Istanbul 2026

Auf meinem Roadtrip in den Kaukasus habe ich im April 2026 einen dreitägigen Abstecher nach Istanbul gemacht.

  Tag 1

Kontaktsport im Epizentrum

Zwischen Springbrunnen und sechs Minaretten

Nachdem ich die erste Nacht unter den wachsamen Augen der türkischen Polizei verbracht habe, starte ich meine Eroberung Istanbuls standesgemäß im touristischen Epizentrum: dem Sultan-Ahmed-Park. Hier, auf dem Platz mit dem großen blauen Springbrunnen zwischen der Blauen Moschee (Sultan-Ahmet-Moschee) und der Hagia Sophia, wird die Fortbewegung am späten Vormittag zur ernsthaften Kontaktsportart. Internationale Reisegruppen und Individualtouristen queren hier zweigleisig von einem Objekt zum anderen und schwärmen so unkontrolliert aus, dass man sich wie ein Hindernisläufer vorkommt. Jeder ist einfach nur auf der Jagd nach dem ultimativen Foto.

 

Der Sultan, sein Grab und die Kunst des Übersehens

In einem kleinen Zeitfenster gelingt es auch mir, den Fokus auf die Sultan-Ahmet-Moschee zu richten. Das Bauwerk ist – ich muss es neidlos anerkennen – reichlich beeindruckend. Ich versuche mich an ein paar Schnappschüssen und halte die Moschee aus verschiedenen Perspektiven fest.

Der Namensgeber der Moschee, Sultan Ahmet I., war nun wahrlich kein Freund von Understatement. Sein Neubau sollte Eindruck schinden – anspruchsvoll und protzig zugleich sein, mit einer ordentlichen Portion Prätention. Kurzerhand ließ er sechs Minarette in den Himmel ziehen, was prompt zum diplomatischen Eklat mit Mekka führte, da man dort ebenfalls über „nur“ sechs dieser architektonischen Ausrufezeichen verfügte. Ahmet löste das Problem auf seine eigene Art: Er finanzierte Mekka einfach das siebte Minarett. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Ich habe die Moschee in jeder Lebenslage abgelichtet: nächtens von meinem Logenplatz bei »Mr.Nero« aus und jetzt hier im gleißenden Mittagslicht. Natürlich fehlt auch das Mausoleum nicht, in dem der Sultan seit mehr als 400 Jahren seine Ruhe vor den unermüdlichen Touristenmassen genießt. Doch während ich eifrig Brunnen und Kuppeln fokussiere, habe ich ein Detail mal wieder erfolgreich geschlabbert: den Deutschen Brunnen.

Dieser neobyzantinische Pavillon – so beschreibt ihn der Reiseführer –, der direkt neben dem Mausoleum auf dem Sultanahmet Meydanı steht, war ein Geschenk von Kaiser Wilhelm II. und sollte die deutsch-osmanische Waffenbrüderschaft besiegeln. Aber wie das so ist: Wenn man hier zwischen der Hagia Sophia und der Blauen Moschee steht, wirkt ein kaiserliches Präsent aus Berlin-Charlottenburg eben wie ein nettes Accessoire, das man im Eifer des Gefechts schon mal übersieht. Es scheint ein Muster bei mir zu sein – schon in Barcelona habe ich den berühmten Brunnen auf der Rambla konsequent links liegen lassen. Vielleicht ist meine interne Festplatte auf das Ausfiltern europäischer Brunnenanlagen programmiert, oder meine Gedanken sind schlichtweg schon bei den zwei logistischen Aufgaben, die ich heute noch unbedingt vor dem eigentlichen Sightseeing erledigen muss.

Verhüllte Geschichte: Die Hagia Sophia im Tarnmodus

Steht man aber erst einmal inmitten dieser zwei architektonischen Highlights, kann man sie unmöglich ignorieren.

 

Zwischen den Simit-Verkäufern, die ihre Sesamringe wie heilige Reliquien anpreisen, und den Maiskolben-Röstern, deren Rauchschwaden die Sicht auf die Hagia Sophia vernebeln, lässt sich unschwer erkennen: Die Umbauarbeiten zur Erdbebensicherheit sind – allen offiziellen Voraussagen zum Trotz – noch lange nicht abgeschlossen.

Das monumentale Bauwerk sieht aus, als hätte Christo es höchstpersönlich verpackt; die typische Silhouette ist unter den Netzen kaum mehr auszumachen. Zu allem Überfluss überragt einer dieser typisch gelben Baukräne die Minarette und stört das Gesamtbild empfindlich. Mir kommt sofort der Gedanke, dass ich meine Besichtigungen umorganisieren muss: Wenn es von außen schon so wenig zu sehen gibt, dann muss ich mir die Hagia Sophia zumindest von innen anschauen.

Automaten-Arithmetik und die Tücken des 21. Jahrhunderts

Bevor ich mich weiter mit den beiden historischen Hauptakteuren auf dem Platz beschäftige, diktiert die profane Realität dann aber doch den nächsten Schritt: Die Reisekasse verlangt nach türkischen Lira. Die kleine Sicherheitsreserve, die ich mir schon zu Hause umgetauscht hatte, neigt sich bereits dem Ende zu, nachdem ich meinen Parkwächter bar bezahlen musste. Ich steuere also zielsicher einen Geldautomaten an und passe dabei peinlich genau auf, dass ich vom Umrechnungskurs und den Betreibergebühren nicht übervorteilt werde.

Mit frischen Lira in der Tasche mache ich mich auf die Suche nach der Post, um mein HGS-System – die elektronische Mautplakette – einrichten zu lassen. Für den Leser zur Einordnung: In der Türkei wird an den Mautstellen weder bar noch mit Karte bezahlt; es wird gescannt. Das HGS-System basiert auf Funkchips und Kennzeichenerkennung. Man lädt ein Prepaid-Konto auf, fährt durch die Mautstation, und das System bucht im Vorbeifahren ab. Was nach reinem 21. Jahrhundert klingt, erweist sich in der Praxis jedoch oft als bürokratisches Mittelalter.

Slalom durch die Schatten-Logistik

Auf meinem Weg zum Postamt komme ich erneut am Vorplatz der Hagia Sophia vorbei. Und da lauern sie dann wieder, die Fake-Guides – oder, wie man sie international nennt, die Ticket-Scammer –, die einem mit verschwörerischer Miene versprechen, einen gegen einen unverschämten Obolus an den Warteschlangen vorbeizuschleusen. Die Kontaktversuche beginnen meist mit einem jovialen „Can I help you?“ oder einem „Are you fine?“, um die erste Brücke zu schlagen. Ich lächle in solchen Momenten so verbindlich wie ein Staatsgast auf Durchreise und steuere zielsicher mein eigentliches Ziel an: die PTT-Poststelle.

Von Achsabständen und Weltgeschichte: Der Weg nach Sirkeci

Im kleinen Postamt an der Hagia Sophia folgt eine weitere Lektion in türkischer Bürokratie. „Klasse 2? Fahrzeuge mit mehr als 3,20 m Achsabstand?“, fragt der Beamte und schaut mich an, als hätte ich soeben nach einem bemannten Flug zum Mars gefragt. „Haben wir nicht. Hier gibt es nur Klasse 1 für PKW. Für die Klasse 2 müssen Sie schon ins Hauptpostamt nach Sirkeci.“

Also kramt der 70plus-Reisende seine Knochen zusammen und macht sich an den Abstieg. Der Weg führt weg vom polierten Sultanahmet, hinunter Richtung Goldenes Horn. Ich verlasse die Postkarten-Idylle und tauche mit jedem Schritt tiefer in das geschäftige Istanbul ein.

Sirkeci: Wo der Orient-Express endete

Mein Weg führt mich mitten hinein nach Sirkeci. Hier war früher der Glamour der Welt zu Hause. Der Bahnhof von Sirkeci war das stolze Ende der legendären Orient-Express-Linie. Hier stiegen Könige, Spione und Agatha Christie aus dem Zug, um in das Chaos des Orients einzutauchen. Auch wenn ich ein klares Ziel  habe: den kleinen Umweg zum historischen Bahnhof gönne ich mir.
Heute ist der nostalgische Glanz einem sehr geschäftigen Treiben gewichen. Während die Touristen oben in Sultanahmet damit beschäftigt sind, Teppichhändler und Möchtegern-Reiseführer abzuwehren, wird in den Gassen von Sirkeci schlicht und ergreifend gearbeitet – laut, hektisch, und in einem Tempo, das keine Rücksicht auf meine langsame Gangart nimmt.

Ein Palast für die Bürokratie

Mitten in diesem Trubel erhebt sich das „Büyük Postane“ (Große Postamt), Hier muss ich hin. Das Gebäude ist selbst ein Denkmal aus einer Zeit, als man der Bürokratie noch Kathedralen baute. Fertiggestellt im Jahr 1905, steht man hier vor einem der größten und prächtigsten Gebäude der Stadt. Die Fassade strotzt nur so vor monumentaler Selbstsicherheit. Da darf ich gespannt sein, wie sich das auf meinen Antrag auswirkt.

Das türkische Maut-Labyrinth: Ein „Ü“ zu viel

Im Hauptpostamt ist man freundlich. Ich befrage die Info. Die spricht Englisch und ich darf ein Nümmerchen ziehen. Alles wirkt professionell – bis wir zum Kennzeichen von »Mr.Nero« kommen. Es beinhaltet nämlich ein „Ü“.

Ein deutsches „Ü“ im türkischen Maut-System ist offenbar der digitale Super-GAU – und das in einem Land, dessen Sprache vor „Ü“s nur so wimmelt. Es ist quasi der Türken liebster Vokal, aber die HGS-Software weigert sich beharrlich, diesen Buchstaben zu akzeptieren, weil es „Ü“s auf türkischen Nummernschildern schlichtweg nicht gibt. Es folgen Telefonate und Expertengespräche am Schalter.

Am Ende siegt der Pragmatismus über die IT: Ich zahle 3.000 Lira ein und hoffe, dass das System mich nun nicht nur als Phantom führt. Die offizielle HGS-App unterstreicht ein derartiges Risiko, indem sie in neun von zehn Fällen zuverlässig abstürzt. Die türkische Netz-Community weint und lacht gleichermaßen darüber. Sollte das Kennzeichen jedoch nicht korrekt erkannt werden, läuft die Mautschuld im Verborgenen einfach auf – und an der Grenze droht dann das Elffache der Summe als Strafe. Das klingt nach einem spannenden Finale für die Ausreise. Ein Nervenkitzel, den ich nach meinen bisherigen Erfahrungen an der Grenze wahrlich nicht brauche.

Wie ich damit umgehe, muss ich mir noch einmal gut überlegen. Vielleicht suche ich kurz vor der Ausreise nach Georgien vorsichtshalber noch einmal ein Postamt auf.

Das kontrollierte Chaos am Goldenen Horn

Zur Entspannung wandere ich weiter hinunter zum Wasser in Richtung Galatabrücke.

Die Galatabrücke ist kein Ort für schwache Nerven oder zartbesaitete Ohren. Während oben die Straßenbahnen rattern und Heerscharen von Anglern ihre Angeln in das trübe Wasser des Goldenen Horns hängen – in der Hoffnung, der Fischfang könne die Lebenshaltungskosten mindern –, tobt darunter das wahre maritime Leben.

Diese Brücke ist bereits die fünfte an dieser Stelle. Sogar Leonardo da Vinci hatte schon einen Entwurf eingereicht, doch der damalige Sultan lehnte ab. Zu kühn, zu modern. Heute ist die Brücke eine zweistöckige Konstruktion mit Charme: Oben der Verkehr, unten Fischrestaurants, die einen mit dem Duft von Balık Ekmek (Fischbrötchen) und markigen Sprüchen in die Abzock-Fallen locken.

Auf dem Hügel auf der gegenüberliegenden Seite thront der Galataturm. Dieses steinerne Monument der Genuesen aus dem 14. Jahrhundert hat schon alles gesehen: Kreuzritter, osmanische Eroberer und vermutlich auch schon die ersten genervten Reisenden. Einst war er der höchste Punkt der Stadtbefestigung, heute ist er der stolze Wächter über den Bosporus.

Das Ballett der Fähren

Vom Ufer aus beobachte ich das Treiben der Schiffe. Es ist ein Wunder, dass hier nicht stündlich Metall auf Metall kracht. Die gelb-weißen Vapur-Fähren sind Teil des öffentlichen Nahverkehrs. Sie verbinden das europäische Eminönü (wo ich gerade bin) mit Üsküdar und Kadıköy auf der asiatischen Seite oder tuckern hinaus zu den Prinzeninseln. Die IDO Schnellfähren schieben sich dazwischen und drumherum  wieseln die kleineren Boote von Turyol und anderen Anbietern hindurch, die die Touristen in Rundfahrten über den Bosporus schippern.

Die schwimmenden Hochhäuser am Sarayburnu

Und dann sind da die „Eindringlinge“. Auf meinem Weg zum Sarayburnu ragt plötzlich eine weiße Wand aus dem Wasser: ein Kreuzfahrtschiff, das wegen der anderen im Galata Port keinen Platz mehr gefunden hat. Diese schwimmende Kleinstadt liegt hier so präsent, dass man meinen könnte, der Kapitän wolle direkt im Garten des Topkapi-Palastes anlegen.

Zwischen Akropolis und Angelrute: Frühstück am Cankurtaran

Ich wandere hinaus zum Cankurtaran, um mir im Sarayburnu Aile Çay Bahçesi einen Kaffee und ein spätes zweites „Frühstück“ am Nachmittag zu genehmigen. Irgendwie bin ich völlig aus der Zeit gefallen, aber das stört hier niemanden. Es ist dieser wunderbare Moment, in dem man einfach nur aufs Wasser schaut, die Welt Welt sein lässt und darüber nachdenkt, dass sich an dieser Stelle  – bevor die Osmanen mit dem Bau des Topkapi-Palastes begannen – das historische und religiöse Zentrum des antiken Byzanz befand.

Vermutlich haben genau hier oströmische Kaiser wie Konstantin oder Theodosius auch schon mit einer gewissen Dekadenz geschlemmt. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich im Café konsequenterweise nach einer Ottomane verlangt, um meinen Brunch stilecht im Liegen zu verzehren…..

Im Anschluss drehe ich noch eine Runde über den angrenzenden Platz am Sarayburnu, der mit einer Seite an das Goldene Horn und mit der anderen an den Bosporus grenzt. Ich frage mich, ob sich die Ausflügler und die Fischer eigentlich darüber im Klaren sind, was sich hier direkt unter ihren Füßen befindet: die Fundamente antiker Tempel für Zeus, Athene und Poseidon, byzantinische Palastanlagen und das Areal der einstigen kaiserlichen Residenz. Doch die Prioritäten sind klar verteilt: Alle schauen nur aufs Wasser – die einen warten auf den Fisch ihres Lebens, die anderen suchen verbissen nach der perfekten Position für das nächste Selfie.

Der Topkapi-Palast: Warum ich mir den Harem erspart habe

Unmittelbar hinter dem Cankurtaran ragen die Mauern des Topkapi-Palastes auf. Das Machtzentrum der Sultane, ein Labyrinth aus Schatzkammern und dem berüchtigten Harem. Eigentlich ein Pflichttermin für jeden Istanbul-Besucher. Auf meinem Rückweg komme ich am großen Eingangstor vorbei.

Doch während ich den Blick über die Außenmauern schweifen lasse, entscheide ich mich für den Rückzug.

Man könnte es auf meine Knie schieben. Wer den Marsch nach Sirkeci und den Hügel rauf und runter zur Hagia Sophia  hinter sich hat, weiß, dass die Gelenke irgendwann ein Veto einlegen, das man nicht ignorieren kann. Aber das ist nur die halbe Wahrheit.

Der Topkapi-Palast ist ein Ort für Entdeckungen zu zweit. Wäre meine Frau noch an meiner Seite, hätte es keine Diskussion gegeben. Wir wären durch die Höfe flaniert, hätten über die Pracht gestaunt und uns vermutlich darüber amüsiert, wie viele Kissen so ein Sultan für sein allerwertestes Wohlbefinden wohl brauchte.

Allein durch die Gemächer zu wandern, während man selbst den wichtigsten Teil seiner eigenen Geschichte vermisst, hat einen Beigeschmack von Schwermut, den ich heute zum Abschluss des Tages nicht mehr haben muss. Manchmal ist das bewusste Auslassen eines „Must-see“ vielleicht die ehrlichste Form des Reisens. Ich erspare mir das Anstehen in der Schlange und bewahre mir stattdessen die Vorstellung, wie wir gemeinsam dort gestanden hätten.

Während die Massen durch den Harem geschleust werden, genieße ich die Unabhängigkeit des Solisten, der sich nicht mehr beweisen muss, dass er jedes Museum von innen gesehen hat. Ich habe ja heute schon die Seele des türkischen Postwesens kennengelernt– das muss für den Moment an kultureller Tiefe reichen.

Die Strategie für Tag 2

Abends im Wohnmobil reift der Plan: Wenn die Hagia Sophia von außen schon hinter Gerüsten und Kränen verschwindet, dann will ich wenigstens ihr Inneres erobern. Die Strategie steht schnell fest: Punkt 8:00 Uhr stehe ich an der Pforte. Bevor die Simit-Händler ihr erstes Geschäft machen und die „Fake-Guides“ ihre Netze auswerfen, will ich drin sein. Wenn es draußen keine Postkarten-Bilder gibt, dann müssen eben die Mosaike und die gewaltige Kuppel herhalten.

Zwischen den Momenten

Warum das Ganze?

Wenn abends der Trubel endlich nachlässt, merkt man erst, was vom Tag wirklich hängenbleibt.

Da saß ich eben noch bei meinem Türk Kahvesi und versuchte, die jahrtausendealte Geschichte zu atmen, während keine 80m Meter weiter hunderte Besucher aus dem Bauch eines Stahlgiganten gespuckt wurden, um in wenigen Stunden „Istanbul komplett“ zu inhalieren. Während ich mich mit dem „Ü“ in meinem Kennzeichen und der tückischen Maut-App herumschlage, um zu begreifen, wie dieses Land tickt, lassen sie sich im klimatisierten Bus den Hügel hochfahren, um im Gänsemarsch die Sehenswürdigkeiten abzuarbeiten.

Im Umkehrschluss werden mich die Pauschaltouristen fragen: „Warum tust du dir das denn auch an? Warum steigst du nicht einfach in den Flieger, checkst im Hotel ein und schiebst dich in sicherer Gesellschaft durch die Highlights? Oder noch besser: Nimm das Kreuzfahrtschiff! Keine Probleme bei der Anfahrt, kein Stress beim Zoll, keine Suche nach der Unterkunft oder Parkplätzen – von irgendwelchen ‚Ü‘-Problemen ganz zu schweigen.“

Ja, mein Weg ist mühsamer. Aber wer im Hotel wohnt, der erfährt nichts darüber, wie dieses Land wirklich funktioniert und wenn das Kreuzfahrtschiff heute Abend wieder ablegt und die Passagiere beim Abendbuffet bereits vergessen haben, ob sie vor Istanbul eigentlich in Kuşadası oder auf Rhodos waren, bin ich immer noch hier.

Ein Besucher lässt sich die Stadt wie ein Drei-Gänge-Menü servieren – mundgerecht, vorpüriert und garantiert ohne Gräten. Ich hingegen habe mich an den Gräten der türkischen Bürokratie fast verschluckt. Ich habe das gleichgültige Desinteresse von Zollbeamten erlebt und die ehrliche Ratlosigkeit in den Augen der Postbeamtin gesehen, als sie auf mein deutsches Umlaut-Kennzeichen starrte. Ich habe den Puls des echten Istanbuls gespürt, als ich mit 3,9 Tonnen durch die Innenstadt navigierte und mit Polizisten und Parkwächtern über das Unvermeidliche debattierte. Ja, das kann herausfordernd sein. Und ja, es verursacht hin und wieder vielleicht auch mal etwas Blutdruck.

Was macht jetzt den Unterschied? Ein Besucher bleibt immer ein Fremdkörper, der lediglich durch eine Glasscheibe zuschaut. Ein Reisender hingegen wird Teil des Systems – mit all seinen Fehlermeldungen und kleinen Triumphen. Er blickt hinter die Kulissen und gewinnt seine Erkenntnisse nicht aus Hochglanzbroschüren, sondern indem er Dinge tut, die die Einheimischen auch tun müssen: inklusive des kollektiven Fluchens über staatliche Software.

Wenn ich demnächst mit »Mr.Nero« weiterziehe, nehme ich nicht nur Fotos mit, sondern ein Stück erlebte Realität. Ein Erlebnis, das man nicht im Duty-free-Shop kaufen kann und das in keinem All-inclusive-Paket enthalten ist. Für mich ist es einfach faszinierender, ein Reisender zu sein!

Tag 2

​„Et Sopherl“ braucht ein Ganzkörper-Lifting

Ein teures Date mit einem Sanierungsfall

​Getreu meinem Plan stehe ich kurz vor acht am Eingang der Hagia Sophia. Die Stadt schläft noch, die Warteschlangen existieren nur in meiner Fantasie. Ich bin sofort an der Reihe, doch beim Ticketpreis setzt die erste Schnappatmung ein: 52,50 Euro. Als drei- oder vierköpfige Familie sollte man hier vermutlich vorher einen Kleinkredit aufnehmen oder die Niere eines nahen Verwandten verkaufen.

​Bevor ich zum „Sopherl“ darf, folgt der obligatorische Sicherheitscheck. Ich lege alles ab, was Metall enthalten könnte, aber das Gerät beharrt auf einem Piep-Konzert. Am Ende werde ich so gründlich abgetastet, dass ich kurz überlege, dem Beamten einen Kaffee auszugeben – so viel Körperkontakt hatte ich auf der ganzen Reise noch nicht.

Stahlskelette statt Sternenhimmel

​Endlich im Inneren schiebe ich mich die Rampe zur Galerie hoch. Dabei habe ich reichlich Erwartungen im Gepäck. Doch oben angekommen, folgt das optische Desaster. Wo ich auf spirituelle Erleuchtung und fotografische Glanzlichter hoffte, ragen vier gigantische Stahlskelette vom Boden bis in die Kuppel.

​Es ist, als hätte man versucht, die Grande Dame der Architektur über ein Korsett aus grauen Industriebau-Resten zu zwängen. Sie verdecken nicht nur die Sicht nach unten sondern auch den Blick in die berühmte Kuppel. Von der sehe ich ungefähr so viel, wie von der Sonne bei einer Totalfinsternis.

Die Mosaike sind teilweise verhängt, und die Wandmalereien sehen so mitgenommen aus, dass man am liebsten sofort die Telefonnummer eines guten Restaurators anrufen möchte.

Das Urteil: Ab zur Kur!

​Es ist schon ein starkes Stück: Den vollen Preis zu verlangen für eine Aussicht, die eher an eine renovierungsbedürftige Altbauwohnung nach einem Wasserschaden als an das prächtigste Gotteshaus der Christenheit und des Islams erinnert. Ein „Baustellen-Rabatt“ oder zumindest ein ehrlicher Warnhinweis an der Kasse wäre das Mindeste an Anstand gewesen. Frustriert ziehe ich nach kurzer Besichtigungszeit von dannen.

​Als ich meinem Freund im Krankenhaus davon berichte, tauft er das Weltkulturerbe kurzerhand um: „Da hat et Sopherl dich aber schwer enttäuscht, wa?“

​Ich kann ihm nur beipflichten: Ja, die gute Sophie ist derzeit wahrlich kein Anblick für Feinschmecker. Sie braucht dringend ein Lifting – und zwar ein radikales Ganzkörper-Paket inklusive Kuraufenthalt. In diesem Zustand dreht sich nach der einstigen Schönheit des Orients jedenfalls keiner mehr um.

Lichtspiele in der Unterwelt: Abtauchen im Versunkenen Palast

​Nach dem Fiasko bei „et Sopherl“ sind meine Erwartungen an das nächste Highlight der Stadt auf dem absoluten Nullpunkt. Als man mir an der Kasse zur Yerebatan Sarnıcı – der Basilica-Zisterne – erneut stolze 36,90 Euro abknöpft, bin ich kurz davor, den Tag für kulturell beendet zu erklären. Hallelujah, Istanbul weiß, wie man die Reisekasse einer Belastungsprobe unterzieht.

​Doch kaum stehe ich auf den Stufen in die Tiefe, ändert sich alles.

Ein Wald aus Stein und Wasser

​Es ist, als hätte jemand die Hektik der Oberwelt mit einem Schlag ausgeschaltet. Die Luft wird kühler und schon von der Treppe aus sehe ich unter mir einen schier endlosen Wald aus 336 Marmorsäulen, die aus dem Wasser emporragen. Die Illumination ist hier unten ein wahres Meisterwerk: Das Licht wandert in unterschiedlichen Farben über den Wasserspiegel, bricht sich an den antiken Kapitellen und lässt die Schatten im Rhythmus der ganz leichten Wellen tanzen.

​Ich gehe unwillkürlich ganz bedächtig über die Stege. Jeder Schritt scheint hier unten ein Gewicht zu haben, während man beobachtet, wie das Wasser in den verschiedensten Nuancen schillert. Es ist eine fast meditative Ruhe, die einen umfängt – ein vollkommener Gegensatz zu dieser pulsierenden Millionenmetropole.

Zwischen Pracht und Sklaven

​Am Ende des Rundgangs warten die berühmten Medusenhäupter, die als Säulenbasen zweckentfremdet wurden. Sie liegen dort im Halbdunkel, eines auf der Seite, eines auf dem Kopf, und werfen ihre bizarren Schatten an die feuchten Wände. Man vergisst in dieser mystischen Stimmung fast, dass diese „Versunkene Pracht“ einst das profane Wasserreservoir für den Großen Palast der byzantinischen Kaiser und später für den Topkapi-Palast war.

​Was heute so ästhetisch beleuchtet wird, war das Ergebnis gnadenloser Sklavenarbeit. Rund 7.000 Menschen schufteten hier unter der Erde, um dieses gigantische Becken zu errichten, das immerhin 80.000 Kubikmeter Wasser fassen kann. Die Säulen selbst sind im Grunde ein grandioses Recyclingprojekt der Geschichte: Die Baumeister klauten sie einfach an den Ruinen antiker Tempel und schleppten die prächtigen Stützen hier in den Untergrund.

Ein versöhnlicher Abschluss

​Hier unten habe ich sie doch noch gefunden: die fotografische Entschädigung für den Vormittag. Ohne Stahlträger, ohne Baustellen-Charme, dafür mit einer Ruhe, die meinen Puls wieder in den grünen Bereich bringt. Wenn man den Preis pro Minute Entspannung berechnet, ist dieser versunkene Palast am Ende vielleicht doch jeden Cent wert.

Palast-Poker und der Fluchtweg übers Wasser

​Wenn schon nicht Topkapı, dann vielleicht Dolmabahçe? Man will ja nicht als Kulturbanause abgestempelt werden, nur weil man eine Abneigung gegen Stahlgerüste entwickelt hat. Also steige ich in Eminönü in ein Taxi und lasse mich Richtung Beşiktaş kutschieren, direkt vorbei am Stadion des ewigen Underdogs der großen Istanbuler Fussball-Clubs.

An der Kasse dann das Déjà-vu: 43 Euro. Mein Portemonnaie fängt langsam an, sich beim Anblick von Kassenhäuschen schmerzhaft zusammenzuziehen. Da die Sonne lacht, versuche ich es diplomatisch: „Nur ein Ticket für den Park? Ein bisschen am Ufer rumlungern?“ Die Antwort ist so trocken wie ein Simit vom Vortag: „Ganz oder gar nicht.“

​In einem Moment seltener Entschlossenheit sagt mein Unterbewusstsein laut: „Dann eben gar nicht.“ Ich drehe auf dem Absatz um. Was mich da geritten hat, weiß ich nicht genau, aber es fühlte sich verdammt richtig an.

Logenplatz am Uhrenturm: Americano trifft Uludağ

​Statt goldgeschwängerte Palast-Verzierungen wähle ich den Uhrenturm, den Dolmabahçe Saat Kulesii. Er gehört zwar auch zum Palastgelände, steht aber stolz im frei zugänglichen Bereich. Direkt daneben: das Café. Ein Logenplatz par excellence. Ich bestelle mein obligatorisches Ensemble – diesmal ein Americano, flankiert von einem eiskalten Uludağ.

​Während ich dort sitze und die Boote beobachte, wie sie majestätisch durch den Bosporus pflügen, reift ein Plan. Warum sich durch überfüllte Prunksäle schieben, wenn man den Palast vom Wasser aus viel besser im Blick hat? Ohne Menschenschlangen und ohne Gold-Overkill.

Kapitänsblick statt Kassensturz

​Ich marschiere zum Galataport und buche eine 90-minütige Tour. Für 12 Euro – in Istanbuler Verhältnissen ein regelrechtes Schnäppchen. Das Schiff schiebt sich den Bosporus hoch bis zur zweiten Brücke, der Fatih-Sultan-Mehmet-Brücke, und kreuzt dann hinüber zur asiatischen Seite.

​An Bord herrscht geschäftiges Treiben: Çay, Früchte und Eis werden gereicht. Und natürlich darf die unvermeidliche Bord-Fotografin nicht fehlen, die versucht, die Passagiere gegen ein stattliches Sümmchen vor der Kulisse zu verewigen. Ich danke höflich ab. Ich weiß schließlich, wie ich aussehe, und brauche keine Beweisfotos von mir selbst – mir reicht das Panorama.​ Und das hat es in sich:

Dolmabahçe-Palast

Vom Wasser aus wirkt der Palast erst richtig monumental. Man sieht die prunkvollen Anlegestellen, an denen früher die Sultane direkt aus ihren Booten krabbelten.

Ortaköy-Moschee

Osmanischer Barock in der ersten Reihe. Sie stammt aus der Epoche, in der sich das Osmanische Reich architektonisch stark nach Westen öffnete. Drinnen wird gebetet; draußen am Kai, wo das moderne und quirlige Istanbuler Leben pulsiert, beißen die Touristen in die überladenen, typischen Ofenkartoffeln (Kumpir).

 

Brücke der Märtyrer des 15. Juli

Die erste Hängebrücke (1973) über den Bosporus. Wer hier drüberfährt, wechselt in Minuten von Europa nach Asien. Ein Meisterwerk der Statik, das im Berufsverkehr allerdings regelmäßig beweist, dass sich die Rushhour auf beiden Kontinenten exakt gleich zäh anfühlt.

 

 

Festung Rumeli Hisarı

Das architektonische „Hier-komme-ich“-Statement von Mehmet dem Eroberer, seines Zeichens Osmane. Mitte des 15. Jahrhunderts in nur vier Monaten in den Hang geklotzt, um den Bosporus strategisch abzuriegeln. Diese Aktion läutete endgültig das Ende des Byzantinischen Reiches (Konstantinopel) ein.

 

 

 

Festung Anadolu Hisarı

Das asiatische Gegenüber von Rumeli Hisarı, gut sechzig Jahre älter und deutlich bescheidener dimensioniert. Heute wirkt die einstige Trutzburg fast ein wenig gemütlich – eingepfercht zwischen Wohnhäusern, Ufercafés und alten Holzhäusern. Als hätte sich die ältere Geschichte hier diskret in die zweite Reihe zurückgezogen.

Küçüksu-Pavillon

Ein osmanisches Jagdschloss im Westentaschen-Format. Dieses barocke Juwel direkt am Wasser wurde vom Sultan nicht als Residenz genutzt, sondern diente lediglich als repräsentativer Zwischenstopp für kurze Ausflüge. Hauptsache, man demonstrierte überall den maximalen Abstand zum Alltag der einfachen Bevölkerung.

Beylerbeyi-Moschee

Ein kaiserlicher Sakralbau aus dem 18. Jahrhundert, den Sultan Abdülhamid I. im Gedenken an seine Mutter stiftete. Im Gegensatz zu den pompösen Sommerresidenzen der Nachbarschaft demonstriert diese Moschee am asiatischen Ufer eine barocke Eleganz. Sie dient der lokalen Gemeinschaft als Gebetshaus, ist angenehm ruhig und wird kaum von Touristen heimgesucht. Um das wahre Moschee-Leben zu erfahren, hätte sich ein Besuch hier vielleicht eher angeboten als in den überlaufenen Hochburgen von Sultanahmet.

Das Bosporus-Prinzip: Reizüberflutung auf dem Wasser

In den letzten eineinhalb Stunden habe ich schnell festgestellt: Der Bosporus ist eine endlose Aneinanderreihung historischer Kulissen. Links ein Palast, rechts eine Festung, dazwischen Jahrhunderte der Architektur – und das alles im Minutentakt. Man kann hier nicht jedes Motiv ablichten, sonst kapituliert die Wahrnehmung nach jedem zweiten Richtungswechsel. Ich habe mich daher auf ein paar wenige Beispiele beschränkt.

Simit-Diplomatie und Tunnel-Visionen

​Bevor ich die Rückreise im Taxi antrete, decke ich mich noch mit Proviant ein: In einer Bäckerei wandern ein paar frische Simit und zwei dieser herrlich klebrigen, süßen Kringel namens Halka Tatlısı in meine Tasche. Man weiß schließlich nie, wie lange die Istanbuler Rushhour heute an der Galatabrücke noch so dauert.

​Und tatsächlich: Der Verkehr steht. Mein Fahrer, ein deutlich jüngeres Semester, und ich nutzen die Zwangspause für ein wenig interkulturellen Austausch. Zuerst kämpft er noch ein wenig mit der Unterhaltungs-Übersetzungs-App, aber nach einigem digitalen Tauziehen klappt es dann und ein echtes Gespräch entwickelt sich.

 

Vom Hügel der Dichter in die Tiefe des Meeres

​Ich frage ihn nach dem Pierre Loti Hügel. „Lohnt sich das?“, will ich wissen. Er nickt begeistert: Ja, der Weg raus nach Eyüp lohnt sich definitiv, auch wenn es ein wenig außerhalb liegt. Die Aussicht über das Goldene Horn sei unschlagbar. Während wir so dahinrollen, reift in mir ein ganz anderer Gedanke. Ich erkundige mich nach dem Eurasia-Tunnel. Kann man da auch mit dem Taxi durch? Und was kostet der Spaß?

​Die Antwort ist eine handfeste Überraschung: Verglichen mit den heute erlebten Eintrittspreisen ist die Fahrt durch den Tunnel geradezu ein Schnäppchen. Das löst in meinem Kopf sofort eine kleine strategische Planung für meinen morgigen letzten Abend in Istanbul aus.

Kontinent-Hopping für Fortgeschrittene

​Die Idee: Ich lasse »Mr.Nero« auf der europäischen Seite sicher verwahrt stehen und begebe mich im Taxi hinüber nach Asien. Ein Kaffee in einem der Ufercafés von Üsküdar, während die Sonne langsam hinter dem Mädchenturm (Kız Kulesi) versinkt.

