Von Kutaissi bis Sadakhlo an der Grenze zu Armenien
Georgien
Georgien in sechs Akten
Vom elastischen Reisen, kaukasischer Wetter-Anarchie und der Kunst, das Fahrtenbuch zu verbrennen
Ich mache es jetzt mal kompliziert.
Gibt man einer Webseite den ambitionierten Namen „Georgien“, dann darf der geneigte Leser daheim ja wohl eines völlig zu Recht erwarten: Eine lückenlose, chronologisch einwandfreie Dokumentation der Reise von A bis Z. Und nicht einen Bericht, der völlig ungeniert einfach mal mitten im Landesinneren – genauer gesagt in Kutaissi – einsteigt.
Wer aber meine vorangegangenen Berichte vom Schwarzen Meer aufmerksam gelesen hat, wird scharfsinnig kombinieren, warum das so ist. Wer nicht, dem sei eine nachträgliche Lese-Session ans Herz gelegt – die Argonauten werden es ihm danken.
Ich beginne meine Erkundungen auf georgischem Asphalt also maximal elastisch und volatil. Anders ausgedrückt: Ich bin die Sache mit einer gehörigen Portion Unbedarftheit angegangen. Das unberechenbare Wetter im Hochgebirge hat meine an sich so herrlich einfache, am Küchentisch entworfene Rundreise nämlich schon an der Grenze in Schutt und Asche gelegt. Die Konsequenz? Ein wochenlanges, fröhliches Hin- und Hergefahre quer durch die Geografie, nur um dann doch noch all die Ziele, die ich mir zu Hause so naiv ausgesucht hatte, irgendwie vor die Linse zu bekommen.
Die zentrale Autobahn zwischen Kutaissi und Tiflis bin ich auf diese Art und Weise gleich dreimal abgefahren. Der hiesige Asphalt ist mir inzwischen fast so vertraut wie die A4 zwischen Aachen und Köln. Aber wer kennt ihn nicht, diesen einen verhängnisvollen Satz, der jeden autarken Reisenden unweigerlich reitet: „Wenn ich jetzt schon mal hier bin, dann…“ Ja, und genau dieses „Dann“ führt am Ende dazu, dass ich diese digitale Aufarbeitung meiner Reise auch direkt unter den Titel hätte stellen können: Wie man sich in Georgien innerhalb kürzester Zeit absolut professionell verzettelt.
Nun ist Georgien – Gott sei Dank – flächenmäßig kaum größer als Bayern. Es wäre aber ein fataler Fehler zu glauben, man könne das Land deshalb mal eben im Vorbeigehen abfrühstücken. Was sich hier auf engstem Raum an landschaftlicher Vielfalt und kulturellen Kontrasten versammelt, verlangt dem Reisenden einiges ab. Da wird die vermeintlich entspannte Landpartie ganz schnell mal zur handfesten fahrerischen und organisatorischen Herausforderung.
Um jetzt auf den kommenden Seiten bei meiner Reise von Ort zu Ort nicht im chronologischen Pflichtbewusstsein eines humorbefreiten deutschen Fahrtenbuchs zu versinken, habe ich versucht, diese Vielfalt erzählerisch etwas zu bändigen. Ich habe meine Tour im Cockpit von »Mr.Nero« kurzerhand in sechs regional unterschiedliche Etappen zusammengefasst. Das ist vielleicht nicht zu hundert Prozent lupenrein chronologisch, dafür erscheint es mir aber deutlich unterhaltsamer.
Etappe 1
Alte Chroniken, sakraler Überfluß, Denkmal-Gigantismus und einfach nur ein bisschen Geschichte
Etappe 2
Das große Geo-Rodeo oder: Wo die Steppe den Atem anhält
Etappe 3
Kachetien. Auf der Suche nach der Wiege des Weins
Etappe 4
Wehrhafte Klöster und mörderische Steigungen
Etappe 5
Marco Polo hätte ein Selfie gemacht
Etappe 6
Swanetien. Hochgebirge at its best und der Endgegner für das Fahrwerk