Von Istanbul nach Kutaissi in Georgien

Am Schwarzen Meer

Aufbruch im Grau: Wenn Istanbul weint und Jason ruft

​Man sagt, Istanbul sei die Stadt der Wünsche (Regaip Kandili). Mein Wunsch war heute Morgen schlicht: Trockenheit.

Doch die Stadt verabschiedet mich mit einem beharrlichen Regen. Da heute Feiertag ist, hält sich der Verkehr in der Frühe noch in Grenzen. Als ich aber über die dritte Bosporus-Brücke im Norden nach Asien in Richtung Schwarzes Meer fahre, fühlt es sich nicht mehr nur nach Aufbruch an, sondern fast schon nach so etwas wie einer Mission ins Ungewisse.

​Aber vielleicht war das bei Jason und seinen Kumpanen damals nicht anders. Wer verlässt schon gerne freiwillig die Zivilisation, um in ein Gebiet zu segeln, von dem man nur wusste, dass dort die Drachen besonders schlecht gelaunt sind?

Nein, ich habe mir entgegen meinen Gewohnheiten nichts reingezogen und ich fasele vor lauter Morgennebel auch nicht rum, denn hier, wo der Bosporus in das Schwarze Meer mündet, nehme ich die Spur auf zur ersten dokumentierten staatlichen Beschaffungskriminalität der Weltgeschichte, der Argonautensage.

Ja, ich meine die älteste Sage der griechischen Mythologie. Noch vor Troja und erst recht vor Odysseus und der Aeneas für die Römer.

Jetzt macht er auch noch den Märchenonkel wird der ein oder andere Leser denken, nein, es ist viel spannender.

Krimi-Stunde am Bosporus: Wer hat den Widder geklaut?

​Bevor ich mich gemeinsam mit »Mr.Nero« an der Schwarzmeerküste entlang hangele, muss ich an dieser Stelle unbedingt zuerst über den goldenen Widder sprechen, denn ich werde auf diesem Teil der Reise immer mal wieder über die „Argonauten“ stolpern, die genau wegen dieses Widders auch hier unterwegs waren. Argonauten, wer war das noch mal genau? Kurz gesagt: Eigentlich ein antikes griechisches Sondereinsatzkommando!

​Damit wir alle auf demselben Stand sind, hier zuerst die sortierten Elemente der Sage :

Das Tatobjekt: Ein fliegendes Schaf

​Alles begann mit einem goldenen, fliegenden Widder. Klingt nach einer Überdosis griechischem Wein, war aber damals quasi das ‚Air-Taxi‘ der Götter. Zwei Königskinder, Phrixos und Helle, sollten geopfert werden (Kinder aus 1. Ehe, familiäre Differenzen, man kennt das). Der Widder rettete sie und flog Richtung Osten. Helle fiel unterwegs ins Wasser (daher der Name Hellespont – heute die Dardanellen), aber der Junge landete sicher in Kolchis, dem heutigen Georgien.

​Das Objekt der Begierde: Das Goldene Vlies

​Dort angekommen, wurde der Widder – und das ist der weniger nette Teil der Geschichte – von Phrixos aus Dankbarkeit geopfert. Weil der dortige König ihn so nett aufgenommen hatte, schenkte Phrixos ihm das Fell, ab hier: das Goldene Vlies. Und weil das aus purem Gold war, nagelte der König es an die nächstbeste Eiche und ließ es von einem Drachen bewachen, der nie schlief und deshalb eine ziemlich schlechte Laune hatte. Dieses Fell war fortan das Statussymbol schlechthin.

​Der Kommando-Chef: Jason - ein Neffe mit Ambitionen

​Ein paar Generationen später taucht Jason auf. Er wollte unbedingt auf den Thron seines Onkels Pelias in Thessalien - also irgendwo in der Mitte von Griechenland. Der Onkel, nicht dumm, sagte: „Klar, kannst du haben. Aber beweise erst einmal, dass du auch wirklich ein toller Held bist und rette das Goldene Vlies und hole es mir aus Kolchis (Georgien) zurück”. Das war die antike Version von: „Geh mal kurz Zigaretten holen – und komm am besten nie wieder.“

Die Komplizen: Die Argonauten

​Jason schaltete eine Anzeige und suchte die „Besten der Besten“. Er baute die Argo, das schnellste Schiff seiner Zeit. Mit an Bord: 50 schon bekannte Heldentypen, darunter Herkules (der fürs Grobe) und ein Haufen anderer Halbgötter, die heute wahrscheinlich alle eine eigene Reality-Show hätten.

​Der rote Faden für meine Reise

​Diese ganze Truppe ruderte in Teil 2 der Sage genau die Strecke ab, die ich jetzt vorübergehend mit »Mr.Nero« auch fahre. Von Istanbul aus immer schön die Schwarzmeerküste lang bis nach Kutaissi (ehem. Hauptstadt von Kolchis) in Georgien.

Warum erzähle ich das?

Weil ich an vielen Ecken meiner Reise auf ihre Relikte, oder sagen wir besser auf ihr faktisches Erbe treffen werden.

Wie bitte trifft man denn auf das faktische Erbe einer Sage? Genau, das ist der Clou!

Projekt Gold-Schaf

Die Demontage des ältesten Mythos

Vergesst das heilige Artefakt und Jason als strahlenden Retter, der nachts loszieht, um ein hübsches Accessoire von einer Eiche zu pflücken. Die Wahrheit ist viel pragmatischer: Das SEK Argo war die erste historisch dokumentierte Truppe für Industriespionage und Rohstoffraub. Sie sollte im Auftrag griechischer Wirtschaftsinteressen prüfen, wie man sich die Ressourcen am Ende der Welt am besten für die eigenen Zwecke zu eigen machen kann (kommt das einem bekannt vor?).

Und das Goldene Vlies war auch kein magisches Fell. In den wilden Bergflüssen des Kaukasus wusch das Schmelzwasser seit Jahrtausenden feine Goldpartikel aus dem Gestein. Die Einheimischen da oben hatten aber keine Lust auf Sisyphusarbeit mit kleinen Sieben. Sie nutzten die Physik: Sie spannten die strubbeligen Felle von Hausschafen in die Flussbetten. Das schwere Gold verfing sich im dichten, fettigen Schaffell, während der wertlose Sand einfach weitergespült wurde. Am Ende musste man das Fell nur noch trocknen, ausklopfen – und hatte den puren Goldstaub. Das Fell war quasi der Ur-Filter der Goldindustrie. Wer das „Goldene Vlies“ besaß, hatte nichts anderes als das Know-how und die Beute eines sehr effizienten Bergbaus.

Ich folge also nicht den Spuren von Göttern, sondern dem ersten „Goldrausch-Trail“ der Menschheit. Ich fahre dort entlang, wo Jason und seine 50 Spezialisten rudernd gegen die Strömung kämpften, während ich heute bequem bei »Mr.Nero« aufs Gaspedal trete.

Über Şile, Amasra und Sinop geht es immer weiter in Richtung Georgien. Immer an der Küste entlang, die damals so gefährlich war, dass man sie sich nur mit Drachen und Monstern erklären konnte. Heute kämpfe ich eher mit teuren Prepaid-Verbindungen und dem Wunsch, bei diesem Wetter gute Stories und Fotos zu produzieren.

Zonguldak → Samsun

Sturmwarnung an der Küste 

Von schaukelnden Außenkais und hochprozentiger Gastfreundschaft

Şile - Alapli

​Wer auf dem Außenkai von Şile maritime Romantik sucht, erntet im Mai vor allem eines: Seegang an Land. Mein Plan war einfach: »Mr.Nero« strategisch günstig parken, den Blick auf die Stadt genießen und auf ein paar frisch gegrillte Sardinen aus dem naheliegenden Restaurant hoffen. Die Realität? Ein Regen, der die Windschutzscheibe flutet, und ein Wind, der die Chancen auf ein baldiges Fischessen im gleichen Maße schrumpfen lässt.

Gegen Mitternacht schlägt die Natur dann endgültig in den Seewetter-Modus um. Wenn ein Allrad-Camper anfängt, sich wie eine Schaukel auf der Kirmes aufzuführen, wechselt man auch als tiefenentspannter Reisender noch einmal den Stellplatz. Also: Umparken im Halbdunkel. Der nächste Morgen schenkt mir immerhin ein kurzes Zeitfenster für ein paar Fotos von Bucht, Burg und Leuchtturm, bevor das große Fliehen vor den Elementen weitergeht..

​Nächster Halt: Ağva Merkez. Auf der Suche nach einem windstillen Plätzchen werde ich zwar fündig, stelle aber fest: Hier hat die tiefste Vorsaison den Charme einer verlassenen Filmkulisse. Windstille ja, Leben nein. Trotzdem bleibe ich erst einmal.

​Am nächsten Tag geht es weiter nach Osten, der Sonne entgegen – oder zumindest dem Bereich hinterher, in dem das Grau am Himmel etwas heller scheint. Mittags erreiche ich Akçakoca. Ein Ort, den man städtebaulich wohl am besten als „kontrolliertes Chaos“ beschreibt. Der dortige Parkplatz entpuppt sich als logistisches Sperrgebiet. Zwischen Bäumen mit tief hängenden Ästen, tückischen Wurzeln und ungesunden Abhängen bin ich eine gefühlte Ewigkeit damit beschäftigt, »Mr.Nero« unbeschadet aus dieser automobilen Mausefalle wieder herauszuzirkeln. Millimeterarbeit für Fortgeschrittene!  Wer mich so begabt zum Bleiben überreden will, hat jedenfalls die Rechnung ohne die unbarmherzige Sturheit gemacht, die man in über 70 Jahren Lebenserfahrung so ansammelt. Hier nicht!

​Das Blatt wendet sich im kleinen Hafen von Alaplı. Der Regen hat ein Einsehen, und die lokalen Fischer nehmen mich mit der Freundlichkeit auf, die ich mir an dieser Küste genau so erhofft habe. Und dann betritt er die Bühne: der selbsternannte Hafenmeister.

​Ein Mann mit osteuropäischen Wurzeln und einem unendlichen Redebedürfnis. Er erklärt mir die Welt, seinen Werdegang und drückt mir schließlich sein Telefon in die Hand. Am anderen Ende: seine Ehefrau. Ein interkulturelles Ratespiel der Sonderklasse – sie versteht kein Wort Deutsch, ich kein Wort was auch immer -  so richtig türkisch hört sich das nicht an - aber das Protokoll verlangt natürlich Höflichkeit. Währenddessen amüsiert sich die restliche Fischer-Gemeinde im Hintergrund bereits köstlich.

​Der Grund für die allgemeine Heiterkeit offenbart sich im Laufe des Gesprächs immer deutlicher: Mein hochgradig beschwingter Gastgeber hat dem Alkohol nicht nur zugesprochen, er hat ihn quasi adoptiert. Er ist schlichtweg sternhagelvoll. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, eine Tüte frischer Sardinen anzuschleppen und mich zu einer spontanen Grillparty einzuladen.

​Nun bin ich ein großer Freund des echten Kontakts mit den Einheimischen, aber eine Koma-Party im Fischereihafen steht nicht auf meinem Reiseplan. Im Hintergrund vollführen derweil die nüchternen Angler bereits eine synchrones Kopfschütteln – ein stummes Signal an mich: Tu es nicht.

​Ich lehne also dankend ab. Als der Hafenmeister daraufhin vorschlägt, ich solle die Fische eben selbst in meiner Camper-Küche zubereiten (meine Angler im Hintergrund quittieren das mit erneutem Kopfschütteln), braucht es einiges an diplomatischem Geschick, um die Situation unbeschadet zu klären. Er zieht schließlich ab – glücklicherweise viel zu zugedröhnt, um beleidigt zu sein.

Argo Schiff

Das SEK Argo hätte an dieser Küste übrigens überhaupt keine Berührungsängste gehabt. Jason hatte für solche Fälle exzellent geschultes Fachpersonal an Bord. Dionysos, der Gott des Weines und der allgemeinen Desorientierung, hatte nämlich gleich zwei seiner Söhne mit aufs Boot geschickt: Staphylos (dessen Name übersetzt schlicht ‚Weintraube‘ bedeutet) und Phanos (‚Die Fackel‘ – vermutlich benannt nach dem Zustand des Gesichts am Morgen danach). Staphylos hätte meinen strammen Hafenmeister in Alaplı jedenfalls nicht mit Kopfschütteln bemitleidet, sondern ihn vermutlich direkt ehrenhalber in die göttliche Verwandtschaft aufgenommen.

​Die Nacht in Alaplı ist am Ende wunderbar ruhig. Am nächsten Morgen ist der amtlose Hafenmeister spurlos verschwunden, und die übrigen Fischer verabschieden mich mit einer Herzlichkeit, die den leicht fischigen Beigeschmack des Vorabends komplett wettmacht.

Nur das mit dem Wetter, das will noch nicht so recht funktionieren.

​Vom Schlund der Hölle zum akustischen Tsunami

Alapli - Amasra

Nach dem Abschied aus Alaplı nehme ich Kurs auf Ereğli. Mein Ziel: Die Cehennemağzı-Höhlen – laut griechischer Mythologie der offizielle Notausgang der Unterwelt. Ein gewisser Herkules soll hier ja den dreiköpfigen Höllenhund Kerberos ans Tageslicht gezerrt haben. Zur Zeit der Argo hat diese Geschichte allerdings noch gar nicht stattgefunden. Herkules hatte nämlich bereits vor Istanbul am Marmarameer abgemustert und die Argo-Crew verlassen, weil sein Diener Hylas einer akuten hormonellen Versuchung durch lokale Wassernymphen erlegen war und er ihn suchen musste. Während die Argo also ohne ihn weiter in Richtung Osten segelte, war Herkules anderweitig mythologisch ausgelastet – und das Drama mit dem Höllenhund schlichtweg eine ganz andere Baustelle, die erst viel später auf seinem Terminkalender stand.

​Als ich am Höhleneingang aufschlage – ich bin mal wieder früh unterwegs –, hat der Wärter gerade erst den Schlüssel im Schloss umgedreht. Die Festbeleuchtung in der Höhle hat offensichtlich noch keinen richtigen Kontakt zur Stromversorgung gefunden; nur ein paar vereinzelte Lampen brennen. Der Rest bleibt im mystischen Dunkel. Mutterseelenallein in einer riesigen, klammen Höhle vor einem unterirdischen See zu stehen, während die Antike leise von der Decke tropft, hat durchaus einen unheimlichen Reiz. Man wartet förmlich darauf, dass der Fährmann Charon um die Ecke biegt und die Hand aufhält.

​Die beiden anderen Höhlen des Komplexes sind entweder gesperrt oder erfordern akrobatische Klettereinlagen über feuchtes Gestein – eine orthopädische Sinnlosigkeit, die ich mir und meinen Knien elegant erspare.

 

Argo Schiff

Während ich also glimpflich davon komme, hat das „SEK Argo“ genau hier in Ereğli einen weiteren Ausfall zu beklagen. Die Truppe verliert nämlich ihren Chef-Analysten: den Seher Idmon.

​Das Kuriose an Idmon war: Er besaß die Gabe, in die Zukunft zu sehen. Er wusste schon vor dem Ablegen in Griechenland ganz genau, dass er diese Reise nicht überleben würde. Die Prophezeiung erfüllte sich ausgerechnet hier im Schilf des heutigen Ereğli – allerdings ganz ohne epischen Kampf mit Monstern, sondern einfach nur als Jagdunfall. Ein wild gewordenes Wildschwein rammte dem Star-Astrologen seine Hauer in den Oberschenkel. Idmon verblutete an Ort und Stelle. Ein Seher, der das nicht kommen sieht, hat ja wohl seinen Beruf verfehlt. Ich für meinen Teil habe mehr Glück: kein Schwein da, nur der verschlafene Pförtner.

​Für die Argo-Truppe war das aber ein herber Rückschlag für die Weiterfahrt, denn das Navigations-Team war damit offiziell kopflos. Ich fahre danach zügig weiter. In Zonguldak mache ich nur ein schnelles Belegfoto für die Akten aus dem Fenster von »Mr.Nero« – mehr Aufmerksamkeit braucht die industrielle Kohlestadt im Vorbeifahren nicht.

​Das Filyos-Komplott

Wettergötter beim Versteckspiel

​In Filyos angekommen, zeigt sich das Schwarze Meer zunächst von seiner besten Seite. Ich finde einen hervorragenden, wenn auch sehr einsamen, Stellplatz direkt unterhalb der riesigen Burganlage und plane die Besichtigung für den nächsten Morgen.

  • ​08:00 Uhr: Schönstes Postkartenwetter. Der Kaffee schmeckt.
  • ​09:00 Uhr: Ein subtiler Dunst zieht auf.
  • ​09:30 Uhr: Eine Nebelwand rollt herein, die so dicht ist, dass ich sie in Scheiben schneiden und als Souvenir verkaufen kann.

​Ich fahre mit »Mr.Nero« trotzdem die Serpentinen zur Burg hoch – Allrad verpflichtet–, aber die Besichtigung der antiken Ruinen von Tios fällt aus. Die Aussicht auf die Bucht von Filyos beträgt nämlich exakt null Meter. Vermutlich ein klassischer Fall von meteorologischer Sabotage durch die alten Götter. Jetzt haben sie tatsächlich auch mich noch erwischt. Aber: Wer nichts sieht, muss auch nichts beschreiben. Also weiter nach Osten.

​Amasra

Die Perle und die Invasion aus Sotschi

​Und dann Amasra. Was für eine fabelhafte Überraschung! Feinstes Wetter, strahlender Sonnenschein und ein Parkplatzgelände, bei dem »Mr.Nero« virtuell die Füße im Wasser hat. Der Blick auf die historische Brücke ist schlichtweg klasse. Ich mache einen ausgiebigen Rundgang durch die beschaulichen Gassen, genieße die Ruhe und pflege mein bewährtes Kaffee-Ensemble. So lässt sich der „Slow Content“ zelebrieren.

Das Idyll hält genau so lange, bis ein gigantischer Schatten auf das Wasser fällt. Die Astoria Grande steuert den Hafen an. Kenner der maritimen Geschichte wissen: Das ist keine Unbekannte. Es handelt sich um das einstige Ur-Mutterschiff des deutschen Clubschiff-Wahnsinns, die allererste AIDA. Mittlerweile hat der Kahn die Fronten gewechselt, fährt für eine Gesellschaft aus Sotschi und schaukelt rund 1.000 russische Urlauber über das Schwarze Meer. Ausgerechnet jener Riese, der hier vor einigen Jahren beim Einparken die Belastbarkeit der lokalen Kaimauer einem unfreiwillig schwungvollen Praxistest unterzogen hatte, daraufhin evakuiert und aufwändig repariert werden musste, sucht nun wieder Landkontakt.

​Ich bin ja schon den schwimmenden Plattenbauten in Istanbul gegenüber nicht zimperlich gewesen, aber hier, im beschaulichen Amasra, wirkt der Kontrast vollends absurd.

​Mit dem Festmachen des Kahns überrollt eine sprachliche und touristische Invasion die kleine beschauliche Stadt. Binnen Minuten mutiert die Ruhe zur temporären russischen Enklave. Da wird einem der historische Unterschied erst richtig bewusst:

Wenn Jason damals mit seinen 50 Hanseln auf einer hölzernen Galeere anlegte, war das ein überschaubarer kleiner Haufen. Das fiel im Stadtbild kaum auf. Wenn aber ein recyceltes deutsches Clubschiff tausend Pauschaltouristen auf einmal ausspuckt, ist es schlichtweg Overtourism im Zeitraffer.

Für mich ist das das Signal zum taktischen Rückzug. Man muss wissen, wann die eigene Komfortzone von einer Landausflugs-Armee gekapert wird. Amasra ist wunderschön – aber eben nur bis zur Ankunft einer russischen Passagier-Brigade.

Das azurblaue Nichts und der geschäftstüchtige Hades

Amasra - Yenikent

Wenn der Wetterbericht an der Schwarzmeerküste im Mai verspricht, dass es die nächsten zwei Tage stabil schön bleibt, ist das kein bloßer Hinweis, sondern eine unmissverständliche Aufforderung, das Mobiliar vor die Tür von »Mr.Nero« zu verlagern, um mal gepflegt die Beine hochzulegen.

Ich finde drei Kilometer außerhalb von İnebolu einen winzigen Campingplatz direkt am Meer. Die Betreiberfamilie ist herzlich, ich bin der einzige Gast. Tisch und Stuhl raus, der Blick wandert über das azurblaue Schwarze Meer, und schon baumelt die Seele im Takt der Wellen. So muss das sein.

Abends im familieneigenen Restaurant sitze ich beim Essen hinter großen Glasfronten und schaue zu, wie die Sonne ein Abschiedsspektakel inszeniert, das jeden Kitschpostkarten-Produzenten vor Neid erblassen lässt.

Nach zwei Tagen tiefenentspanntem Stillleben laufe ich noch ein bisschen durch İnebolu, halte die Kamera auf die typischen, alten Häuser im traditionellen Baustil und nehme wieder Fahrt auf.

Die Relativitätstheorie der Parkplatz-Geometrie

Also wieder weiter nach Osten. Nächstes Ziel: Sinop. Ich war mir sicher: Wer sich mit »Mr.Nero« erfolgreich durch das Nadelöhr Istanbul manövriert hat, den schockiert so schnell nichts mehr. Sinop belehrt mich in puncto Parkplatz-Geometrie eines Besseren.

Weil ich bedingungslos immer weiter in die Innenstadt fahre, lande ich auf dem wohl intimsten Parkplatz mitten im Zentrum. Um es plastisch auszudrücken: Der Platz ist etwa fünfmal so lang wie »Mr.Nero«, aber in der Breite entspricht er gerade einmal der einfachen Länge meines Gefährten. Trotzdem werde ich von den Parkwächtern mit einer Begeisterung reingewunken, als hätte man geradezu auf mich gewartet. Gegen ein durchaus ambitioniertes Extra-Trinkgeld bekomme ich einen hervorragenden Platz – auch für die Nacht. Der aufgerufene Preis steht zwar auf keiner offiziellen Preistafel und entspringt wohl eher der kreativen Fantasie des Personals, aber der Deal ist für die Herren der Schranke offenbar so lukrativ, dass sie mich anschließend mit einer fast schon rührenden Devotheit fragen, was sie denn sonst noch alles für mich tun können.

Argo Schiff

Diese Form von geschäftstüchtiger Logistik hat in Sinop übrigens eine verdammt lange Tradition. Schon das antike „SEK Argo“ hat genau hier einen Zwischenstopp eingelegt, um die Reihen wieder aufzufüllen. Nach dem Verlust von Herkules und dem unvorsichtigen Seher Idmon brauchte man dringend Ersatz. In Sinop traf die Besatzung auf drei gestrandete griechische Helden – die Autolykos-Brüder. Die Jungs hatten sich hier nach einem früheren Krieg festgesetzt, langweilten sich aber zu Tode und suchten ein Ticket nach Hause. Jason fackelte nicht lange: Kurzes Vorstellungsgespräch an der Kaimauer, die Brüder musterten an. Für die drei Brüder war es trotzdem ein herber Deal: Sie entkamen zwar der Öde von Sinop, steuerten dafür aber sehenden Auges mit der Argo direkt hinein in das unberechenbare Abenteuer der kaukasischen Provinz.

Ich wandere also auf den Spuren dieser alten Dealmaker los durch die Stadt. Der markante Uhrturm, das Museum, die alte Burg direkt von der Kaimauer aus – alles wird ordnungsgemäß abgelichtet. Auch das Denkmal mit Atatürks berühmtem Spruch „Yurtta sulh, cihanda sulh“ (Frieden in der Heimat, Frieden in der Welt) wird archiviert. Danach gehe ich erst einmal zum Kaffeetrinken in ein angesagtes Café direkt am Hafen. Bei schönstem Wetter ist hier der Teufel los. Mit Blick auf die Schiffe kommt mein gewohntes Ensemble aus Kaffee und Wasser auf den Tisch. So lässt sich das bunte Treiben standesgemäß beobachten.

Das LED-Gewitter und das fleischgewordene Glück

Als die Nacht hereinbricht, zieht es mich noch einmal los. Ich will Sinop im Dunkeln sehen. Doch bevor ich den Camper überhaupt ganz verlassen habe, hat mich mein treuer Parkplatzwächter schon am Arm. Ob ich Hunger habe? Was essen wolle? Eigentlich ja. Also werde ich im Schlepptau meines persönlichen Bodyguards zu einem großen Imbiss bugsiert, in dem eine Frau mit ihren drei Töchtern am Grill wirbelt. Es gibt eine Außenbestuhlung, und mein Begleiter bewirbt den Laden lauthals mit: „Best Köfte in Town!“ Der Besitzerin ist die aggressive PR ihres Stammgastes sichtlich peinlich. Wir einigen uns diplomatisch: Ich drehe erst eine Runde durch das nächtliche Sinop und komme danach zum Essen wieder.

Gute Entscheidung, denn das abendliche Zentrum von Sinop ist für ein Semester meines Jahrgangs eine mittelschwere Reizüberflutung. Überall blinkende LEDs in allen Farben, Stroboskopeffekte und laute Musik aus dröhnenden Boxen – das volle visuelle Lametta, nur um Kundschaft anzulocken. Das moderne Amüsement krankt eben fundamental am Bling-Bling. Wer nichts zu sagen hat, macht es eben laut und bunt.

