Südkaukasien 2026

Kurs Ost

Warum jetzt ausgerechnet ein Roadtrip in Richtung Südkaukasien?

Okay, Istanbul als Reiseziel – geschenkt. Das versteht ja noch jeder, schließlich ist die Stadt bekanntermaßen ein historisches Schwergewicht. Aber warum dann weiter? Warum die Schwarzmeerküste? Georgien? Armenien oder das tiefe Ostanatolien?

Eine logische Begründung, die mit dem typischen „weil ...“ beginnt, kann ich darauf gar nicht geben. Es war eher ein schleichender Prozess, bei dem meine Neugier immer mehr Fahrt aufnahm – die Neugier darauf, im Osten vielleicht noch etwas Neues oder Unverbrauchtes zu finden.

In Westeuropa habe ich bei meinen Reisen oft das Gefühl, nur noch durch ein bereits fertig fotografiertes Fotoalbum zu gleiten. Ostwärts erhoffe ich mir schlichtweg Landschaften und Begegnungen, die noch keine Gebrauchsanweisung haben. Mich reizt geradezu die Frage, was passiert, wenn die Navigationsgeräte mal so richtig schön nervös werden und die Offline-Karten mangels Netzverbindung wieder an Bedeutung gewinnen.

Am Ende stand mein Entschluss fest: Ich fahre da jetzt einfach mal hin!

Von Kaukasus-Trauben und den steinernen Wächtern am Nimrud Dağı

Klar, Georgien lockt mit dem Kaukasus und Kachetien – dort, wo man angeblich den Ursprung allen Weines finden kann. Auch wenn ich dort vermutlich der einzige Gast sein werde, der die Trauben lieber in ihrer festen, unvergorenen Erscheinungsform genießt. Aber wer hat schon das tiefe Blau des Sewansees mit eigenen Augen gesehen oder die eigentümliche Schönheit von Eriwan und dem Kloster Chor Virap gespürt?

Der Ararat ist eine Ikone, die manch einer vielleicht nur vom Etikett einer Brandy-Flasche kennt. Aber vor dem echten Riesen zu stehen, ist noch eine ganz andere Hausnummer. Und dann sind da Orte wie der Vansee oder die monumentale Einsamkeit des Nimrud Dağı, wo die Götterstatuen seit Jahrtausenden den Horizont bewachen.

Es sind aber nicht nur diese Highlights, die mich dorthin locken. Vor allem geht es mir darum, die Lücken zwischen den bekannten Namen zu füllen. Ich möchte herausfinden, was passiert, wenn die touristische Infrastruktur leiser und die Gastfreundschaft dafür umso lauter wird.

Die Karte und das Ungewisse

Wie aber sieht mein Plan jetzt aus? Am Anfang steht immer eine Idee, und die endet bei einem Roadtrip zwangsläufig mit einer Skizze auf einer Karte:

Jetzt werdet ihr euch fragen: Aha, zurück will er also nicht mehr? Doch, will ich schon, aber wie die Tour nach dem Nimrud Dağı in der Türkei für die Rückfahrt weitergeht, weiß ich derzeit noch nicht genau.

Dafür gibt es verschiedene Optionen: an der türkischen Mittelmeerküste vorbei oder auf kürzestem Weg zurück über die Dardanellen, um noch etwas Griechenland dranzuhängen.

Mal sehen, welche technischen und körperlichen Fähigkeiten »Mr.Nero« und ich zum Ende der Tour überhaupt noch haben....

Weltfrieden oder Bodensee?

Und ja, ich habe nicht übersehen, dass es gerade jetzt einmal mehr eine kriegerische Auseinandersetzung am Arabischen Golf gibt, die möglicherweise auch meine Reiseländer tangiert. Die Route führt nahe an der iranischen Grenze vorbei und die Ausgrabungsstätte Göbekli Tepe liegt auch nur unweit der syrischen Grenze. Da werde ich natürlich während der Reise ganz genau beobachten, wie sich die sicherheitspolitische Lage entwickelt.

