, als hätte man ihn mit Starkstrom aktiviert. Er gestikuliert so wild und brüllt so frenetisch auf mich und mein Auto ein, dass ich kurzzeitig vermute, sein Dealer habe ihm versehentlich schlechtes Zeugs verkauft. Ich verstehe zwar nichts, aber es ist eindeutig: Er will, dass ich verschwinde. Und weil ihm das nicht schnell genug geht, haut er mit der flachen Hand zur Unterstützung auch noch aufs Auto.

Der blinde Flug durch die Megacity

Das Problem: Ich stehe tatsächlich im Zugang zum Parkplatz. Das größere Problem: Ich muss rückwärts wieder auf die vierspurige Schnellstraße. In dieser Mischung aus Adrenalin und purer Verzweiflung vergesse ich das Wichtigste: mein Google-Maps-Navi auf ein neues Ziel einzustellen. Ohne digitale Führung durch Istanbul zu fahren, ist wie eine Blinddarm-Operation mit dem Löffel – mutig, aber selten von Erfolg gekrönt. Eine falsche Abzweigung, und »Mr.Nero« landet im Eurasia-Tunnel. Bei seiner Höhe hätte das einen unfreiwilligen und sofortigen Umbau zum Cabrio zur Folge.

Mit reinem Glück und einem zufälligen Turn-around über eine Brücke rette ich mich auf die Meerseite und parke dort zwischen den Einheimischen auf dem Ende einer Beschleunigungsspur.

Das Warten als Disziplin

Manchmal ist die gesamte Reiseplanung so stabil wie ein Kartenhaus im Durchzug. Meine gesamte Strategie für die Nachtruhe stützte sich auf den Yenikapi-Stellplatz, der noch zu Jahresbeginn von anderen Wohnmobilisten genutzt worden war. Jetzt brauche ich dringend eine möglichst zentrumsnahe Alternative. Da gibt es aber nur eine einsame, unbelegte Behauptung eines Nutzers im Netz: An der Sultan-Ahmet-Moschee könne man mit einem 6-m-Camper auch parken. Dabei solle man aber möglichst erst nach 20:00 Uhr dort auftauchen, sonst fände man auf dem kleinen Gelände keinen Platz. Für gewöhnlich versucht man, solche Aussagen durch zwei oder drei andere Quellen zu verifizieren. Aber wenn eine Alternative kilometerweit auswärts liegt, glaubt man eben das, was man glauben will, wenn der Parkdruck steigt.

Wer annimmt, Reisen bestünde nur aus Bewegung, hat noch nie versucht, Zeit bis Punkt 20:00 Uhr totzuschlagen. Es ist eine Phase der existenziellen Entschleunigung, die nichts mit Entspannung zu tun hat. Wenn man weiß, dass ein verfrühtes Auftauchen am Zielort taktisch unklug wäre, wird jede Minute zur Dehnungsprobe.

Ich sitze also da und kultiviere das Nichtstun. Man trinkt Lungo, flaniert durch den angrenzenden Park, schaut dem Meer beim Wellenmachen zu, während man eigentlich nur darauf wartet, endlich losfahren zu dürfen. Um 20:00 Uhr schlägt dann endlich die Stunde der Wahrheit: Entweder die Internet-Prophezeiung erfüllt sich, oder die Suche beginnt von vorn.

Polizei-Patrouillen und göttliche Parkgebühren

Die engen und steilen Gassen hoch zur Moschee sind für »Mr.Nero« zwar eine kleine Provokation, aber machbar. Und tatsächlich, der Parkplatz ist da. Aber der Wächter ist weg. In meiner unendlichen Weisheit parke ich direkt vor einer zweiten Schranke. Keine gute Idee.

Binnen Minuten bin ich von bewaffneten Polizeipatrouillen umzingelt. Man muss dazu sagen: Die Herren sind maximal präsent und maximal freundlich – sprechen aber nur Türkisch. Dank Google-Unterhaltungs-Übersetzer klären wir die Lage unmittelbar: Die zweite Einfahrt gehört zum Parkplatz der angrenzenden Polizeieinrichtung, die rund um die Uhr bewacht wird. Der Wächter sei nachts nie da. Sie aber wohl. Anscheinend verstehe der Wächter ihre Anwesenheit als kostenloses Sicherheits-Upgrade. Ich solle mir daher keine Gedanken machen und einfach vor die Parkplatzschranke fahren. Das Kennzeichen würde gescannt und dann könnte ich mir einen Platz aussuchen und morgen per App oder wie auch immer bezahlen.

Um 21:30 Uhr überlegt man nicht mehr, ob und wie man die türkische Parkraum-App ans Laufen bekommt – man fährt einfach rein. Und dann ist er auf einmal da: der „Wow-Effekt“.

Keine 80 Meter von mir entfernt glitzern die illuminierten Kuppeln der Sultan-Ahmet-Moschee im Abendlicht auf das Dach von »Mr.Nero« hinunter. Ein Anblick, der meinen doch leicht erhöhten Puls wieder beruhigt.

Am nächsten Morgen wollen mir die Polizisten den Aufenthalt sogar noch als „Geschenk der Stadt“ verkaufen – wenn ich jetzt wieder fahren würde, bevor der Parkwächter käme, meinen sie, wäre es doch umsonst …

Aber ich will ja bleiben und mir die Stadt ansehen. Gegen 10:00 Uhr erscheint dann auch der Wächter: ein freundlicher älterer Herr, der sich fast für die hohen Gebühren (40 Euro pro Tag!) entschuldigt. Wir schütteln Hände, fachsimpeln über das Leben und meine Reise, und ich weiß: Jetzt bin ich angekommen.

Vier Tage Logenplatz beim Sultan. Wer braucht schon Yenikapi, wenn er die Polizei als Nachtwache und die Minarette als Nachtlicht hat?