Ich flüchte zurück zum Imbiss. Die Besitzerin lächelt wissend, und wir einigen uns auf „Köfte komplett“ mit allen erdenklichen Beilagen.

Während ich warte, filme ich direkt vor dem Laden noch einen kleinen separaten Verkaufsstand. Hier wird Midye Dolma angeboten, der absolute Streetfood-Klassiker der türkischen Küsten. Das sind Miesmuscheln, die mit einem kräftig gewürzten Zimt-Piment-Reis gefüllt sind.

Das kulinarische Boxenstopp-Ritual funktioniert so: Man bricht die obere Schalenhälfte ab, nutzt sie pragmatisch als Löffel, träufelt massenhaft frischen Zitronensaft darüber und lutscht das Ganze direkt am Stand aus der Schale. Bezahlt wird am Ende nach Stückzahl der leeren Schalen. Dieser maritime Außenposten wird im fliegenden Wechsel abwechselnd von den Töchtern der Grillmutti betrieben. Ein faszinierendes, familiäres Zusammenspiel.

Derweil sind meine Fleischbällchen fertig. Und was soll ich sagen? Für umgerechnet weniger als zehn Euro gibt es nicht nur die besten Köfte der Stadt, sondern vermutlich die besten Köfte ever. Pappsatt und versöhnt mit der Welt haue ich mich in den Camper. Mein emsiger Parkwächter ist zu diesem Zeitpunkt – wie alle guten Geister nach getaner Arbeit – bereits stillschweigend in der Nacht verschwunden.

Antike Querdenker

Am nächsten Morgen breche ich ganz früh auf zu einer Rundtour über die Halbinsel. Kaum verlässt man die Stadt um wenige Kilometer, verändert sich die Welt komplett. Oben am Sinop Burnu steht man plötzlich vor einer rauen Küstenlandschaft, die man eher in Irland oder Schottland vermuten würde.

Danach geht es zurück durch die Stadt, die inzwischen auch aufgewacht ist, hin zum Diogenes-Denkmal. Der Knabe mit seinen flotten, zynischen Sprüchen stammt schließlich von hier. Doch bevor ich den antiken Querdenker überhaupt zu Gesicht bekomme, verbringe ich erst mal eine geraume Zeit im Berufsverkehr-Stau. Als ich das Denkmal endlich erreiche, bleibt ein schaler Nachgeschmack: Das Ding sieht aus, als wäre es eilig aus einer billigen Gipsmasse zusammengeklöppelt worden. Schneeweiß und ziemlich kitschig.

Ich werde das Gefühl nicht los, dass man dem heute berühmten Philosophen zwar notgedrungen ein Alibi-Touristendenkmal hingestellt hat, aber dass man es immer noch nicht verwunden hat, dass Diogenes ihnen bei seiner Verbannung zugerufen hat: „Ihr verurteilt mich dazu, wegzugehen – und ich verurteile euch dazu, hierzubleiben!“

Der Fjord der Bürokratie

Nächster Stopp: Der angeblich einzige Fjord der Türkei, die Hamsilos-Bucht. Geografisch gesehen ist das natürlich eine simple Ria – eine ertrunkene Flusstal-Landschaft wie die Abers in der Bretagne –, aber „Fjord“ klingt im Prospekt einfach besser. Ich will das fotografieren, stoße aber schnell an die Grenzen der modernen Landschaftsmonetarisierung. Man hat aus der unschuldigen Natur kurzerhand einen offiziellen Park gemacht, einen Zaun drum herum gezogen und verlangt nun Eintritt fürs bloße Gucken.

Es ist zwar nur ein kleiner Obolus, aber aus Prinzip gilt, was ich schon in Istanbul kritisiert habe: Für Landschaft und den Blick auf den Horizont bezahle ich nicht. Die Natur gehört sich selbst, nicht einem Kassenhäuschen. Zumal es auch vorher schon genug wunderschöne, ungezähmte Buchten umsonst zu sehen gab. Man muss der staatlichen Wegelagerei ja nicht auch noch Applaus spenden.

Zum Abschluss steuere ich İnceburun an, den offiziell nördlichsten Punkt der Türkei. Die Landschaft präsentiert sich wieder im herrlich rauen Irland-Look. Den einsamen Leuchtturm könnte man ohne Weiteres auf die Grüne Insel verlegen, es würde keinem Menschen auffallen. Nur die Straße dorthin ist eine mittelschwere Katastrophe und hat »Mr.Nero« und mich einmal kräftig durchgequirlt.

Ich fahre danach noch einige Kilometer weiter Richtung Osten. Als der Himmel wieder mal alle Schleusen öffnet und es ordentlich anfängt zu regnen, ziehe ich die Reißleine. In Yenikent finde ich einen Schlafplatz unmittelbar am Meer, direkt am Ende der Uferpromenade. Der Regen trommelt aufs Dach, das Schwarze Meer rauscht vor dem Fenster – Feierabend.

​Zwischen bürokratischer Finsternis und Küstenmythen

Amasya, das steinerne Ego der Mithridaten

Yenikent - Altinordu

Das Thermometer behauptet stur, es seien 28 Grad, aber mein Körper ist sich absolut sicher: Wir befinden uns unmittelbar vor der Kernschmelze. Der Kontrast könnte kaum bösartiger sein. Eben noch am Schwarzen Meer, wo der Regen so verlässlich fiel, dass man kurz davor war, Schwimmhäute zu entwickeln, und dann – kaum hat man das Pontische Gebirge hinter sich gelassen – bekommt man das Gefühl, man hätte einen Toaster unter dem Fahrersitz.
​Was ist passiert? An der Küste in Samsun, ein paar Kilometer hinter Yenikent, habe ich mich spontan entschlossen, mal eben 150 Kilometer ins Inland zu fahren, um mir Amasya anzuschauen. Glaubt man dem Reiseführer, ist das absolut lohnenswert.

​Da stehe ich nun auf einer Parkplatz-Hochterrasse, der Schweiß rinnt in Strömen, und ich starre auf die monumentalen Felsengräber, die gegenüber im nackten Berg liegen. Man muss es den pontischen Königen lassen: Bescheidenheit war ihre Sache nicht. Während wir heute versuchen, unsere digitale Existenz in einer Cloud zu sichern, haben die Jungs der mithridatischen Dynastie ihre Ewigkeit im 3. Jahrhundert vor Christus direkt in den Kalkstein meißeln lassen. Amasya war damals die stolze Hauptstadt des Pontischen Reiches. Ich frage mich ernsthaft, ob die Arbeiter damals beim Meißeln in dieser Hitze auch so geschwitzt haben, während die Monarchen darauf warteten, dass ihre pompösen Ruhestätten endlich fertig wurden.

​Die Aussicht von hier oben ist jedenfalls prima. Abends gilt Amasya als die bestbeleuchtete Stadt der Türkei. Alle Felsengräber, Festungen und historischen Fassaden werden dann illuminiert. Das soll spektakulär aussehen. Ich bin gespannt.

Das Oxford der Sultane

Ich gehe hinunter an den Yeşilırmak – was übersetzt so viel wie „Grüner Fluss“ heißt, sich heute aber eher als lehmbraune Brühe präsentiert – und schleppe mich über die Holzbrücke. Vorbei geht es an den osmanischen Fachwerkhäusern, die so fotogen am Flussufer lehnen, als wüssten sie ganz genau, dass sie die Topmodels der türkischen Denkmalpflege sind.

​Dass Amasya später zum „Oxford“ des Osmanischen Reiches avancierte, verdankt die Stadt ihrer strategisch geschützten Lage im tiefen Tal. Ab dem 14. Jahrhundert etablierte sich hier die Tradition der Şehzade (Prinzenschule). Wenn einer der jungen Thronanwärter im Palast zu Istanbul zu sehr nervte oder das Handwerk der Macht von der Pike auf lernen sollte, schickte man ihn als Statthalter nach Amasya. Hier, fernab des Topkapı-Palastes, wurden die Prinzen in Staatskunst, Religion und Wissenschaft unterrichtet. Ein harter Lehrplan: Wer die Ausbildung überlebte und nicht von seinen Brüdern – aus rein sportlichem Ehrgeiz natürlich – vorzeitig aus dem Stammbaum entfernt wurde, durfte später in Istanbul den Sultan spielen. Unter anderem haben Selim I. und Süleyman der Prächtige hier die Schulbank gedrückt. Verglichen damit ist jeder heutige Bachelor-Studiengang eine Wellness-Veranstaltung.

​Geografie und Revolution

​Auf meinem Weg stolpere ich über Strabon. Der gute Mann wurde um 63 vor Christus genau hier geboren und gilt als der Urvater der Geografie. Ich hätte ihm heute gerne ein paar Takte dazu gesagt, warum er in seinen siebzehn Bänden Weltbeschreibung nicht deutlicher vor dem klimatischen Schock gewarnt hat, der Reisende beim Überqueren der pontischen Berge erwartet.

Vorbei an den bronzenen Sultansköpfen – die allesamt so grimmig dreinschauen, als hätten sie gerade die Steuererklärung für das gesamte Reich vor sich liegen – geht es weiter in die Innenstadt. Und da steht er: Mustafa Kemal Atatürk. 1919 hat er genau hier den berühmten „Amasya-Erlass“ verkündet, der den Startschuss für den türkischen Befreiungskrieg gab. „Die Unabhängigkeit des Volkes wird durch die Entschlossenheit des Volkes gerettet“, hieß es damals. Mein persönlicher Erlass für diesen Nachmittag ist deutlich bescheidener, aber nicht minder entschlossen: Die vertrocknete Kehle des Reisenden wird durch das sofortige Aufsuchen eines Cafés gerettet.

​Das Heiligtum am Brunnen und die dunkle Nacht

​Am großen Brunnen, unter dem strengen Blick des Reformators, finde ich endlich mein persönliches Exil. Die Ordnung der Welt ist in diesem Moment denkbar einfach: Ein türkischer Kaffee und zur Abwechslung neben dem Wasser auch noch eine eiskalte Cola.

​Jetzt bloß keine Selfies. Wer will schon das Porträt eines Mannes sehen, der in Rekordzeit im Amasya-Ofen um weitere 30 Jahre gealtert ist und aussieht, als wäre er gerade mit seinen Klamotten in den Fluss gefallen. Der kurzfristige Klimawechsel setzt mir ganz schön zu. Der Rückzug zu »Mr.Nero« ist kein Rückzug, es ist eine rein taktische Umgruppierung zur weiteren Flüssigkeitsaufnahme.

​Oben auf meiner Parkplatz-Terrasse bereite ich schließlich alles vor, um die berühmte Illumination der Stadt fotografisch festzuhalten. Langsam wird es dunkel. Die Spannung steigt, die grellen Reklame-Beleuchtungen der Geschäfte in der Stadt knipsen sich nacheinander an. Na dann, denke ich, wird es ja bald so weit sein.

​Aber es passiert: nichts. Es wird dunkler und dunkler, aber von der angepriesenen, tollen Festungs-Beleuchtung keine Spur. Immer wieder wandert mein Blick rüber zu den Felsengräbern. Ich stiere so intensiv in die Finsternis, als ob ich durch bloße Willenskraft den Schalter für die Stromversorgung umlegen könnte. Um Punkt 24:00 Uhr breche ich die Aktion genervt und ziemlich sauer ab. Was für ein Reinfall. Könnte ich türkisch, hätte ich die Stadtwerke angerufen!

​Am nächsten Morgen werfe ich den Motor an,  lasse die geschichtsträchtige und ,desilluminierte’ Stadt hinter mir, und fahre zurück an die Küste.

Yason Burnu: Götteropfer, Gips und griechische Gastarbeiter

Die Soko Argo am Kap: Ein technischer Zwischenstopp

In Ünye komme ich wieder an die Küste und und fahre über Yaliköy raus zum Kap Yason Burnu. Schon der Name lässt vermuten, dass meine Freunde von der Argo sich hier vorzeiten auch rumgetrieben haben.

Argo Schiff

Und so ist es auch. Laut den antiken Logbüchern (den Argonautika) ​mussten Kommando-Chef Jason und seine Jungs hier einen ungeplanten Boxenstopp einlegen. Die Strömung am Kap war tückisch und das Wetter mäßig – so wie heute. Also parkte man die Galeere im Windschatten und ging pragmatisch ans Werk: Ein Altar wurde hochgezogen, dem Meeresgott Poseidon ein Schaf geopfert und um freie Fahrt in den Kaukasus gebettelt. Man nannte das Fleckchen Erde fortan „Jasons Kap“.

Später kamen dann die Pontos-Griechen – quasi die ultimativen Langzeit-Camper dieser Küste. Sie besiedelten das Schwarze Meer (den Pontos Euxeinos) und blieben fast 3000 Jahre lang hier. Sie bauten Städte, trieben Handel und behielten ihre griechische Kultur und Sprache bei – auch unter römischer, byzantinischer und osmanischer Herrschaft. Exakt da, wo früher Jasons Opferaltar stand, pflanzten sie 1868 eine schmucke, hellgraue Steinkirche in die Landschaft. Die Griechen sind aufgrund der zwangsweisen Maßnahmen zum griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch seit den 1920er-Jahren längst weg, die Kirche steht immer noch da. Heute ist sie allerdings gottverlassen (profaniert) und dient als Kulisse für das moderne Tourismus-Marketing.

​Die großen Marmorreliefs: Die Soko Argo in Stein gemeißelt

​Damit auch der letzte Tourist heutzutage kapiert, wer hier mal tatsächlich die Heringe in den Boden gerammt hat, hat man in unmittelbarer Nähe zur Kirche mehrere riesige Marmorreliefs aufgestellt. Darauf eingemeißelt: Antike Griechen in heroischer Pose, die Argo und das komplette mythologische Ballett.
Das Ganze hat die gleiche feine Ironie wie die Gipsfigur in Sinop: Erst sorgt man historisch dafür, dass die Griechen die Koffer packen, und heute stellt man ihre Götter in teurem Marmor auf den Rasen, damit der Content für die Daheimgebliebenen wieder stimmt. Geschäftstüchtig sind sie ja hier, keine Frage!
Ich parke - natürlich kostenpflichtig - auf dem zugehörigen Parkplatzgelände, wundere mich noch über zwei Autos der Gendarmerie und trotte los in Richtung Kap. Zuerst lichte ich die Marmorreliefs ab. Im Anschluss schaue ich mich in der Kirche um.

Französisch-Unterricht am Kap: Dienstgrade, Dienstwaffen und ein "Bon Voyage"

​Das Schöne am Alleinreisen ist ja, dass man alle Zeit der Welt hat, die Umgebung zu beobachten. Und wenn man in seinen frühen Zeiten mal in der Waffenbehörde eines großen Polizeipräsidiums gearbeitet hat, schaltet der Blick automatisch in den Analyse-Modus, wenn plötzlich eine kleine Gruppe am Kap auftaucht, die verdeckt und teilweise offen Kurzwaffen im Kaliber 9mm tragen, die der Grundversion einer Brünner CZ75 sehr ähnlich sind. Das sieht dann gar nicht mehr nach Pauschaltourismus aus.

Mittendrin ein schon etwas älterer Herr im gepflegten Kampfanzug, der offensichtlich das Sagen hat. In einer Welt, in der jeder sein Handy zückt, um alles und jeden ungefragt zu digitalisieren, entscheide ich mich für die höfliche Zurückhaltung und nehme mein Kamera-Handy runter. Eine Geste, die in der Welt der Uniformen offenbar noch eine Bedeutung hat. Er bedankt sich kurz.

​Doch dann die Überraschung: Draußen, zwischen den Ruinen und dem langsam aufziehenden Regen, sucht er das Gespräch. Als ich ihn – neugierig geworden durch seine Begleitung – frage, ob er eine wichtige Persönlichkeit sei, stellt sich heraus: Ich unterhalte mich mit einem türkischen General. ​Was folgt, ist eine jener skurrilen Szenen, für die man keine Skripte schreiben kann: Wir stehen dort am windigen Kap Yason und plaudern über meine Reise, »Mr.Nero« und das Unterwegssein. Die Kommunikation läuft auf Französisch – und ich muss neidlos anerkennen: Sein Französisch ist geschliffener als meines. Ein türkischer General, der die feine Klinge der französischen Sprache besser führt als ich? Ein kleiner Dämpfer für mein Ego, aber ein großer Gewinn für den Moment. Seine Sicherheitsleute stehen derweil daneben im Kreis und warten geduldig und sprachlich sichtlich überfordert, bis der Chef seinen Austausch mit dem deutschen Camper beendet hat. Ein kurzes, höfliches ‚Bon Voyage‘, ein Händeschütteln – und weg sind sie. Es ist immer wieder gut, daran erinnert zu werden, dass die besten Begegnungen die sind, die völlig ohne Protokoll auskommen.

Die Hysterie der Vorsaison und der Aufstieg zum „Bozzie“

​Nach dem Rendezvous mit Mon Général am Yason Burnu nehme ich wieder Kurs nach Osten. Das Wetter am Schwarzen Meer tut das, was es im Mai anscheinend am liebsten tut: Regnen. Bevor der Himmel kübelweise Wasser abwirft, wächst im Camper schon der Urinstinkt nach einem sicheren Hafen. Doch die türkische Küste befindet sich Mitte Mai noch im tiefsten, komatösen Winterschlaf. Campingplätze? Verrammelt. Stellplätze? Fehlanzeige. Hier herrscht meteorologisch und touristisch das absolute Nichts.

​Ehe ich mich versehe, spült mich die Nationalstraße direkt ins geschäftige Zentrum von Altınordu. Um die Lage zu peilen, steuere ich einen Parkplatz in Strandnähe an. Ein Fehler, wie sich Sekunden später herausstellt – zumindest für das Nervenkostüm der dortigen Parkplatzwächterin.

​Als »Mr.Nero« auf das Areal rollt, löse ich bei der guten Frau augenblicklich eine mittelschwere Staatskrise aus. Mein Gefährt sprengt offenbar visuell ihre Parkplatz-Normen. Sie beginnt in wilder Hektik um ihr Kassenhäuschen zu turnen: Das Auto ist zu groß! Das Auto muss sofort wieder raus! Sie können hier nicht stehen! Während sie versucht, das Allrad-Monstrum gestenreich zu vertreiben, staut sich hinter mir das normale Leben, andere wollen ausparken – das Chaos ist perfekt. Als ich ihr dann noch in aller Seelenruhe erzähle, dass ich gedenke, eventuell die Nacht hier zu verbringen, droht der Herzinfarkt.

​Die Rettung bringt schließlich das Mobiltelefon. Nach einem eilends geführten Dienstgespräch mit der höheren Parkplatz-Instanz beruhigt sich das Epizentrum wieder. Sie zückt feierlich den Taschenrechner, ermittelt nach komplizierten mathematischen Formeln eine Übernachtungsgebühr, die sich erfreulicherweise in engen Grenzen hält, und weist mir huldvoll den angrenzenden Bereich für die städtischen Kleinbusse zu. Zwischen den Profis des Altınordu-Nahverkehrs steht »Mr.Nero« ausgezeichnet.

​Der Plan, die Strandpromenade zu erkunden, fällt dem Dauerguss zum Opfer. Also Plan B: Reisedokumentation und Inspektion der lokalen Infrastruktur für den nächsten Tag.

​Die Recherche offenbart ein Highlight: Eine Seilbahn führt hinauf auf den Boztepe, den Hausberg der Stadt. Von dort soll man einen perfekten Blick über Altinordu und die Bucht haben. Klingt gut. Die Ernüchterung folgt im Kleingedruckten: Die Bahn nimmt den Dienst erst um 12 Uhr mittags auf. Bis dahin muss ich längst von meinem hiesigen Parkplatz runter, nur um anschließend dann zur Seilbahnstation umzuziehen und erneut einen Stellplatz zu suchen. Zu viel Aufwand. Ein Blick auf die Karte zeigt: Man kann den Berg auch einfach flachlegen, indem man selbst hochfährt.

​Punkt 9 Uhr morgens verlasse ich also mein Nest zwischen den Kleinbussen und nehme die Serpentinen zum „Bozzie“, wie ich den Berg inzwischen vertraulich getauft habe, unter die Räder.

​Oben angekommen die große Überraschung: absolute, klösterliche Stille. Außer einem einsamen Mechaniker an der Bergstation und zwei Angestellten, die die Hinterlassenschaften des Vortages mit dem Besen bekämpfen, ist hier kein Mensch. Dafür werde ich von einer Hundeschar begrüßt, die zahlenmäßig die menschliche Population um ein Vielfaches übersteigt.

​Der Blick von hier aus ist allerdings gewaltig. Die Kamera wandert über die Stadt und bleibt schließlich am Pontosgebirge hängen. Da oben liegt noch ziemlich viel Schnee. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich der Frühling auf den Bergen um einiges verzögert.

​Dafür löst sich auf dem Gipfel meines „Bozzie“ das große Rätsel der faulen Seilbahn: Bis zum Mittag liegt die gesamte Stadt im brutalsten Gegenlicht. Für den ambitionierten Fotografen eigentlich ein Albtraum, aber mit etwas Geschick lässt sich die Sonne ja bekanntermaßen fotografisch auch hier und da mal ein bisschen austricksen.

​Nachdem die Stadt im Kasten ist und der „Bozzie“ gebührend verabschiedet wurde, rollt »Mr.Nero« wieder talwärts. Der Kompass zeigt danach wieder stur nach Osten.

Von bronzenen Vögeln, Haselnuss-Geschenken und dem arabischen Alpen-Disneyland

​Altinordu bis Uzungöl

​Erstes Ziel nach dem Boztepe: Giresun. Irgendein digitaler Schlauling aus der Google-Familie hat mir gesteckt, ich könne hier ganz bequem und knieschonend bis auf das Kastell hinaufschrauben und dort oben entspannt flanieren. Das stimmt im Prinzip auch. Es gibt sogar einen freien Parkplatz, weil ich unchristlich früh dran bin, und ein Restaurant, in dem ich meinen morgendlichen Lungo in Form eines Americano zwitschern kann. Die Aussicht ist tatsächlich auch super: Auf der einen Seite der geschäftige Hafen, auf der anderen Strand, Park und die berüchtigte Amazoneninsel.

​Was der Google-Experte verschwiegen hat: Die Auf- und Abfahrt haben es in sich. Eng, mörderisch steil und mit Kurvenradien, die vermutlich für zweirädrige Eselskarren berechnet wurden, nicht aber für »Mr.Nero«. Beim Herunterfahren geht in zwei Haarnadelkurven ohne feinstes Zurücksetzen gar nichts mehr. Mein Puls ist jedenfalls fast so hoch wie die Festungsmauer – auch wenn ich nach außen hin natürlich lässig und cool aus dem offenen Seitenfenster lächle. Man hat ja schließlich einen Ruf zu verlieren.

Argo Schiff

Die gefiederte Alarmanlage von Giresun

​Die Insel, die da so friedlich im Dunst vor Giresun liegt (Giresun Adası), war in der Antike definitiv kein Ort mit Robinson-Feeling. Die radikal emanzipierten Kriegerinnen der Antike hatten hier ein vorgelagertes Heiligtum für den von ihnen verehrten Kriegsgott Ares errichtet. Eigentlich hausten die Amazonen ein ganzes Stück weiter westlich am Thermodon-Fluss (beim heutigen Terme), wo Commander-in-Chief Jason zuvor nur durch die militärische Taktik der Flucht ungeschoren vorbeikommen konnte. Als die Argonauten die Damen am Ufer sahen, wie sie sich gerade in voller Rüstung zum Kampf formierten, stand der Wind glücklicherweise günstig. Die Jungs setzten umgehend die Segel und machten sich schleunigst aus dem Staub.

​Hier auf der Insel vor Giresun hatten die Argonauten allerdings weniger Glück. Sie trafen auf die stymphalischen Vögel, die sozusagen die biologische Alarmanlage des Ares-Altars waren. Die Viecher hatten die unangenehme Angewohnheit, ihre Federn aus Bronze wie Pfeile zu verschießen – und sie trafen gut damit. Die Argonauten mussten schließlich doch anlanden, sich schützend unter ihren Schilden verbarrikadieren und wie die Irren mit den Schwertern auf ihre Rüstungen einprügeln. Erst dieser ohrenbetäubende, antike Lärm-Booster hat die gefiederten Wachhunde dauerhaft vertrieben. Heute erscheint die Insel – zumindest im Kamerasucher – ganz friedlich zu sein.

Tirebolu: Klippen-Tee-Verzicht und eine türkische Geheimwaffe

​Weiter nach Tirebolu, dem Epizentrum des Schwarzmeer-Tees. Ein eigener, hochgelobter Kosmos für sich. Die Sorte Çaykur Tirebolu 42 ist in der ganzen Türkei bekannt. Kaffee? Fällt hier mangels Infrastruktur aus. Eigentlich will ich mich in dem kleinen Restaurant an der Burg direkt an die Tische setzen, die so malerisch unten in die Klippen drapiert sind. Ein fotogenes Postkartenmotiv, direkt am Wasser. Aber der Abstieg (eine Treppe gibt es nicht) ist so steil und uneben, dass meine Knie sofort ein unmissverständliches Veto einlegen.

