Begrenzter Radius, volle Dosis
Armenien
Eine Spurensuche zwischen Westgrenze und Landesmitte
Große Visionen, kurze Leine:
Wie der Fortschritt meine Armenien-Reise hemmte
Nach sechs Wochen habe ich Georgien fast schon verinnerlicht wie eine zweite Heimat. Zeit für das nächste Kontrastprogramm: Armenien.
Daheim in Deutschland löst der Name verlässlich ratlose Blicke oder wohlgemeinte Warnungen aus. Der Bergkarabach-Konflikt hallt nach und die Reisehinweise lesen sich wie der Plan für ein Minenfeld: Das Nordufer des Sewansees meiden, ebenfalls die Gebiete nördlich von Jermuk und östlich von Goris sowie die Straße M17 südlich von Kapan und die Südgrenze zum Iran am besten gar nicht erst ankratzen. Und der historische Nachbarschaftsstreit mit Ankara setzt dem Ganzen die Krone auf: Man steht an der türkischen Grenze, blickt hinüber – und muss mangels offener Übergänge erst Hunderte Kilometer zurück nach Georgien schaukeln, um über Umwege wieder in die Türkei zu kommen. Absurdes Reise-Theater auf höchstem Niveau.
Dabei weht hier gerade ein erstaunlich neuer Wind. Vor ein paar Wochen haben die Armenier gewählt. Und im Gegensatz zu den Georgiern haben sie einen Premierminister im Amt bestätigt, der sich eben nicht wieder den Russen an den Hals wirft, sondern den Blick nach Westen richtet. Der Mann hat Visionen: Friedensverhandlungen mit Aserbaidschan, Annäherung an die Türkei und die Öffnung der Grenzen. Eine neue Transitstrecke soll entstehen, eine Art Mini-Seidenstraße für Wirtschaftsgüter und Handel.
Genau dieser politischen Öffnung habe ich es überhaupt zu verdanken, dass ich mit »Mr.Nero« hier herumkurven kann. Womit wir beim leidigen Thema Diesel wären: Moderne Euro-6-Motoren verlangen nach nahezu schwefelfreiem Kraftstoff, da sie sonst kurzfristig den Dienst quittieren. Hätte ich in früheren Zeiten die Frage „Kann man in Armenien eigentlich schwefelfreien Diesel nach westlichem Standard tanken?“ an das klassische Radio Eriwan gestellt, wäre sie sicherlich so beantwortet worden:
„Im Prinzip ja. Armenischer Diesel enthält garantiert so viel Teer, dass die Schwefelpartikel davon sicher ummantelt werden und mit dem Motor gar nicht erst in Berührung kommen. Prinzipiell ist armenischer Diesel daher zu hundert Prozent schwefelfrei!“
Dank der neuen West-Orientierung sieht das heute schon etwas besser aus. Seit Kurzem gibt es zumindest rund um Jerewan tatsächlich ein paar Shell-Tankstellen, die exzellenten V-Power-Diesel anbieten.
Der Haken an der Sache? Selbst mit rappelvollem Tank und Reservekanister reicht mein Aktionsradius schlicht nicht für den tiefen Südosten des Landes – zumindest nicht, wenn man auch wieder zurückkommen möchte. So führt der technische Fortschritt meinen Erlebnishunger an der kurzen Leine: Ich bin an den Großraum Jerewan gekettet und muss mich rein auf den Westen und die Mitte Armeniens beschränken. Das kommt davon, wenn man sich einen modernen Camper kauft, einem beim Händler aber niemand sagt, dass man damit gefälligst nicht zu weit durch die Weltgeschichte gondeln soll.
Welches Terrain ich trotz dieser kraftstoffbedingten Fessel zusammen mit »Mr.Nero« dennoch in Armenien erobert habe, zeigt ein Blick auf die Karte: