Barcelona 2024
Auf meinem Roadtrip nach El Hierro habe ich im April 2024 einen dreitägigen Abstecher nach Barcelona gemacht.
Schon rechtzeitig vor den Pyrenäen werde ich daran erinnert, mein Zwischenziel ja nicht zu verpassen!

Meinen »Mr.Nero« habe ich auf einem Campingplatz in El Masnou abgestellt, etwa 20 km nordöstlich vom Stadtzentrum Barcelonas.
An diesen Platz – ich nenne ihn wohlwollend einen „erweiterten Stellplatz“ – hatte ich im Vorfeld keine allzu hohen Erwartungen geknüpft.
Er punktet schlicht durch seine funktionale Anbindung an den Nahverkehr und garantiert damit eine solide Basis für den Besuch der Metropole. Im hinteren, oberen Bereich des Geländes stehe ich mit dem Camper sogar durchaus ruhig. Darüber hinaus gehe ich nüchtern davon aus, dass ich mit meinen 70-minus nach einem ausgefüllten Tag in der Stadt ohnehin derart erledigt sein werde, dass meine Aufmerksamkeit für die ästhetischen Details des Stellplatzes gegen Null sinken dürfte.
Für den Besuch der Stadt nehme ich von hier aus jeden Tag die Regionalbahn R1 - Rodalies. Das stellt sich als völlig unkompliziert dar. Bis zum Plaça de Catalunya mitten im Zentrum von Barcelona in gerade mal 25 Minuten.
Tag 1
Das Auftauchen: Plaça de Catalunya
Der erste Kontakt mit einer Metropole ist immer gewöhnungsbedürftig. Kaum entsteigt man den Katakomben des Bahnhofs, steht man unmittelbar an der Plaça de Catalunya – und mitten im Leben.
Es herrscht ein Trubel, der einen zur sofortigen Orientierung zwingt. Zwischen dem dichten Verkehr der Kreuzung und dem endlosen Strom der Passanten muss man erst einmal den eigenen Rhythmus wiederfinden. Ein tiefer Atemzug, ein prüfender Blick auf die Karte: Der Stadtbesuch hat offiziell begonnen.
Wasserspiele in der Warteschleife
Zuerst schlendere ich über die Plaça und halte Ausschau nach den großen Zwillingsbrunnen, den Fonts Bessones. Doch die Brunnen üben sich in vornehmer Zurückhaltung: Wegen Wassermangels tut sich hier gar nichts.
Es sieht schon ganz schön nüchtern aus, wenn monumentale Wasserspiele einfach trockenlaufen. Während meines gesamten Aufenthalts blieben auch die übrigen Brunnen der Stadt stumme Zeugen der Dürre. Schade – wo eigentlich kaskadenartige Erfrischung geplant war, muss nun die Architektur alleine herhalten.
Die Kunst der Seitenstraße
Um dem üblichen Touristenstrom zu entgehen, der sich wie eine unaufhaltsame Lavamasse die Rambla hinunterwälzt, entscheide ich mich für eine taktische Umgehung in die Altstadt. Zwar buhlen auch am Portal de l’Àngel die Konsumtempel lautstark um Aufmerksamkeit, doch kurz vor der Kathedrale biege ich rechts ab. Mein Ziel sind die schmalen Gassen, die zur Basílica de Santa Maria del Pi führen.
Abseits des pulsierenden Treibens öffnet sich dort die Plaçeta del Pi – ein Ort im Gotischen Viertel, an dem die Zeit beinahe stillzustehen scheint. Namensgeberin dieses beschaulichen Platzes ist die stattliche Kiefer (katalanisch: pi), die in seiner Mitte thront. Den architektonischen Fixpunkt bildet die Fassade der Kirche mit ihrem monumentalen Rosenfenster. Diese filigrane Glasarbeit zählt zu den größten weltweit und wirkt in der Enge des Platzes fast schon unwirklich groß.
Mitten in der Metropole: Gitarrenklänge und Ziegenkäse
In einer fast dörflichen Atmosphäre findet hier ein kleiner Bauernmarkt statt, die Fira de l’Artesania. Es werden Honig, Käse und andere feine Sachen verkauft. Ein schöner Kontrast – im Hintergrund die sakrale Wucht der Gotik, im Vordergrund die profane Leidenschaft für den Genuß.
An einer Ecke entdecke ich eine Sitzgelegenheit und gönne mir ein Päuschen – direkt gegenüber der „Guitarrería“, einem jener Läden, die hier noch echte Akzente setzen. Als kurz darauf ein Straßenmusiker beginnt, sein Bestes zu geben, stellt sich vorübergehend sogar eine leicht verwunschene Stimmung ein.
Der Lauf der Dinge: Die Ramblas
Vom Gotischen Viertel führt der Weg nun doch notwendigerweise auf die La Rambla. Sie ist die Schlagader, die den Plaça de Catalunya mit dem Alten Hafen, dem Port Vell, verbindet.
Eigentlich müsste man korrekterweise im Plural von den Ramblas sprechen. Die rund 1,2 Kilometer lange Promenade besteht nämlich aus fünf Abschnitten, die historisch alle ihre eigenen Namen tragen. Diese beziehen sich auf einstige Klöster, die Jesuitenuniversität oder die Blumenstände, die früher das Straßenbild prägten.
Heute sind diese feinen Unterschiede längst unter der Last der Besucherströme verschwunden; alles geht fließend ineinander über, während Scharen von Menschen auf dem Boulevard ihre Runden drehen.
Eine Ausnahme gibt es allerdings: Wenn der FC Barcelona einen Titel feiert. Dann verwandelt sich insbesondere die Rambla de Canaletes in ein blau-rotes Fahnenmeer – und die Touristen haben für einen Moment Sendepause. Ein beruhigender Gedanke, dass es Momente gibt, in dener der lokale Stolz das touristische Treiben zum bloßen Statisten degradiert.
Plaça Reial: Ein Platz mit zwei Gesichtern und einem Ego
Auf der Rambla dels Caputxins geht es weiter in Richtung Hafen. Der Name erinnert an das einstige Kapuzinerkloster Santa Madrona, das der Säkularisierung zum Opfer fiel. Biegt man links in die Carrer de Colom ab, landet man genau dort, wo früher die Mönche meditierten: auf der prächtigen Plaça Reial.
Heute führt der Platz ein bemerkenswertes Doppelleben. Tagsüber ein weitläufiges Refugium mit Arkaden und Palmen, das wie ein weltlicher Kreuzgang wirkt, verwandelt er sich nachts in ein Epizentrum für Partygänger. Im legendären „Sidecar“ wird heute im Keller zu Rock und Indie getanzt – also exakt dort, wo früher vermutlich die Vorräte des Klosters lagerten. Man darf davon ausgehen, dass die Kapuzinermönche beim Anblick heutiger Bassboxen in ihren Vorratskammern einen kollektiven Herzinfarkt erlitten hätten.
Gaudís Einstand
Die meisten Besucher kommen jedoch wegen zweier Laternen. Es sind die Erstlingswerke eines gewissen Antoni Gaudí. 1878 war der Mann jung, unbekannt und – man kennt das – chronisch knapp bei Kasse. Die Stadt gab ihm seinen ersten öffentlichen Auftrag: Entwürfe für die Beleuchtung der Plaça Reial.
Gaudí lieferte keine schlichten Laternen, sondern prachtvolle, sechsarmige Kandelaber mit Merkurhelmen und Drachenflügeln.
Und dann tat er etwas, das jedem gestandenen Beamten den Atem stocken lässt: Er schickte eine Rechnung, die man wohlwollend als „selbstbewusst“, ehrlicherweise aber als unverschämt bezeichnen muss.
Der darauf folgende Briefwechsel mit der Stadtverwaltung ist ein köstliches Zeugnis bürokratischer Fassungslosigkeit. Am Ende strichen die Beamten sein Honorar massiv zusammen und stoppten den Plan, den gesamten Platz mit seinen Laternen zu pflastern, aufgrund offensichtlicher „Star-Allüren“ sofort. So blieb es bei den zwei Exemplaren links und rechts des Brunnens der „Drei Grazien“.
Größenwahn als Motor des Genies
Schon damals hielt Gaudí architektonische Konventionen und bürokratische Paragrafen offensichtlich für bloße Empfehlungen, die man geflissentlich ignorieren darf. Die drei Grazien auf dem Brunnen drehen seinen Laternen bis heute konsequent den Rücken zu – vielleicht aus Solidarität mit der städtischen Kämmerei.
Aber man muss ehrlich bleiben: Ohne dieses ausladende Ego wäre Barcelona heute nur eine Stadt mit hübschen Straßen – und nicht der begehbare Fiebertraum eines Genies.
Allerdings muss man eins auch feststellen: Ein wenig frische Farbe und eine Restaurierung könnten die Kandelaber nach all den Jahrzehnten durchaus vertragen. Selbst ein Genie wirkt irgendwann dann doch einmal ein wenig blass um die Nase.
Carrer del Bisbe: Von Macht, Mythos und politischen Alleingängen
Ich überquere die Plaça Reial in Richtung Carrer de Ferran und steuere auf den Pl. de Sant Jaume zu. Unterwegs meldet sich mein Magen – ein diskretes Amuse-Gueule in Form einiger Tapas wäre jetzt angemessen. Der Platz vor der Kathedrale mit seinen Cafés erscheint mir dafür der richtige Ort.
Auf dem Weg dorthin biege ich links in die Carrer del Bisbe ab. Hier verdichtet sich das touristische Geschehen schlagartig, denn jeder will unter der Pont del Bisbe hindurch.
Die Brücke verbindet den Palau de la Generalitat, den Sitz der katalanischen Regionalregierung, mit der Casa dels Canonges, der Residenz des Präsidenten – ursprünglich das Kanonikerhaus für die hohen Klerikalen der Kathedrale.
Man darf wohl davon ausgehen, dass genau hier, hinter diesen Mauern, im Jahr 2017 die Unabhängigkeitsfantasien für Katalonien so weit vorangetrieben wurden, bis der Zentralregierung in Madrid der Geduldsfaden riss. Das drakonische Ende der Geschichte ist bekannt: Der seinerzeitige katalonische Präsident mußte ins Ausland fliehen und schleicht wohl heute noch irgendwo in Belgien herum.
Dolch im Rücken des Bauamts
Die Bischofsbrücke mag zwar eines der meistfotografierten Wahrzeichen des Viertels zu sein, aber architektonisch gesehen ist es eine Mogelpackung: Sie wurde erst 1928 im gotischen Stil zur Weltausstellung errichtet. Ein Requisit, das allerdings ein ziemlich schräges Detail birgt.
Direkt unter der Brücke starrt ein steinerner Totenkopf auf die Passanten herab, der stilecht mit einem echten Dolch durchbohrt ist. Die Legenden dazu sind so zahlreich, wie sie unterschiedlich sind: Wer den Dolch zieht, lässt die Stadt versinken, oder man muss rückwärts, den Schädel stetig fixierend, unter der Brücke hindurch gehen, um einen Wunsch frei zu haben.
Da tippe ich persönlich ja eher auf eine klassische Form von Architekten-Frust. Angeblich hat der Erbauer, Joan Rubió, hier seinen Unmut über die Stadtverwaltung verewigt, nachdem seine eigentlich geplanten Großprojekte für das komplette Viertel abgelehnt wurden. Sozusagen ein steinerner Kommentar zur bürokratischen Ignoranz. Wovon es in Barcelona durchaus so einige gibt.
Und die rote Rosette an der Brücke? Eigentlich wird sie nur für das Fronleichnamsfest aufgehängt, oder für das St. Jordi Fest, oder für das Riesenfest Xeranga de Gegants – oder, sie hängt einfach immer da!
Das Stadtarchiv: Ein Blindflug mit ästhetischem Ausgang
Ich schlängele mich weiter durch den Touristenstrom der Carrer del Bisbe. Um auf dem kürzesten Weg zur Plaçeta de la Seu zu gelangen, biege ich in die Carrer de Santa Llúcia ab. Vor einem Gebäude auf der linken Seite entdecke ich eine Rampe; durch die offene Tür fällt mein Blick auf einen Brunnen und eine Palme.
Obwohl ich dieses Haus absolut nicht auf dem Radar habe, siegt die Neugier. Ich gehe kurz rein, mache ein paar Fotos und ziehe genauso ahnungslos wieder ab, wie ich gekommen bin.
Ein Fehler, wie sich erst beim gemütlichen Sichten der Bilder zu Hause herausstellt: Ich war nicht in irgendeinem Haus, sondern in der Casa de l’Ardiaca, dem Haus des Archidiakons aus dem 12. Jahrhundert. Heute residiert dort das historische Stadtarchiv. Ein Glück, dass ich den prachtvollen Innenraum im Vorbeigehen „mitgenommen“ und beim Verlassen – eher aus einem Reflex heraus – auch noch die Fassade verewigt habe. Da war wohl der Instinkt klüger als der Fotograf.
So konnte ich doch tatsächlich noch den berühmten Briefkasten an der Fassade aus dem Foto herauszoomen. Die Symbolik ist so legendär wie aktuell. Als Anfang des 20. Jahrhunderts die Anwaltskammer in die Casa de l’Ardiaca einzog, konnte sich der Architekt Lluís Domènech i Montaner einen architektonischen Seitenhieb nicht verkneifen. Er meißelte fünf Schwalben in den Marmor, sozusagen als optimistisches Symbol für die Freiheit und jene flinke Justiz, von der wir alle träumen. Direkt darunter jedoch platzierte er eine Schildkröte, die sich als steinerne Fleischwerdung einer Bürokratie im Zeitlupentempo durch die Aktenberge frisst. Umrahmt wird das Ganze von kunstvollen Ranken, die uns sanft daran erinnern, dass man sich im Dickicht der Paragraphen schneller verfängt, als einem lieb ist. Hat sich daran bis heute etwas geändert? Ich sage mal so: Die Schwalben fliegen immer noch, aber die Schildkröte hat inzwischen wahrscheinlich eine unbefristete Festanstellung.
Placeta de la Seu: Zwischen Tapas und neugotischem Makeup
Bevor ich den Kathedralenvorplatz ganz erreiche, fange ich noch einen der charakteristischen achteckigen Glockentürme mit seinen Wasserspeiern ein. Dann stehe ich endlich vor der Bischofskirche.
Im Café Restaurant Estruch am Plaça Nova ergattere ich den letzten freien Platz. Ich bestelle das übliche „Kaffee-Wasser-Ensemble“ und versuche mich für ein paar der angebotenen Tapas zu entscheiden. Die Speisekarte präsentiert mir der Kellner wie selbstverständlich in deutsch und das, obwohl ich im besten Volkshochschul-Spanisch meine Getränke bestellt hatte.
Während ich auf das Essen warte und meinen lädierten Knien Erholungsurlaub gewähre, gebe ich mich voll dem People-Watching auf dem Kathedralenvorplatz hin.
Eine Innenbesichtigung der Kirche hatte und habe ich nicht geplant. Ich verspüre schon länger nicht mehr den Drang, jede Sehenswürdigkeit von innen „abarbeiten“ zu müssen. Diese Pflichtbesuche fühlen sich oft mehr nach Fließbandarbeit an als nach Kulturgenuss. Hat man es nach langer Wartezeit endlich ins Innere geschafft, ist man oft nur noch Teil einer Massendynamik. Man schiebt sich im permanenten Grundrauschen nerviger Audioguides an Absperrkordeln vorbei, während ein Wald aus Smartphone-Armen die Sicht auf die Highlights versperrt.
Die Kathedrale und ihr Image-Update
Architektur für Sehenswürdigkeiten dieser Größenordnung ist für Außenräume gemacht. Sie war das Social-Media-Profil des Mittelalters – eine Demonstration von Macht und Überlegenheit gegenüber dem Volk und den Widersachern.
Wer die wahre Wirkung spüren will, muss von außen betrachten. Und genau hier, auf dem Platz, in den Gassen und auf den Plätzen drumherum, da findet das echte Leben der Stadt statt.
Wobei man auch hier genau hinschauen muss, denn die Kathedrale ist eine geschickte Mogelpackung. Ihr Kern stammt zwar aus dem 13. bis 15. Jahrhundert, doch die prächtige Fassade, auf die ich gerade blicke, ist kaum 130 Jahre alt. Jahrhundertelang war die Vorderseite eine schlichte, flache Steinmauer. Erst für die Weltausstellung 1888 entschied man, dass das „Gesicht“ der Stadt zu langweilig sei, und baute im neugotischen Stil drüber.
Die kunstvollen Türme sind technisch gesehen also jünger als der Eiffelturm. Man könnte es als historisches Facelifting bezeichnen.
Coffee and still water. What else?
Ich genieße einfach Slow Travel.
Der Methusalem der Wasserversorgung: Font de Santa Anna
Ich bezahle – für diese erstklassige Lage war es sogar überraschend preiswert – und mache mich langsam auf den Rückweg. Um nicht dieselbe Route zu nehmen, wähle ich den Weg über die Ecke Carrer de Santa Anna und Avinguda del Portal de l’Àngel. Hier steht ein echtes Urgestein: der Font de Santa Anna.
Dieser Brunnen hat bereits so manche Epoche miterlebt. Er wurde 1356 errichtet, um das Viertel mit Wasser zu versorgen, und ist damit der dienstälteste seiner Art in ganz Barcelona. Er hat sich erstaunlich gut gehalten, was sicher auch an den diversen Schönheitsoperationen liegt, die er über die Jahrhunderte erfahren durfte. Sein heutiges farbenfrohes Kachelkleid verdankt er einer Generalüberholung aus dem Jahr 1918. Man kann ihn also getrost als einen Methusalem der Wasserversorgung bezeichnen, der heute sicher deutlich dekorativer aussieht als im tiefsten Mittelalter.
Der Brunnen liegt zwar an einer der belebtesten Einkaufsstraßen der Stadt, aber während Tausende von Menschen mit Einkaufstüten am Portal de l'Àngel vorbeieilen, bietet der Brunnen und die direkt dahinter liegende Gasse zur Kirche überraschenderweise einen echten Moment historischer Stille in dieser Gegend.
Ich schlendere an der Parroquia (Pfarrkirche) de Santa Anna vorbei und komme zum Schluß wieder zum Plaça de Catalunya.
Hier verweile ich noch einen Moment und überlege mir, ob ich morgen für den Besuch der La Sagrada Familia, des Parks Guell und weiterer Bauwerke von Gaudí einen der vielen von hier aus abfahrenden Hop on / Hop off - Busse nehmen soll. Die Bauwerke liegen doch recht weit auseinander.
Ein Thema, dem ich mich heute abend im Camper noch einmal widmen werde. Jetzt aber geht es runter unter den Platz zum Bahnhof und mit der Bahn zurück nach El Masnou. Ich bin ganz schön platt, heute morgen noch kurz vor Perpignan und jetzt hier. Ich bin zufrieden!
Zwischen den Momenten
Der Hut
Es gibt Versäumnisse, die man mit einem Schulterzucken abtut, und solche, die sich unter der südlichen Sonne sehr schnell rächen. Bereits kurz nach meiner Ankunft am Plaça de Catalunya galt mein Augenmerk weniger der Architektur, als vielmehr der unerbittlichen Astronomie. Die katalanische Aprilsonne suchte mit großer Präzision genau die Stellen meines Hauptes, an denen das Haar im Laufe der Jahre eine eher strategische Rückzugstaktik gewählt hatte. Meine treue Leinen-Flatcap - dieses Meisterstück an luftiger Kühle, das mich sonst vor jeglicher Unbill schützt - verweilte derweil in sträflicher Einsamkeit in den Tiefen meines Campers. Während andere Touristen die Tauben fotografierten, suchte ich bereits nach einem Refugium aus Stoff und Krempe.
Die nackte Not und die Sorge um mein dermatologisches Wohlbefinden trieben mich schließlich an einen der Souvenirstände. Mein Blick suchte nicht nach Ästhetik, sondern nach purer Schattenfläche. Möglichst ein Modell, das meinen Kopf, aber nicht die gesamte Reisekasse beschatten sollte.
Zwar fand ich ein zustimmungsfähiges Objekt, aber mein Kopfumfang und das dargebotene Textilgut pflegten eine eher distanzierte Beziehung. Die passende Größe war längst vergriffen. Doch in der Mittagshitze schrumpfte die Eitelkeit proportional zur steigenden Reizung der Kopfhaut. Mit einer Mischung aus sanfter Gewalt und hoffnungsvollem Pressen zwang ich das störrische Gebilde auf mein Haupt. Es hielt, solange ich die Mimik auf ein Minimum reduzierte und jede abrupte Kopfbewegung vermied.
In den kommenden Jahren hat dieser Hut einen festen Platz in meinem Camper gefunden. Er ist dort weniger ein Kleidungsstück als vielmehr ein stummes Mahnmal. Benutzt habe ich ihn nie wieder. Er thront in der Ablage wie ein etwas zu kleiner, steifer Zeuge meiner katalanischen Notlage. Doch seine Mission erfüllt er mit Bravour. Jedes Mal, wenn mein Blick auf dieses bizarre Souvenir fällt, tastet meine Hand automatisch nach meiner Flatcap. Seit jenem April in Barcelona hat die jedenfalls keine Exkursion mehr verpasst.
Irgendwie ist der zu enge Hut aus Barcelona der beste Gedächtnistrainer, den ich je besessen habe!
Gegen den Strom
Gestern Abend habe ich im Camper noch die verschiedenen Routen der Hop on / Hop off - Busse studiert und dann online kurzerhand das 24-Stunden-Ticket für den Barcelona Bus Turístic gebucht. Unter den beiden Anbietern schien mir dieser für meine Pläne am schlüssigsten zu sein.
Die offizielle Empfehlung der Website lautete natürlich, sich bereits in aller Frühe auf den Weg zu machen, um den großen Massen an den Haltestellen zu entgehen. Da ich jedoch die leise Vermutung hege, dass genau dieser Rat von jedem umsichtigen Touristen beherzigt wird, entscheide ich mich bewusst für eine entspanntere Vormittagszeit.
Und siehe da, mein Kalkül geht auf. Der erste Bus ist tatsächlich herrlich leer.
Casa Batlló: Ein Drachen-Krimi aus Blut und Rosen
Mein erster Halt gilt der Casa Batlló. Kaum ausgestiegen, stehe ich auch schon mitten unter staunenden Besuchern. Der Versuch, das Gebäude fotografisch zu bändigen, gestaltet sich schwierig. Von der anderen Straßenseite aus hätte man zwar den besten Winkel, doch da die Haltestellen aller Buslinien direkt vor der Casa liegen und die Taktung gerade jetzt enorm ist, schiebt sich ständig eines dieser Blechmonster ins Bild.
Ich versuche es also aus der Nähe und frage mich, was es mit den tausenden roten Papierrosen an der Fassade auf sich hat.
Die Antwort erhalte ich als klassischer Trittbrettfahrer: Ich stelle mich diskret neben eine deutsche Reisegruppe und erhoffe mir ein wenig Expertenwissen. Der Reiseleiter entpuppt sich als ein echtes Original. Ich konnte nicht anders, ich musste einfach die Diktiergeräte App auf dem Smartphone einschalten:
„...das hier ist nicht einfach Deko, das ist ein versteckter Krimi aus dem Mittelalter! Die feiern hier im April Sant Jordi, also St. Georg. Das ist der katalanische Valentinstag. Und dieses Haus hier, die Casa Batlló, ist im Grunde die architektonische Darstellung dieser Sant Jordi Legende. Schauen Sie mal ganz nach oben aufs Dach. Sehen Sie diese bunten Schuppen, die da versuchen so buckelig in der Sonne zu glänzen?? Das ist kein Dachstuhl, das ist der Rücken des Drachen! Aber der heilige St. Georg, der hat es dem Drachen mal ordentlich gezeigt und ihm sein Schwert zwischen die Rippen gejagt. Zack, Feierabend!
Und jetzt, passen sie auf. Aus dem Blut des Drachen, das da runtertropfte, wuchs laut Sage ein Rosenstrauch. Und Georg, der alte Charmeur, pflückt eine Rose und schenkt sie der Prinzessin. Deswegen hängen hier heute diese tausenden roten Rosen an den Balkonen, als ob das Haus vor lauter Liebe regelrecht bluten würde.
Ja, das ist Barcelona!
So, und jetzt weiter im Text, wir wollen ja noch zur Casa Milà, dem Steinbruch, wo Gaudí vergessen hat, die geraden Linien zu erfinden..."
Schade, ich hätte dem Kerl noch stundenlang zuhören können. Aber er zieht mit seiner Gruppe von dannen und ich, einfältig wie ich bin, warte auf den nächsten Bus. Der ist dann aber so schnell voll, dass ich am Ende der Schlange nicht einmal mehr einen Stehplatz ergattere. Die Idylle mit dem leeren Bus vom Anfang des Tages war nur von kurzer Dauer. Je weiter ich in meine ganz persönliche Gaudí-Tour eintauche, desto lebhafter gestaltet sich das Treiben und desto voller sind die Busse.
Anarchie in Sandfarben
Manchmal vernebelt die Bequemlichkeit eines Pauschaltickets offenbar den Blick für die Realität – oder zumindest für den Stadtplan. Kaum habe ich die Casa Batlló hinter mir gelassen, hält der Bus auch schon wieder an der Casa Milà. Ich bin gerade eine Strecke gefahren, die selbst ich in einem lockeren Spaziergang in weniger als zehn Minuten zu Fuß hätte bewältigen können. Anscheinend hat mich über Nacht eine plötzliche, unheilbare „Busverliebtheit“ ereilt.
Von den Einheimischen wird die Casa Milà oft mit einer Prise Spott ‘La Pedrera’, der Steinbruch, genannt. Ein Name, der ihre wuchtige, fast archaische Präsenz perfekt auf den Punkt bringt. So steht es jedenfalls im Reiseführer.
Auf mich wirkt das Ganze eher so, als hätte ein riesiger, aufgegangener Hefeteig den Weg zum Ofen nicht gefunden. Vor lauter Frust ist er dann einfach hier erstarrt – mitten auf dem Passeig de Gràcia, der doch seinerzeit Barcelonas prachtvolle Antwort auf die Pariser Champs-Élysées sein sollte.
Und dann dieses skurrile Getier aus Eisen, das wie ein verkorkstes Balkongitter an den Außenwänden hängt. Mich wundert es nicht, dass dieses heutige Weltkulturerbe zu Beginn des 20. Jahrhunderts für einen handfesten Eklat sorgte. Ich hätte zu gerne gewusst, was das wohlhabende Ehepaar Milà dachte, als sie ihr neues Heim zum ersten Mal sahen – vermutlich haben sie vergeblich nach einer geraden Wand für ihren Kleiderschrank gesucht.
Während andere Architekten seiner Zeit noch brav mit Winkel und Lineal arbeiteten, hatte Gaudí sich hier bereits vollkommen von jeder geraden Linie und jeglicher Symmetrie verabschiedet. Er goss seinen sandfarbenen Puddingberg einfach mitten in das auch damals schon sehr schicke Stadtviertel. Wie bereits bei seinen Laternen legte er sich auch hier lustvoll mit der Stadtbürokratie an, da das Gebäude schlichtweg alle gängigen Bauvorschriften und Höhenbegrenzungen ignorierte.
Wer dort einzieht, braucht definitiv Mobiliar ohne Ecken. Für mich verkörpert die Casa Milà eine Architektur, die eigentlich nicht bewohnt, sondern vielmehr bezwungen werden will. Ein triumphaler Sieg der Kurve über die starren Paragrafen des Bauamts.
Wo die Sagrada Família zur Kulisse wird
Ich nehme mir wieder den Bus, dieses Mal durchaus berechtigt.
Die frühe Aprilsonne meint es schon wieder ganz gut und ich genieße das klimatisierte Unterdeck bis zum nächsten Highlight, der La Sagrada Familia. Einmal ausgestiegen, empfängt mich ein Crescendo aus Sprachen, ein unermüdliches Klicken von Auslösern und gefühlt hunderte Menschen, deren ausgefahrene Selfie-Sticks wie silberne Fühler in den Himmel ragen.
Und was mache ich? Ich schließe mich einfach an und versuche auch irgendwie die Basilika aufs Bild zu bekommen. Dieser Gaudí macht es mir allerdings schwer. Früher, mit meiner Fotoausrüstung und den vielen Objektiven, wäre es einfacher gewesen. Aber jetzt, mit dem Handy, wollen die Vertikalen einfach nicht so, wie ich es will. Die Fassade ist einfach zu gewaltig. Auf der Suche nach dem perfekten Bild schleiche ich um das Bauwerk herum. Egal, wie ich mich verrenke: Irgendein Baukran ragt immer wie ein gelber Mittelfinger ins Bild. Ständig werde ich daran erinnert, dass dieses Weltwunder immer noch eine Baustelle ist und wahrscheinlich ist die Sagrada Familia ohne Kran auch gar nicht das Original.
Logenplatz für den ganz normalen Wahnsinn
Irgendwann erlischt der digitale Jagdtrieb. Man muss schlicht anerkennen, dass sich diese gewaltige Realität nicht in ein 4:3-Format pressen lässt. Ich ziehe mich etwas aus dem Touristenstrom zurück und suche mir am Rande des kleinen Parks eine Holzbank. Ich lehne mich zurück und vor mir entfaltet sich ein ganz neues Panaroma. Nur ein paar Meter weiter auf einer anderen Bank sitzt ein alter Katalane mit Schiebermütze, die Hände auf einen Gehstock gestützt. Er würdigt die Basilika keines Blickes; für ihn ist das hier wohl nur das heimische Wohnzimmer, während er mit kurzen Handbewegungen ein paar Brotkrumen streut und sein Tauben-Orchester dirigiert.
Direkt vor mir versucht ein junges Pärchen das Unmögliche: Sich selbst und 170 Meter katalanische Gotik auf ein einziges Handyfoto zu quetschen. Er geht in die Knie, sie lehnt sich gefährlich weit zurück – beide stehen gefühlt kurz vor einem Bandscheibenvorfall.
Überall verbiegen sich Menschen in fragwürdigen anatomischen Winkeln, um sich vor dem Weltkulturerbe zu inszenieren. Es wirkt wie ein moderner Tanz der Eitelkeiten.
Ein etwas aufgeregter Tourist versucht derweil seit zehn Minuten, einen Baum so geschickt vor seine teure Fotolinse zu schieben, dass der Kran dahinter verschwindet. Ich möchte ihm sagen: Lass es! Perfektion ist hier einfach nur eine Illusion.
Sakraler Rock und spanischer Schinken
Ich greife in die Jackentasche, nehme meine In-Ears und höre Alan Parsons fast schon sakralen Rock von der CD „La Sagrada Familia“. Mir erscheint kein Zeitpunkt besser, als gerade hier den Sound noch einmal zu hören.
Plötzlich wird mein privates Konzert allerdings unterbrochen. Eine spanische Familie bleibt vor mir stehen. Die Oma mustert mich mit einer Mischung aus Neugier und Amüsement, wie ich da lässig rumhänge und meinen Kopf zu den Klängen meiner Musik leicht hin und her bewege, so als wäre ich ein ganz besonders exotisches Exponat. Mit einem freundlichen „Podemos?“ deutet sie auf den Platz neben mir. Ich nicke und rücke ein Stück zur Seite. Die Oma zerrt Alufolie aus der Tasche und sofort riecht es nach leckerem Schinken, Olivenöl und frischem Brot. Wie aus dem Nichts fabriziert sie im Null komma nichts ein spanisches Picknick. Die zwei Enkelkinder jagen sich gegenseitig zwischen den Bänken und laufen Slalom um die vielen Touristenbeine, während die Mutter Mühe hat, das Chaos einigermaßen zu bändigen
Um das Weltkulturerbe schert sich hier gerade niemand.
Ein „steinerner“ Dialog mit der Straße
Und spätestens jetzt ist der Moment, wo ich merke, dass die Kathedrale im Hintergrund eigentlich kein Fotomotiv mehr ist, sondern nur noch die majestätische Kulisse für einen ganz banalen, wunderschönen April Nachmittag.
Ich verspüre keinerlei Drang, hineinzugehen. 26 Euro für einen Blick ins Kirchenschiff, Fast Track Eintritt für 33, mit Turmbesichtigung 46 Euro. und LED-Kerzen gegen Visa-Zahlung – das mutet fast schon wie ein moderner Ablasshandel an. Geld für Gotteshäuser, das kommt für mich nicht infrage.
Gaudí legte ohnehin mehr Wert auf die Außenfassade. Er gestaltete sie so, dass die Menschen die Geschichten der Bibel auch im Vorbeigehen lesen können. Die Architektur ist daher darauf angelegt, sein 'in-Stein-gewordenes Evangelium‘ auf allen Seiten der Basilika jederzeit mit der Straße kommunizieren zu lassen. Ich verpasse vielleicht die Lichtspiele im Inneren,und habe auch nicht das perfekte Bild auf dem Chip, aber ich habe die perfekte Stimmung im Kopf.
Während der Rest der Welt vor mir immer noch versucht, ein architektonisches Wunder so zu beschneiden, dass es in das Display eines Smartphones passt, sitze ich hier einfach rum, vielleicht ein bisschen exentrisch, aber verdammt zufrieden.
Die Ruhe am Rand hat gutgetan, aber irgendwann endet jeder Moment. Das Aufstehen ist wie immer eine zähe Verhandlung mit meinem Körper.
An der Haltestelle trifft mich fast der Schlag: Eine Wand aus Menschen baut sich auf. Reiseleiter und Ordnungskräfte versuchen, die Menge zu bändigen. Der erste Bus kommt, ist voll und fährt weiter. Der zweite wird in Sekunden geflutet. Erst im dritten ergattere ich einen Platz am Fenster und lasse mich in den Sitz sinken. Ruckelnd nimmt der Bus Kurs auf den Park Güell.
Auf dem Weg zum Parc Güell: Wadenbeißer und Instagram-Gazellen
Doch wer glaubt, der Bus setzt mich direkt vor Gaudís berühmter Mosaik-Eidechse ab, hat die Rechnung ohne die Stadtplanung gemacht. Die Haltestelle liegt gefühlt auf Meereshöhe, der Park irgendwo auf halbem Weg zum Mount Everest. Na ja, ganz so schlimm ist es nicht, aber meine Knie, die schon bessere Jahrzehnte gesehen haben, melden bei jedem Schritt Protest an. Rechts ziehen die Instagram-Gazellen an mir vorbei, als gäbe es keine Schwerkraft, und links überholen mich fitte Rentner aus Skandinavien, die wahrscheinlich jeden Morgen vor dem Frühstück ihren Fjord durchschwimmen.
Und ich? Ich bin das Schlusslicht dieser Karawane. Der Weg zieht sich, der Hügel drückt, und als Finale wartet eine endlose Treppe. Aber mein eigener Stolz treibt mich hoch.
Oben angekommen, falle ich buchstäblich über den ersten Kiosk her und kaufe mir zwei kleine Fläschchen Wasser zum Preis eines Jahrgangs-Champagners. Eine vernichte ich sofort, die andere ist für den Park, denn man weiß ja nie, was dieser Gaudí heute noch für mich geplant hat.
Eine Mauer aus Nullen und Einsen
Frisch hydriert mache ich mich auf die Suche nach dem Kassenhäuschen. Ich erinnere mich an Zeiten, da kaufte man ein Ticket, ging rein und gut war’s. Aber wir schreiben das Jahr der totalen Digitalisierung. Das Kassenhäuschen ist weg, ersetzt durch ein gähnendes Nichts und eine freundliche, aber unerbittliche Ordnungskraft in Uniform adressiert an alle, die keine Online- Reservierung haben, im Stakkato immer wieder denselben Satz:
„Lo siento, señor. No hay taquilla aquí. Solo entradas online. Tiene que reservar por la web.“ (Es tut mir leid, mein Herr. Es gibt hier keine Eintrittskarten. Eintritt nur mit Online-Tickets. Sie müssen über das Internet buchen.)
Ja, ich habe die Daten über mögliche Online-Buchungen im Netz durchaus gelesen, aber ich habe dabei anscheinend die wahre Realität ignoriert. Dass der Zugang n u r noch online möglich ist, das hatte ich nicht auf dem Schirm. Mein Fehler! Da war ich wohl im Vertrauen auf meine bisherigen Reiseerfahrungen zu optimistisch und habe die aktuelle Komplexität der Dinge unterschätzt.
Ich krame schnell mein Handy raus und suche auf der offiziellen Seite nach einem Buchungsslot. Jetzt? Nichts. In einer Stunde? Fehlanzeige. Morgen? Ausgebucht. Der nächste freie Termin ist in drei Tagen spät am Nachmittag. In drei Tagen, da bin ich wahrscheinlich schon wieder in einem Klima, in dem man nicht beim Stehenbleiben schmilzt.
Das war’s dann wohl! Ich dokumentiere nur kurz den Zaun, hinter dem der Ort meiner Begierde unangetastet dahinschlummert, und räume das Feld. Dieses Mal ohne die Treppen; in einem weiten Bogen ziehe ich über die befestigte Straße von dannen. Zumindest geht es bergab. Während ich langsam Richtung Bushaltestelle rolle, blicke ich nicht mehr zum Park zurück. Für einen Individualtouristen, dessen Verständnis von Kultur auf Freiheit basiert und nicht auf Reservierungs-Slots, mutet das alles etwas befremdlich an.
Endstation Plaça de Catalunya
Unten angekommen, steige ich wieder in den Bus meiner Turístic-Line. Ich lasse mich in den Kunststoffsitz fallen und lehne meinen Kopf gegen die kühle Fensterscheibe. Es ist ein Rückzug hinter Glas. Während der Bus sich schwerfällig durch den dichten Verkehr schiebt, ziehen andere Wunder Barcelonas an mir vorbei wie ein Film. Ich steige nicht mehr aus, um die Casa Vicens zu besichtigen, und auch am Camp Nou bleibe ich sitzen; für ein paar schnelle Fotos durch die Scheibe reicht die Energie noch, aber die Jagd nach dem perfekten Motiv ist für heute offiziell beendet. Am Plaça de Catalunya verlasse ich den Bus.
Etwas abseits der Taubenschwärme suche ich mir im Halbschatten eine Steinbank. Die Enttäuschung über den Park Güell wirkt noch nach, und der Blick auf die Uhr verrät: Die Rückfahrt hat fast eine Stunde gedauert. Eine Stunde, in der ich als stiller Passagier einfach nur mitgerollt bin.
Besichtigt habe ich heute nicht allzu viel, aber die Grenze zwischen klassischem Reisen und modernem Event-Tourismus wurde mir schmerzlich genau aufgezeigt. Morgen begegne ich Barcelona anders – oder ich suche mir irgendeine Gasse, die so unbedeutend ist, dass kein Algorithmus sie auf dem Schirm hat.
Aber was soll’s? Ich muss hier keine vorgefertigte Highlight - Checkliste abarbeiten. Bevor ich den endgültigen Rückzug antrete, plündere ich an der Rambla noch kurz einen kleinen Carrefour für das Abendessen. Mit der R1 geht es zurück zum Campingplatz – der Stolz ist zwar etwas angekratzt, aber die Lust auf die Tüte mit den katalanischen Köstlichkeiten wiegt das locker wieder auf.
Zwischen den Momenten
Reisen in digitaler Demut oder Tollpatschigkeit als interkultureller Eisbrecher
Ich sitze in der R1 Richtung El Masnou. Draußen fließen die Vororte von Barcelona vorbei. Der Zug ist voll mit Menschen, die den Tag hinter sich haben: Büroangestellte, die müde auf ihre Handys starren genauso wie erschöpfte Arbeiter mit staubigen Schuhen und auch eine Gruppe junger Frauen, die einen rasanten katalanischen Quasselclub bilden, dessen Tempo jedes Übersetzungsprogramm sprengen würde. Ich mitten drin.
Während der Zug rollt, wandern meine Gedanken zurück. Ich reflektiere über diesen seltsamen Wandel: Früher war Reisen ein Dialog mit dem Zufall, heute ist es eine Logistikschlacht. Wenn ich mit Mr.Nero unterwegs bin, gebiete ich über ein rollendes Cockpit, das mir mehr Rechenleistung bietet als die gesamte Apollo-Mission. Ich navigiere zentimetergenau durch das Unbekannte, streame unterwegs via Starlink in 4K und bilde mir ein, die Welt bereits zu kennen, bevor ich sie überhaupt betreten habe. Wenn ich wollte, könnte ich das reservierte Abendessen bereits rezensieren, bevor der erste alkoholfreie Aperitif überhaupt meine Lippen berührt hat.