​Manchmal ist das mit dem eigenen Fahrgestell einfach nur ärgerlich. In solchen Momenten rächt sich die jahrzehntelange Vernachlässigung des Kampfgewichts. Nun ist es zu spät, die biologische Quittung ist ausgestellt, und ich muss mit den orthopädischen Resten haushalten. Also kein Klippen-Tee. Da bleibt nur die Standard-Version im Restaurant.

​Der nächste Stopp steht eigentlich nur im Zeichen der alltäglichen Grundversorgung: Brot kaufen und weiter. Denke ich. Doch dann treffe ich auf die türkische Geheimwaffe: Perfektes Deutsch gepaart mit einer Gastfreundschaft, gegen die man absolut wehrlos ist. Ein Lob auf sein Handwerk, ein kurzes Gespräch über die alte deutsche Heimat – und plötzlich stehst du da, mit einem frischen Brot und 500 Gramm vakuumverpackten Haselnüssen in der Hand.

​Als Deutscher ist man es gewohnt, dass alles seine Ordnung hat: Leistung, Gegenleistung, Quittung. Aber hier? Keine Chance. Weder Bezahlen noch Ablehnen ist eine Option. Erst recht habe ich überhaupt keine Gelegenheit zu erklären, dass ich eigentlich Nussallergiker bin. Es ist ein Überfall mit reiner Herzlichkeit. Mit einem vielmals gemurmelten „Teşekkür ederim“ ziehe ich mich mit meinem Geschenk diskret zu »Mr.Nero« zurück, wohlwissend, dass diese Region nun mal die Welthauptstadt der Haselnuss ist.

Akçaabat: Wenn der Regen auf das Gemüt schlägt

​Schnitt. Ortswechsel. Ich stehe mittlerweile in Akçaabat, direkt am Marenda Café, das Schwarze Meer hinter einem Strand direkt vor mir. Die Beine hochgelegt, der Blick auf das endlose Grau. Im Gepäck die Erkenntnis: Gegen ein Geschenk aus ehrlicher Freude bist du absolut machtlos.

​Dann öffnet der Himmel seine Schleusen. Es regnet cats and dogs, wie der Engländer so schön pathetisch formuliert. Ich sitze fest. Auch am nächsten Tag ändert sich an der Wetterfront nichts. Die perfekte Gelegenheit, die Zeit für ein opulentes Abendessen zu nutzen. Die lokalen Akçaabat Köfte – regional berühmte, kleine Frikadellen – stehen im Raum. Doch je länger der Regen auf das Dach prasselt, desto mehr kippt die Stimmung. Der Fokus geht verloren. Als ich im Internet lese, dass die angeblich besten Köfte der Stadt ausgerechnet von einer profanen türkischen Schnellimbiss-Kette kredenzt werden, vergeht mir irgendwie der Appetit. Ein genauerer Blick auf die Speisekarte des Marenda hebt die Laune auch nicht. Gestern sah die noch irgendwie interessanter aus. Also bleibe ich im Auto. Manchmal schmeckt der Regen eben nach Melancholie.

Uzungöl: Das Alpen-Disneyland des Orients

​Am nächsten Tag die Flucht nach vorn. Die Regenwolken hängen immer noch tief in den Hängen, als ich mich ins Landesinnere nach Uzungöl verabschiede. Ein Bergsee, der laut Reiseführer ein idyllisches Naturwunder sein soll, mittlerweile aber - laut anderer Informationen - zum ultimativen „Alpen-Disneyland“ verkommen ist. Volles Bling-Bling für die betuchte Kundschaft aus den Golfstaaten. Da die Sonne ohnehin Streik angemeldet hat, ist der visuelle Verlust unter diesen Voraussetzungen meines Erachtens durchaus verkraftbar.

​Unterwegs passiere ich die Kiremitli Köprü – eine historische, komplett überdachte Holzbrücke mit roten Ziegeln. Es nieselt. Kein Mensch da. Perfekt. Kamera raus, Stimmung auf den Sensor gebannt, weiter.

Wenig später erreiche ich den See. Und das Grauen nimmt seinen Lauf. Parkplätze? So gut wie keine mehr vorhanden. Das gesamte Ufer ist zubetoniert mit Hotels, Restaurants, Kirmesbuden, Imbissständen, Spiel- und Trainingsgeräten und Ferienhäusern. Selbst um halb zehn Uhr morgens ist es hier eigentlich schon zu spät, um ein Fahrzeug von der Größe eines Transits ordentlich abstellen zu können.

​Um hier als ambitionierter Storyteller überhaupt noch zu einem Foto zu kommen, muss man jegliche Form von Höflichkeit komplett ablegen und diese durch eine eiskalte, dreiste Ignoranz ersetzen: Auf der schmalen Straße am Seeufer anhalten, Warnblinker an, das wütende Gehupe stur aussitzen, Kamera fokussieren, abdrücken, weiterfahren.

​Lediglich dort, wo der Fluss in den See mündet, gibt es eine Art Holzbeplankung mit einem selbstbeweihräuchernden „Uzungöl“-Schriftzug, auf der man sich noch frei bewegen kann. Der Fluss selbst wurde natürlich vorsorglich einbetoniert und mit hohen Böschungen begradigt, damit das teure Bling-Bling der Umgebung bei Regengüssen ja keine nassen Füße bekommt.

​Von Ruhe auf der hölzernen kleinen “Seeterrasse” keine Spur. Abgesehen davon, dass hier um diese Uhrzeit bereits busweise Schulklassen und Touristengruppen ausgekippt werden, lauern am Steg zwei geschäftstüchtige Animateure. Ehe man sich versieht, hat man ungefragt einen lebenden Papagei auf der Schulter sitzen – die Kamera für das kostenpflichtige Touri-Foto schon im Anschlag. Nicht mit mir.

Eigentlich liegt der See ja sehr schön. Ich kann mir auch vorstellen, dass es hier vor Jahren noch eine beschauliche Bergseeromantik gab. Aus dieser Zeit stammen sehr wahrscheinlich auch die positiven Kommentare zu diesem Ort. Heutzutage ist jeder Kommentar überflüssig.

Fazit: Ich habe den See gesehen. Abgehakt. Ich werfe den Motor an und flüchte augenblicklich zurück in Richtung Küste.

Das kaukasische Vorspiel: Vom Tee-Exil zum Grenzkollaps in Sarpi

​Isirlik Tabiat Parkı: Wo eine Prachtstraße aus dem Nichts auftaucht

​Nach dem touristischen Sündenfall in Uzungöl zieht es mich wieder an die Küste und weiter Richtung Osten, zuerst nach Rize. Für die Nacht habe ich mir ein idyllisches Fleckchen im Isirlik Tabiat Parkı ausgesucht, einem im Bau befindlichen Nationalpark. Was mir das digitale Kartenmaterial geflissentlich verschweigt: Die Zufahrtsstraße befindet sich ebenfalls noch in einem Modus des „Im-Bau-Seins“. Eine abenteuerliche Piste, die steil durch fantastische Teeplantagen, kleine Weiler und enge Serpentinen nach oben führt.

​Und dann die türkische Straßenbau-Mystik: Die letzten paar hundert Meter vor dem Park mutieren urplötzlich zu einer perfekt asphaltierten Pracht-Avenue. Warum? Weiß kein Mensch.

Der Park selbst ist wunderbar angelegt, leidet aber unter einer unübersehbaren Hanglage. Auf den Schotterwegen ist für »Mr.Nero« beim besten Willen kein gerader Schlafplatz zu finden. Die wenigen halbwegs ebenen Nischen sind ohnehin fest in der Hand der lokalen Dolmuş-Mafia. Jede Menge Minibusse haben halbe Großfamilien zum traditionellen Wochenendgrillen hierher geschleppt. Die Logistik dahinter ist perfekt organisiert: Das Fleisch holt man sich frisch beim integrierten Park-Metzger, wirft es draußen auf den zugeteilten Grill und verzieht sich in die daneben drapierte Schutzhütte. Sehr familiär, sehr laut, sehr voll. Wer keine Lust auf Do-it-yourself hat, kann natürlich auch das Restaurant oben auf dem höchsten Punkt des Parks heimsuchen.

​Also Abbruch nach einer kurzen Pause. Beim Herunterfahren verheddere ich mich prompt im unübersichtlichen Pistennetz und lande auf einem steilen Feldweg. Sackgasse. »Mr.Nero« muss mal wieder im Rückwärtsgang bergauf zurücksetzen. Ich passiere ein Haus, vor dem eine Familie beim Tee sitzt, und frage nach dem Weg in die Stadt. Google Maps hat zu diesem Zeitpunkt bereits komplett den Verstand verloren und versucht seit geraumer Zeit, die alte und die neue Straße miteinander zu verheiraten. Die Einheimischen reagieren großartig: „Kein Problem, Kumpel, warte fünf Minuten, wir fahren eh gleich mit der Familie runter. Fahr einfach hinterher!“ Was folgt, ist ein wilder Ritt hinab ins Tal. Gelandet.

Das Asyl von Ardeşen und viertausend Meter mit Schnee

​An der Küste in Richtung Osten wird es nun spürbar schwerer, überhaupt noch ein Plätzchen für die Nacht zu ergattern. Bei Limanköy ist zwar ein Campingplatz ausgewiesen, aber als ich dort eintreffe, hat der Bagger das Areal bereits komplett planiert. In Pazar das gleiche Bild: keine Stellplatzmöglichkeit.

​Die Rettung bringt das Belediyesi Aile Çay Bahçesi (das städtische Familien-Café) in Ardeşen. Ein weitläufiger Restaurant-Parkplatz direkt am Wasser. Ich marschiere schnurstracks hinein, bestelle mir mein Ensemble, teste danach die Speisekarte und frage den Inhaber, ob ich hier übernachten darf. Antwort: „Bleib ruhig stehen, kein Thema!“ Strategisch ein absoluter Volltreffer, um von hier aus drei essenzielle Dinge zu erledigen: den Mädchenturm in Pazar fotografieren, das legendäre Fırtına-Tal besichtigen und bei der Post im Ort mein Mautkonto überprüfen. Man will ja an der Grenze keinen „Hantier“ haben.

​Der administrative Masterplan steht: Sonntag ins Tal, Montag zur Post, Dienstagfrüh ab zur Grenze.

​Sonntagmorgen:

Ich rolle die paar Kilometer zurück nach Pazar, um den historischen Mädchenturm (Kız Kulesi) auf den Sensor zu bannen. Gar nicht so einfach, da die vierspurige Küstenautobahn das kleine Monument mittels eines Tunnels regelrecht einschnürt. Doch als ich das Foto im Kasten habe und mich umdrehe, bin ich überrascht: Ich blicke direkt auf das gigantische Kaçkar-Gebirge – und die Gipfel sind strahlend weiß gezuckert.

Der Geografie-Fakt: Die Riesen des Kaukasus

Wenn es an der Küste tagelang regnet, kommt das Zeugs weiter oben logischerweise als Schnee herunter. Was ich bis zu diesem Moment erfolgreich verdrängt habe: Das Kaçkar-Gebirge ist kein sanftes Voralpenland, sondern ein alpines Urgestein, dessen Hauptgipfel, der Kaçkar Dağı, sich auf stolze 3.937 Meter schraubt. Das ist fast das Niveau des Matterhorns, nur dass hier unten Palmen im Wind wehen und der Tee wächst. Ein brutaler Kontrast.

​Das Fırtına-Tal: Brücken-Booster und Touristen-Invasion

​Ich biege ab ins Fırtına-Tal („Sturmtal“). Der Name ist Programm. Überall am Flussufer buhlen Rafting-Stationen um Kundschaft, doch wegen des anhaltenden Regens hat sich der Fluss in ein reißendes, schlammiges Monster verwandelt. Niemand wagt sich heute mit einem Schlauchboot auf dieses brodelnde Wasser.

Die Steinbögen des Sturmtals

​Mein erstes Ziel ist die berühmte Şenyuva-Brücke. Die Şenyuva Köprüsü ist die älteste Brücke der Region, erbaut im Jahr 1696. Diese osmanischen Brücken sind architektonische Meisterwerke: Sie kommen ohne einen einzigen Stützpfeiler im Flussbett aus. Stattdessen spannt sich ein einziger, kühner Kreisbogen aus präzise behauenem Bruchstein von einem Ufer zum anderen – perfekt angepasst an die extremen Hochwasser des Fırtına-Flusses. Ich finde diese Konstruktionen einfach imponierend. Ohne Beton oder Stahl kriegen wir heutzutage doch keine Brücke mehr hin.