​Stellen wir uns das vor: Ich sitze entspannt in Asien und blicke hinüber nach Europa, wo mein mobiles Zuhause auf einem ganz anderen Kontinent auf mich wartet. Das hat eine gewisse Dekadenz, die sich paradoxerweise als genialer Genuss anfühlt. Mal sehen, ob ich das morgen Abend so hinkriege.

Zwischen den Momenten

Wann wird Kultur zum Luxusgut?

​Wer durch Istanbul spaziert, stellt schnell fest, dass man hier nicht nur große Geschichte atmet. Hier wird jeder Hauch der osmanischen Kunst längst als hocheffiziente Einnahmequelle bewirtschaftet. Wer die Hagia Sophia oder die Schatzkammern der Sultane von innen sehen will, muss mittlerweile Eintrittspreise von 35, 40 oder gar 50 Euro berappen.

​Natürlich kommt sofort das Totschlagargument der Denkmalpflege: „Der Erhalt! Die Massen! Die Statik!“ Das klingt so vernünftig, dass man fast ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man nicht sofort die Kreditkarte zückt. Doch bei 50 Euro Eintritt pro Person für ein einziges Bauwerk stellt sich die Frage: Wird hier die Geschichte gerettet oder lediglich die Bilanz der Tourismusbehörde? Das ist kein Eintrittsgeld mehr, das ist eine Strafsteuer auf mein historisches Interesse.

Noch schlimmer ist der Nebeneffekt, wenn der Ansturm der Massen nur über einen möglichst hohen Preis “geregelt” wird. Das ist dann keine Verwaltung mehr, das ist soziale Auslese unter dem Deckmantel der Denkmalpflege. Denn es bedeutet doch nur: „Wir wollen die Massen nicht stoppen, wir wollen sie nur nach Kontostand sortieren.“ Dadurch wird Kultur zum exklusiven Gut für die, die am meisten dafür löhnen können.

​Die wahre Ironie dieses kulturellen Ablasshandels begegnete mir jedoch nicht an der Kasse, sondern im Taxi. Mein Fahrer, ein stolzer Istanbuler, der jeden Winkel seiner Stadt kennt, gestand mir beiläufig, dass er mit seiner Familie noch nie in der Hagia Sophia war. Zu teuer. Die nationale Identität hinter einer Bezahlschranke, die für die eigenen Bürger unüberwindbar hoch ist – das ist doch wohl der Gipfel einer raffgierigen Tourismus Bürokratie. Während der Tourist drinnen die Mosaike – oder die Reste davon – bewundert, bleibt der Einheimische draußen vor der Tür seiner eigenen Geschichte.

​Ab wann also wird ein Ticketpreis unanständig? Vielleicht genau an dem Punkt, an dem das Bauwerk aufhört, ein Ort der Begegnung zu sein, und stattdessen zum reinen Renditeobjekt mutiert. ​Man muss nicht geizig sein, um bei diesen Preisen den Kopf zu schütteln. Es ist vielmehr ein Akt der Selbstachtung, festzustellen: Kultur ist kein Privileg für diejenigen, die „es sich eben leisten können“, sondern ein Erbe, das seine Bedeutung verliert, wenn es zum Spekulationsobjekt verkommt.

Wer die Welt sehen will, sollte nicht das Gefühl haben, sie vorher Stein für Stein freikaufen zu müssen.

Tag 3

Vom fliegenden Gebäck zur Morgenstund am Pierre Loti

​Punkt acht Uhr morgens. Während der durchschnittliche Tourist noch am Hotelbuffet mit der Kaffeemaschine ringt, stehe ich bereits draußen. Mein Ziel: Der Pierre Loti-Hügel. Ich möchte die Perspektive wechseln und mir das Goldene Horn von oben anschauen. Kaum verlasse ich das Parkplatzgelände, sehe ich das, was ich suche: Ein Taxi, an dem das „Taksi" Schild grün leuchtet.

​Ich wetze los – was in meinem Alter und mit meinen Knien eher einem engagierten Vorwärtsdrang als einem Sprint gleicht – und klopfe an die Scheibe.

Das Açma-Manöver

​Was dann folgt, ist eine Szene, die man in keinem Kabarett buchen kann. Der Fahrer, ein schrulliger älterer Herr, ist gerade mitten in seinem Frühstück. Im Mund ein komplettes Açma – diese weichen, türkischen Teigkringel nach Art unserer süßen Brötchen. Mit der Rechten schaufelt er hastig die Bäckertüte vom Beifahrersitz, um Platz für mich zu schaffen und mit der linken Hand bedient er gleichzeitig den Schalter, um das Beifahrerfenster herunterzufahren

Ich frage: „Taxi Pierre Loti?“

​Er nickt. Er nickt so kräftig und enthusiastisch, dass das Gesetz der Zentrifugalkraft gnadenlos zuschlägt: Das restliche Açma verlässt in einem hohen Bogen seinen Mund und landet – platsch – wieder auf dem Beifahrersitz. Es folgt eine Fluchtirade von epischem Ausmaß. Dass ich nicht der Adressat seiner türkischen Verwünschungen bin, macht er mir mit wilder Gestik klar, während er den Sitz für mich frei klopft. Ein Tag in Istanbul kann gar nicht schöner beginnen.​

Flugstunden über die Zufahrten zur Galatabrücke

​Sichtlich unzufrieden mit sich und der Welt seiner Backwaren, will er mir nun aber wohl wenigstens beweisen, dass er ein Großmeister am Lenkrad ist. Er legt einen derartigen Zahn zu, dass ich daran zweifeln muss, ob wir überhaupt noch Bodenhaftung haben oder bereits doch schon zum Überflug über die Auffahrten zur Galatabrücke angesetzt haben. In Rekordzeit schießt er an der Moschee vorbei und setzt mich punktgenau an der Seilbahnstation ab.

​Das „Gondel-Handling“ ist überraschend einfach. Debit Card an das Terminal gehalten und für ein paar Cent – Istanbuler Nahverkehrstarif sei Dank – schwebe ich in einer Art Selbstbedienung nach oben.

Rotkarierte Idylle und das asiatische Selfie-Heer

​Oben angekommen: Ein Panoramablick über das Goldene Horn. Traumhaft, auch wenn der Fotograf in mir sofort anmerkt, dass ein Nachmittagsbesuch wegen des Gegenlichts klüger gewesen wäre. Aber was soll’s. Ich sichere mir einen Tisch mit der typisch rotkarierten Tischdecke, bestelle mein Ensemble aus Wasser und Kaffee und gehe zu meiner Lieblingsbeschäftigung über: People Watching, eine humanistische Abwandlung des bekannten Whale Watching.

​Heute ist offensichtlich „Asiatentag“. Ganze Heerscharen von Touristen aus Fernost wieseln umher, bewaffnet mit ihren High-Tech Smartphones und einer endlosen Ausdauer beim Posieren. Jeder muss mal jeden bei der Aussicht aufs Goldene Horn abgelichtet haben. Ich genieße einfach meinen Moment inmitten des Gewusel.

Wer war eigentlich dieser Pierre Loti?