Doch dann steht man da – technisch hochgerüstet – und scheitert an einem simplen QR-Code, nur weil man der romantischen Vorstellung erlegen ist, man könne doch „einfach mal schauen“. Es ist die Ironie der Moderne: Wir tragen die gesamte Welt in der Hosentasche, müssen aber drei Monate im Voraus wissen, wo wir am Dienstagnachmittag um exakt 14:10 Uhr stehen wollen.
Zuerst grollt man über das System. Doch beim Abstieg dämmert die Erkenntnis: Es sind nicht die Städte, die uns aussperren wollen – sie versuchen nur, nicht unter uns zu ersticken. Wenn ich nicht möchte, dass Fremde durch meinen Vorgarten trampeln, nur weil dort ein Menhir steht, muss ich wohl akzeptieren, dass auch Barcelona seine Gärten schützt. Wir „Individualisten“ sind eben Teil einer Karawane, die ohne digitale Leitsysteme längst zwischen den Rosenbeeten der Einheimischen picknicken würde.
Der eigentliche Frust entspringt ehrlicherweise nicht der Technik, sondern dem eigenen Unvermögen. Ich nutze Starlink und Google Maps als digitale Sinnesorgane, weigere mich aber einzugestehen, dass ich schlichtweg zu optimistisch war. Ein wenig mehr Recherche, ein Quäntchen weniger Selbstgefälligkeit – und die Touristentaktung dieser Megacity hätte mich nicht so locker ausgebremst.
In genau diesem Moment der höchsten geistigen Erleuchtung entscheidet meine Wasserflasche – die ungeöffnete Reserveflasche vom Parc Güell –, dass sie genug von der engen Seitentasche meiner Funktionsjacke hat. Sie rutscht. Zentimeter um Zentimeter. Ich bemerke es zwar, meine Finger zucken bereits – doch genau jetzt geht der Lokführer in die Eisen.
Die Flasche schießt aus der Tasche, knallt auf den Boden und beginnt ihre glorreiche Reise durch den Mittelgang. Die Weisheit meiner Gedanken-Cloud ist schlagartig verpufft. In diesem Augenblick bin ich nicht mehr der reflektierte Reisende; ich bin der Tourist, der seinen Hausrat nicht unter Kontrolle hat. Das Geschoss beschleunigt weiter, rollt an einem halben Dutzend Hände vorbei, die inzwischen hilfreich danach angeln. Pflichtbewusst stolpere ich hinterher, was in der schwankenden Bahn eher wie ein Pinguin auf Glatteis aussieht. Während ich versuche, gleichzeitig die Balance zu halten und meine Würde zu retten, ernte ich die ersten amüsierten Blicke der Pendler. Es ist dieser herzliche Moment, in dem die Einheimischen den Gast nicht mehr als Eindringling, sondern als wunderbare Unterhaltung betrachten.
Kurz vor der Tür stoppt ein kräftiger Mann in Arbeitskleidung die Flasche mit der Präzision eines Profi-Fußballers. Er bückt sich, fängt sie ein und reicht sie mir mit einem breiten Grinsen, als wäre es ein wertvoller Pokal:
„¡Tenga cuidado, señor! La botella probablemente quiera llegar a casa antes que tú.“ (Vorsicht, mein Herr! Die Flasche möchte wohl vor Ihnen zu Hause sein.)
Ein unterdrücktes Kichern geht durch den Waggon und eine ältere Dame hält sich vor Lachen diskret die Hand vor den Mund. Ich bin für einen kurzen Moment zum sympathischen Zentrum des Waggons geworden – nicht weil ich so ein netter Kerl bin, sondern einfach nur durch meine Tollpatschigkeit.
Auf dem Campingplatz zurück mache ich mir als Erstes einen Kaffee. Und während ich in der späten Nachmittagssonne vor »Mr.Nero« sitze, mit der Tasse in der Hand und der katalanischen Beute aus dem Carrefour in Griffweite, erkenne ich so langsam: Reisen in digitaler Demut bedeutet für mich heutzutage, zwar die Technik als Kompass zu nutzen, aber den Humor nicht zu verlieren, wenn mal etwas schiefgeht.
Passeig de Gràcia: Architektur im Vorbeifahren
Auch am dritten Tag zieht es mich wieder zum Plaça de Catalunya, und ich lasse mich erneut vom Hop-on/Hop-off-Bus chauffieren. Heute ist zwar nicht ganz so schönes Wetter, aber da es trotzdem warm genug ist, sichere ich mir einen Platz auf dem offenen Oberdeck. Es ist der Logenplatz für den Start.
Die Kamera fängt den Moment ein, bis das Casa Lleó i Morera auftaucht. Ein neugotischer Prachtbau, der 1906 den Architekturpreis der Stadt abräumte – und heute im Erdgeschoss ganz andere Preise zelebriert.
Dort residiert Loewe. Loewe möchte das spanische Pendant zu Hermès oder Louis Vuitton sein. Im Schaufenster thronen Handtaschen, für deren Gegenwert man in anderen Regionen einen soliden Gebrauchtwagen oder eine komplette Einbauküche bekommt.
Aber wie immer ist alles eine Frage der Perspektive: Während ich mir bei diesem Preis die Frage stelle, ob solche Taschen im Notfall auch Kaffee kochen können, ist der Laden für die echte High Society nur die Anlaufstelle für das „kleine Mitbringsel“ zwischendurch. Diese Kreise sehen so einen Shop vermutlich ohnehin nur als Tummelplatz für ambitionierte Emporkömmlinge und Möchtegern-Neureiche an.
Plaça d’Espanya: Zwischen Taxis, Stieren und Einkaufstüten
Ich steige an der Plaça d’Espanya aus dem Bus und stehe erst einmal im Epizentrum eines schwarz-gelben katalanischen Taxi-Balletts.
Mein Blick fällt auf das monumentale Denkmal in der Mitte: den Font dels Tres Mars, den Brunnen der drei Meere. Drei Götter tragen in Schalen die drei Meere, die Spanien umgeben. Entworfen wurde das Ganze von Josep Maria Jujol – einem Kumpel von Gaudí – anlässlich der Weltausstellung von 1929.
Unübersehbar sind die Bauarbeiten für die Verlängerung der Metrolinie hierher. Für Fotos gibt das Ganze nicht viel her, außer einen schönen Kontrast zwischen historischer Skulpturenkultur und der nüchternen Unordnung des Fortschritts.
Direkt dahinter ragt die ehemalige Stierkampfarena Las Arenas hervor. Wo früher Stiere und Toreros um Leben und Tod kämpften, wird heute höchstens noch um das letzte Paar reduzierte Sneaker im Sale gerungen. In der Kuppel verbirgt sich jetzt ein Einkaufszentrum, und die einzige Gefahr da oben ist vermutlich eine überzogene Kreditkarte.
Ein besonders schräger Moment entsteht, wenn der Blick zwischen den antiken Skulpturen des Brunnens und dem futuristischen, gläsernen Aufzugsturm des Einkaufszentrums hin- und herwandert. Da trifft ehrwürdige Vergangenheit auf die Shopping-Lust der Gegenwart – getrennt nur durch ein paar Meter Asphalt und dem unermüdlichen Strom der Taxis.
Venezianische Türsteher: Ein Gruß aus der Lagune
Ich gehe zu Fuß weiter auf die beiden Venezianischen Türme zu. Sie stehen dort wie zwei überdimensionierte Türsteher einer längst vergangenen Epoche – und auch hier begegnet mir wieder dieses wunderbare katalanische Talent für ein gekonntes Plagiat.
Man wollte sich für die Weltausstellung 1929 wohl ein bisschen internationaler präsentieren und hat sich kurzerhand beim Markusplatz in Venedig bedient. Angeblich hatte der Architekt Ramon Reventós eine ausgeprägte Schwäche für Italien. Die 47 Meter hohen Türme sind fast exakte Kopien des dortigen Glockenturms. Frei nach dem Motto: Warum mühsam etwas Eigenes erfinden, wenn das mit dem Original in Italien schon seit Jahrhunderten funktioniert? Barcelona wollte eben klotzen und nicht kleckern, auch wenn das Venedig-Flair hier mangels Kanälen eher „sehr” trocken serviert wird.