Ich habe gerade mal zwei, drei Fotos im Kasten, da ist es mit der Idylle auch schon schlagartig vorbei. Mehrere Minibusse hintereinander kommen im Minutentakt an und entladen gefühlte Hundertschaften von Touristen, die wie wild auf die Brücke stürmen. Geländer? Fehlanzeige. Die Seitenbegrenzung misst vielleicht dreißig Zentimeter. Wenn ich sehe, wie Eltern ihre Kinder für das perfekte Erinnerungsfoto direkt an die Kante setzen, während darunter der Fluss tobt, sträuben sich mir die Nackenhaare. Dass hier nicht stündlich jemand im Wildwasser entsorgt wird, grenzt an ein statistisches Wunder.

​Die zweite Station, die Mikron-Brücke, ist das exakte Gegenteil. Keine Menschenseele, absolute Ruhe. Sie ist zwar etwas weniger spektakulär und auch nicht so alt, verströmt aber genau das historische Flair, das ich suche.

​Eigentlich wollte ich im Tal übernachten, aber es ist Sonntag: Jeder freie Quadratmeter am Fluss ist von türkischen Ausflüglern zugeparkt. Also trete ich den geordneten Rückzug an und rolle abends wieder auf meinen bewährten Parkplatz nach Ardeşen. Da es schon spät ist, verzichte ich auf die erneute Anmeldung – man kennt sich ja mittlerweile.

Die PTT-Maut-Inponderabilien

Montagmorgen:

Der Tag der Abrechnung. Ich steuere die lokale Post (PTT) an und ergattere mit »Mr.Nero« tatsächlich einen legalen Parkplatz in der engen Innenstadt. Die Dame am Schalter ist die Höflichkeit in Person. Zwar muss ich wegen meines berühmten “Ü” nochmal meine Zulassung vorlegen, aber dann rattert das System und spuckt das Ergebnis aus: 1.160 Lira Guthaben auf dem Mautkonto, keinerlei Rückstände. Ich atme auf. Keine Schulden im System. Zur Feier des Tages kaufe ich noch einen Kanister AdBlue, fülle den Dieseltank auf, gehe einkaufen und lasse mir abends im Café-Restaurant vom Chef persönlich das Abendessen servieren.

Die 18-Euro-Sünde von Istanbul

Dienstag:

​05:45 Uhr. Strömender Regen. Ich werfe den Motor an. Die Grenze ruft.
Etwa zwanzig Kilometer vor Sarpi traue ich meinen Augen nicht: Die komplette rechte Spur der Küstenstraße steht voll mit LKWs. Kilometerweit. Ein gigantischer Stau aus Kennzeichen, die nach großer, weiter Welt schmecken: Georgier, Türken, Armenier, Russen, Aserbaidschaner, Usbeken und Kasachen. Ich bin endgültig in einem völlig anderen geopolitischen Dunstkreis angekommen.

​Einen Kilometer vor dem Nadelöhr verengt sich die Piste. Die LKW-Fahrer winken mich jedoch gutmütig vorbei: „Fahr weiter!" Und tatsächlich: Plötzlich stehe ich an der türkischen Grenzkontrolle. Nur drei Autos vor mir. Der Beamte blickt auf mein Kennzeichen: „Hallo Deutschland!“ Türen auf, flüchtiger Blick, alles schick. Dann nuschelt er irgendwas von „Third..." oder so ähnlich. Ich frage höflich nach, wo das sei. Sofort schlägt die berüchtigte Grenzbeamten-Mentalität durch: Die Frage wird komplett ignoriert, der Mann wird ungehalten und ranzt mir ein sattes „Go! Go! Go!“ entgegen. Administrative Kommunikation auf Höchstniveau.

​Ich passiere also ein nicht näher identifizierbares Drittes Objekt“ und stehe vor der nächsten Barriere. Vor mir flucht ein Georgier, der ebenfalls am fraglichen „dritten” Objekt vorbeigerauscht ist. Er setzt zurück, parkt und ruft mir zu: „Wir müssen den Pass abstempeln lassen!“ Also »Mr.Nero« abgestellt, den Reisepass in die Hemdtasche gesteckt und zu Fuß durch den sintflutartigen Regen zurückgelatscht. Der erste Beamte, den ich finde, glotzt in seinen Monitor und deutet auf ein erhöhtes Grenzhäuschen auf einem Sockel. Ich wate zwischen den rangierenden LKWs hindurch, nutze eine ruhige Sekunde und reiche dem dort thronenden Beamten meinen Pass durchs Fenster.

„Papers for the car?“, fragt er.

„Sorry, they are in the car at the next checkpoint“, erwidere ich höflich.

„I must have papers for the car and I must see the car. No permission!“

„My car is parked back there; I can't reverse it here now. The black one, You see”, und zeige hilflos in Richtung des nächsten Checkpoint.

​Der Mann reißt genervt seine Tür auf, späht in den grauen Regenschleier, sieht natürlich überhaupt nichts, murmelt ein türkisches Stoßgebet - kann auch ein Fluch gewesen sein - stempelt den Pass und pfeffert ihn mir zurück. Klatschnass, aber mit dem amtlichen Stempel, bewege ich mich glücklich und as quick as possible zurück zu »Mr.Nero« und fahre vor zur nächsten, inzwischen völlig autofreien Ausweiskontrolle. Papiere vorzeigen, das Übliche. Der Beamte winkt mich weiter und nuschelt auch irgendetwas. Ich verstehe kein Wort. Und nein, mein Ohrenarzt versichert mir regelmäßig, dass mein Gehör tadellos funktioniert. Auf eine Nachfrage verzichte ich, wohlwissend, wie die Antwort ausfällt.

​Ich reihe mich in die finale Abfertigungsspur ein. Nur noch wenige Meter bis ich aus der Grenzstation wieder rauskomme, dann ist es geschafft, denke ich. Plötzlich springt die Ampel auf Rot, und eine Sirene springt an. Mein erster, schadenfroher Gedanke: „Mensch, da hat es jetzt aber mal einen anderen erwischt.“ Im selben Moment rennt ein Beamter auf mich zu und signalisiert: „Du! Zurücksetzen!“

​Das Déjà-vu, das mich in diesem Moment erfasst, ist literarisch kaum in Worte zu fassen. Ich bin im falschen Film. Kenne ich das nicht schon alles?

​Immerhin ist der Herr einigermaßen freundlich und dirigiert mich rückwärts in eine Parknische. „You must pay! Go there!“ Ich latsche also wieder los, diesmal bewaffnet mit der kompletten Unterlagenmappe, und ende vor einer beschlagenen Fensterscheibe im ewigen Regen. Drinnen sitzt ein Beamter, starrt stur auf seinen Schreibtisch und ignoriert mein Klopfen beharrlich. Irgendwann erbarmt er sich, reißt das Schiebefenster auf und verlangt Pass und Zulassung. Nach endlosen Minuten des Tippens die Ansage: „920 Lira!“

​Ich schalte wieder auf britisches Speditions-Englisch: „Why? I checked my HGS account at the post office yesterday! There is plenty of credit!“

Die Antwort kommt in messerscharfem Deutsch: „Nein. Ist Straffe!“

​In meinem Kopf rattert das Archiv: Was zur Hölle habe ich jetzt schon wieder verbrochen? Ich blättere die Scheine hin, erhalte den amtlichen Ausdruck und siehe da: Eine Quittung für eine Verkehrsvergehen in... Istanbul! Wenn wir uns erinnern: Das war jener legendäre Nachmittag, an dem ich mangels Parkplatz mit »Mr.Nero« stundenlang zusammen mit anderen Istanbulern am Ende eines Beschleunigungsstreifens in der Nähe von Yenikapı geparkt hatte, um auf einen leeren Parkplatz in Sultanahmet zu warten. Das digitale Auge des Gesetzes vergisst anscheinend nie. Umgerechnet 18 Euro für die Istanbuler Park-Romantik. Gut, das war ich selbst schuld. Aber die Organisation dieses bürokratischen Slapsticks ist ein einziges Drama.

Georgien: Der rote Teppich für »Mr.Nero«

​Zurück zum Auto, wieder eingereiht, Türen auf, kurze Kontrolle, und dann spuckt mich die Türkei endgültig aus.

​Auf der georgischen Seite empfängt mich ein Beamter in feinstem, fließendem Englisch: „Hello, please go the way to the far right lane!“ Über der Spur prangt das Symbol für PKWs und Vans. Ich bin der Dritte in der Reihe. Der Kontrolleur kommt heraus, fragt extrem höflich nach meinen Zielen im Land, wirft einen kurzen, respektvollen Blick in »Mr.Nero« und schickt mich vor zum Schalter.

​Dort präsentiere ich mein bürokratisches Gesamtkunstwerk: Reisepass, Zulassung, den internationalen Führerschein – und auf Nachfrage auch meinen nationalen Führerschein. Dazu die vorab perfekt zusammengestellten georgischen Papiere für die Kfz-Versicherung und die Nachweise für meine Unfall- und Krankenversicherung in englischer Sprache. Der Beamte blättert, tippt, stempelt. Fünf Minuten später habe ich meinen Pass inklusive Einreisevisum zurück. Ein freundliches Welcome to Georgia! Have a good trip!“ hallt durch den Regen.

​Ich rolle an und stehe - klatschnass - mit den Reifen auf georgischem Asphalt.

​Mein Fazit nach diesem Ritt: Die Erfahrungen mit der türkischen Grenze entwickeln langsam das Potenzial für ein ausgewachsenes, Trauma. Und das Schlimmste daran? Ich muss auf dieser Reise noch genau einmal dort ein- und wieder ausreisen. Man darf also mehr als gespannt sein, welche Pointen das osmanische Zoll- und Grenzsystem für den Rückweg noch so bereithält.

Die Akte Georgien ist hiermit jedoch erst einmal offiziell eröffnet!

Von der Grenz-Bürokratie in den architektonischen Fiebertraum und zur Entzauberung der Argonauten: Batumi, Poti und Kutaissi.

Nachdem ich mich auf der georgischen Seite der Grenze erst einmal erfolgreich trockengelegt habe, steht die erste administrative Hürde an: Die Beschaffung von Lari – der Landeswährung, die an den Devisenmärkten auch schlicht unter dem Kürzel GEL firmiert. Wer in Deutschland versucht, sich vorab mit ein paar dieser Scheine einzudecken, erntet bei der Hausbank nur ratlose Blicke. Es gibt schlicht keine. An der Grenze in Sarpi hingegen wuchern die Wechselstuben wie Pilze aus dem Boden. Da mir mein gesunder Menschenverstand jedoch flüstert, dass der Kurs an der Grenze selten günstig ist, entscheide ich mich für die Flucht nach vorn.
​Die ersten Kilometer auf georgischem Asphalt sind ernüchternd. Die Gegend um Gonio versprüht den herben Charme eines illegalen Lkw-Friedhofs. Hier parken Fernfahrer aus halb Eurasien ihre Trailer, Auflieger und Anhänger – viele davon in einem optischen Zustand, der vermuten lässt, dass sie ihre Daseinsberechtigung bereits zu Zeiten des Warschauer Paktes verloren haben.

Die Straße präsentiert sich als reinster Slalomparcours: Tief sitzende Kanaldeckel und unmotiviert auftauchende Schlaglöcher fordern die ganze Aufmerksamkeit. Garniert wird das Ganze von den indigenen Autofahrern, die hier so agieren, als wären sie offenbar gerade komplett von der Leine gelassen worden. Da die von mir in Google Maps vorgemerkte Bank of Georgia im dichten Tankstellen-Dschungel unauffindbar bleibt, muss ein profaner TBC Geldautomat an einer Zapfsäule herhalten. Er spuckt die begehrten Lari aus. Willkommen im Kaukasus, die Eingewöhnungsphase läuft.

​Da das trotzdem überraschend schnell funktioniert hat, ist es noch viel zu früh, um Angelina und ihren Mann im nahegelegenen Charnali heimzusuchen. Per WhatsApp habe ich mir am Vortag einen der drei Stellplätze in ihrem Garten gesichert. Also nutze ich die Zeit für eine erste Erkundung von Batumi – und erhalte prompt meine erste Einführung in die georgischen Verkehrsabläufe

 

Zum Beispiel ​Kreisverkehre. Jeder fährt hinein, wie es ihm gerade einfällt, oder wie er sich gerade fühlt, reklamiert die Vorfahrt für sich, während sich der nächste hupend in irgendeine Lücke quetscht. Wer nachgibt verliert und stellt sich hinten an. Aus zwei markierten Spuren werden so im Handumdrehen drei bis fünf. Das Faszinierende: Am Ende löst sich das Chaos wie durch ein Wunder immer wieder elastisch auf. Es dauert halt alles nur viel länger wie wir es gewohnt sind, weil man einfach andauernd stoppen und anhalten muss. Das Gehupe ist noch intensiver als in der Türkei, hat aber mit einer Gefahrenwarnung wie wir sie kennen rein gar nichts zu tun. Es ist pure, kaukasische Kommunikation: „Achtung, ich komme jetzt!“, „Geh rüber!“, „Ich überhole jetzt links – oder rechts, mal sehen.“ Wie die Georgier hupen, wenn es mal richtig gefährlich wird, entzieht sich bislang meiner Kenntnis. Vermutlich gar nicht mehr.
​Als der Himmel auch in Georgien endgültig die Schleusen öffnet, flüchte ich zum Plane Spotting Point am Ende der Landebahn des ländlichen Flughafens. Wenn sich ein Flugzeug nach Istanbul im strömenden Regen knapp über dem Sicherheitszaun und dem Meer in die Wolken schraubt, hat das durchaus etwas Beeindruckendes. Danach geht es ab in Angelinas Garten. Alles passt. Angesichts des Dauerregens, der anstehenden Stadtbesichtigung und meiner hier wieder funktionierenden Starlink-Antenne, beschließe ich, die digitale Unabhängigkeit zu nutzen, um erst einmal auf der Webseite Ordnung zu schaffen und verloren gegangenes Terrain wieder aufzuholen.

Der digitale Quantensprung und das kaukasische Las Vegas

​Angelinas Tipp für den Weg in die Stadt war kurz: „Nimm dir ein Bolt.“ Ich nicke weise, gehe innerlich kurz in Klausur und muss feststellen: Ich bin eben doch ein Produkt meiner regionalen, ländlichen Heimat. Kurz, ein Landei. Nach intensiver Recherche auf dem Smartphone war die App endlich installiert – ein modernes Taxi-System, bei dem der Fahrpreis vorab fixiert ist und man via Kennzeichen und Fahrerfoto genau weiß, in welches Auto man steigt. Am nächsten Morgen strahlt die Sonne. Die App gedrückt, fünf Minuten später steht der Wagen vor dem Gartentor, und für ein paar „Mini-Lari“ geht es direkt ins Zentrum. Genial.

​Der Fahrer setzt mich am großen Spielcasino ab, und ich stehe mitten im architektonischen Fiebertraum der Kaukasusrepublik.

Batumi will bespaßt werden. Die Strandpromenade mit Riesenrad gleicht einem subtropischen Jahrmarkt, inklusive Piraten Booten und allerlei visuellem Entertainment.

Erste Station: Der Alphabetic Tower. Der Aufzug zuckelt mit mir nach oben, und der Blick öffnet sich auf ein Panorama, das man am besten als „Klein-Shanghai“ beschreibt. Ich bleibe nicht nur auf einen Kaffee, sondern probiere auch schon mal eine Käseplatte mit einheimischen Produkten. Die Vielfalt überrascht.

Wieder unten am Boden, schlendere ich an der Strandpromenade entlang zu einem der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt: Dem kinetischen Kunstwerk „Ali und Nino“.
​Zwei riesige, aus Stahlscheiben segmentierte Figuren bewegen sich mechanisch aufeinander zu, verschmelzen für einen kurzen Moment zu einer einzigen Silhouette, um sich danach wieder unaufhaltsam voneinander zu entfernen. Das Ganze basiert auf der berühmten Liebesgeschichte Ali und Nino (1937) des Schriftstellers Kurban Said zwischen einem aserbaidschanischen Muslim und einer georgischen Christin, die durch verschiedene Kulturen und den Krieg getrennt werden. Ein absolut fesselndes Motiv für die Kamera.​

Weiter geht es zum eigentlichen Hafen,

dann zum Piazza Square mit dem Mosaik. (Eigentlich wollte ich das monumentale Kunstwerk gebührend im Kamerasucher verewigen. Das Ergebnis leidet allerdings unter akuter Flachatmigkeit. Ohne Leiter oder das Talent zum Beam me up lässt sich der nötige Winkel für diese Ausmaße vom harten Pflaster aus einfach nicht erzwingen. Man verzeihe mir also das fehlende Mosaik-Foto.)

und schließlich zum Europaplatz.

Und dort steht sie nun auf einer hohen Säule: Medea, die das Goldene Vlies in den Händen hält. Sie wartet dort oben mit stoischer Geduld auf ein Schiff, das niemals kommen wird. Denn machen wir uns ehrlich: Weder Medea noch Jason oder die Argo-Jungs waren jemals in Batumi.

Argo Schiff

Als das SEK Argo im 13. Jahrhundert vor Christus die Küste entlang schipperte, gab es Batumi in irgendeiner Form schlichtweg noch nicht. Selbst als die Griechen später begannen, das Schwarze Meer zu kolonisieren, bauten sie ihre Festungen und Handelsplätze vor allem weiter nördlich. Jason hatte also für Batumi überhaupt keinen Ankergrund und erst recht kein Interesse. Die Argo ist hier maximal vorbeigeglitten.
Medeas Heimatadresse war auch eine andere. Medea war die Tochter von König Aietes, und dessen Palast stand in Aea – dem heutigen Kutaissi. Sie ist also im Landesinneren aufgewachsen. Dass sie heute mit dem goldenen Vlies hoch oben auf der Säule in Batumi posiert, ist ungefähr so, als würde man der Loreley ein Denkmal in Hamburg-Altona hinstellen. Schön anzuschauen, aber geografisch komplett deplatziert. Womit sich die Frage stellt: Warum steht das Ding dann hier? ​Die Stadtväter von Batumi brauchten nach der Jahrtausendwende ein starkes, unübersehbares Symbol, um die Stadt für den Westen schmackhaft zu machen.
Die Botschaft dahinter: Seht her, Georgien gehört kulturell schon immer zu Europa! Das Goldene Vlies ist die älteste Verbindung zwischen der antiken griechischen Welt und der Kaukasus-Region. Also investierte man im Jahr 2007 ein paar Millionen Lari, klotzte die Säule mitten in die Stadt und erklärte Medea mit dem Vlies kurzerhand zur Schirmherrin von Batumi.

Die Griechen hatten mit Batumi absolut nichts am Hut. Aber die Georgier haben schnell verstanden, dass sich ein geraubtes goldenes Schafsfell im Zentrum einer modernen Skyline bedeutend besser macht als die Statue eines altgedienten sowjetischen Parteisekretärs.

​Batumi: Das staatlich verordnete Spektakel

​Wer durch Batumi läuft, sucht vergeblich nach Historie. Es ist keine gewachsene Stadt, sondern ein auf Effizienz getrimmtes, architektonisches Entertainment-Produkt, das innerhalb von zwei Jahrzehnten aus dem Boden gestampft wurde. Wer hier historischen Tiefgang sucht, wird enttäuscht – wer aber die absurde Faszination eines städtebaulichen Booms im 21. Jahrhundert erleben will, ist hier genau richtig.
Wer sich fragt, wer diesen ganzen Hochhaus-Zauber, die unzähligen Wechselstuben, die Spielcasinos und die glitzernden Fassaden zu welchem Zweck in die Landschaft geknallt hat, dem drängt sich schnell der Verdacht auf, dass hier sehr geschäftstüchtige Strukturen am Werk waren, um Kapital ein neues, glänzendes Zuhause zu geben. Da Glücksspiele in den Nachbarländern Iran, Türkei und auch in Teilen Rußlands verboten sind, pilgert man über die Grenze hierher. Die schiere Anzahl von Wechselstuben ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass hier Geldmengen zirkulieren, die auf normalen Konten unangenehme Fragen auslösen würden. Auch wenn hier Hochhäuser im Rekordtempo entstehen, bleibt der Großteil der Wohnungen abends dunkel. Der Bauboom, ausgelöst durch wachsweiche Bauvorschriften, dient nur als Anlage zur Geldveredelung. Woher das Investitionskapital stammt, interessiert hier niemanden. Der Übergang zwischen seriösen Investoren, flüchtigen Oligarchen oder klassischen Paten ist hier so fließend, wie mein Kreisverkehrerlebnis von gestern morgen.

Zwischen Routen-Revision und Küsten-Krise

Zurück im Camp treffe ich auf Luciano. Der Mailänder ist ebenfalls solo mit dem Camper unterwegs und hat mit seinen stolzen 80 Jahren bereits einiges von der Welt und beruflich auch China gesehen. Ein echtes Vorbild für die Fraktion „Freiheit im Ruhestand“. Während er tags darauf Richtung Türkei aufbricht, um über den Balkan die Heimreise anzutreten, mache ich mir Gedanken, inwieweit ich meine Pläne für Georgien ändern muss. Der anhaltende Regen hat oben auf dem Kaukasus für reichlich Schneefall gesorgt. Da es inzwischen dort oben auch regnet, wälzen sich Sturzbäche in die Täler und es sind einige Strassenstücke abgerutscht. Für den ein oder anderen Pass wird die Öffnung inzwischen auf frühestens Anfang Juni vorhergesagt.

Das zwingt zur Umorganisation. Eigentlich sollte es über Poti und Zugdidi direkt in die Berge gehen. Das kann ich jetzt knicken. Ich entscheide mich dazu, erst das übrige Georgien zu bereisen und zum Schluss das Kaukasusgebirge. Je nachdem wie das Wetter sich entwickelt, erwäge ich auch zuvor noch Armenien zu machen. Da Armenien keinen offenen Grenzübertritt in die Türkei hat, muss ich sowieso noch mal nach Georgien zurück. Auf jeden Fall ist das Gebirge erst einmal verschoben. ​Also ab nach Poti und dann in Richtung Inland. Der Weg führt mich vorbei am Petra Castle – einer byzantinischen Ruine auf den Klippen, die man einfach mal ansehen kann, oder auch nicht.

​Was danach kommt, treibt einem Reisenden allerdings die Tränen in die Augen. Der Strand vor der historischen Hafenstadt Poti (dem antiken Phasis) ist eine ökologische Katastrophe. Bei diesen Bergen von Plastikmüll und Unrat können selbst die schmerzhaften Ecken in der Türkei oder Marokko nicht mehr mithalten. Man muss es so drastisch sagen: Wäre Jason mit der Argo jetzt hier vorbei und dann in das Delta des Rioni Flusses eingefahren, das Schiff wäre schlicht im Zivilisationsmüll erstickt und jämmerlich abgesoffen. 

​Dennoch: Ich habe den Fluss Rioni fotografisch dokumentiert, um den roten Faden unserer Argonautensage nicht zu verlieren. Auch wenn die Seite den Titel „Am Schwarzen Meer“ trägt, biege ich an dieser Stelle bewusst ins Landesinnere ab - wie es die Argo auch gemacht hat - und lasse dieses Kapitel in Kutaissi enden – denn genau dort, in der antiken Hauptstadt Aea, findet das Drama um das goldene Schafsfell schließlich seinen Höhepunkt.

 

Argo Schiff

Der Endspurt: Schlammschlacht im Phasis-Delta

An der Mündung des Phasis (heute: Rioni) – spendierte das kaukasische Wetter den Argonauten noch eine ordentliche Portion Drama. Ein brutaler Nordsturm peitschte die Argo durch. Das war kein Slow Travel, das war blanke, körperliche Schwerstarbeit gegen die Strömung.

Und als ob das nicht gereicht hätte, gab es im Mündungsdelta noch einen Zwischenstopp auf einer kleinen Flussinsel. Dort sammelte Jason die schiffbrüchigen Söhne des Phrixos auf, quasi eine antike Flüchtlingsrettung aus dem Schilf, die sich später noch als Glücksfall für den Diebstahl des Goldenen Vlieses erweisen sollte.

​Wer heute versucht, diese geschichtsträchtige Insel im Delta kartenmäßig mit dem GPS zu erfassen, wird kläglich scheitern. Der Rioni hat in den letzten zweieinhalbtausend Jahren durch chronische Überschwemmungen und kaukasischen Schlamm alles so gründlich umgegraben, dass die Insel schlicht im Festland aufgegangen ist.

Kutaissi: Kulinarischer Beinahe-Kollaps und große Gastfreundschaft

Kutaissi selbst empfängt mich mit handfesten, realen Komponenten abseits der alten Mythen. Bei einem ausgiebigen Spaziergang durch den schattigen Stadtpark stolpere ich prompt über das erste Stück georgischer Kulturgeschichte: Eine weiße Skulpturengruppe zeigt vier musizierende Damen, die Ishkhneli-Schwestern, die hier einst die traditionelle Stadt-Folklore populär machten und in der Mitte des vorigen Jahrhunderts einen Legendenstatus in Georgien hatten.