​Zwischen zwei Schlucken Kaffee drängt sich natürlich die Frage auf: Wer war eigentlich dieser Namenspatron für diese Aussichtsplattform?

​Pierre Loti – bürgerlich Julien Viaud – war ein französischer Marineoffizier, der im 19. Jahrhundert beschloss, dass die Realität in der Bretagne deutlich weniger Charme versprüht als ein Leben am Bosporus. Loti war ein Meister der Selbstinszenierung. Er liebte es, sich in prächtige türkische Gewänder zu werfen, den Fes ein wenig schief zu rücken und so zu tun, als sei er direkt einer orientalischen Sage entsprungen.

​In einem seiner Romane verarbeitete er seine pikante Affäre mit einer verheirateten Haremsdame zu Weltliteratur. Er saß für seine Geschichten angeblich genau hier in diesem Café und pflegte seinen Weltschmerz, während er sehnsuchtsvoll auf das Wasser starrte.

Folge ich dem Reiseführer weiter, suchte Loti hier oben nicht die Einsamkeit, um einfach nur allein zu sein. Nein, er suchte sie, um sich selbst dabei beobachten zu können, wie er allein ist. Das ist dann der Punkt, an dem ich den Reiseführer kopfschüttelnd beiseite lege. Entweder ist es noch zu früh am Morgen, um für diese Art von künstlich erzeugter Selbstaufmerksamkeit Beifall klatschen zu können oder ich komme gerade aus meinem eigenen, höchst einfältigen Weltbild nicht raus.

​Wie auch immer, ich für meinen Teil genieße lieber die Aussicht, das Spiel der immer kräftig werdenden Sonne auf dem Goldenen Horn und die handfesten Realitäten in meiner Umgebung.

Landshut liegt am Bosporus

​Der Rückweg von der Talstation ins Zentrum gestaltet sich kommunikativ.

Mein zweiter Taxifahrer spricht ein Englisch, das so perfekt ist, dass man fast einen britischen Pass vermuten könnte. Wir kommen sofort ins Palaver – über Gott, die Welt und die Tücken des Alters.

​Sein Sohn lebt in Landshut, verheiratet mit einer Türkin in zweiter deutscher Generation. Sein Drama: Die Schwiegertochter will nicht so wirklich zurück in die Heimat zu Besuch kommen, obwohl sie die Sprache noch gut beherrscht. Der Vater klagt sein Leid über die seltene Präsenz der Enkel, und ich serviere ihm ein paar Krankheiten und meine kaputten Knie als Grund für meine Taxifahrt. „Völlig okay“, meint er trocken, „so habe ich wenigstens auch was zu tun und ein Einkommen.“

​Zwei Männer, ein Taxi, zwei verschiedene Leben und doch die gleichen menschlichen Themen: Das Alleinsein, die Krankheiten, das Reisen und die Ignoranz der nächsten Generation. Am Ägyptischen Gewürzbasar steige ich aus, bereichert um eine Geschichte und die Erkenntnis, dass Landshut manchmal näher am Bosporus liegt, als man denkt.

Der Gewürzbasar (Mısır Çarşısı)

Wo der Augenkontakt zur Anzahlung verpflichtet

Vom Taxi aus stolpere ich direkt in den Ägyptischen Basar. Man nennt ihn auch den Gewürzbasar, was eine charmante Untertreibung ist. Denn es ist kein Markt; es ist ein Hochleistungszentrum für angewandte Verkaufspsychologie, getarnt als orientalisches Dufterlebnis.

Mein Plan: Ein paar schöne ästhetische Aufnahmen von Gewürzpyramiden oder anderen Darbietungsformen machen. Die Hauptsache: es muss bunt sein. Denn nicht nur die Düfte, sondern auch die Farben befördern hier die Foto-Magie.

​Doch Vorsicht: Der Basar ist kein Ort einfach nur zum Schlendern. Auch wenn ich die Basargewohnheiten aus Marokko bestens kenne. Es ist immer wieder eine Herausforderung.

Animation mit der feinen Klinge

​Das Vorgehen ist von einer subtilen Grausamkeit. Es beginnt meist mit einem harmlosen: „Looking is free, my friend!“ – eine der größten Lügen der Handelsgeschichte. Denn „Looking“ führt direkt zum „Testing“, und „Testing“ ist die Vorstufe zur kompletten „Kreditkartenimplosion”.

​Ich versuche, meine Smartphone in Position zu bringen, doch kaum fokussiere ich eine Safran-Schale, schiebt sich ein freundliches Gesicht ins Bild: „For you, special price! Because you look like a man who knows quality.“ Ein klassischer Eröffnungsschachzug. Man schmeichelt dem Ego, um an den Geldbeutel zu kommen. Wer hier nicht aufpasst, verlässt den Basar mit drei Kilo Tee gegen Rheuma, obwohl er eigentlich nur ein Foto von einer Teekanne machen wollte.

Die Flucht in die Anonymität

​Das Problem ist: Man möchte die Authentizität fühlen und das Flair einatmen, bekommt aber stattdessen eine Packung „Sultan’s Viagra“ (alias getrocknete Feigen mit Walnuss) unter die Nase gehalten. Für die besonders schwierigen Fälle auch die Version mit gemahlenem Sesam, wenn gar nichts mehr hilft.

Es ist ein permanenter Spagat zwischen dem Wunsch, die Farbenpracht festzuhalten, und der Notwendigkeit, so zu tun, als sei man blind, taub und absolut mittellos.

​Sobald man den Fehler macht, auf eine der rhetorischen Fangfragen – „Where are you from? Ah, Cologne! My cousin lives in Cologne!“ – zu antworten, ist man verloren. Jeder zweite Standbetreiber hat einen Cousin in Cologne. Mindestens. Das schafft fiktive Nähe. Zwar ist es statistisch gesehen völlig ausgeschlossen, aber im Basar verschmelzen Geographie und Verwandtschaftsverhältnisse zu einer einzigen, klebrigen Masse aus Verkaufsargumenten.

Irgendwann ist es dann genug und ich suche  das Weite, bevor mir doch noch jemand ein lebenslanges Abo auf literweise Rosenwasser aufschwatzt.

Und jetzt ?

Der Ägyptische Basar entlässt mich geruchstechnisch irgendwo zwischen einer Explosion von Kurkuma und Cumin, wobei mich so ein Gefühl beschleicht, ob der „echte“ Safran bei dem Preis, den ich gerade gesehen habe, nicht vielleicht doch in einem Chemielabor in den Vororten entstanden ist.

Aber kaum trete ich ins Freie, hat sich das Licht verändert und ich habe ein ganz anderes Problem. Die Sonne, die eben noch großzügig schien, hat sich diskret zurückgezogen, als wollte sie mit dem, was nun wettertechnisch folgt, nichts zu tun haben.