Früher hingen an den Türmen wohl noch Statuen und Balustraden, aber in den 70ern hat man den ganzen Zierrat beim Umbau einfach entsorgt. Übrig geblieben ist die nackte, venezianische Form – quasi die "Light-Variante" der Adria.
Das Beste an der Geschichte ist jedoch: Eigentlich sollten diese Türme nach der EXPO wieder abgerissen werden. Sie waren als reine Kulissenschieberei gedacht. Doch wie so oft mit Provisorien – sie überleben uns alle. Die Barcelonesen fanden ihre Raubkopien so charmant, dass die Türme stehen bleiben durften. Ein temporärer Fake, der zur Ikone wurde und heute aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken ist.
Zwischen ihnen hindurch führt der Weg nun direkt auf das Nationalmuseum zu – ein Korridor, der einen glauben lässt, man schreite auf etwas Großes zu, während man eigentlich nur zwischen zwei vergessenen Kulissen hindurch wandert.
MNAC: Ein Palast als Hochstapler mit Weltklasse-Aussicht
Ich lasse die venezianischen Kopien hinter mir und mache mich an den Aufstieg zum MNAC, dem Museu Nacional d’Art de Catalunya. Eigentlich ist es eines der wenigen Weltklasse-Museen, die den Weg zur Hochkultur mittels Rolltreppen abkürzen. Ausgerechnet heute streiken die Dinger: Die Treppen stehen still. Schöne Grüße an meine Kondition, die mich Stufe für Stufe daran erinnern, dass ich definitiv nicht als schwedischer Fjord-Rentner zur Welt gekommen bin.
Oben angekommen, steht er dann da, der Palau Nacional. Er thront so herrschaftlich über der Stadt, dass man unweigerlich glaubt, es handele sich um einen Königspalast. Aber wir kennen das Spiel ja schon: Es ist mal wieder eine Mogelpackung, ein Kostümfest aus Stein, erst zur Weltausstellung 1929 aus dem Boden gestampft.
Drinnen gibt es das ultimative katalanische Recycling: Das größte „Cut & Paste“ der Kunstgeschichte. Man hat die Wandmalereien alter spanischer Pyrenäen-Kirchen buchstäblich von den Wänden gekratzt und hier im Palast wieder aufgeklebt, damit der moderne Stadtmensch nicht mehr durch die Berge kraxeln muss.
Doch die wahre Entschädigung wartet draußen. Ich drehe mich um, und plötzlich verblasst der Treppen-Frust. Barcelona liegt mir zu Füßen. Der Blick gleitet über die Kaskaden – die mangels Wasser zurzeit eher wie steinerne Treppenwitze wirken – bis hin zum fernen Tibidabo.
Dort oben, am Horizont, thront der Sagrat Cor. Man sagt, er werde von einer riesigen Christusstatue überragt. Um ehrlich zu sein: Ich kann sie von hier nicht erkennen, muss ich aber auch nicht. Wer das Bild vom Original auf dem Corcovado in Rio im Kopf hat, weiß, wie sie dort oben auf dem Tibidabo aussieht. Ist halt eine Nachbildung. Solche Plagiate haben den unschlagbaren Vorteil, dass das eigene Gedächtnis das Bild davon längst in gestochen scharfer Auflösung liefert, bevor man das Fernglas überhaupt rausgeholt hat.
Magie auf dem Trockenen
Nachdem ich die Aussicht und meinen mühsam erkämpften Triumph über die defekte Technik ausgekostet habe, mache ich mich an den Abstieg.
Dabei schaut man unweigerlich auf die weitläufigen Becken und Wasserbassins, die sich oben vom MNAC bis hinunter zu den Venezianischen Türmen erstrecken. Nur, es fehlt das Wasser.
Man muss sich das einmal vorstellen: 1929 wurde hier eine monumentale Wasserachse in den Berg gebaut, die ihren Höhepunkt in der Font Magica findet, einem magischen Brunnen, dessen leuchtende Fontänen eigentlich im Takt der Musik tanzen sollten. Abends ein ganz besonderes Schauspiel.
Jetzt herrscht hier Stille. Die riesigen, leeren Betonbecken wirken wie die Hinterlassenschaften einer Zivilisation, die zwar prachtvolle Pools bauen konnte, aber im entscheidenden Moment vergessen hat, die Wasserrechnung zu bezahlen. Spass beiseite. Die bittere Wahrheit der extremen Trockenperioden der letzten Jahre findet hier ein beklemmendes Mahnmal.
Vom Treppen-Marathon zur Ehrenrunde
Unten an der Haltestelle warte ich auf meinen nächsten Turístic-Bus. Die Linie scheint hier oben aber ein eher entspanntes Verhältnis zur Pünktlichkeit zu haben, und ich stehe mir eine ganze Zeit lang die Beine in den Bauch. Schließlich rollt er an. Ich steige ein und bin gespannt, welche neuen Horizonte mir die Route nun eröffnet. Der Bus schiebt sich schwerfällig hinten herum den Berg hoch und hält nach einer kurzen Schleife... direkt auf dem Parkplatz des Nationalmuseums MANC. Endstation. Alle raus.
Keine Minute später stehe ich inmitten einer Horde völlig entspannter Touristen und ohne einen Tropfen Schweiß auf der Stirn wieder direkt vor dem Portal des Museums.
Bin ich eigentlich blöd oder so? Während ich die „Mauer aus Nullen und Einsen“ am Park Güell noch als digitale Barriere verflucht habe, bin ich hier schlicht an der analogen Logik eines Busplans gescheitert. Mein persönliches Update in Sachen „Effizientes Sightseeing“ braucht wohl noch ein paar Bugfixes. Aber immerhin: Der Ausblick ist erneut fantastisch, und ich mache noch ein kurzes Video und ein letztes Foto von der Sagrada Família, wie sie dort majestätisch über dem Stadtbild thront.
Ein Brandpfeil und ein Sendemast mit olympischer Seele
Danach begebe ich mich auf die Suche nach meiner „Touristic Line“. Es ist zwar derselbe Anbieter, aber ein anderer Hop-on/Hop-off-Bus – ein kleiner Rollentausch im Vorbeigehen. Es geht hinauf zum Olympic Ring. Hier, auf dem Montjuïc, schlug 1992 das Herz der Olympischen Sommerspiele.
Die Vertreter meiner Generation erinnern sich sicher noch an jenen magischen Moment, als ein Bogenschütze einen brennenden Pfeil in den dunklen Nachthimmel schoss und punktgenau die Schale am Rande des Estadi Olímpic entzündete. Ein archaisches Spektakel. Heute, im Zeitalter der totalen Digitalisierung, würde wahrscheinlich eine App den Funken zünden – vorausgesetzt natürlich, der Akku hält durch und die Zwei-Faktor-Authentisierung streikt nicht im entscheidenden Augenblick.
Eines der markantesten Wahrzeichen, das hier oben für die Spiele aus dem Boden gestampft wurde, ist der 136 Meter hohe Torre Calatrava. Eine Funkstation, die seinerzeit die Fernsehübertragungen der Spiele sicherstellte. Doch da wir uns in Barcelona befinden, stellte man dafür nicht einfach einen klobigen, ästhetikfreien Betonturm in die Landschaft. Nein, man engagierte einen Stararchitekten, der für seine besonderen skelettartigen, organischen Formen bekannt ist, und ließ ihn einfach mal machen.
Das Ergebnis? Ein Gebilde aus Stahl, dessen geschwungene Form einen etwas nach vorne gebeugten Athleten darstellt, der die olympische Fackel trägt. Und um das Ganze abzurunden, wurde der Sockel auch noch mit weißen Keramikscherben verkleidet – ganz in der von Gaudí perfektionierten Trencadís-Technik. So baut man in Barcelona einen Fernsehturm!
Der Bus verlässt das olympische Plateau und fährt in engen Kurven den Berg hinunter. Das Mittelmeer kommt langsam ins Bild und wir näheren uns dem alten Hafen der Stadt. In der Nähe des Kolumbus-Denkmal steige ich aus.