Aber auch im letzten Jahr, bei der Reise nach Marokko und in die Westsahara, gab es offizielle Reisewarnungen. Einerseits wegen der ständigen Grenzstreitigkeiten mit Algerien, andererseits wegen der Spannungen in der Westsahara, wo die Sahrauis den marokkanischen Behörden immer mal wieder mit Waffengewalt deutlich klarmachen, dass sie mit der Gesamtsituation nicht einverstanden sind.

Nein, ich ignoriere das nicht. Ich bin auch nicht blauäugig, und ich habe auch keinen Hang zum Extremtourismus. Aber ich bin jetzt 70plus. Mir laufen die Restjahre langsam weg. Wenn ich auf den Weltfrieden warte, komme ich sehr wahrscheinlich nur noch bis zum Bodensee. Gut, da ist es auch schön, keine Frage – aber der Ararat sieht auf den Fotos einfach nach deutlich mehr Abenteuer aus! Ich werde natürlich wie immer versuchen, Risiken zu minimieren. Der Rest ist eben Fatum – oder Kismet, wie meine türkischen Freunde sagen würden.

Genug der Vorrede. Wer mit 70plus zu einer solchen Reise aufbricht, weiß in der Regel sehr genau, wie man Socken rollt, den Wassertank keimfrei hält und welcher Papierkrieg an den Grenzen zu erwarten ist. Sollte jemand in meinem Alter Ähnliches planen, gehört er sicher nicht zur Fraktion der ahnungslosen Zeitgenossen. Es bedarf daher von mir keine Anleitung für das Leben ‚on the road‘ – und ich maße mir auch nicht an, eine zu schreiben.

Der lange Anlauf zum Bosporus

Das Duell in der Auffahrt

Wo die Theorie der Praxis begegnet und sich beide erst einmal verständnislos anstarren

Da stehe ich nun. Gleich geht es los, und plötzlich schleicht er sich wieder mal hinterrücks an, dieser altbekannte, leicht klebrige Satz: „Angst vor der eigenen Courage“. Ein Spruch wie ein alter Kaugummi, der einem genau dann am Schuh klebt, wenn man eigentlich den großen Schritt in Richtung einer „Grand Tour“ machen will.

Ich betrachte »Mr.Nero« und frage mich: Haben wir beide eigentlich noch alle Tassen im Schrank? 15.000 Kilometer. Alleine. In Gebiete, deren Namen die nette Dame von der Google-Maps-Navigation wahrscheinlich nur unter Protest ausspricht. Ich stehe da, die Hände in den Taschen, und starre das Blech an, als würde ich darauf warten, dass das Wohnmobil mir vernünftige Argumente liefert, doch lieber zu Hause zu bleiben. Der Garten müsste schließlich auch mal wieder gemacht werden, und wenn schon fahren, dann vielleicht doch nur bis zum Bodensee. Da soll der Kaffee ja auch ganz passabel sein.

Das ist die Phase, in der man sich selbst dabei ertappt, wie man die Checklisten zum zehnten Mal im Kopf durchgeht, nur um den Moment hinauszuzögern, in dem es kein Zurück mehr gibt. Es ist die Angst vor der eigenen Kühnheit – oder vielleicht auch nur die Furcht davor, dass man sich im Alter doch noch als hoffnungsloser Romantiker entpuppt, der dem Abenteuer hinterherjagt wie ein Teenager seiner ersten großen Liebe.

Aber dann kommt dieser eine Moment. Der Moment, in dem man das Grübeln als das entlarvt, was es ist: Zeitverschwendung.

Ich steige ein. Die Fahrertür fällt mit einem satten Geräusch ins Schloss. Ich setze mich in den Sitz, greife zum Zündschlüssel, und mit einem kurzen Dreh erwacht »Mr.Nero« mit seinem tiefen, dieseligen Grollen zum Leben. In dem Augenblick, in dem der Motor vibriert und die Nadeln im Cockpit ausschlagen, ist die Beklemmung weg. Ersetzt durch puren Fokus.

Das Kismet wartet nicht in der Auffahrt. Es wartet hinter der nächsten Grenze. Und während die Nachbarn wahrscheinlich noch darüber rätseln, ob das mutig oder schlichtweg verrückt ist, bin ich schon im zweiten Gang. Die Reise beginnt nicht im Kopf, sie beginnt mit dem ersten Rollen der Reifen.