​Ich lasse mich an den Stufen der Neuen Moschee (Yeni Camii) nieder. Ein Bauwerk, das auch schon deutlich bessere Tage gesehen hat. In meiner aktuellen Unentschlossenheit kaue ich an einem Simit – dieser türkischen Allzweckwaffe gegen den kleinen Hunger – und beobachte, wie sich der Himmel binnen Minuten immer mehr auf „Weltuntergang Light“ umstellt.
Eigentlich war die Ansage klar: Ein Taxi kapern, ab durch den Eurasia-Tunnel nach Üsküdar. Einmal unter dem Meeresboden hindurch, während »Mr.Nero« am europäischen Ufer die Stellung hält. Aber kaum fallen die ersten Tropfen, wird klar: Das kann eine komplizierte Angelegenheit mit dem Sonnenuntergang in Üsküdar werden.

Effizienzbesuch in der ersten Etage

Ich disponiere um und lasse mich zum Pera-Museum kutschieren. Wenn es draußen ungemütlich wird, flüchtet man sich halt in die Hochkultur. Kultur ist ja sowieso oft das, was man macht, wenn man für das wahre Leben keinen Schirm dabei hat. Das ist bei mir nicht anders. Für kleines Geld kaufe ich mir den Zutritt zu einem der exklusivsten Refugien der Stadt. Auf die komplette kunsthistorische Dröhnung habe ich allerdings keine Lust; mein Ziel in der ersten Etage ist singulär: „Der Schildkrötenerzieher“.

​Ohne die Vorlektüre der letzten Tage wäre mir das Werk von Osman Hamdi Bey wohl unbekannt geblieben. Doch die Tatsache, dass dieses Gemälde von 1906 vor etwas mehr als 20 Jahren für astronomische Summen den Besitzer gewechselt hat und heute als das teuerste Bild der Türkei ausgestellt wird, machte mich neugierig. Jetzt stehe ich vor der beachtlichen Leinwand und suche nach der Botschaft, oder, wie man früher in der Schule gefragt hätte: Was will uns der Maler damit sagen?

Der Reiseführer bemüht hier die ganz große Allegorie – ein Wort, das ich nicht benutzt hätte, wenn ich es nicht vorher noch mal unauffällig hätte recherchieren können. Man sieht einen Herrn in roter Robe, der anscheinend versucht hat, mit seinem Flötenspiel seine Schildkröten zu erziehen. Resigniert hält er das Instrument auf dem Rücken und blickt auf die fünf Schildkröten zu seinen Füßen hinab.

Es ist das ewige Drama jeglichen Reformwillens. Weil die gepanzerte Basis stur den Kopf einzieht, die Zeit aussitzt und sich primär fragt, wann es endlich wieder Salat gibt, hat der intellektuelle Flötenspieler desillusioniert sein Spiel aufgegeben. Eine wunderbare Inszenierung auf der Leinwand, die zeigt, dass das Tempo des Fortschritts selten vom Ideengeber bestimmt wird, sondern von der Trägheit derer, die er vergeblich zu führen gedenkt.

​Da das Bild 1906 entstand – in einer Epoche, in der der politische Erneuerungswille gerade im Osmanischen Reich gegen Null tendierte –, ist es in erster Linie eine messerscharfe Kritik am damaligen System.

Und genau da komme jetzt ich ins Spiel und stelle mir die Frage: Warum kauft das heutige Establishment dieses Werk für Unsummen zurück, rahmt die einstige “Rüge” golden ein und ist auch noch stolz drauf? Ist das jetzt so etwas wie eine Realsatire oder glaubt man in den Etagen der Macht auch heute noch, dass sich politische Sprengkraft am besten dadurch mindern lässt, indem man Kritik, die man nicht verbieten kann, einfach institutionalisiert. Und hofft man dann, dass niemand mehr über den kritischen Inhalt spricht, weil im herrschenden Kunstbetrieb nur noch über den Millionen-Marktwert gesprochen wird? Das erscheint mir zwar als eine elegante Form der politischen Narkose, aber funktioniert so etwas heute immer noch reibungslos? Zumindest tarnt es anscheinend das Offensichtliche perfekt: Während die Kritik im Museum teuer vergoldet wird, operiert der Staatsapparat draußen ungerührt im exakten Schildkröten-Tempo weiter.

Die kulturelle Umleitung hat nichts gebracht

​Wieder unter freiem Himmel wird schnell klar. Üsküdar hat sich trotz Abwarten jetzt endgültig erledigt. An der Wetterfront gibt es keine Besserung. Im Gegenteil. Der Himmel über Beyoğlu hat sich zugezogen, und selbst das historische Hotel Bristol, in dem das Museum residiert, wirkt im Dauerregen reichlich trist. Ich warte unter einem Vordach auf ein Taxi zurück nach Sultanahmet.

​Die Fahrt durch das nasse Istanbul zieht den Schlussstrich unter diesen Tag: Was auf dem Pierre Loti-Hügel so vielversprechend begann, endet in einer kulturellen Nische, während der Traum von Üsküdar im Regen ersoffen ist. Eine gediegene Enttäuschung.

Das Fazit

72 Stunden Istanbul

​Drei Tage Istanbul liegen hinter mir. Man kann in 72 Stunden sicherlich noch mehr sehen und mehr Haken an eine touristische To-Do-Liste setzen. Man kann es aber auch bleiben lassen. Alles geht in drei Tagen ohnehin nicht – vermutlich nicht einmal in drei Wochen. Ich habe meine Eindrücke gesammelt, gut dosiert und exakt im Einklang mit meinen eigenen körperlichen Fähigkeiten. Und das Wichtigste ist: Mir genügt es vollauf.

​Wenn das nächste Mal in einer Runde über Istanbul gesprochen wird, muss ich nicht mehr nur zuhören. Ich habe jetzt meine eigene, ganz persönliche Vorstellung von dieser Metropole im Kopf.

​Gewinn und Verlust am Bosporus

​Natürlich ist es schade um Üsküdar. Der Sprung rüber auf die andere Seite blieb leider im Regen stecken. Aber eine Reise ohne ein offenes Kapitel wäre ja auch fast schon langweilig. Dafür verbuche ich einen ganz anderen, handfesten Triumph: »Mr.Nero« hat keinen einzigen Kratzer. Wer den Verkehr und die Gassen dieser Stadt einmal live erlebt hat, weiß, dass das der eigentliche Erfolg dieser drei Tage ist.

​Ein Wiedersehen mit Istanbul ist dennoch eher unwahrscheinlich. Nicht, weil die Stadt keine zweite Reise wert wäre, sondern weil mein Kompass in alle möglichen Richtungen zeigt und der Horizont noch andere Ziele bereithält, die ich auch noch sehen möchte.

​Ein neues Maskottchen für die digitale Baustelle

​Was bleibt also dauerhaft von diesem Zwischenstopp? Neben den Bildern im Kasten und den Erlebnissen im Gedächtnis vor allem mein neuer bester Freund aus dem Pera-Museum: der Schildkrötenheini. ​Ein Mann, der mit einer Flöte gegen die Trägheit anspielt – das ist die perfekte Metapher für den Versuch, mit über 70 eine Webseite als digitaler Quereinsteiger bändigen zu wollen. Man flötet den CSS-Code an, und die Seite macht... nichts.

​Istanbul war laut, intensiv und eine echte Erfahrung. Nun ist die Metropole abgehakt. Es geht weiter zur Schwarzmeerküste. Der Blick geht nach vorn, und die Straße Richtung Kaukasus wartet.