Ein Denkmal für den Heimkehrer
Da steht er also auf seinem 60 Meter hohen Monument a Colom, der gute Christoph, und zeigt mit ausgestrecktem Finger Richtung... ja, wohin eigentlich? Sicher nicht nach Indien, wo er hinwollte, und eigentlich auch nicht direkt nach Amerika, sondern eher irgendwo aufs offene Mittelmeer hinaus. Ich habe es ja immer gewusst:
Er wusste nicht, wo er war, er wusste nicht, wie er hinkam, aber am Ende war er der Star.
Ich frage mich, warum ausgerechnet er hier am Ende der Rambla am alten Hafen von Port Vell so prominent thront. Schließlich ist unser lieber Christoph ja nicht von Katalonien aus in die „Neue Welt“ aufgebrochen, sondern vom andalusischen Palos de la Frontera aus. Ich suche mir ein nettes Plätzchen am Wasser und recherchiere das schnell.
Die Antwort ist – wie könnte es anders sein – eine Weltausstellung. Diesmal die von 1888. Dabei griffen die Stadtväter zu einem geschickten PR-Schachzug: Kolumbus ging nach seiner ersten Reise im Jahr 1493 genau hier in Barcelona wieder an Land, um dem spanischen Königspaar im prunkvollen Saló del Tinell von seinen Funden zu berichten. Gold, Papageien und indigene Bewohner – das war damals die ultimative Story für das lokale „Social Media“.
Grund genug für die Stadtväter, das Heimkehrer-Image für Barcelona zu beanspruchen und ihn auf der Säule zum „Best Homecoming Ever“ zu stilisieren. Gute PR braucht eben ein entspanntes Verhältnis zur Geschichte.
Die Säule ist übrigens hohl. Es gibt einen winzigen Aufzug im Inneren, der einen hoch zu seinen Füßen bringt. Als ich in diesem Zusammenhang jedoch die Worte „eng“ und „Sardinendose“ lese, beende ich geflissentlich meine Recherchen.
Ich habe null Bedarf an physischer Nähe zu den Füßen historischen Größen.
Katamarane, nepalesische Brücken und abgestürzte Aromen
Ich schlendere am Hafen entlang. Hier buhlen moderne Katamarane mit Live-Musik und kühlen Drinks um die Gunst der zahlungswilligen Ausflügler, als wäre das Leben ein einziger endloser Aperol Spritz mit Chill-out-Beats. Beim Ausblick auf den Hafen finde ich das designlos betonierte World Trade Center zwar nicht gerade fotogen, aber das alte Hafenzollamt macht schon deutlich was her.
Als ich jedoch auf die Rambla del Mar abbiege, beginnt die polierte Seite Barcelonas ganz schnell zu bröckeln.
Vor mir liegt die Pont Mòbil, die hölzerne Drehbrücke zum Maremagnum. In ihrem aktuellen Zustand hat dieses „hölzerne Etwas“ den Charme einer abenteuerlichen Flussüberquerung in Nepal – nur ohne Gebetsfahnen, dafür aber mit Absperrgittern, deren Rost mittlerweile schon eine recht beachtliche Patina angesetzt hat. Es ist ein faszinierendes Provisorium: Ich schwanke über das Holz und wähle meine Schritte sehr bewusst zwischen den beschädigten Holzplanken.
Auf den Terrassen vor dem Centre Comercial bleibe ich kurz stehen, fasziniert von den Yachten, die in der gegenüberliegenden Werft gebaut werden, und gehe danach weiter zur Moll d’Espanya.
Wenn die Füllung schweigt
Zum sehr späten Mittagessen zieht es mich ins El Racó. In irgendeinem Reiseführer wurden die dortigen Croquetas als besonders empfehlenswert gepriesen.
Ich sichere mir einen Platz draußen, um das Treiben am Hafen zu beobachten, und bestelle unter anderem einen „1/2 Metro de Croquetas“ (8 unidades) mit verschiedenen Füllungen. Das Gericht, das mir als spezifisches Restaurant-Highlight empfohlen wurde, wird durchaus dekorativ auf einem langen Brett serviert. Geschmacklich entpuppt es sich allerdings leider als aromatische Arbeitsverweigerung. Die Füllungen sind so ununterscheidbar und gleichgültig, als hätten die Zutaten kurz vor dem Servieren einen kollektiven Schweigepakt geschlossen.
Ich versuche daraufhin, meine beleidigten Geschmacksknospen mit einigen Espressi und einem Nachtisch zu besänftigen, doch der erhoffte Erfolg stellt sich nur sehr mühsam ein.
Das unbestätigte Gerücht einer Rückkehr
Ich trete den Rückzug zu Fuß an und schlendere die gesamte Rambla hinauf bis zum Plaça de Catalunya. Hin und wieder versuchen ein paar Restaurant-Barker, mich in ihre Etablissements zu locken, doch nach meinen jüngsten Erfahrungen bin ich so resistent gegen Essenseinladungen wie selten zuvor.
Dabei passiert es: Ich laufe völlig abgelenkt glatt am Font de Canaletes vorbei. Dieser Brunnen ist aber auch derart unscheinbar, dass man ihn im Vorbeigehen fast für einen überdimensionierten, gusseisernen Papierkorb halten könnte, dem man zur Tarnung vier Wasserhähne verpasst hat. Dabei heißt es doch: Wer aus ihm trinkt, kehrt unweigerlich nach Barcelona zurück. Wie auch immer ich mein Versäumnis rechtfertigen will – meine Rückkehr muss vorerst ein unbestätigtes Gerücht bleiben. Mal abwarten, was das Schicksal noch so bringt.
Schließlich erreiche ich wieder den Plaça de Catalunya, wo mein Aufenthalt vor drei Tagen begann. Die Sonne ist zurück und taucht den Platz in ein versöhnliches Licht. Ich suche mir ein ruhiges Plätzchen und lasse die Kamera laufen. Hinter mir, am Portal de l'Àngel, geben Straßenmusiker lautstark ihr Bestes.
Ich komme mit einer jungen Spanierin ins Gespräch. Wir sind uns auf Englisch schnell einig, dass die Truppe dort hinten vielleicht noch ein paar Extrastunden im Proberaum verbringen sollte, bevor sie uns Zuhörer derart malträtiert. Es klingt schief, es ist laut – aber immerhin ist es live und verdammt authentisch. Und genau hier, im Chaos zwischen schrägen Tönen und strahlender Sonne, schließe ich mein Kapitel Barcelona.
Wo es angefangen hat, endet es auch: am Plaça de Catalunya.
Barcelona: Ein unfertiges Mosaik
Fazit
Knappe drei Tage Barcelona.
Es reicht hinten und vorne nicht. Wer glaubt, diese Stadt im Schnelldurchlauf zwischen zwei Busstopps und einer Portion fragwürdiger Kroketten begreifen zu können, scheitert genauso glorreich wie ich an der digitalen Mauer des Park Güell.
Würde ich wiederkommen? Ja, definitiv – und zwar auch ohne am Canaletes-Wasserhahn geschlürft zu haben. Ich vertraue da lieber auf meine eigene Neugier als auf die magische Wirkung ungefilterten Leitungswassers. Den Park Güell würde ich natürlich nachholen, dann selbstverständlich mit einem Reservierungs-Slot.
Es gibt noch so viel auf der Liste: Die anderen Stadtteile abseits der Touristenströme, die Seilbahn zum Montjuïc, der Tibidabo bei Sonnenuntergang und überhaupt – das nächtliche Barcelona. Aber ich stelle eine Bedingung für unser Wiedersehen: Der Wassermangel muss behoben sein. Ich möchte die Font Màgica nicht als trockenes Betonbecken sehen, sondern in voller Pracht. Die tanzenden Fontänen im Dunkeln, Licht und Musik – das stelle ich mir großartig vor.
Barcelona ist eine tolle Stadt, ein lebendiger Widerspruch aus neugotischem Facelifting und modernem Chaos. Das Wiederkommen lohnt sich auf jeden Fall – allein schon, um zu sehen, ob die Straßenmusiker am Portal de l'Àngel mittlerweile den richtigen Ton getroffen haben.