Nur ein paar Schritte weiter folgt dann der optische Kulturschock fürs Objektiv: Eine alte Telefonzelle, die unverkennbar den klassischen britischen Stil kopiert. Allerdings hat man das gewohnte royale Rot hier kurzerhand durch ein knalliges Postgelb ersetzt – und die alte Hülle pragmatisch zum modernen WLAN-Hotspot samt Touchscreen-Infopoint umfunktioniert. Das moderne Georgien nimmt sich eben, was es braucht, und streicht es im eigenen Sinne an.

Nach diesem kontrastreichen Park-Slalom zieht es mich weiter zur berühmten Weißen Brücke (White Bridge) über den aufgewühlten Rioni.

Dort treffe ich auf den berühmten „Picasso-Buben“ – einen kleinen Bronze-Gnom, der herrlich lässig auf dem Geländer sitzt und zwei Hüte in den Händen hält. Die Figur erinnert an eine Szene aus einem georgischen Filmklassiker von 1968, in der ein frecher Kunststudent den feinen Herren die Hüte klaut und damit in den Fluss springt. Nachdem das obligatorische Foto von diesem charmanten Spitzbuben im Kasten ist, wird es Zeit für das erste echte kulinarische Experiment.

In einem kleinen Restaurant nahe der Brücke bestelle ich ein megrelisches Chatschapuri – die georgische Antwort auf die Pizza, allerdings in der Variante „Käse im Teig und noch mal extra viel Käse oben drauf“. Da mir der dazu servierte echte Pilzsalat exzellent schmeckt, unterschätze ich die kaukasische Sättigungskraft. Ich wäre an Ort und Stelle beinahe geplatzt. Ein absolutes Schwergewicht der regionalen Küche. Zur Ersterholung treibe ich mich anschließend am Flussufer rum.

Den anschließenden Transportgott spielt natürlich wieder mein neuer Freund: Die Bolt-App. Drei Fahrten an diesem Tag, allesamt einfach klasse. Das Highlight ist jedoch die Fahrt hinauf zur majestätischen Bagrati-Kathedrale, die hoch über der Stadt thront.

​Als der Fahrer mitbekommt, dass der ältere Herr auf seinem Beifahrersitz aus Deutschland ist, gibt's kein Halten mehr. „Ah, Deutsch, mein Freund!“ tönt es und dann darf ich erst einmal ausgiebig die hingestreckte, georgische Pranke ordentlich schütteln. Diese unverfälschte, herzliche Gastfreundschaft der normalen Menschen ist es, die einfach hängen bleibt.

Die Bagrati-Kathedrale selbst ist übrigens ein wehrhaftes Paradebeispiel kaukasischer Stehauf-Mentalität. Im 11. Jahrhundert als monumentales Symbol des geeinten georgischen Königreichs erbaut, wurde sie Ende des 17. Jahrhunderts von osmanischen Truppen fachgerecht gesprengt und lag jahrhundertelang als Ruine oben über der Stadt. Erst vor gut anderthalb Jahrzehnten haben die Georgier das Ding trotz heftigster Proteste der UNESCO – die prompt den Weltkulturerbe-Titel entzog – rigoros wieder aufgebaut, inklusive modernem Glas-Schnitt und grünem Dach. Man lässt sich hier eben ungern von fernen Behörden vorschreiben, wie die eigene Geschichte auszusehen hat. Ein herrlich pragmatischer Ansatz.

Wieder unten im Zentrum angekommen, stehe ich kurz darauf auf dem zentralen Platz vor dem monumentalen Kolchis-Brunnen. Das Bauwerk ist ein absoluter Hingucker für das Weitwinkel-Objektiv: Ein mehrstöckiges Wasserspiel, besetzt mit überlebensgroßen, vergoldeten Tierfiguren – Hirsche, Widder, Pferde –, die alle so wirken, als wären sie direkt aus einem Museum entsprungen.

Und genau an diesem Brunnen schließt sich der Kreis. Die glänzenden Figuren sind nämlich keine modernen Fantasieprodukte, sondern exakte Vergrößerungen von antiken kolchischen Schmuckstücken, die Archäologen hier in der Region aus der Erde gebuddelt haben. Wenn man vor diesem prunkvollen Ensemble steht und den vergoldeten Widder in der Sonne blitzen sieht, steht man im Grunde vor dem ultimativen Beweisstück. Man spürt regelrecht, dass die alten Mythen hier eine verdammt reale, metallische Basis haben.

Es ist also an der Zeit, die Kamera kurz beiseite zu legen. ​Wenn man die Sage durch die Brille des klassischen Märchenonkels betrachtet, ist die Geschichte schnell erzählt – auch wenn sie das Zeug zu einem veritablen Hollywood-Blockbuster hat.

Argo Schiff

König Äetes dachte, er könnte den griechischen Bittsteller, der da einfach mit seiner Argo auf dem Fluß daherkommt und das Goldene Vlies ausgehändigt haben will, mit einer Reihe unlösbarer Aufgaben elegant ins Jenseits befördern. Sofortiges Köpfen der Argo-Truppe fiel ja leider aus, weil die gerade seine Enkel netterweise im Delta des Rionii gerettet hatten. Er unterschätzte dabei allerdings das klassische filmreife Beuteschema: Held trifft Königstochter mit ausgeprägtem Vater-Komplex und einer speziellen Neigung für den Giftschrank.

Medea, ihres Zeichens die Königstochter, verliebte sich schockartig in Jason und mutierte auf der Stelle zur echten Chefplanerin des Raubzuges. Ohne sie wäre die Sache kläglich gescheitert. Zuerst galt es, zwei feuerspeiende, erzfüßige Stiere anzuspannen und mit ihnen ein Feld umzupflügen. Medea reichte Jason eine feuerfeste Spezialsalbe, mit der er sich und seine Rüstung einschmierte – quasi der erste dokumentierte Arbeitsschutz gegen kaukasischen Flammenwurf. Als Nächstes mussten Drachenzähne in die Furchen gesät werden, aus denen augenblicklich eine Armee bewaffneter Krieger wuchs. Auch hier zog Medea das passende taktische Ass aus dem Ärmel: Auf ihren Rat hin warf Jason einen schweren Stein mitten unter die Soldaten. Die Jungs, intellektuell offenbar nicht ganz auf der Höhe, beschuldigten sich prompt gegenseitig, fingen an zu dreschen und schlachteten sich bis auf den letzten Mann selbst ab.

​Blieb nur noch das Vlies selbst, bewacht von diesem riesigen, chronisch schlaflosen Drachen. Während Jason wahrscheinlich schon nervös am Schwert nestelte, regelte Medea das im Vorbeigehen: Mit ein paar psychedelischen Kräutern und einem kaukasischen Schlaflied knipste sie dem Ungeheuer fachgerecht die Lichter aus. Jason musste nur noch zugreifen, das glänzende Fell von der Eiche in seinen Seesack stecken und im Abendrot zusammen mit Medea den Abflug machen. Ein schöner Mythos für die Schulbücher, bei dem der eigentliche Held eine Frau war, die für ihren Liebsten die eigene Familie verrät….

Unterzieht man das Ganze einer realen Betrachtung, bröckelt der Heldenlack gewaltig. Was uns Apollonios von Rhodos als episches Abenteuer verkauft hat, war im Grunde der Beginn einer Kolonialisierung durch die Hintertür. Die Argonauten lieferten per Spionage und Erkundung die geologischen Gutachten und Machbarkeitsstudien frei Haus. Das nüchterne Ergebnis: Da drüben gibt es Gold, Eisen und reiche Schätze – und die Einheimischen sind wehrtechnisch nicht auf unserem Niveau.

​Woraufhin die Griechen – wie jede intelligente Großmacht – keine Invasionsarmee losschickten, sondern als Prototyp eines globalen Wirtschaftsmonopolisten ihre Handelsstützpunkte strategisch genau in die Flussdeltas wie Poti und Suchumi setzten und die Warenausfuhr des kaukasischen Hinterlandes und den Handelsweg über das Schwarze Meer kontrollierten. Man machte die lokalen Eliten über exklusive Luxusimporte – von Olivenöl bis hin zu edler Designer-Keramik – schlicht von sich abhängig, und Kolchis lieferte Gold, Eisen, Schiffsholz und Leinen. Das ist die exakte, antike Blaupause für das, was wir heute als moderne Seidenstraßen-Politik (Belt and Road Initiative) oder als kolonialen Infrastruktur-Knebel kennen. Das System arbeitet für das Mutterland, die Einheimischen machen die Drecksarbeit. Raubtierkapitalismus im klassischen Gewand.

Die Goldschmiede von Vani: Beweis für eine goldene Kultur 

​Welche Reichtümer die Griechen hier – um im Bild der Argonauten zu bleiben – „absahnten“, wurde mir erst so richtig klar bei einem Abstecher ins Museum nach Vani. Wer dort vor den Vitrinen steht, begreift sofort: Das waren hier früher keine Barbaren, die zufällig über ein bisschen Goldstaub und ein paar Nuggets gestolpert sind.

​Die Kunstfertigkeit der kolchischen Goldschmiede war für die damalige Zeit geradezu beängstigend filigran. Wir reden hier von Goldarbeiten, die eine unheimliche Präzision aufweisen. Ob hauchdünne Ziselierungen, feinste Granulationen oder grazile Schmuckstücke, die Kolcher hatten ein ästhetisches Gespür, das den griechischen Stützpunkten im Delta wohl ein neidvolles Staunen abgerungen haben dürfte.

​Zwar handelt es sich bei dem Großteil dieser Exponate um Grabbeigaben. Aber mal ehrlich: Wer solche extravaganten Kunstwerke – Golddiademe, mit Edelsteinen besetzte Fibeln, protzige Amulette – einfach so den Toten mit unter die Grasnarbe gibt, der hat oben drüber ganz sicher nicht am Hungertuch genagt. Das war keine Bestattung, das war ein Statement. Davon, dass die Kolcher ihren Reichtum nicht nur im Jenseits feierten, sondern ihn auch mitten in ihrem normalen Alltag unübersehbar inszenierten, kann man jedenfalls getrost ausgehen.

​Die Griechen mögen das Fell geholt haben. Aber die Goldschmiede von Vani haben das eigentliche Erbe hinterlassen: Ein Zeugnis dafür, dass Kolchis kein bloßer Rohstofflieferant war, sondern eine entwickelte Kultur, die den sogenannten „zivilisierten“ Griechen zumindest ästhetisch und handwerklich auf Augenhöhe begegnet sein dürfte….

Normalerweise wäre das jetzt der Punkt, an dem ich den historischen Deckel der Argo-Akte für diese Fahrt schließe. Aber das würde der Sache nicht gerecht werden.

Während ich hier durch Kutaissi streife und quasi an jeder Straßenecke über Relikte aus dieser geschichtsträchtigen Region stolpere, merke ich, wie sehr mir auf dieser Fahrt die wichtigste Instanz fehlt. Meine verstorbene Frau war bei uns immer die unangefochtene Spezialistin für Historien- und auch für Sagenangelegenheiten. Sie hatte diese tiefe, brennende Faszination für die Vergangenheit; wollte eigentlich mal Ägyptologie oder Archäologie studieren. Weil man von purer Faszination aber bekanntlich die Miete nicht zahlen kann, siegte am Ende die Vernunft und es wurde eine grundsolide Karriere als Leitende Beamtin in einer Baubehörde draus.

​Auf unseren Reisen waren wir aber genau deshalb das perfekte Team: Ich war zuständig für die Topografie, die Straßen, die Pisten, die Himmelsrichtungen und die Geologie – sie erweckte die alten Steine, die Mythen und die Geschichten zum Leben. Wo ich nur eine Flussmündung sah, sah sie das Drama der Vergangenheit.

​Ich gebe mir hier auf der Seite wirklich alle Mühe, die historischen Puzzleteile zusammenzusuchen und mit ein bisschen feuriger, georgischer Adjika zu würzen. Aber an Ecken wie dieser, wo Mythos, Geschichte, Geografie und Realität so dicht ineinanderfließen, vermisse ich ihre Stimme, ihren Blick für die Details und unsere gemeinsamen Gespräche über alle Maßen. Dieses Kapitel in Kutaissi ist deshalb auch ein Stück weit für sie.

​Während »Mr.Nero« noch auf einem Stellplatz fünf Kilometer außerhalb der Stadt steht, schließt sich die Akte der Argonauten nun endgültig. Jasons Industriespionage ist dokumentiert, das Fell geklaut

Ab morgen übernimmt wieder der kleine Möchtegern-Strabon in mir das Kommando, um einen völlig neuen, einsamen Kurs einzuschlagen: Es geht über Tiflis nach Osten, längengradmäßig vorbei an Bagdad, mitten hinein in die weite Steppe Kachetiens.